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Bilder: Ruben Hollinger
Freitag, 06. November 2020

Frau Schatzmann, Herr Weidele, Ihre kleine Buchhand­lung mitten in der Berner Altstadt hat Generationen von Pfarrerinnen und Seelsorgern mit religiöser Literatur versorgt. Der Laden ist eine Institution. In Zeiten von Amazon sind Sie aber auch ein Phänomen: Warum gibt es Sie immer noch?

Schatzmann Gleich zu Beginn solch eine existenzielle Frage! Im Ernst, das ist ein vielteiliges Puzzle. Zuerst einmal bedienen wir seit bald hundert Jahren die Nische Religion. Unsere Expertise in Sachen Abraham bis Zenbuddhismus hat sich über all die Jahre herumgesprochen. Dann ist da unsere Kundschaft: Vom 80jährigen Papst-Benedikt-Fan über die Studentin mit Fachgebiet Gender und Religion bis hin zur Diakonisse, die ihren Losungskalender über uns bezieht. Sie alle sind uns ausserordentlich treu.

«Wir funktionieren wie das Postauto: Die Leute mögen uns, weil wir sie mit unserem Sortiment sicher in eine publizistisch abgelegene Region bringen.» Gallus Weidele

Weidele Uns macht aus, dass wir uns Zeit nehmen. Für einen Schwatz reicht es fast immer. Und oft gibt es dazu Kaffee. Der Hauptgrund aber, weshalb die Leute zu uns kommen, ist ein anderer: Bei uns stehen nur Bücher im Regal, die wir angeschaut und für gut befunden haben. Gerade im Bereich Religion ist eine sorgfältige Auswahl unerlässlich. Wir funktionieren da ähnlich wie ein Postauto: Die Leute mögen uns, weil wir sie mit unserem Sortiment sicher in eine publizistisch abgelegene Region bringen.

Solch eine Dienstleistung kann ein Online-Buchshop oder der Ableger einer grossen Buchhandlungskette nicht anbieten. Dafür fehlt es meist am nötigen Fachwissen.

In Ihrem Sortiment führen Sie auch liturgische Gegenstände und Devotionalien. Wer kauft heute noch ein Kruzifix?

Schatzmann Erstaunlicherweise lässt sich das nicht am Alter festmachen. Aber es ist schon so: Die Liebhaber von Devotionalien werden weniger, weshalb wir den Bestand an Kreuzen, Rosenkränzen und Weihrauch zurückgefahren haben. Den Verlust konnten wir aber mit Kerzen wettmachen. Lichtrituale erfreuen sich auch bei Reformierten immer grösserer Beliebtheit. Heute wird in fast allen reformierten Kirchen zum Gottesdienst eine Osterkerze entzündet. Auch wer eine schöne Taufkerze für sein Kind sucht, wir bei uns fündig.

Ein Katholik gründete 1927 die Buchhandlung Voirol. Heute tragen Sie den Zusatz «die ökumenische Buchhandlung» im Namen. Ist das noch gut fürs Geschäft?

Weidele Warum sollte es das nicht sein?

Nicht wenige sagen: Die Ökumene liegt auf der Intensivstation. Warum sich also damit noch in Verbindung bringen?

Weidele Weil die Ökumene in der DNA unserer Buchhandlung liegt. Wir sind ein Kind des Zweiten Vatikanischen Konzils, oder genauer gesagt, des Aufbruchs, der danach einsetzte. Meine Vorgängerin Angelika Boesch übernahm 1975 den damals katholischen Laden von Paul Voirol. Eine ihrer ersten Handlungen war, reformierte Literatur in die Regale zu stellen. Später organisierte sie Lesungen mit anschliessenden Diskussionen zur Befreiungstheologie oder Fragen rund um Gender. Boesch war zwar ebenfalls katholisch. Noch mehr aber war sie ein Enfant terrible. Sie wollte als Ökumenikerin und Feministin die Kirche umkrempeln. Dieser Geist weht heute noch in unseren Räumen.

Schatzmann Und gerade deshalb passt der Zusatz «ökumenisch» immer noch sehr gut zu uns. Die Ökumene mag vielleicht beim Abendmahl oder bei der Frauenfrage frostige Zeiten durchlaufen, im Alltag der Menschen an der Basis ist sie schlicht gesetzt. Nur schon diese Tatsache zeugt vom Erfolg der Bewegung. Dort, wo früher Ökumenebücher standen, haben wir nun ein Regalabteil zu Islam, dem Judentum und fernöstlichen Tradi-tionen. Für mich eine konsequente Weiterführung der Ökumene.

Eine Buchhändlerin hat am Ende des Monats rund 4400 Franken auf dem Konto. Als ausgebildete Theologen hätten Sie in einem Pfarramt locker das Doppelte verdienen können.

Schatzmann Darüber bin ich mir im klaren. Dass es anders kam, hat seine Gründe. Bücher sind für mich wie Lebensmittel. Bereits als Fünfjährige ermahnten mich meine Eltern auf Zugreisen, doch bitte das Buch wegzulegen, da ich sonst wie eine Primarschülerin wirkte – und als solche hätte ich nicht mehr gratis mitreisen dürfen. Während meines Studiums der reformierten Theologie begann ich als Aushilfe in der Buchhandlung zu arbeiten. Als dann später eine Stelle frei wurde, zögerte ich keine Sekunde. 23 Jahre ist das nun her. Gallus, du hast noch mehr Dienstjahre!

Weidele Ich bin seit 26 Jahren dabei. Eine lange Zeit. Meine Selbstdiagnose lautet: Hochgradig bibliophil. Bereits als katholischer Theologiestudent in Fribourg war mir das Bücher­stu­dium lieber als der Besuch von Vorlesungen. Aber es stimmt schon: Verglichen mit einem Pfarrlohn nimmt sich unserer bescheiden aus.

Gallus Weidele, 58 – Der katholische Theologe wuchs in Baselland auf und studierte an der Universität Fribourg. Nach dem Studium war er 3 Jahre als Pastoralassistent tätig. Seit 26 Jahren ist Weidele Geschäftsführer der Buchhandlung und hält rund zehn Prozent der Aktien des Unternehmens. Er ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Frau in Jegenstorf BE.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie einen Kunden nicht mögen?

Schatzmann Da bin ich Geschäftsfrau: Jeder Kunde ist ein guter Kunde. Mein Anspruch ist, alle gleich gut zu beraten.

Weidele Von meinem Naturell her kann ich Menschen sehr gut so nehmen, wie sie sind. Ich muss manchmal nur schmunzeln, wenn beispielsweise ein Autor, der sonst nie zu uns kommt, den Laden betritt, dann die Räumlichkeiten nach seinem eben erschienenen Werk absucht und schaut, ob wir es auch ja genug prominent platziert haben. Ich verhalte mich da aber diskret und tue immer so, als würde ich es nicht bemerken.

Die Frage nach einem bestimmten Buch offenbart immer auch ein Stück das Interesse oder die Situation des Fragenden. Sind Sie manchmal auch Seelsorgerin?

Schatzmann Es kann schon mal persönlich werden. Die Nähe zu unseren Kunden ist mit ein Grund, warum ich meine Arbeit so mag. Viele von ihnen kenne ich seit Jahren. Seelsorge würde ich das aber nicht nennen, denn unser Laden ist kein intimer Ort. Oft halten sich auch andere Kunden im Raum auf oder das Telefon klingelt.

Weidele Als Buchhandlung mit religiöser Literatur zieht man hin und wieder besondere Charaktere an. Menschen mit religiösem Wahn, Leute mit fundamentalistischen Vorstellungen oder auch Verschwörungstheoretiker. Das lässt sich nicht ändern. Neulich stand ein Mann im Geschäft, der sich lautstark über den Koran in unserem Sortiment empörte. Ein andermal reagierte eine Kundin ungehalten, als sie Carolin Emckes Essayband «Gegen den Hass» im Schaufenster entdeckte. Sie meinte, das Buch einer lesbischen Frau habe nichts in einer kirchlichen Buchhandlung zu suchen. Ich bat sie freundlich, aber bestimmt, unseren Laden zu verlassen. Richtig brenzlig wurde es aber noch nie. Büchermenschen sind in der Regel friedfertig.

Nicht nur der Tod kleiner Buchhandlungen wird immer wieder vorausgesagt, ebenso jener des gedruckten Buches. Auch Ihre Kundschaft hört längst Podcasts, schaut Serien und surft im Internet.

Weidele Das Internet ist ein Konkurrent von uns, keine Frage. Dabei bereitet mir nicht mal dessen Angebot im Bereich Buch Bauchweh, sondern jenes der sogenannten Praxisliteratur. Also Anregungen für den Gottesdienst, den Seniorennachmittag oder für die Seelsorge. All das wird bei uns merklich weniger nach­gefragt. Die Pfarrerin und der Diakon sammelt sich das heute oftmals im Internet zusammen. Aus Kostengründen; ich kann das gut verstehen.

Schatzmann Jetzt lass uns aber nicht allzu sehr pessimistisch sein. Sachbücher verkaufen wir noch immer gut. Zudem zeigt die Erfahrung, dass Menschen, die sich ernsthaft mit Religion befassen, immer noch gerne zum Buch greifen. Nicht zuletzt bei unserem Klassiker, der Bibel. Eine gedruckte Bibel in Händen zu halten ist noch immer eine andere Leseerfahrung, als sich online durch die Evangelien zu klicken.

Auf einen der Gründe, weshalb es Ihre Buchhandlung noch immer gibt, sind wir bisher nicht zu sprechen gekommen: Sie werden von den Kirchen der Stadt Bern finanziell unterstützt. Angenommen, diese Gelder würden gekürzt oder gleich ganz eingestellt, was dann?

Schatzmann Wir wollen an dieser Stelle nichts heraufbeschwören, was nicht ist. Zu einer guten Geschäftsführung gehört es aber auch, sich mit der Frage zu befassen, was passiert, wenn diese Gelder nicht mehr gesprochen werden. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Was wir aber mit Sicherheit wissen: Aufgeben kommt für uns nicht in Frage, egal was kommt. Dafür lieben wir unser Geschäft und unsere Kundinnen und Kunden zu sehr.

«Der Theologie lesende Nichttheologe ist beinahe verschwunden. Mit drei Kilo Barth verlässt keiner mehr unseren Laden.» Gallus Weidele

Weidele Ich komme nochmals mit dem Postauto: So wie die gelben Busse sind auch wir nicht selbsttragend. Die Kirchen subventionieren uns als eine Art Service public. Unser Geschäft lässt sich niemals kostendeckend betreiben, auch wenn wir gut wirtschaften. Dafür sind wir einfach zu sehr Nische.

Also entscheidet am Ende nicht der Umsatz über Ihre Zukunft, sondern tun das die Landeskirchen.

Weidele Zugespitzt formuliert ist das so. Wird das Geld bei den Kirchen weniger, hat das auch für uns früher oder später Folgen. Und dann stellt sich die Frage, ob wir für die Kirchen das wichtigste Projekt im Bereich Öffentlichkeitsarbeit sind. Ich wage das zu bezweifeln.

Schatzmann So unwichtig sind wir nicht. Wir sind eine Schnittstelle zu den Landeskirchen. Viele unserer Kundinnen zählen zu den Menschen, die vielleicht keinen Gottesdienst besuchen, aber als Mitglieder der Institution Kirche die Stange halten – weil sie durchaus an Religion interessiert sind. Für sie sind wir ein Stück Heimat.

Als Buchhändler überblicken Sie beide einen langen Zeitraum an Lesetrends. Von welcher religiösen Lektüre hat sich Ihre Kundschaft endgültig verabschiedet?

Weidele Der Theologie lesende Nichttheologe ist beinahe verschwunden. Verkauften wir früher buchstäblich Hans Küng am Laufmeter, so reicht es heute, wenn wir eine Ausgabe seines «Projekts Weltethos» auf Lager haben. Mit drei Kilo Barth verlässt keiner mehr unseren Laden. Im Barth-Jahr vor zwei Jahren kauften die Leute noch maximal seine Biografie oder ausgewählte Texte. Seine dreizehnbändige «Dogmatik» wollte sich niemand antun.

Die Zeit der grossen Theologen ist also vorbei?

Schatzmann So pauschal lässt sich das nicht sagen. Mein Eindruck ist, dass viele ihren Glauben nicht mehr so sehr an einzelnen Figuren und deren Denkgerüst festmachen. Anstatt die gesammelten Werke von Dorothee Sölle zu lesen, wird in ihrem Schaffen gezielt nach Antworten gesucht, die einen existenziell betreffen. Die Menschen haben die Religion und ihre Denkerinnen nicht abgeschrieben. Aber sie stehen ihnen selbstbestimmter und vielleicht auch kritischer gegenüber.

Gesamtwerke haben es heute also schwer. Was verkauft sich heute immer noch gut?

Weidele Bücher, die sich auch mal über ein Wochenende weglesen lassen. Essays und persönliche, biografisch gefärbte Bücher wie Fulbert Steffenskys «Fragmente der Hoffnung». Aber auch Margot Kässmanns «Freundschaft, die uns durchs Leben trägt» oder «Sprache und Sein» von Kübra Gümüşay werden oft nachgefragt.

«Eine gedruckte Bibel in Händen zu halten ist noch immer eine andere Leseerfahrung, als sich online durch die Evangelien zu klicken.» Karin Schatzmann

Das Buch einer Muslimin findet bei Ihnen also auch den katholischen oder reformierten Leser?

Schatzmann Durchaus. Kübra Gümüşays Texte sind nahbar und tiefgründig zugleich. Als religiöser Mensch schreibt sie über ihren Alltag. Das mögen die Leserinnen, damit können sie sich identifizieren. Da spielt es keine Rolle, welcher Religion sich die Autorin zugehörig fühlt.

Rund ein Fünftel des gesamten Buchmarkts wird von Selbsthilfebüchern bestritten, das Geschäft mit der Ratgeberliteratur boomt. Einen beachtlichen Teil davon besetzen religiöse Publikationen.

Weidele Leider.

Warum leider?

Weidele Weil ich Mühe mit solchen Büchern habe. Sie sind mir zu gefällig. Das beginnt bei der Covergestaltung und geht über in einen für meinen Geschmack sehr undifferenzierten Inhalt. Das Leben ist zu komplex, als dass es sich mit solchen Anleitungen bewältigen liesse. Das gilt auch für Glaubensfragen. Jeder Theologe seit Augustin weiss das. Darum finden Sie solche Bücher nicht in unserem Laden.

Den einen oder anderen Anselm Grün konnte ich aber doch auch sehen.

Weidele Da muss ich eine Lanze für den Benediktinermönch Grün brechen. Nur weil sich seine rund dreihundert Bücher weltweit über 14 Millionen Mal verkauften und diese auch bei uns wie warme Weggli über den Ladentisch gingen, ist das kein Indiz für Seichtheit. Zugegeben, das eine oder andere Buch ist etwas gar populär ausgefallen. Trotzdem kann ich ihn mit gutem Gewissen verkaufen, auch wenn ich selber nicht sein grösster Leser bin.

Warum muss man ein Buch von Anselm Grün gelesen haben?

Weidele Anselm Grüns Stärke ist, dass er sich gut in seine Leser einfühlen kann. Er schafft es, seinem Publikum in einfacher Weise zu vermitteln, wie jahrhundertealte Praktiken wie die Einkehr oder das Gebet das spirituelle Leben bereichern können. Als ich ihn einmal an einer Lesung im Berner Münster erlebte, war ich beeindruckt von seiner Ruhe und Bescheidenheit, die er ausstrahlte. Von Starallüren keine Spur. Seine Spiritualität ist echt – darum funktionieren seine Bücher auch.

Was tun Sie, wenn ein Kunde ein Buch möchte, mit dem Sie selber nicht warm werden? Führen Sie ihn dann auf den richtigen Weg?

Schatzmann Nein. Ich selbst mag es als Kundin auch nicht so, wenn ich ungefragt auf irgendeinen Weg geführt werde. Was ich aber tue: eine Empfehlung abgeben, wenn ich danach gefragt werde. Aber nur dann.

Weidele Ich halte es wie du, nachdem mir einmal etwas Peinliches widerfuhr. So kam ein Kunde in den Laden und erkundigte sich nach dem Buch Soundso. Dessen Thema interessierte mich nicht sonderlich, zudem fand ich es ungelenk geschrieben. Jedenfalls gab ich das alles unverblümt dem Kunden zu verstehen, worauf dieser mich wissen liess, dass er ein guter Freund des Autors sei. Ich wurde bis über die Ohren rot.

Karin Schatzmann, 48 – Die reformierte Theologin ist in Thun geboren und begann bereits während des Studiums an der Universität Bern in der Buchhandlung Voirol als Aushilfe zu arbeiten. Seit 2006 ist sie stellvertretende Geschäftsführerin. Schatzmann ist mit einem Pfarrer verheiratet, Mutter dreier Kinder und wohnt in Bern.

Während des Lockdowns im Frühjahr wurde so viel gelesen wie seit langem nicht mehr. Nun stehen uns wieder Wochen des Stillstands bevor. Sind Pandemiezeiten gute Zeiten für den Buchhändler?

Schatzmann Ja und nein. Im Frühjahr blieben die Gross­bestellungen der Kirchgemeinden und Schulen aus, ebenso fanden keine Konfirmationen, Firmungen und Taufen statt. Das hat uns getroffen. Leider gibt es erste Anzeichen, dass sich das wiederholt. Dafür konnten wir auf grosse Unterstützung unserer Kundschaft zählen: Sie bestellten sehr viele Bücher, die meine Kinder im Studentenalter im Eiltempo per Velo vor die Haustüre lieferten. Die Kunden hatten Freude an diesem Service.

Was wollen die Menschen in Zeiten wie diesen lesen?

Schatzmann Romane, Biografien, aber auch Bildbände und Kinderbücher laufen gut. Interessanterweise haben viele das Bedürfnis, Bücher an andere zu verschenken. Kaum nachgefragt werden theologisch vertrackte Texte. Unser Alltag ist ungewiss genug. Die Menschen suchen keine Apokalypse in Buchform.

Ich bitte um eine Empfehlung: Welche Lektüre befreit von trüben Gedanken und Langeweile?

Weidele Ein Sachbuch über ein würdevolles Lebensende fällt somit schon einmal weg. Aber vielleicht der Krimi «Guter Pfarrer – toter Pfarrer» von Georg Langenhorst? Der Autor, ein Theologe übrigens, zeichnet ein hervorragendes Sittengemälde der katholischen Kirche in Deutschland, inklusive Mord. Mit ihm lässt sich Nervenkitzel erleben, ohne sich auch nur im geringsten einem Risiko auszusetzen.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.
Der Fotograf Ruben Hollinger lebt und arbeitet in Bern.

Die Buchhandlung Voirol kann auf eine fast hundertjährige Geschichte zurückblicken. 1927 eröffnete der Jurassier Paul Voirol in den Räumlichkeiten der katholischen Kirch­gemeinde Dreifaltigkeit in Bern sein Buchantiquariat. Sein Angebot an religiöser Literatur und liturgischen Gegen­ständen richtete sich an die katholische Minderheit in dem mehrheitlich reformierten Kanton. 1967 ging Voirol in den Ruhestand. Nach einer Reihe von Zwischenlösungen und einer ungewissen Zukunft wurde 1975 die Buchhandlung Voirol AG gegründet. Die rund 130 Aktionäre, mehrheitlich der Buchhandlung nahestehende Privatpersonen, teilen sich das Aktienkapital.

Im Zuge des ökumenischen Aufbruchs der 1970er Jahre verlieh die neue Geschäftsführerin Angelika Boesch der katholischen Buchhandlung eine überkonfessionell-liberale Ausrichtung. 1979 wurde die heutige Lokalität in der unteren Berner Altstadt bezogen. Seither richtet sich das Sortiment an ein breites, religiös interessiertes Publikum. Die Buchhandlung ist schweizweit die einzige mit ökumenischer Geschäftsleitung und überkonfessionellem Verwaltungsrat. Kunden sind auch Kirchgemeinden, Bibliotheken und Schulen.

1985 begann die römisch-katholische Gesamtkirchgemeinde Bern, die Buchhandlung finanziell zu unterstützen; seit 1997 leisteten auch die reformierte Gesamtkirchgemeinde der Stadt sowie die christkatholische Gemeinde einen Beitrag. Der ehrenamtliche Verwaltungsrat ist überkonfessionell zusammengesetzt.