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Bilder: Reto Camenisch
Freitag, 26. Januar 2018

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft ich schon auf dem Velo der Mauer des Bremgartenfriedhofs im Westen Berns entlanggefahren bin. Meine Gedanken konzentrieren sich jeweils auf den Verkehr, ein bevorstehendes Treffen, oder ich bin einfach nur hungrig oder habe kalte Hände. An das dahinterliegende Reich der Toten denke ich dabei nie.

Erst wenn mich die Musse eines unverplanten Feiertages durch das Haupteingangstor des grössten Berner Friedhofs treibt, werde ich gewahr, dass es ihn gibt, dass er im Grunde immer da ist. Den Inselspital-Turm mit den grellen Lettern im Rücken, lasse ich die Welt der Lebenden hinter mir.

Friedhöfe gehören zu den vergessenen Orten der Stadt, zu jenen Orten, die sich ausserhalb der getakteten Zeit und der zielgerichteten Wege des Alltags befinden. Nur die Trauernden und die Flaneure finden sich dort ein. Am schönsten sind Friedhöfe im Winter.

Das Betreten des Friedhofs macht etwas mit mir. Ich gehe langsamer. Es gibt nichts Bestimmtes, was ich hier suche, und doch finden sich meine Gedanken ein. So als ginge von diesem Ort eine Schwerkraft aus, die meine Wahrnehmung an seine Gegebenheiten heftet. Ich schlendre die geraden, geometrischen Alleen entlang, passiere die in Rastern angelegten Grabfelder und Urnenflächen. In einiger Distanz bewegt sich eine Frau im grauen Mantel entlang der Längsachse der Anlage. In der Hand trägt sie ein Blumengebinde. Später sehe ich, wie sie, in sich gekehrt, vor einem kleinen Grab am anderen Ende des Friedhofs stehengeblieben ist. Ihr Blick geht über dem Bett von immergrünen Nadelzweigen zu ihren Füssen ins Leere.

Der Friedhof ist das in die Erde gelassene Gedächtnis einer Stadt; Schicht über Schicht häufen sich Geschichten, Schicksale und vergangene Leben, bis sie eines Tages abgetragen werden, bis sie aus der Erinnerung einer Gemeinschaft verschwinden, als wären sie nie da gewesen.

Die Blumen hält sie noch immer in der gesenkten Hand. An wen sie wohl denkt?

Auch wenn die Stätte der Toten vom unausweichlichen Ende des Lebens kündet, schlägt genau dieses Memento mori in eine seltsame Zeitlosigkeit um. Der französische Philosoph Michel Foucault bezeichnete den Friedhof einst als «Gegenort», als «Ort einer Zeit, die nicht mehr fliesst». Nur ab und an erinnern die dröhnenden Rotoren eines Rettungshelikopters oder die Sirenen eines Krankenwagens an den Kampf ums Leben, der jenseits der Mauern beständig fortbesteht. Die Grabsteine vor Augen, kommt mir das Ringen gegen Krankheit und Tod umso vergeblicher vor. Es ist ein schwacher Sieg auf Zeit.

Und doch trotzen die Menschen der Endlichkeit des Lebens eines ab: die Erinnerung. Unweit des Eingangs im Norden der Anlage findet sich ein wunderschön gehauener Grabstein. Er formt eine fast nackte männliche Gestalt, die aus dem Quader herauszuschreiten scheint. Der Stein, der niemals lebte, nimmt die vergänglichen Konturen des Lebendigen an.

Der Friedhof ist das in die Erde gelassene Gedächtnis einer Stadt; Schicht über Schicht häufen sich Geschichten, Schicksale und vergangene Leben, bis sie eines Tages abgetragen werden, bis sie aus der Erinnerung einer Gemeinschaft verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Auf der Münsterplattform, beim Rosengarten oder im Monbijou, wo sich heute eine Parkanlage mit Spielplatz befindet, wurden einst Tote bestattet.

Die heutigen Toten ruhen in Bümpliz, in der Schosshalde im Nordosten Berns und hier, in der Bremgartenanlage, zwischen Güterbahnhof, Industrie und Spital. Die jüdische Gemeinschaft bestattet ihre Verstorbenen auf einem eigenen Friedhof unweit der psychiatrischen Anstalt Waldau. Die Bremgartenanlage ist die älteste noch bestehende Berner Totenstätte. Sie wurde in den 1860er Jahren angelegt. Damals wuchs die Bevölkerung rasch, viele Menschen wurden geboren, sie starben irgendwann auch. Die lange üblichen Erdbestattungen füllten die Grabfelder schnell, immer wieder herrschte Platznot. Bis 1952 wurde der Bremgartenfriedhof wiederholt erweitert. Seither hat es genug Raum. Die Erdbestattungen sind den Urnenbeisetzungen nach und nach gewichen.

Verborgen und doch so vertraut, das steinerne Friedhofsinventar.

Die ältesten Gräber sind die schönsten. Je verwitterter die Gräber, desto mehr verfalle ich der seltsamen Heterochronie des Totenackers. Entlang der westlichen Mauer finden sich die ältesten Grabstätten. Es sind die Familiengräber einflussreicher Berner Familien aus dem 19. Jahrhundert. Hier ruhen die Gebeine der von Wattenwils, der Flurys, Wildbolze, der von Fischers, von Lerbers oder Lauterburgs. Sie tragen vergessene Vornamen wie Ada, Carl, Rudolf; da ist aber auch eine Antoinette, eine Pauline und eine Mina.

Aufgeräumte Trauer

Manche Inschriften sind in französischer Sprache verfasst, so etwa jene auf den Gedenksteinen des Ehepaares Eugène und Alvine de Roulet Mézerac. Ihr Doppelgrab gehört zu meinen liebsten: «Je t’ai aimée d’un amour éternel c’est pourquoi j’ai prolongé envers toi ma bonté» heisst es auf der Grabplatte von Alvine, die in die Mauer eingelassen ist. Es ist ein Zitat aus dem Buch Jeremia, das die sanfte Heimkehr zum liebenden Ursprung verheisst. Was für ein schöner, immer seltener gedachter Gedanke. Die filigranen Palmzweige, Symbole des ewigen Lebens, die über den Namen der beiden eingraviert sind, verleihen den Gedenktafeln eine aparte Eleganz.

Ich stelle mir vor, wie Alvine einst im Fauteuil des Salons Taschentücher bestickte oder wie sie als junge Frau Walzer tanzte. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Die alten Gedenksteine zeugen von Sehnsüchten, die von der Zeit überholt sind und die mehr und mehr in die reine Phantasie der Betrachterin übergehen.

Auf dem Bremgartenfriedhof dominiert reformierte Aufgeräumtheit. Er ist nicht der Pariser Père-Lachaise oder der Zentralfriedhof von Wien. Hier herrscht keine kaiserlich-königliche Dekadenz, hier gibt es keine Grabnischen und keine Mausoleen, die die Herzen von Todesromantikern höher schlagen lassen. Die winterlichen Platanenreihen, die ihre knotigen Arme in die Höhe recken, werden säuberlich zurechtgestutzt und gezähmt. Ihre empörten Fäuste drohen vergeblich einem weissen, leeren Himmel. Eine einsame Krähe krächzt und fliegt von einem Stapel geschnittener Äste auf.

Und doch ist dieser Friedhof nicht ohne Schalk, wenn der auch unfreiwillig sein mag. Beim Familiengrab der Abderhaldens etwa heisst es auf dem Gedenkstein: «Wenn es schön war, ist es Mühe und Arbeit gewesen.» Eine aus Eisen gegossene Frauengestalt lehnt sich erschöpft an das Grabmal. Man gönnt ihr und den Abderhaldens die ewige Ruhe.

und den Abderhaldens die ewige Ruhe. Es gibt auch Gedenksteine mit übergrossen Buchsbaumhauben, die in ihren grotesken Ausmassen an eine Afrowelle gemahnen, und vor einer anderen Grabstätte liegen angeschnittene Granatäpfel, eine Ananas und angenagte Auberginen. Hat hier nächtens eine Geisterspeisung stattgefunden? Die Dachse und Igel wird die Gabe gefreut haben.

Ein Schritt durch das Tor – und der Besucher steht an der lauten Murtenstrasse.

Eine leere Flasche billiger Weisswein, Zeitungsschnipsel, abgebrannte Kerzen und kleine Tontöpfchen, die ein Geheimnis in sich bergen, zieren das Grab des Anarchisten Michail Bakunin im nordöstlichen Teil des Friedhofs. Der in Russland geborene Revolutionär verstarb 1876 nach kurzer Krankheit im Berner Exil. Bakunin ist der wohl meistbesuchte Bewohner des gesamten Totenackers. 2014, an seinem 200. Geburtstag, wurde er von den Dadaisten des Cabaret Voltaire adoptiert. Gemeinsam mit den Erbinnen des Grabmals werden die Zürcher Nonkonformisten für die künftigen Grabkosten aufkommen. Mit Champagner begossen sie Bakunins Geburtstag und wünschten auch ihm eine schöne jenseitige «Fête mit den Dadaisten». Nur fragt sich, ob der Anarchist tatsächlich mit Hugo Ball, Tristan Tzara und Emmy Hennings eine postume Party feierte – Bakunin war überzeugter Materialist; an ein Leben nach dem Tod glaubte er kaum.

Aber vielleicht braucht er das auch nicht, um jenseitig weiterzufeiern. In vielen Traditionen gibt es die Vorstellung, dass die Verstorbenen so lange im Totenreich weiterexistieren, wie sie nicht vergessen werden. Demnach ereilt uns der Tod in doppelter Weise: wir erleiden ihn einmal physisch und einmal symbolisch. Ersterer tritt ein, wenn der Körper erkaltet. Der symbolische Tod aber ist jener, der schwerer wiegt. Es ist der Moment, wenn niemand sich mehr an den Menschen erinnert. Bakunin wird das nicht so schnell passieren. Seine Genossinnen und Dadafreunde halten ihn am Leben.

Der Skandal des Todes

Es gibt aber auch die Bezirke im Südosten des Friedhofs, die ich meide. Jene etwa, wo die Kinder und die Jugendlichen liegen. Fällt mein Blick auf Windrädchen oder bunte Glaskugeln, beschleunige ich meinen Gang. Meine Schritte sparen jene Bereiche aus, die den Tod bis in die Gegenwart bringen. In der Nähe frischer Gräber spüre ich meine eigene Hinfälligkeit. Über die polierten Oberflächen und frisch gehauenen Gravuren neuerer Grabsteine schaue ich hinweg, als könnte mich schon ihr Anblick verletzen. Mein Atem wird flach.

Der Tod ist nur schön, wenn er einer längst vergangenen, vergessenen Epoche angehört. Der nahe Tod ist mir zu nah. Nicht nur emotional; der physische Fakt des erkalteten, leblosen Körpers stösst mich ab. Für Jean Baudrillard wurde der Tod in der materialistischen Moderne zu etwas «nicht Normalem», einem aus dem Leben abgesonderten Tabu. Der tote Körper wird damit, so Baudrillard, zu einem amoralischen Ding, pornografisch, obszön.

Draussen sind sie noch: die Wechselphasen

Kein Wunder, ersann die Popkultur den Zombie. Die Auferstehung mutiert im Horrorgenre zur traumatischen Wiederkehr. In Night of the Living Dead, dem Gruselspektakel aus dem Jahr 1968, sorgen ungewöhnliche Strahlen aus dem All dafür, dass die frisch verstorbenen Toten aus der Erde steigen und sich über das Fleisch der Lebenden hermachen. Nur das Verbrennen der Untoten macht diese für immer unschädlich.

Auch wenn Zombies ins abwegige Reich des Horrors gehören: der schwindende Glaube der Menschen an ein ewiges Leben macht aus dem Leichnam ein Skandalon. Aufbahrungen sind immer weniger erwünscht, Erdbestattungen werden zur speziellen Wahl. Im 19. Jahrhundert entstanden erste Kremationsanlagen; freidenkerische Vereine zur Förderung der Feuerbestattung propagierten die hygienische und logistische Dringlichkeit der Kremation.

Die winterlichen Platanenreihen, die ihre knotigen Arme in die Höhe recken, werden säuberlich zurechtgestutzt und gezähmt. Ihre empörten Fäuste drohen vergeblich einem weissen, leeren Himmel.

Die gesammelten Standorte ehemaliger Friedhöfe bilden ein bodenloses Archiv des kollektiven Vergessens. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist sie auch den Katholiken erlaubt. Nur im Judentum und im Islam blieb das Gebot eines intakten toten Leibs bis heute bestehen. Heute werden über 90 Prozent der Verstorbenen, die im Bremgartenfriedhof bestattet werden, im anliegenden Krematorium eingeäschert. Viele finden in den Kolumbarienhallen und den neueren Urnengalerien am südlichen Eingang des Friedhofs ihren letzten Platz.

 

In den neuesten Teilen des Friedhofs löst sich die klassische Friedhofsarchitektur mehr und mehr auf. Zwar gibt es immer noch frische Grabsteine, doch die strammen Gräberkolonnen, die in Rastern angelegten Grabfelder weichen lichteren Anordnungen. Die Gemeinschafts- und Themengräber gehen sanft in die Architektur der Grünanlage über. Nur auf den zweiten Blick sind die halbrunden Blumenarrangements und die Steinformationen als Grabstätten erkennbar. Oft fehlen an neueren Gedenkstätten die Namen der Verstorbenen.

Ein präzis getrimmter Nadel-Afro schmückt das Grab der Familie Matter. Hier ruht auch Mani Matter.

Das Ende der Erdbestattung ist nicht das Ende der Friedhöfe, aber es verändert die Topografie der Erinnerung für immer. Der Grabstein, der auf die in die Erde gesenkten Überreste verweist und einen klaren Ort der Trauer markiert, wird seltener. Die Feuerbestattung hat sie ortloser gemacht. Und individueller. Der Friedhof ist nicht mehr der unbestrittene Ort der Erinnerung an die Toten. Die Asche verstorbener Menschen wird heute auch im See bestattet, auf einer Bergspitze in alle Winde verteilt oder auf dem Waldboden zerstreut. So wie jene meines Vater. So wie jene eines kürzlich verstorbenen Freundes.

Warten in der Aufbahrungshalle.

Melancholisches Idyll

Heute ist der Bremgartenfriedhof auch eine Gartenanlage. Im Sommer grasen hier Schafe, es brüten seltene Singvögel, und eine Fuchsfamilie hat unter einer Fichte ihren Bau. Friedhöfe werden zum Naherholungsgebiet – und sie werden zum Archiv einer anderen Zeit, die sich mehr und mehr ihrer einfachen Entzifferung entzieht. Sie werden museal, zum nostalgischen Revier der Flaneure, die sich auf die Suche nach den überholten, unzeitgemässen Bezirken der Stadt begeben, und zum Arkadien der Melancholiker, die sich im sicheren Terrain einer Vergangenheit bewegen, wo das Ende schon längst eingetreten ist und nun Stille herrscht. Vielleicht ist der Friedhof mein zeitvergessenes Idyll, weil ich die neueren Gräber meide. Und weil meine Trauer anderswo ist.

Immergrüne Grabbepflanzung für die Ewigkeit.

Und doch holt mich auch im älteren Teil des Friedhofs mein ganz persönliches Memento mori ein. Auch ich werde eines Tages tot sein, werde ich gewahr, als ich, gegen Ende meines Rundgangs, am Grab von Mani Matter vorbeikomme. Der Berner Chansonnier starb 1972, nicht einmal vierzigjährig. Noch 1967 besang er sein Leben an einer «Strass wie gseit / wo zum Friedhof geit». Heute trägt er selber das von ihm besungene «dannige letschte Chleid.»

Wie werde ich selber bestattet werden, frage ich mich? Aufbahren wird man mich hoffentlich nicht. Es wäre ein makabrer Scherz. Es macht mir Angst, als Tote machtlos zu sein. «Tot sein heisst, den Lebenden ausgeliefert zu sein», meinte einst Sartre. Doch wird überhaupt jemand traurig sein, wenn ich weg bin? Was, wenn niemand an mich denkt? Je länger ich über den Friedhof spaziere, desto mehr denke ich die Gedanken eines Geistes. Es wird Zeit, dass ich dem Ort den Rücken zudrehe. Ich passiere die schlammgraue Totenkapelle, den Springbrunnen und die Friedhofsverwaltung. Nur noch wenige Schritte trennen mich vom Ausgang hin zur Murtenstrasse.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.
Der Fotograf Reto Camenisch lebt in Bern.