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Autor: Stephan Hille
Freitag, 16. September 2016

Eine 70jährige Dame, die sich in fünf Wochen das Leben nehmen will, stellt man sich anders vor. Flink, vergnügt und beinahe etwas aufgekratzt nimmt sie die Stufen zur Wohnung im vierten Stock. «Ich muss jetzt erst mal aus meinen hochhackigen Schuhen raus», sagt Edith Stäheli beschwingt im Treppenhaus. Eine kleine, quirlige, elegante Frau. Man würde sie deutlich jünger schätzen. Edith Stäheli wirkt keineswegs lebensmüde, und sie ist es auch gar nicht. Aber sie hat sich entschieden. Ihr Mann, Peter Stäheli, ebenfalls 70, steigt hinter ihr ernst und steif die Treppen hinauf. Seinen Morbus Parkinson, den Grund für den geplanten gemeinsamen Freitod, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Er steht etwas wackelig auf den Beinen. Es ist der 7. März 2015. Unser erstes Treffen. Stähelis haben sich um wenige Minuten verspätet. Sie waren mit Freunden zum Mittagessen verabredet. Die Freunde haben sie nach Hause gebracht. Nach Pratteln, einem Vorort von Basel.

Von jetzt an gerechnet, ab dem 7. März, wollen Edith und Peter Stäheli noch fünf Wochen leben. Höchstens. Den genauen Termin weiss das Ehepaar noch nicht. «Es muss einfach vor dem 15. April passieren», sagt Edith Stäheli. Dann würde sie 71 Jahre alt werden. Die Vorstellung, an diesem Tag Gratulationen und Geburtstagswünsche entgegennehmen zu müssen und doch kurz darauf aus dem Leben zu treten, ist für sie wie für ihren Mann unerträglich. Die Entscheidung steht. Irgendwann zwischen dem 5. April, Ostersonntag, und dem 15. April. «Wir gehen sicher nicht am Osterwochenende. Wir möchten nicht, dass unser Sohn sein Leben lang Ostern mit dem Tod seiner Eltern verbindet», sagt Edith Stäheli. Für ihn, Patrick Stäheli, 37, den einzigen Sohn, wollen die Eltern es so erträglich wie möglich machen. «Das ist für uns der wunde Punkt», sagt die Mutter. Sie ist kerngesund. Der Sohn ist mein guter Freund. Eltern und Sohn heissen in Wahrheit anders.

* * *

Vor gut zehn Jahren fängt der Parkinson langsam an, sich in Peter Stäheli auszubreiten. Dank Medikamenten kann Stäheli den Verlauf verlangsamen; lange Jahre spürt der ehemalige Banker keine grösseren Einschränkungen. Dann, im Sommer vor zwei Jahren ein grosser Schub. Auslöser ist ein psychisches Trauma: der Konkurs eines kleinen Hightech-Unternehmens. Peter Stäheli ist dort Verwaltungsratspräsident. Die Firmenpleite ist sein persönlicher Scherbenhaufen. Und neue Nahrung für den Parkinson in seinem Körper. «Ich hatte plötzlich Verkrampfungen im ganzen Körper. Vom Genick an, über Schultern, Kreuz, Beine, bis in die Zehenspitzen.» Zur Illustration fährt der 70jährige mit den Händen den ganzen Körper entlang. «Diese Krämpfe sind unerträglich.» Nur starke Schmerztabletten helfen noch. «Die Krankheit schweisst uns noch mehr zusammen», sagt Edith Stäheli. «Der körperliche Verfall meines Mannes wurde immer schlimmer. Wir mussten die Dosis der Medikamente von Woche zu Woche erhöhen.» Die Krankheit bestimmt mehr und mehr das Leben der Stähelis. Jeden Tag die Frage: Was geht noch, was geht nicht mehr?

Stäheli merkt jetzt, im Frühjahr 2015, dass er beim Autofahren den Schulterblick nicht mehr schafft. Er muss aufpassen, dass er im Fuss, der das Gaspedal bedient, keinen Krampf kriegt. Er fährt nur noch kurze Strecken, zum Bäcker zum Beispiel. «Aber eigentlich sollte ich besser gar nicht mehr fahren.» Doch damit würde er seinen Bewegungsradius extrem einschränken. «Nach einem halben Kilometer zu Fuss ist Schluss. Dann verkrampft sich alles.»

Peter Stähelis grösste Einbusse an Lebensqualität: Er kann nicht mehr Golf spielen. Die grosse Leidenschaft des Ehepaars. Damit fällt für die Stähelis nicht nur ein Hobby weg, sondern auch ein ganzer Freundeskreis, der sich regelmässig auf dem Golfplatz trifft. Auch unmöglich: die Gartenarbeit und Pflege der mannshohen Buchsbäume, Wacholdersträucher und Lebensbäume auf der riesigen Dachterrasse. Als Unternehmer ordnet Peter Stäheli das Leben in Plus und Minus. Seine Bilanz ist düster: «Wenn man dazu verurteilt ist, nur noch im Sessel zu sitzen, Zeitung zu lesen, und einem auch das noch Mühe bereitet, dann ist das kein Leben mehr, wie man es früher genossen hat.» Aufhalten lässt sich die Krankheit nun nicht mehr. Mit der Zeit würde er unweigerlich einen Rollator, später einen Rollstuhl brauchen. Irgendwann schliesslich bliebe nur das Bett. All das will Peter Stäheli auf gar keinen Fall. Schon aus Rücksicht auf seine Frau. Was Peter Stäheli plant, heisst in der Fachsprache Bilanzsuizid. Ein Weiterleben hat für ihn keinen Wert. Und ohne ihn habe auch ihr Leben keinen Wert mehr. Sagt die Frau. «Ich würde es nicht ertragen, heimzukommen und allein zu sein.» Und: «Ich weiss, es ist ein zutiefst egoistischer Gedanke, aber er ist von Liebe getragen.»

In unserem Gespräch fällt immer wieder das Wort «Selbstbestimmung». Das Vorhaben der Eltern wird für ihren einzigen Sohn zur grössten Prüfung seines Lebens. Von jetzt an, ab dem 7. März 2015, bleiben ihm und seinen Eltern nur noch knapp fünf Wochen. Den elterlichen Plan trägt der 37jährige nun bereits ein halbes Jahr mit sich. Eine Last, die ihn schier erdrückt. Der Wunsch von Edith und Peter Stäheli, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, reift im Herbst 2014 zu einem klaren und definitiven Entschluss. Der Sohn hat die gesundheitliche Verschlechterung bei seinem Vater mitbekommen. Von Zürich aus ist es nur eine Stunde bis zu seinem Elternhaus. Er ist häufig zu Besuch. Vor ein paar Wochen ist er mit seiner Freundin und dem zweijährigen Sohn von Zürich nach Köln gezogen. Er arbeitet dort bei einer TV-Produktionsfirma. Ihre Entscheidung wollten Peter und Edith Stäheli ihrem Sohn im Herbst vor zwei Jahren möglichst schonend beibringen. Nur, wie sollen ein nicht sterbenskranker Vater und die kerngesunde Mutter dem einzigen Sohn verständlich machen, dass sie sich in einem halben Jahr umbringen werden? «Für Patrick hat sich das Glas mit Informationen immer mehr gefüllt», sagt Peter Stäheli. Die Eltern deuten immer wieder an, die Wohnung verkaufen zu wollen. Vor neununddreissig Jahren haben sie die Dachgeschosswohnung gekauft. Zwei Jahre später, 1977, kommt Patrick auf die Welt. Er wächst in dieser Wohnung auf. Wenn er zu Besuch ist, schläft er in seinem früheren Kinderzimmer. Nebenan steht ein Kinderbett für den zweijährigen Enkel Simon. Die Grosseltern lieben ihn heiss und innig; sie würden ihn viel lieber öfter sehen.

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An einem Abend im Oktober 2014 kommt das Gespräch mit dem Sohn in der elterlichen Wohnung wieder einmal auf die Krankheit des Vaters. «Ich werde schon sehr bald die Dinge, die ich mag, nicht mehr tun können», sagt Peter Stäheli an diesem Abend. Irgendwann werde er die Treppe in den vierten Stock nicht mehr schaffen. Einen Lift gibt es nicht. Der Vater sagt: «Wir werden die Wohnung verkaufen.» Pause. Die Mutter fügt hinzu: «Und wir suchen keine neue mehr.» Patrick versteht nicht recht. «Wie, ihr sucht keine neue Wohnung? Wie meint ihr das?» Dann fallen zwei entscheidende Sätze: «Papi hat sich entschlossen, seiner Krankheit ein Ende zu setzen.» Schweigen. Die Mutter fügt an: «Und ich werde mit ihm gehen.» Der Sohn bricht zusammen. Er betrinkt sich an diesem Abend fürchterlich. «Kanonenvoll war er», erinnert sich die Mutter. Ihr Mann liegt für den Rest des Abends mit Krämpfen auf dem Sofa, während sie versucht, den Sohn zu beruhigen.

Für den 37jährigen ist dieser Abend im Oktober 2014 der Beginn eines monatelangen Wechselbads der Gefühle: Erst Schock und Sprachlosigkeit. Dann Wut und grosse Traurigkeit. Emotionaler Ausnahmezustand. Wut darüber, dass seine Eltern nach siebenunddreissig gemeinsamen Jahren einfach so einen Schlussstrich ziehen werden. Sich aus seinem Leben verabschieden. Noch lange versucht er, seinen Eltern Alternativen aufzuzeigen: «Wolltet ihr nicht noch die Pinguine auf Feuerland sehen? Warum macht ihr nicht lange Reisen? Warum nicht in eine Parterrewohnung umziehen und gute Bücher im Sessel lesen?» Der Vater antwortet: «Ich habe nie in meinem Leben im Sessel Bücher gelesen. Warum sollte ich jetzt damit anfangen?» Weite Reisen im Flugzeug sind für Peter Stäheli inzwischen ohnehin unmöglich. Er kann nicht mehr lange sitzen.

Patrick Stäheli wird in den Wochen und Monaten darauf klar, dass er in seinem verzweifelten Ringen um das Leben der Eltern keine Chance hat. Und dennoch: Wie soll sich ein Sohn damit abfinden, dass die gesunde Mutter mit dem kranken Vater gemeinsam aus dem Leben treten will? «Bitte, Papa, lass mir die Mami da», fleht der Sohn einmal. Krämpfe durchzucken den Vater. Die Mutter sagt in diesem Augenblick nichts. Momente eines familiären Albtraums.

Haben die Eltern ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrem Sohn? «Ich kann das nicht eindeutig mit Ja beantworten», sagt die Mutter. Patrick habe jetzt ja seine eigene Familie, in Köln. Und die müsse so stark sein, dass die eigenen Eltern nicht mehr eine so wichtige Rolle spielten. «So, wie Eltern ihre Kinder ziehen lassen, müssen Kinder auch ihre Eltern ziehen lassen», sagt der Vater. Und wenn der Sohn die Entscheidung der Eltern nicht akzeptieren würde? «Ich würde es dennoch tun», sagt die Mutter. «Ich würde an seinen Verstand appellieren», sagt der Vater.

Aber geht das? Kann man als Sohn den Verstand bewahren, wenn die Eltern ihren eigenen Selbstmord ankündigen? Wirklich fassen kann Patrick Stäheli das alles nicht. Nur ahnen. «Es ist eine schreckliche Vorstellung, bald nicht mehr den Rückhalt der Eltern zu haben», sagt Patrick. «Ich werde meinen Fels in der Brandung verlieren.» Und er kann nichts dagegen ausrichten. «Natürlich ist die Entscheidung meiner Eltern egoistisch, aber ihr Egoismus ist ihre Brücke zu Freiheit und Selbstbestimmung.» Er fügt sich. Aber hätte er überhaupt eine Wahl? Könnte er den Suizid verhindern? Und würde er sich und den Eltern, die ihr Ableben so akribisch planen, einen Gefallen tun? Wäre es für ihn besser, die Eltern würden sich eines Tages unangekündigt das Leben nehmen? «Nein», sagt er. «So haben wir die Chance, diesen Weg sehr bewusst und positiv zu Ende zu gehen.»

Jetzt, wenige Wochen vor diesem fürchterlichen Stichtag, versucht er, nicht in lähmende Trauer zu fallen. Aus Vernunft. «Lieber will ich den Sonnenuntergang geniessen, als darüber zu trauern, dass die Sonne bald untergeht.» Und doch gelingt ihm das häufig nicht. «Ich weine oft im stillen. Aus heiterem Himmel. Im Auto oder zu Hause, in Köln.» Auslöser ist meist eine Erinnerung, ein Foto, ein Gedanke, ein Bild im Kopf. Zum Beispiel der Gedanke, dass er nie mehr den Duft von Weihnachtsgebäck in der elterlichen Wohnung riechen wird. Und, Patrick Stäheli hat grosse Angst. Vor diesem Tag, an dem seine Eltern gestorben sein werden.

Maximal vier Wochenenden sind es noch bis zu diesem Tag. So will es das von den Eltern gesetzte Zeitfenster. Die Wohnung ist bereits verkauft. Zum 1. Juli. Damit der Sohn in Ruhe räumen kann. Auch das Meissener Porzellan und das erste von zwei Autos sind verkauft. «Es ist, wie wenn man in eine Alterswohnung ziehen würde und sich vorher von vielen Dingen verabschieden müsste», sagt der Vater. «Bevor wir gehen, versuchen wir, uns von so viel Ballast wie möglich zu trennen.» Noch bleibt viel zu tun: das zweite Auto, den BMW, verkaufen, Papiere ordnen, Versicherungsdokumente sichten. Die Steuererklärung für das vergangene Jahr noch einreichen, damit sein Sohn nicht noch nachzahlen muss. Und: Die Eltern möchten ihre eigene Abdankung planen, bis ins letzte Detail und gemeinsam mit ihrem Sohn.

* * *

14. März 2015. Es ist der viertletzte Samstag im Leben der Stähelis. Der Sohn ist aus Köln angereist. Anwesend ist auch Beat Trachsler, 74. Der pensionierte Dozent für Kunst- und Kulturgeschichte in Basel hält gelegentlich Abdankungen. Ihn haben die Stähelis über gemeinsame Freunde gefunden. Denn eine kirchliche Trauerfeier kommt für sie nicht in Frage, obwohl sie gläubig sind. «Wir wollen den Pfarrer nicht in einen Clinch bringen», sagt Peter Stäheli, «die Kirche ist gegen Selbstmord, und ein Pfarrer kann nichts anderes predigen.» Die Eltern möchten nicht, dass an der Trauerfeier gesungen oder gebetet wird. Keine kirchlichen Rituale. Wieder fällt das Wort «selbstbestimmt». Daher also nun Beat Trachsler. Vor zwei Wochen hat er zugesagt.

Heute treffen sie sich, um Trauerfeier und Trauerrede zu besprechen. Der Sohn sieht den grau melierten, freundlichen 74jährigen das erste Mal. «Es ist absurd: Wir reden hier über die Farbe der Blumen, und meine Eltern sitzen neben mir.» Trachsler, ein Fremder für den Sohn, fragt ihn, wie er bisher seine Eltern erlebt habe. Die Eltern schauen Patrick an. Dem Sohn wird es schon wieder viel zu viel. Er protestiert: «Als ob es hier um eine Festrede zum 60. Geburtstag geht.» Der Vater versucht zu vermitteln: «Aber Patrick, Herr Trachsler muss doch wissen, wie wir waren.» Der Sohn versucht, sich zusammenzureissen, geht auf die Dachterrasse und zündet sich eine Zigarette an. Hofft, dass das Gespräch bald vorbei ist. Beat Trachsler macht sich Notizen. Zu Edith Stäheli: «Eine quirlige Frau, die gern lacht und gern erzählt.» – «Ein Feuerwerk», wirft ihr Mann noch ein. «Und er war immer mein Rettungsschwimmer, mein Rettungsring», sagt Edith Stäheli über ihren Mann Peter. «Bodenständig», notiert sich Trachsler zu Peter Stäheli.

Die Eltern möchten, dass ihre Asche nach der Trauerfeier in Basel in den Rhein gestreut wird. Von einem der Fährboote, im kleinsten Kreis. Zusammen mit einfachen, weissen Blumenblättern. Wie einen Film haben sie ihren Tod und ihre Trauerfeier im Kopf. «Es soll keine traurige Abdankung werden», sagt Edith Stäheli. Ein Grab wollen die Eltern nicht. «Wir möchten keinen Ort, an dem sich Freunde und Verwandte an uns erinnern», sagt Peter Stäheli. «Es wird uns einfach nicht mehr geben.» Beat Trachsler verabschiedet sich. Der Sohn hat sich wieder etwas gefasst. «Ich bin ihm sehr dankbar, dass er uns keine Vorwürfe mehr macht», sagt die Mutter, ohne dass Patrick es hören kann. «Aber ich wäre auch enttäuscht gewesen, wenn von ihm keine Vorwürfe gekommen wären.»

Die Eltern freuen sich auf das nächste Wochenende. Dann wird Patrick mit seinem Sohn nach Pratteln kommen. Es wird das letzte Treffen der Eltern mit ihrem zweijährigen Enkel Simon werden. Patricks Freundin, Karin, wird nicht mitkommen. Karin, Pfarrerstochter, kann mit der ganzen Situation nicht umgehen. Sie will den Plan der Stähelis weder verstehen noch akzeptieren. Wären es ihre eigenen Eltern, sie hätte sofort den Kontakt abgebrochen, hat sie gesagt. Für Patrick ist damit alles noch viel schwerer. Eine wichtige Stütze fehlt. Er fühlt sich noch mehr allein.

Am liebsten würden Edith und Peter Stäheli über die Sterbehilfeorganisation Exit in den Freitod gehen. Seit mehr als dreissig Jahren sind sie Mitglied bei Exit. Bereits im Herbst vor zwei Jahren hat sich Edith Stäheli mit einer Sterbebegleiterin der Organisation getroffen und dabei erfahren, dass Exit mit grosser Wahrscheinlichkeit ihrem Mann zum Freitod verhelfen würde, nicht aber ihr, schliesslich ist Edith Stäheli kerngesund. «Über Exit zu gehen wäre einfach die sauberste Art gewesen», sagt sie. «Aber jetzt haben wir uns anders organisiert.» Morphium und Insulin scheiden aus. Ebenso die Baretta, die seit zwanzig Jahren im Safe liegt. Bleiben nur Schmerzmittel und das krampflösende Medikament, das Peter Stäheli ohnehin gegen seinen Parkinson nimmt. Über die Monate legt er jeden Tag ein paar Tabletten beiseite. «Ohne Wissen meiner behandelnden Ärzte», betont er. Er möchte niemanden in Gefahr bringen. Die tödliche Dosis hat Stäheli inzwischen angespart. Drei Monate hat er dafür gebraucht. Dafür muss er den bestehenden Vorrat rationieren, allenfalls sogar Schmerzen aushalten, um den tödlichen Plan nicht zu gefährden.

«Es stört mich, dass das nicht legal geht. Es müsste doch einen Weg geben, dass man nicht zu solchen Tricks greifen muss», sagt Edith Stäheli. Den Ablauf des Tags ihres Freitodes hat sie ganz klar vor Augen. «Ich werde es so machen: ein Zäpfchen und eine Tablette gegen Erbrechen einnehmen. Dann Schlaftabletten und dann eine mehrfache Überdosis der Schmerztabletten, die mein Mann gegen seinen Parkinson nimmt, das ist absolut tödlich.» Wie hoch die Dosis sein muss, haben Stähelis selbst berechnet; wie, das bleibt ihr Geheimnis.

«Ich will sterben», sagt Edith unter Tränen. «Es ist das grösste Geschenk meines Mannes, dass er warten wird, bis ich gestorben bin. Erst dann wird mein Mann hinterherkommen. Das ist unser gegenseitiges Versprechen.» Ihr Mann nickt. «Natürlich werde ich mich strafbar machen, wegen Beihilfe zum Selbstmord. Nur, es wird keine Rolle spielen, denn mich als straffällige Person wird es nicht mehr geben.» Angst davor, dass ihr Vorhaben scheitern könnte, haben sie nicht. Spätestens eine Dreiviertelstunde nach Einnahme der Schmerzmittel sollte der Herzstillstand eintreten. So der Plan. Und als allerletzte Möglichkeit ist da noch der Müllsack, den Stäheli seiner schlafenden Frau über den Kopf ziehen wird, sollte ihr Tod nicht wie berechnet eintreten. So haben es die beiden besprochen. Erst wenn Peter Stäheli bei seiner Frau keinen Puls mehr finden kann, wird auch er die Tabletten schlucken und sich mit einer Tüte über dem Kopf zu seiner Frau ins Bett legen. All diese Details erzählen sie, während der Sohn draussen ist. Er will das nicht hören. Er soll es auch nicht hören, sagen die Eltern. Ihnen aber scheint es gut zu tun, mir, einem für sie Aussenstehenden, alles zu erzählen. Sie tun dies mit einer beinah verstörenden Abgeklärtheit.

Sehr wenige enge Freunde sind in den Plan der Stähelis eingeweiht. Widerspruch gibt es kaum. Eher Respekt. Nur eine Freundin hat versucht, Edith Stäheli von ihrem geplanten Freitod abzubringen. Vergeblich. «Es ist doch mein freier Wille. Und für mich wird es einfacher, weil mein Mann wartet, bis ich gegangen bin», sagt Edith Stäheli unter Tränen. Peter Stäheli hat erst gar nicht versucht, seine Frau zum Weiterleben zu überreden. «Ich kenne meine Frau lang genug, und ich weiss, was sie denkt.» Und, nein. Hörig sei ihm seine Frau ganz sicher nicht. Und, ja. Selbstverständlich hätte sie weiterleben können. Ohne ihn. Aber Edith Stäheli hat das von Anfang an ausgeschlossen. «Wir sind seit neunundvierzig Jahren ein Paar, und jetzt machen wir unser Leben fertig», sagt sie. Wieder Tränen. «Für mich stimmt alles.»

Weitere Besuche von mir wünschen Stähelis nicht mehr. Ihre Uhr läuft ab. Sie möchten sich jetzt ganz auf das letzte Treffen mit ihrem Enkel konzentrieren. Aber wir werden noch telefonieren. Der Abschied, beklemmend. Das nächste Mal werde ich sie tot in der Wohnung vorfinden. Ich werde ihren Sohn begleiten. So haben wir es verabredet.

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Freitag, 20. März 2015. Basel. Zwei Wochen vor Ostern. Voller Freude erwarten die Stähelis ihren Sohn und ihren Enkel am Bahnhof. Der zweijährige Simon springt in die Arme seiner Grosseltern. Er liebt sie innig. Die Grossmutter heisst für ihn Nani, der Grossvater Gro. Für den Enkel soll es ein ganz normales Wochenende werden, bei Nani und Gro. Möglichst keine Abschiedsstimmung.

Die Grosseltern haben ein kleines buntes Stoffzelt gekauft. «Wir haben das ganze Wochenende darin gespielt», erzählt Edith Stäheli später am Telefon. Sehr anhänglich sei der Enkel gewesen. Nur von der Nani habe er sich wickeln lassen. «Irgendetwas muss er doch gespürt haben, vielleicht habe ich ihn auch intensiver umarmt als sonst», sagt sie. Immer wieder sei er zu ihr gekommen, habe ihr ins Ohr geflüstert: «Ich hab dich lieb.»

Zoobesuch am Samstag. Sohn Patrick hält einige Momente mit dem Handy fest: Enkel und Nani Hand in Hand vor den Flamingos. Enkel auf Nanis Arm bei der Seehundfütterung. Bei dem Gedanken, dass er dieses Bild zum letzten Mal macht, wird ihm schwer ums Herz. Die Frage nach dem Warum schiesst ihm durch den Kopf. «Warum macht meine Mutter das? Warum sagt sie jetzt nicht, dass sie solche Momente noch öfter erleben will?» Er fragt die Mutter das nicht mehr. Jetzt nicht mehr. Und schon gar nicht in Anwesenheit seines eigenen Sohnes. Aber er hofft, dass es sich zumindest die Mutter im letzten Augenblick noch einmal anders überlegt.

Nein, auch der letzte Besuch ihres Enkels Simon habe ihren Entscheid nicht in Frage gestellt, sagt Edith Stäheli später am Telefon. Sie sehe den Enkel ja ohnehin nicht oft. Vor Wochen schon hatte der Sohn die Mutter gefragt, ob sie denn nicht den Enkel Velo fahren sehen möchte. «Weisst du, Patrick, ich werde doch gar nicht erleben, wie er Velo fahren lernt», lautete ihre Antwort. Durch den Umzug ihres Sohnes aus der Schweiz nach Köln sei die Verbindung gekappt, sagen beide Eltern. Ihre Perspektive klingt brutal. Als Grosseltern fühlen sie sich überflüssig. Es ist nicht als Vorwurf gegenüber dem Sohn gemeint. Das Wochenende mit Sohn und Enkel hat Peter Stäheli sehr aufgewühlt. Nachts krümmt er sich vor Krämpfen im Bett. Als sich am Sonntagabend hinter Sohn und Enkel die Zugtür schliesst, stehen den Stähelis auf dem Bahnsteig die Tränen in den Augen. Winken, bis der abfahrende Zug nur noch ein kleiner Punkt ist.

Erstmals manifestiert sich das Gefühl der Finalität. Dieses «Nie mehr». Der unwiederbringliche Moment, den Enkel in den Armen zu halten: «Wir haben ein Stück von uns verloren, nein, preisgegeben», sagt Peter Stäheli am Telefon. Die Eltern versuchen, sich mit dem Gedanken zu trösten, den Sohn am nächsten Wochenende wiederzusehen. Am Wochenende vor Ostern. Dann zum letzten Mal. Auf der Zugfahrt nach Köln erreicht Patrick eine Whatsapp-Nachricht der Mutter: «Wir sind traurig. Vermissen euch.» Patrick ist völlig ausgelaugt. Seit Wochen kommt er nicht zur Ruhe. Gewissensbisse und ein Gefühl der Ohnmacht plagen ihn. Macht er alles richtig? Müsste er sich nicht doch stärker gegen die Entscheidung der Mutter stemmen? Könnte er den Freitod vielleicht doch verhindern? Das Ruder irgendwie noch herumreissen? Am Ende ist der Sohn mit diesen Fragen auf sich allein gestellt. Albträume plagen ihn. Er reibt sich auf. «Und doch komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass es meine Aufgabe ist, die Entscheidung der Eltern zu respektieren», sagt Patrick. Im Streit zu scheiden wäre das Schlimmste, was jetzt passieren könnte.

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Eine Woche später. Samstag, 28. März 2015. Das letzte Wochenende vor Ostern. Und das letzte Treffen von Eltern und Sohn in Pratteln. Es steht ein gemeinsamer Termin beim Anwalt an. Der Vater würde noch gern in den Gelben Seiten nach einem Bestatter suchen. Da platzt Patrick der Kragen: «Ich werde nicht eure Bestattung organisieren, solange ihr am Leben seid.» Dann eine kleine Überraschung: Karin, die Freundin von Patrick, möchte seine Eltern nun doch noch einmal sehen, sich verabschieden. Die Eltern und Patrick freuen sich. Aber es bringt den Zeitplan durcheinander. Sie verschieben den endgültigen Abschied um eine Woche auf Ostersamstag. Eine Woche später. Ostersamstag, 4. April 2015. Für ein Mittagessen reisen Patrick, Karin und Sohn Simon von Köln in die Schweiz. Mit dem Auto, um noch ein paar Sachen mitzunehmen. Viele Tränen. «Ich habe meinen Vater noch nie so weinen sehen», erzählt Patrick später am Telefon. «Ja, das ging ans Herz», sagt auch Peter Stäheli. Er habe sich ins Bett legen müssen, erzählt er. Krämpfe. Alle, der Sohn, die Freundin, seine Frau hätten sich dazugelegt. Ein letzter intensiver Moment des Familienzusammenhalts. Nach vier Stunden wieder Abreise. Tränen. Umarmungen. Plötzlich ist er da, der definitive Abschied. Abfahrt. «Es war ein schreckliches Gefühl, die Eltern ein letztes Mal zu sehen», sagt Patrick. «Aber es war ein harmonischer Abschluss für alle. Es hätte nicht besser laufen können.» Bevor Sohn Simon auf dem Rückweg nach Köln im Auto einschläft, will er wissen, warum die Eltern weinen. – «Weil wir traurig sind.»

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Ostermontag, 6. April 2015, ein Anruf von Peter Stäheli. «Herr Hille, wir haben jetzt den Termin festgelegt: Am Donnerstag, den 9. April, werden wir verreisen.» So umschreibt Peter Stäheli den Stichtag, an dem seine Frau und er den lang geplanten Selbstmord in die Tat umsetzen wollen. Neben Stähelis weiss nun nur ich das Datum. Eine Absprache zwischen den Eltern, dem Sohn und mir. Patrick will und soll den genauen Tag nicht im Vorfeld erfahren. Er muss sich schützen. Auch, um nicht in Zwiespalt zu geraten und vielleicht doch noch in letzter Minute das Vorhaben der Eltern zu verhindern. Aber er weiss, dass es ab jetzt jeden Tag passieren kann. Wenn ich am Freitag früh, 10. April, Stähelis telefonisch nicht mehr erreiche, werden sich Patrick und ich auf den Weg nach Pratteln machen. Entgegen der wichtigsten journalistischen Grundregel bin ich längst Teil dieser Geschichte geworden.

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Freitag früh, 10. April 2015. Eine SMS von Patrick: «Ich habe das Gefühl, es ist passiert.» In Pratteln gehen Stähelis nicht mehr ans Telefon. Kurzes Telefonat nach Köln. Patrick verspricht, sich auf den Weg zu machen, aber erst am Nachmittag. Er muss noch arbeiten. Warum nur kann er nicht alles stehen und liegen lassen? Wegen eines Feuerwehreinsatzes geht am Kölner Hauptbahnhof stundenlang nichts mehr. Per SMS kündigt Patrick seine Ankunft für 22 Uhr an. «Ich habe Angst vor dem, was kommt», schreibt er. 22 Uhr 30. Wir stehen vor dem Haus in Pratteln. Hinter den dichten Bäumen auf der Dachterrasse brennt Licht. Die Wohnung im vierten Stock scheint hell erleuchtet. Wir wissen: Dort oben liegen zwei Leichen. Erst einmal rauchen. Gedanken sammeln. Wir drücken uns vor dem Anruf bei der Polizei. Schliesslich wählt Patrick den Notruf. Knapp sechs Minuten dauert das Gespräch. Personendaten durchgeben, die Krankheit des Vaters erklären. Begründen, warum er, obwohl im Besitz eines Schlüssels, nicht ohne Polizei in die Wohnung möchte.

Endlich, eine Polizeistreife fährt vor. Ein junger Polizist und eine junge Polizistin. Erneut erklärt der Sohn, dass er Angst habe, die Wohnung zu betreten. «Jetzt gehen Sie mal nicht gleich vom Schlimmsten aus», versucht der Polizist zu beruhigen. Dann endlich verschwinden die Polizisten im Treppenhaus. Patrick und ich warten vor dem Haus. Eine gefühlte Ewigkeit. Dann erscheint die Polizistin: «Ich habe zwei Nachrichten. Ihre Mutter ist leider verstorben, Ihr Vater ist ansprechbar. Es tut mir leid.»

Der Satz der Polizistin zieht uns den Boden unter den Füssen weg. Auf diese Nachricht waren wir nicht vorbereitet. Der Schock lähmt uns. Ein einziger Gedanke hämmert in meinem Kopf: Das darf nicht wahr sein! Ein Gefühl von Ohnmacht, Horror und Fassungslosigkeit. Patrick bricht zusammen. Rettungssanitäter und Notarzt eilen an uns vorbei. «Papa, was hast du nur getan?» entfährt es dem Sohn. Im gleichen Moment schämt er sich dafür. Minuten vergehen. Ruhig atmen. Sammeln. In den vierten Stock steigen. Peter Stäheli liegt im Flur. Auf dem Rücken. Im Delirium. Er hängt bereits am Tropf. Flatternder Blick. Ein Nuscheln. «Bitte … allein lassen.» Der Notarzt sagt zum Sohn: «Sie müssen sich keine Sorgen machen, Herr Stäheli. Ihr Vater wird durchkommen.» Wieder dieser Gedanke: Das darf nicht wahr sein! Patrick beugt sich über den am Boden liegenden Vater, streichelt ihn. Abtransport. Kantonsspital. Der Sohn verspricht dem Vater, nachzukommen. Die Polizisten übernehmen: «Bitte nichts anfassen.» Im Schlafzimmer im Bett die Mutter. Wie aufgebahrt. Friedlich. Ein schwarzer Müllsack liegt neben ihr im Bett. Im Flur Polizeifunk. Die Polizistin sagt zu Patrick: «Wenn Sie sich von Ihrer Mutter verabschieden wollen, dann besser jetzt. Gleich wird hier viel los sein.» Ruhe vor dem Sturm. Personalien aufnehmen. Dann treten auf: ein Polizeifotograf, ein Forensiker, ein Gerichtsmediziner, eine Staatsanwältin. Spurensicherung und Kripo sind unterwegs. Wohnungs- und Hausschlüssel an die Polizisten abgeben. «Wir melden uns bei Ihnen.» Patricks Gedanken kreisen um den Vater. «Papa tut mir leid.»

Ab ins nahe Kantonsspital. Notaufnahme. Eine Polizeistreife ist bereits vor Ort. Patrick darf kurz zu seinem Vater, ein Polizist ist dabei. Der Vater bittet den Sohn, zu helfen. Er will Tabletten. «Das geht nicht», sagt Patrick. «Wo ist Mami?» fragt Peter Stäheli. «Die Mami ist tot.» Ob der Vater verstanden hat? Er ist in einem schweren Delirium. Das einzige, was er zwischendurch klar sagen kann: «Ich tue es gleich wieder.» Dann wieder Dämmerzustand. Die grösste Sorge des Sohnes: dass sein Vater jetzt gaga wird. Ein Pflegefall. Nichts ist in diesem Moment klar, ausser dass der GAU eingetreten ist: Die gesunde Mutter tot, der kranke Vater lebt. So viel scheint festzustehen: Peter Stäheli wird den Suizidversuch wahrscheinlich überleben. Wie es weitergeht? Völlig ungewiss. Es ist 3 Uhr in der Nacht. Krankenschwestern tuscheln. Es spricht sich schnell herum, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Die Polizei bittet den Sohn, vorläufig im Krankenhaus zu bleiben. Es fällt auf, dass Patrick und ich nicht mehr ungestört miteinander reden können. In unserer Nähe immer ein Polizist. Ich fahre ins Hotel. An Schlaf ist nicht zu denken.

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Um 5 Uhr in der Früh klingelt mein Handy. Am anderen Ende der Leitung ein Korporal der Kriminalpolizei des Kantons Baselland. Ob ich am Morgen um 11 Uhr zur Einvernahme kommen könne. Es ist mehr Aufforderung als Frage. «Wird gegen mich ermittelt?» frage ich. «Nein», sagt der Ermittler. Ich entgegne, dass ich am Vormittag den Sohn, meinen Freund, unterstützen müsse. «Nicht nötig, der wird gleichzeitig von der Staatsanwaltschaft befragt», erklärt der Kriminalist. Also gut. Frühmorgens trifft Patrick im Hotel ein. Eine Streife bringt ihn. Der Schock sitzt schwer in den Gliedern. In ein paar Stunden schon der Termin bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Müssen wir uns Sorgen machen? Haben wir uns vielleicht doch strafbar gemacht? Nach drei Stunden unruhigen Schlafs klingelt der Wecker. Patrick erreicht den Anwalt des Vaters. Wir können ihn treffen. 10 Uhr 30, Parkplatz von Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft. Auch der Anwalt, ein guter Freund von Peter Stäheli, ist geschockt. Er war in den Plan der Stähelis eingeweiht. Auch er hat mit diesem Ausgang nicht gerechnet. Sein einziger Rat an den Sohn und mich: «Machen Sie reinen Tisch.»

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln in einem «aussergewöhnlichen Todesfall». Sechs Stunden dauert die getrennte Einvernahme. Der Kriminalpolizist protokolliert jeden Satz. Im Zentrum die Frage: Ist Edith Stäheli aus freien Stücken verstorben? Soweit ich das beurteilen kann: Ja. Ich habe die ersten Gespräche mit den Eltern mit einer Kamera aufgezeichnet. Diese Aufnahmen werden sich nun als Schatz erweisen. Auf Bitten der Polizei stelle ich sie den Ermittlern zur Verfügung. Um Peter Stäheli vom Verdacht der Beihilfe am Tod seiner Frau zu entlasten. Und um jeden möglichen Verdacht auszuräumen, dass er seinen Selbstmord nur habe vortäuschen wollen und extra eine zu geringe Dosis an Tabletten genommen haben könnte. Das Ehepaar hat sich gegenseitig zu Alleinerben erklärt. Damit steht Peter Stäheli im Fokus der Ermittlungen. Für Polizei und Staatsanwaltschaft scheint der Fall längst nicht klar. Und zur Ermittlungstaktik gehört auch, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Der Ermittler ist sehr freundlich. Aber ob er meinen Schilderungen Glauben schenkt, verrät er nicht. Seine letzte Frage, nach fünfeinhalb Stunden Einvernahme, bringt mich aus der Bahn: Ob ich sicher sei, dass Patrick und ich vor dem Eintreffen der Polizei nicht in der Wohnung gewesen seien. Man habe am Leichnam der Mutter Schleifspuren gefunden, die darauf hindeuten könnten, dass Edith Stäheli möglicherweise erst nach ihrem Tod ins Bett gehievt worden sei. Und dies, so glaubt der Ermittler, könne der parkinsonkranke Mann unmöglich allein bewerkstelligt haben.

Peter Stäheli selbst ist noch nicht vernehmungsfähig. Er liegt noch immer im Dämmerzustand im Kantonsspital. Er ist ansprechbar, aber er phantasiert. Spricht sehr undeutlich. Und er sieht Dinge durch sein Spitalzimmer fliegen. Noch immer sind zwei Polizeibeamte vor Ort. Der behandelnde Arzt ist zuversichtlich, dass der Vater wieder zu vollem Bewusstsein kommt. Aber sicher ist nichts. Noch ist er nicht ausser Lebensgefahr. Die Dosis an Tabletten, die er geschluckt hat, muss sehr, sehr hoch gewesen sein. Am nächsten Tag wird er in die geschlossene Abteilung der kantonalen psychiatrischen Klinik überführt. Intensiv-Pflegestation B1. Fürsorgerische Unterbringung. Noch immer lässt Peter Stäheli Ärzte und Pflegepersonal wissen: «Ich werde es gleich wieder tun.» Eine Woche später.

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Samstag, 18. April 2015. Psychiatrie Baselland in Liestal. Ein fünfstöckiger grauer Betonklotz auf Stelzen. Im Garten ein kleines Café mit einfachen Tischen unter Sonnenschirmen. Ganz am Rand in einer der Ecken sitzen Peter Stäheli, Sohn Patrick und Freundin Karin. Alle essen Eis. Es wird gelacht. Entspannte Stimmung. Ein idyllisches Bild. Und ein Hauch von Normalität. Peter Stäheli freut sich, mich zu sehen. Er ist wieder fast klar im Kopf. Es geht ihm von Tag zu Tag besser. Und er kann sich an alles erinnern. Bis zu dem Moment, als er an jenem Abend vor einer Woche selbst die Tabletten schluckte – «doppelt so viel wie die Mami» – und einschlief. Was danach passierte, ist ein schwarzes Loch. Bald wird die Polizei auch ihn vernehmen. Vater und Sohn gehen die wichtigsten Fragen durch: «Hat Mami die Tabletten selbst genommen?» – «Ja.» – «Ist sie im Bett gestorben?» – «Ja.» – Woher dann die Schleifspuren?» – «Nachdem sie tot war, habe ich sie an den Achseln genommen und versucht, höher ins Bett zu legen.» – «Wofür der Müllsack?» – «Den hatte ich mir über den Kopf gezogen. Blöderweise muss ich ihn wieder weggenommen haben, bevor ich einschlief.» – «Wie kamst du in den Flur, wo dich die Polizei gefunden hat?» – «Ich weiss es nicht.»

Der Vater ist müde. Sohn und Freundin bringen ihn hoch auf sein Zimmer. Beide müssen am nächsten Tag zurück nach Köln. Patrick hatte sich bei der Arbeit in Köln abgemeldet. Den Vater eine Woche lang täglich in der Klinik besucht. «Das ist jetzt unsere Zeit», sagt Patrick. Noch nie habe er sich mit seinem Vater so verbunden gefühlt. «Papa hat sich immer zurückgenommen. Er hat sein Leben lang das Parkett verlegt, auf dem meine Mutter Ballett tanzen konnte», beschreibt Patrick die Ehe der Eltern. «Aber jetzt kann ich für Papa da sein. Er kann sich jetzt fallen lassen.» Wie es genau weitergeht, ist noch unklar. Aber Vater und Sohn haben eine Abmachung: «Wir werden noch ein Chateaubriand essen und dazu ein Bier trinken, in Freiheit.»

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Einen Tag später. Sonntag, 19. April 2015. Zu Besuch bei Peter Stäheli. Auf der geschlossenen Psychiatrie B1. Erstmals treffe ich den Vater allein, ohne Sohn. An seinem Freitodplan hält er fest. «Ich bin ein gestorbener Mann», sagt er, «mich gibt es nicht mehr.» Vor vier Tagen wäre seine Frau 71 Jahre alt geworden. «Ich habe viel geweint.» Nicht ihr Tod schmerzt ihn, sondern dass er nicht mit ihr gehen konnte. «Immerhin konnte ich meine Frau vor ihrer grössten Sorge, allein zu überleben, bewahren», sagt er. «Ich habe mein Versprechen ihr gegenüber eingehalten.» Nun will er so schnell wie möglich hinterher. «Ich vermisse sie. Unsere Ehe ist ein neunundvierzig Jahre altes Kunstwerk, und das darf man nicht auseinanderreissen.»

Peter Stäheli will nun über die Sterbehilfeorganisation Exit in den Freitod gehen. Doch dafür muss er raus aus der geschlossenen Psychiatrie. Aber solange dort die Ärzte annehmen müssen, dass Stäheli sich weiterhin das Leben nehmen möchte, können sie ihn nicht entlassen. Also muss er sich taktisch schlau verhalten. Gegenüber den Ärzten tut Stäheli nun so, als habe er seinen Plan, sich das Leben zu nehmen, aufgegeben. Zum Abschied spielen wir eine Partie Tischtennis. Neben uns am Tisch taucht plötzlich ein Bär von einem Menschen auf. «Ich mach den Schiedsrichter», murmelt der Riese immer wieder monoton und starrt ins Leere. Stäheli lässt sich nichts anmerken. Er lächelt. Grade eben hat er wieder einen Ball platziert, für mich unerreichbar. Seine Vision, mit Hilfe von Exit sterben zu können, scheint seine Lebensgeister zu wecken.

Wieder eine Woche später. Sonntag, 26.April 2015. Peter Stäheli ist der Freiheit und damit seinem Tod ein kleines Stückchen näher gekommen. Vor ein paar Tagen ist er in die offene Psychiatrie verlegt worden. Jetzt kann er sich kurz von der Klinik entfernen, er muss sich nur abmelden. Zum zweiten Mal plant Stäheli seinen Abgang. «Ich bin jetzt beim Auslaufen wie nach einem Hundert-Meter-Lauf», sagt er. Anruf bei der Sterbebegleiterin von Exit. Anruf beim Hausarzt. Der verspricht, noch am gleichen Tag die Krankenakte an Exit zu schicken. Es kann Peter Stäheli gar nicht schnell genug gehen. Doch wird Exit ihn gehen lassen? Ihm das Rezept für das tödliche Natrium-Pentobarbital ausstellen? Darüber müssen noch eine Psychiaterin und ein Vertrauensarzt entscheiden.

Eine Todesanzeige erscheint in der Basler Zeitung. «Mit grosser Trauer nehmen wir Abschied von Edith Stäheli.» Darunter die Angehörigen, an erster Stelle der Ehemann, dann Sohn Patrick und seine Freundin. Freunde und Bekannte, die nicht in den Plan der Stähelis eingeweiht waren und jetzt die Todesanzeige lesen, haben kaum eine Chance, Peter Stäheli zu erreichen. Die Wohnung ist noch immer versiegelt, das Handy beschlagnahmt, eine neue Handynummer unbekannt. Der Witwer Stäheli – verschollen. Ihm ist das egal. «Ich habe abgeschlossen. Das Bittere für mich: Edith ist schon in der Urne, und ich bin noch immer da.»

Das Warten auf Termine verbringt Peter Stäheli in der Psychiatrie mit Schachspielen, viel Schlafen und ein bisschen Tischtennis. Und er lernt bügeln. «So muss ich nicht malen oder schnitzen. Das ist nichts für mich.» Mitte Mai wird sein Antrag auf Entlassung aus der Psychiatrie bewilligt. Offiziell wird Stäheli zum Sohn nach Köln ziehen. Sein inoffizieller Plan: Sobald er von Exit den Termin hat, will er noch für eine Woche zum Sohn nach Köln. Und dann aus dem Leben scheiden. Im Sterbezimmer von Exit, in Zürich.

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29. Mai 2015. Letzter Besuch in der Psychiatrie in Liestal. Peter Stäheli ist freudig aufgekratzt. Er darf sterben. Exit hat der Freitodbegleitung zugestimmt. Den Ärzten in der Psychiatrie hat er ein Schnippchen geschlagen. «Ich hatte grosse Zweifel, ob Exit mich nimmt. Ich könnte vielleicht noch zehn Jahre leben, aber Exit hilft mir jetzt, in einem Stadium, in dem meine weitere gesundheitliche Entwicklung absehbar ist, den Weg abzukürzen.» Stäheli hat bereits einen Termin für das «geordnete Einschlafen», wie er es nennt. Am 6. Juni werden er und sein Sohn mit dem Zug von Köln nach Zürich reisen. Dort hat Exit ein Sterbezimmer. Wieder steht der Abschied kurz bevor.

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Am 3. Juni 2015 ein Anruf von Patrick. «Papa hat den Termin um einen Monat verschoben, auf den 4. Juli.» Der Anwalt von Peter Stäheli hat ihn in Köln erreicht und ein Problem gemeldet: Wenn Stäheli im Juni stürbe, könnte die Wohnung nicht rechtzeitig zum 1. Juli auf den neuen Eigentümer überschrieben werden, sondern fiele zunächst dem Sohn als Alleinerben zu. Peter Stäheli muss also den 1. Juli noch erleben, sonst verzögert sich alles. Dem neuen Eigentümer will er keine Probleme bereiten. Aus Rücksicht und Pflichtgefühl verschiebt Peter Stäheli seinen Todestag. «Jetzt, mit der Gewissheit, in den sicheren Tod gehen zu können, kommt es auf diesen einen Monat nicht mehr an», sagt er. Stäheli will es allen recht machen. So gut er kann. Patrick freut sich. Er hat seinen Vater einen Monat länger. In Köln hat er ihm ein Appartement gemietet.

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Mitte Juni. Einmal noch reisen Vater und Sohn in die Schweiz. Nach Pratteln. Die Wohnung ist inzwischen wieder freigegeben. Vater und Sohn bereiten die Räumung vor. Lauter grüne und rote Punkte kleben an den Möbeln. Alles, was einen grünen Punkt hat, wird der neue Eigentümer übernehmen. Die wenigen Möbel mit einem roten Punkt nimmt der Sohn. Den Rest wird ein Räumungsunternehmen in zwei Tagen entsorgen. Patrick Stäheli muss sich nun von seinem Elternhaus verabschieden. Von der Wohnung, in der er aufgewachsen ist. Er ist völlig am Ende, steht neben sich. Kopfweh. Die Situation schlägt ihm auf den Magen. Peter Stäheli ist bester Laune. Packt Kleidung von sich und seiner Frau umständlich in Kartons. Jeden seiner vierzig Anzüge bestaunt der Vater ausgiebig. «Wahnsinn, dieser Anzug. Praktisch nie getragen», ruft er aus dem Schlafzimmer. Aufgekratzt kommt er mit einem schneeweissen Stoffanzug über dem Arm angelaufen: «Schaut mal. Irre. So etwas findet ihr heute nirgendwo mehr.» Patrick sagt nichts. Verdreht die Augen. Ihm ist schlecht. Es bleiben ihm nur wenige Stunden, um zu entscheiden, was ihm wichtig ist und was nicht. Er hat Angst, etwas Wichtiges zu übersehen. Zwischendurch stösst er in Schränken und Schubladen auf kleine persönliche Nachrichten seiner Mutter. «Lieber Patrick, hier meine geliebten Sonnenbrillen. Herzlichst, Mama», steht auf einem kleinen Zettel geschrieben. Völlig erschöpft steigen er und der Vater am nächsten Tag ins Auto und fahren nach Köln. Das Kapitel Pratteln ist damit abgeschlossen.

Per Handy schickt Patrick Fotos aus Köln. Darauf zu sehen der Vater, lachend mit dem Enkel. Oder: Vater und Sohn Arm in Arm in Köln. Momente von Glück und Harmonie. Mit Ablaufdatum. «Tief in mir habe ich noch immer die Hoffnung, dass unser Zusammensein in Köln Papa zur Umkehr bewegen könnte», sagt der Sohn am Telefon. Aber er weiss, dass sein Hoffen vergeblich ist. Der Vater macht klar: «Ich habe eine Abmachung mit der Mami.» Einmal mehr bleibt dem Sohn nur der Versuch, den Sonnenuntergang zu geniessen.

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Samstag, 4. Juli 2015. 12 Uhr 02. Bahnhof Zürich. Ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch. Und der letzte Tag im Leben von Peter Stäheli. Vater und Sohn steigen aus dem Zug. Im Zug haben die beiden noch ein Glas Sekt getrunken. Peter Stäheli lächelt gelöst. Als wäre dies ein ganz normaler Tag. Die Vorstellung, dass dieser Mann noch an diesem Nachmittag tot sein wird, erscheint grotesk. Patrick und ich bemühen uns, Haltung zu bewahren. Auf dem Weg zu Exit suchen wir noch eine Parkbank. Sitzen. Sammeln. Patrick lehnt seinen Kopf an die Schulter seines Vaters. Schliesslich drängt Peter Stäheli zum Aufbruch. In einem unscheinbaren Haus in einem ruhigen Zürcher Wohnviertel empfängt uns die Sterbebegleiterin. Aussen kein Hinweis darauf, dass dies ein besonderer Ort ist.

Noch einmal muss Peter Stäheli erklären, dass er sterben möchte. Eine letzte Unterschrift, dann gibt ihm die Sterbebegleiterin ein Mittel, das den Magen beruhigen soll. Warten, bis das Mittel wirkt. Zwanzig Minuten, die zu einer Ewigkeit werden. Peter Stäheli wirkt völlig entspannt. Dann sagt die Sterbebegleiterin, er könne nun jederzeit ins Zimmer nebenan gehen. Dort steht ein frisch bezogenes Bett. «Gehen wir», sagt Peter Stäheli. Die letzten Umarmungen. Und viele Tränen. Dann reicht der Vater dem Sohn seine Brille, die Brieftasche und fischt noch einen Kugelschreiber aus der Hosentasche. «Den brauche ich jetzt nicht mehr.» Das Glas mit dem tödlichen Natrium- Pentobarbital leert Peter Stäheli in einem Zug, auf der Bettkante. Zwei bis drei Minuten später setzt die Wirkung ein. «So, jetzt», sagt er, legt sich hin und fällt in einen komatösen Tiefschlaf. Um 14 Uhr 18 ist Peter Stäheli tot. Friedlich eingeschlafen. Seiner Frau hinterhergereist.

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Basel, drei Wochen später. Ein sonniger Vormittag. In der Mitte des Rheins stoppt die kleine Fähre. Patrick Stäheli öffnet zwei tönerne Urnen. Er lässt die Asche von Edith und Peter Stäheli in den Rhein gleiten. Dann streut er weisse Blütenblätter. Vielleicht werden Asche und Blütenblätter in ein paar Tagen an Köln vorbeitreiben. «Hoffentlich bleiben wir nicht am ersten Brückenpfeiler hängen», hatte Edith Stäheli damals bei unserem ersten Treffen gesagt und gekichert.

Der Journalist und Autor Stephan Hille war freier Russland-Korrespondent u.a. für die Neue Zürcher Zeitung. Er lebt in Zürich.

Dieser Text erschien erstmals im Magazin Reportagen 27.