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Autor: Beat Hugi
Bilder: Walter Studer
Bilder: Edouard Rieben
Freitag, 01. April 2016

Klaus Schädelin sitzt mir an einem Samstagabend im März 1985 im ersten Stock des legendären Berner Restaurants Bierhübeli gegenüber. Die kleine Wohnung dient seit einem Jahr als Studio des Lokalsenders Kulturradio Förderband. Nur noch wenige Minuten, bis ich das Mikrofon öffnen werde. Fabula rasa heisst die Sendung, eine Annäherung an Menschen – open end. Michael Ende, Peter Bichsel und Adolf Muschg sassen schon hier. Und nun also Klaus Schädelin: Pfader, Pfarrer, Politiker, Philosoph – und Bestsellerautor. Vor uns stehen zwei kleine Gläser und eine Flasche Weisswein daneben liegt ein Stück Käse, ein Laib Brot. Er hat alles aus einer Einkaufstasche fein säuberlich auf den Studiotisch gepackt. Dann hat er seine Schuhe ausgezogen und die Füsse in ausgelatschte Hausschuhe gesteckt.

Kennengelernt hatte ich Schädelin wenige Wochen zuvor. Als junger Journalist bat ich ihn um ein Gespräch für die Berner Zeitung. Der Anlass: Dreissig Jahre waren vergangen, seit Schädelins Jugendbuchklassiker Mein Name ist Eugen erschienen war. Das Buch genoss auch drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen ungebrochene Popularität. Der Verlag zählte die 17. Auflage und stolze 120 000 verkaufte Exemplare. Ich wollte unbedingt jenen Autor persönlich kennenlernen, dem ich die wunderbaren Lausbubengeschichten von Eugen, Bäschteli, Wrigley und Eduard und ihren Abenteuern mit Folgen zu verdanken hatte. Als Journalist, ein Privileg, reicht dazu meist ein Anruf.

Klaus Schädelin wohnte mit seiner Frau in einem jener Berner Altstadthäuser, wo man, will man jemanden besuchen, das Treppenhaus hinunter- statt hinaufzusteigen hat. Unter der Bundesterrasse, im Schatten des Bundehauses und hoch über der Aare, am Münzrain 1. Die drei Kinder – zwei Töchter, ein Sohn – waren längst ausgeflogen. Aufgeregt klingelte ich.

Familie Schädelin, Bern, 1965.

Helle Freude bei Eugen-Kritik

Klaus Schädelin öffnete sofort, als hätte er schon länger hinter der Türe gestanden. Der gedrungene Oberkörper steckte in einer blau-weiss gestreiften Jacke, wie sie damals die Lokomotivführer trugen. Er lachte, deutete eine leichte Verbeugung an und bat mich herein. Beim Vorangehen murmelte er leise: «Da gibt es nun wirklich nicht viel zu schreiben.» Im Büro angekommen, schleppte er seine Akten zum «Fall Eugen» heran: zwei Bundesordner, lose Blätter, einen Stapel mit Exemplaren der Erstausgabe.

Er reichte mir eine herausgerissene Seite aus der damaligen Schweizerischen Lehrerzeitung. Darauf kurze Buchtipps. Pädagogisch wertvolle Bücher erhielten einen Stern, alle anderen ein Kreuz. Schädelins «alter Eugen», wie er sein Buch selbst nannte, kassierte gleich drei Kreuze. Es war nicht das einzige vernichtende Urteil aus pädagogischen Amtsstuben. Die Kommission für Jugendfragen des Kantons Zürich liess den Autor am 4. Jänner 1957 in einem Schreiben wissen: «Wir begrüssen Bücher mit Humor. In Mein Name ist Eugen ist aber zu unterscheiden zwischen wirklichem Humor und blosser, manchmal geschmackloser Situationskomik.» Im Kanton St. Gallen wurde sein Buch gar aus den Schulbibliotheken entfernt.

Schädelin zelebrierte solche Pointen. Er sei ja immer schon viel begieriger auf Kritiken gewesen, die ihn beschimpfen würden, legte er genüsslich nach. Dies aus einem einfachen Grund: «Sie amüsieren mich mehr.»

An den anhaltenden Grosserfolg seines Buchs habe er sowieso nie so recht geglaubt, kokettierte Schädelin. Eines aber habe er immer gewusst: «Dass ich mich in eine Lücke auf dem Jugendbuchmarkt geschrieben hatte.» Selbst die Lausbubengeschichten von Ludwig Thoma seien anders, und mögen tue er die sowieso nicht. «Thomas Buben sind schlicht bösi Cheibe.»

Familie Schädelin, Bern, 1965.

Vielmehr habe er sich davor gefürchtet, dass ihm jemand für seine Eugen-Geschichten ein Plagiat von Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn nachsagen könnte. Den Autor Twain und seine Figuren habe er zutiefst verehrt: «Ich bin unlängst an den Mississippi gereist, um ihnen so nah wie möglich zu kommen. Sie waren meine Helden.» Als Kind habe er viel gelesen. Aber nicht Bücher wie Heidi. «Ich war ein ängstliches Kind. Bücher wie das Heidi haben mir Angst gemacht. Dann lieber Karl May! Ich habe Abenteuerbücher gelesen. Und lustige. Davon gab es aber kaum welche.»

Wimmelbuch-Qualität: Das stille Örtchen der Familie Schädelin.

Klaus Schädelin wühlte weiter in seinen Akten zu Eugen. Er schmunzelte über Randnotizen und folgerte aus den Unterlagen, dass er am 20. Mai 1955 «in letzter Minute» das Manuskript dem Zwingli-Verlag, dem heutigen Theologischen Verlag Zürich, übergeben hatte. Die Geschichten von Eugen und seinen Freunden als Buch zu veröffentlichen war nie geplant: «Ich schrieb diese kleinen Episoden – halb erfunden, halb erlebt – ursprünglich für das Berner Pfaderblättli Hallo. Sie sicherten ungefähr einen Drittel des Buchs. Den ganzen Rest schrieb ich innert drei Wochen neu», erinnerte sich Schädelin.

Für den Theologischen Verlag Zürich ist das Buch, neben der Zürcher Bibel, bis heute der zweite langjährige Bestseller. Die Eugen-Kennzahlen sind imposant: In etwas mehr als sechzig Jahren wurden 32 Auflagen gedruckt, insgesamt 230 000 Bücher abgesetzt.

Tantiemen für Flüchtlinge

Im Gespräch versicherte mir Schädelin zu meiner Verblüffung, dass ihn «der ­Eugen» – zumindest was die ersten drei Auflagen betrifft – zum armen Mann gemacht habe: «Meine Frau und ich hatten nach dem Ungarnaufstand 1956 Flüchtlinge in unser Haus aufgenommen. Zu Beginn vier, später gar fünf. Für sie mussten wir aufkommen. Wir hatten also all mein Eugen-Geld für sie ausgegeben und dabei nicht bedacht, dass meine Bucheinkünfte ja auch noch mit Steuern belastet würden.» Als diese fällig wurden, fehlte das Geld. «Und wie viel betrug der restliche Eugen-Erlös?» fragte ich nach.

«Wir begrüssen Bücher mit Humor. In Mein Name ist Eugen ist aber zu unterscheiden zwischen wirklichem Humor und blosser, manchmal geschmackloser Situationskomik. Kommission für Jugendfragen im Kanton Zürich

Schädelin figuretlete am Taschenrechner und sagte: «Rechnet man die damaligen Verkaufspreise auf heutige Währungsnormen um, hat mir der Eugen 200 000 Franken eingebracht. Verteilt auf dreissig Jahre, wohlverstanden.»

Schon folgte der nächste kleine Zaubertrick: Er zog eine alte Postkarte hervor und warf sie lässig auf den Tisch. Die Seite mit dem Absender obenauf: Karl Barth, Basel. Der renommierte Theologieprofessor, bei dem Schädelin studiert hatte, gratuliert ihm begeistert zu seinem Eugen. Und so ging es weiter in seinem Büro, von Anekdote zu Anekdote. Manchmal blätterte Schädelin gedankenverloren weiter, dann zitierte er etwas oder stöhnte über das eben Entdeckte. Ab und zu schüttelte er energisch den Kopf und wunderte sich: «Solch ein Eugen tut der eigenen Eitelkeit schon auch schampar gut.»

Nach einem ersten Whiskey bat ich ihn um das Radiogespräch im Kulturradio Förderband.

Schonungslose Offenheit

Am Ende wurden es zwei Radioabende, an denen Klaus Schädelin mir und den Hörerinnen und Hörern von Kulturradio Förderband aus seinem Lebensbuch – wie er es selbst nannte – erzählte. Die Kassetten mit den Aufnahmen der Fabula-rasa-Sendungen mit ihm liegen beim Schreiben dieser Zeilen neben mir. Für diesen Text habe ich alle Kassetten nochmals abgehört. Dabei setzte ich mich noch einmal mit Klaus Schädelin ins Studio und hörte ihm stundenlang zu. Nicht selten war ich zu Tränen gerührt. Aber auch immer wieder bass erstaunt, mit welcher Offenheit, Freizügigkeit und Wucht er über sein ­Leben spricht. Heute, rund dreissig Jahre später, realisiere ich, welche Sprengkraft in seinen Worten steckt. Wie Schädelin mit Eleganz, Entschlossenheit und Schalk von den Hochebenen und Schluchten des Lebens zu erzählen wusste. Wie er unbarmherzig mit den einen war, dafür behutsam mit den anderen. Und wie er mit seiner Dramaturgie des Erzählens die ­Augen, Ohren und Herzen der Zuhörer öffnete.

Klaus Schädelin während einer Signierstunde in einem Berner Kaufhaus, 1980er Jahre

Zurück in die kleine Wohnung über dem Restaurant Bierhübeli, ins Studio des Lokalsenders Kulturradio Förderband. Es ist 20 Uhr, wir gehen auf Sendung. Während des Signets trompetet Klaus Schädelin nochmals ins Taschentuch. Dann legt er mit seiner tiefen, kehligen Stimme los. Er erzählt mir, dass sadistisch veranlagte Lehrer ihm Höllenqualen bereitet haben. Der Lesedrill habe ihn fast zum Legastheniker gemacht: «Noch heute kann ich keinen Text lesen, ohne beim zweiten Satz schon dreimal anzustossen. Das ist auch der Grund, weshalb ich meine satirischen Zytlupe-Beiträge für Radio DRS 1 nicht ablesen kann. Ich muss sie auswendig lernen.» Schädelin sagt, dass er zeitlebens unter Angstzuständen gelitten habe und ein unbedarfter Satz seiner älteren Schwestern, der Klaus sei verwachsen, ihn für Jahre zum Krüppel gemacht habe. Schädelin erzählt auch, dass die Sexualität in seinem Elternhaus an der Herrengasse – der Vater Pfarrer am Berner Münster – ein absolutes Tabu gewesen sei. Und welche Qualen und Ängste ihm das in seiner Pubertät bereitet habe, welche Pein und Scham der erste Samenerguss.

Über seine eigenen Erlebnisse als Vater erzählt er, dass er nach der Geburt seines Sohnes Michael in seinem Döschwo durch Bern gefahren sei und dabei trunken vor Stolz und Rührung ein paar Zeilen aus einer alten Pagnol-Verfilmung vor sich hingemurmelt habe: «Mon fils, mon fils et moi… moi et mon fils…»

Schädelin war der Ansicht, dass nicht die Eltern die Kinder erzögen, sondern die Kinder vom ersten Tag an die Eltern. Und das sei gut so.

«Für Mani Matter war ich wohl eine Art Onkel. Sein Tod ging mir existenziell nahe.»

Dankbarkeit von einem Kind zu erwarten sei «Bockmist». Und «den Schlüssel für immer hinter einem Kind zu drehen, schlicht undenkbar».

Depressionen im Pfarramt

Dann das Theologiestudium, die Kirche! Wo er statt von der Herzenswärme der frohen Botschaft meist nur Staubtrockenes zum Auswendiglernen zu hören bekommen hatte. Oder nach der Rekrutenschule, er als Vikar im oberaargauischen Attiswil. Plötzlich wurde er nur noch mit «Herr Pfarrer» angesprochen, mit Betonung auf dem «Herr», was er unmöglich fand. Es dauerte nicht lange, bis der Kirchenpräsident ihn rügte: « Er meinte, ich laufe zu schnell zur Kanzel. Er forderte mich ultimativ auf, in der Kirche nicht zu laufen, sondern zu schreiten. Ein Pfarrer müsse Ernsthaftigkeit ausstrahlen, denn die frohe Botschaft sei unsagbar ernst. Gott lache nicht!» Schädelin lacht, als er das erzählt.

Zugegeben, auch er habe damals einen Kanzelton entwickelt, «nichts Schönes». Auch wurde er als «Herr Pfarrer» wie in der Rekrutenschule kurz zuvor die Offiziere «von den normalen Menschen separiert. Und das in der Kirche!» Er habe als Pfarrer in Hünibach bei Thun und später an der Petruskirche in Bern mit Fortune daran gearbeitet, den Kanzelton und die Anrede «Herr Pfarrer» nicht weiter zu pflegen. Seine Frau habe ihm dabei geholfen: «Sie hat unser grosses Pfarrhaus zu einem offenen Haus gemacht. Alte und Junge trafen sich hier. Intellektuelle und Obdachsuchende. Es gab Zeiten, da war oft so viel los, dass wir beide uns in eine Beiz setzen mussten, um eigene Dinge ruhig besprechen zu können.» Erinnert sich Schädelin an seine Zeit als Pfarrer, sagt er aber auch: « Ich habe im Pfarramt viel unter Depressionen und unter dem Gefühl, nicht genügen zu können, gelitten.»

Während seines mehrstündigen Radiomonologs lege ich zwischen den einzelnen «Kapiteln» die eine oder andere Langspielplatte aus Schädelins Sammlung auf. Play Bach von Jacques Loussier. Wolf Biermanns kleine Ermutigung Komm, lass dich nicht verhärten... Dixieland aus der Berner Länggasse. Zum legendären Gospelsong Go tell it on the mountain steht Schädelin auf, tanzt und singt mit. Noch während ein Stück spielt, hält er mir eine Tonbandspule mit dem Hinweis hin, dass da rarste Aufnahmen von Mani Matter drauf seien. Nicht eigene Lieder, sondern Parodien von Hans Albers oder Maurice Chevalier. Wieder auf Sendung sagt er: «Ich war damals der einzige im Umkreis der jungen Berner Chansonniers, der ein Spulentonband besass. Da sie sich selber hören wollten, kamen Mani Matter und seine Freunde jeweils zu uns nach Hause, um ihre neuen Chansons aufzunehmen. Oder eben Mani diese Coverversionen, die er auch schon mal an bunten Abenden der Pfadfinder sang.»

Klaus Schädelin bei sich daheim in blau-weiss gestreifter Jacke, wie sie damals Lokomotivführer trugen. «Nach einem ersten Whiskey bat ich Schädelin um das Radiogespräch», erinnert sich Autor Beat Hugi.

Tränen bei Mani Matter

Über sein Verhältnis zu Matter erzählt Schädelin: « Ich kann nicht sagen, dass ich ihm ein Freund wurde. Dafür war der ­Altersunterschied einfach zu gross. Aber ich habe wohl eine Art Onkelrolle für ihn gespielt. Und meine Frau war ihm ein bisschen Mutterersatz.» Mani Matter sei für ihn der gescheiteste Mensch, den er je getroffen habe. Von einer unglaublichen Denkkraft, von einer Logik. Gemütlich, zerstreut, sehr direkt, lieb wie «nume öppis» und schonungslos brutal, wenn er einem die Meinung sagen wollte. Er hat in jeder Situation für den kompliziertesten Sachverhalt immer ganz einfache Worte gefunden. Deshalb seien auch seine Lieder «von vorne gesehen ganz gewöhnliche Lieder», die «jede Lööu», also jeder Dummkopf, verstehe. Aber dahinter und darunter seien sie von einer unglaublichen Gemütstiefe, zeugen von einer einzigartigen formalen Begabung. «Sie alle sind im kleinen verpackte hochphilosophische Gedanken.»

Klaus Schädelin laufen die Augen über, als er von Mani Matter spricht. Er holt sein Taschentuch hervor und sagt: «Ich war es auch, der 1972 nach Manis Autounfall bei ihm daheim die Mitteilung von seinem Tod überbringen musste. Bei diesem Ereignis habe ich mir meinen späteren Herzinfarkt geholt. Manis Tod ist mir existenziell nahgegangen.»

Mani Matter war es auch, der 1958 mit knapp weiteren dreissig Leuten der losen Gruppe Junges Bern Schädelins Politkarriere lancierte. Mit dem Slogan «Wenn schon ein Klaus in den Gemeinderat, dann Klaus Schädelin» portierten sie ihn als Kandidaten zur Ersatzwahl in den Gemeinderat. Unverhofft sah sich der reformierte Pfarrer Schädelin im Wahlkampf gegen einen strammen Parteisoldaten der Bürgerlichen. «Irgendwann begannen die Zeitungen über mich zu schreiben, mehrheitlich verächtlich», erinnert er sich. «Dann sah ich das erste grosse Plakat mit meinem eigenen Kopf drauf, und etwas später wurden noch Flugblätter mit meinem Konterfei gedruckt. Sie lagen überall auf dem Boden herum, die Leute liefen darüber.» Am Wahlabend folgten die ersten Telefonate aus den Wahllokalen. Schädelin führt in Bümpliz haushoch. «Und dann rief mich auch schon der ebenfalls frisch gewählte Stadtpräsident an: ‹Ich gratuliere, Herr Kollega!› Da ist man plötzlich ‹der Herr Kollega› des Stadtpräsidenten!» Schädelin ist sich sicher: «Ohne meinen Eugen und seine Publizität hätte ich nie eine politische Wahl gewonnen.»

Was dann folgte, nennt er «einen ­Reigen der Eitelkeiten».

«Heute schäme ich mich sehr, in den ersten Wochen als Berner Gemeinderat im Reigen der Eitelkeit und Machtdemonstration mitgetan zu haben.»

Als erste Amtshandlung habe er den Gemeinderat am Eidgenössischen Schützenfest in Biel repräsentiert. Drei Bundesräte hätten ihm dort wohlwollend die Hand geschüttelt. Einer habe ihm dabei versichert, dass Regieren ganz einfach sei: Man bekomme die Akten auf den Tisch, unterschreibe sie, und fertig.

Beim Festumzug musste der neu gewählte Gemeinderat Schädelin unter den Honoratioren mitmarschieren. Auf der nachmittäglichen Schifffahrt auf dem Bielersee erwartete ihn dann die Landesverteidigungskommission zu einer Aussprache. «Die Korpskommandanten und Generalstäbler beorderten mich aus einem einzigen Grund zum Bug des Schiffes: Um mir zu sagen, dass sie alle den Eugen gelesen hätten, und wie sehr sie das Buch mögen.»

Schädelin lacht verlegen vor sich hin, seufzt und sagt nach einer gekonnt gesetzten Pause: «Heute schäme ich mich sehr, in diesen ersten Wochen im Reigen der Eitelkeit und Machtdemonstration mitgetan zu haben.»

Keine Schablonen-Menschen

Nach seinem Herzinfarkt tritt Klaus Schädelin 1973 als Gemeinderat der Stadt Bern zurück. Seine sechzehnjährige Amtsführung beurteilt er im Studio so: «Ich ha nie geglaubt, ich sei gut. Ich habe mir höchstens gedacht, ich sei in diesem Amt besser als andere.» Er erzählt einige Müsterchen aus seiner Arbeit im Fürsorge- und Gesundheitsdepartement. Von Menschen am Rand, die für ihre Freiheit die eigene Haut zu Markte getragen hätten. Ihnen sei er als Pfarrer und Politiker stets mit Bewunderung und Hochachtung begegnet. Weil es keine Schablonen-Menschen seien. Wie jener Mann, der eines Tages aus seiner Wohnung auszog, um sich mit Zeitungen ein Haus im Bremgartenwald zu bauen und dort zu residieren: «Ich habe ihn als Gemeinderat in seinem Königreich im Wald besucht. Er war für mich die Majestät im ‹Bremer›. Diese sogenannt Arbeitsscheuen, die Sozialfälle, waren nicht selten von einer berührenden Güte und Grösse.»

Klaus Schädelins Leidenschaft galt dem Billard der armen Leute, den «Boccette». Gespielt wird es ohne Stock. Der Raum bei Schädelins, wo der drei VW-Käfer schwere Spieltisch stand, ähnelte mit seinen Bier- und Mineralwasserreklamen einer Beiz.

Einmal habe er seine Fürsorger in einer Sitzung zum Jahresende gefragt, was mit einem Mann geschehen solle, der keine Lehre abgeschlossen habe, sich auf Plätzen und Strassen herumtreibe und versuche, die Leute in ein Gespräch zu verwickeln. Der Mann halte gescheite Reden, das schon, arbeite aber nicht, verdiene nichts, lebe auf Pump. Weiter halte er in seiner Gang sogar einen, der die Almosen für ihn eintreiben müsse. Für die anwesenden Fürsorger war der Fall klar: Der Mann sei umgehend in die Arbeitserziehungsanstalt St. Johannsen überzuführen. «Da schloss ich das Dossier und sagte: Meine Damen und Herren, Sie haben eben Jesus von Nazareth nach St. Johannsen eingewiesen. Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr!»

Am zweiten Gesprächsabend im ­Radio-Förderband-Studio spricht Klaus Schädelin auch über das Sterben und den Tod. Es sind grosse Gedanken, jederzeit von einem grossen Urvertrauen ins Leben zeugend. «Fürchtet euch nicht vor dem Tod. Ob ihr es glaubt oder nicht: Euch wird nichts anderes passieren als mir. Nichts anderes als jedem Blatt und jedem Spatz, der tot vom Ast sinkt. Der Tod ist für uns Menschen etwas Schreckliches, weil wir denken können. Für Tiere gibt es nur das Sterben, und dagegen wehren sie sich. Sterben und Tod ist nicht das gleiche. Der Tod ist ein Gedanke des denkenden Ichs über das Nichtmehrsein. Das Sterben hingegen ist ein Prozess, der das Leben beendet. Euer Sterben ist etwas, das ihr nicht erleben werdet. Es hat noch nie einer sein Sterben erlebt. Erleben können wir selbst nur unser Leben. Wenn ihr sterbt, ist mir um euch nicht Angst, weil ich weiss: Gott kennt euren Namen. Ob ihr seinen kennt, spielt gar keine so grosse Rolle. Vergesst den Tod nicht, aber lebt auf ihn zu, das Sterben ist nicht unser Bier. Ich werde also leben, bis es mich nicht mehr gibt. Ich will versuchen, das Leiden, und ich werde leiden, nicht zu einem Genuss, aber wenigstens zu einem Gag zu machen. Das wäre das Schönste.»

Knapp zweieinhalb Jahre nach unseren beiden je fünfstündigen Sendungen im März und im Mai 1985 auf Radio Förderband, nach wunderbar entspannten gemeinsamen Tagen in Schädelins Tessiner Ferienparadies Bedigliora, nach unserer ökumenischen Hochzeitsfeier, zu der mich Klaus Schädelin als reformierter Pfarrer begleitet hat, erhielten meine Frau und ich wie andere Freunde und Verwandte auch einen Brief vom Münzrain 1, 3005 Bern. Es war sein Abschiedsbrief: «Was das Sterben betrifft, darf ich euch beruhigen, ich habe eine lange Trainingszeit hinter mir. (. . .) Und ich weiss nicht so recht, ist es meine alte Leichtfertigkeit oder eine besondere Gabe, dass mir der Gang in den Tod nicht eine Spur Angst einflösst. Ich halte mich heute in den meisten Dingen für so überflüssig, dass ich sorglos ad patres gehen kann. Und besonders wertvoll ist mir geworden, wie absolut nichtig die sogenannten Würden sind. Was zählen schon Erfolge und markante Misserfolge, wo man an die Lebensschwelle gerät. Müsste ich noch ein Büchlein schreiben, so wäre es eine Warnung vor dem Streben nach Dingen, die Ehre und saftige Nachrufe einbringen. Das ist alles Chutzemist.»

«Wenn ihr sterbt, ist mir um euch nicht Angst, weil ich weiss: Gott kennt euren Namen. Ob ihr seinen kennt, spielt gar keine so grosse Rolle.» Klaus Schädelin starb wenige Tage vor Weihnachten, am 13. Dezember 1987, nach langer und schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren.

Beat Hugi ist Mitbegründer des Berner Kulturradios Förderband und arbeitet heute als Autor und Kommunikationsberater. Hugi lebt in Langenthal BE. Sein älterer Sohn heisst Simon Eugen.

Die Fotografien 1, 3, 5, 6 und 7 stammen aus dem Archiv des 1986 verstorbenen Berner Fotografen Walter Studer.
Die Bilder 9 und 11 stammen von Edouard Rieben. Der Fotograf lebt in Biel BE.
Die Bilder 13 und 14 stammen aus dem Archiv von Hansueli Trachsel. Der Fotograf lebt in Bremgarten BE.