Durch die Vorhänge vor dem vergitterten Fenster dringt oranges Licht, es fällt auf ein schmales Bett und auf eine Tür mit ausgeschnittenen Bildern von Kühen und einem Post-it, auf dem «Butter» steht. Aus einem Radio in der Ecke ertönt der Refrain von «Bella Ciao».
Das italienische Partisanenlied besingt eine grosse Not angesichts eines übermächtigen Feindes und den Abschied von einer geliebten Person. Doch der Mann, der in dieser Zelle lebt, ist kein Partisan. Er ist ein Gewaltverbrecher, wie die anderen elf Insassen der Abteilung 60plus in der JVA Lenzburg. Oder wie es Dienstchef Erich Hotz ausdrückt: «Die Männer, die zu uns kommen, waren früher ‹Blick›-Schlagzeilen. Wer bloss einen Rasierer mitgehen lässt, landet nicht hier.»
Das «früher» ist wichtig, denn die Männer in den Zellen sind seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten in Haft. Sie haben graue Bärte und lichtes Haar, schlurfen mit dem Rollator über den Gang oder stützen sich beim Gehen an die Wand.
Die Abteilung 60plus ist eine von wenigen Institutionen im Schweizer Justizvollzug, die spezifisch auf ältere Gefangene ausgerichtet sind. Sie gilt als Pioniereinrichtung, ist in diese Rolle jedoch eher zufällig geraten: Ursprünglich wurde der Trakt für Gefangene mit einer psychischen Störung gebaut, aber mit der Erweiterung der Psychiatrie in Königsfelden AG wurden die Plätze in Lenzburg obsolet.
Der Entscheid, stattdessen eine Altersabteilung aufzubauen, stellte das Team zunächst vor Herausforderungen. «Architektonisch ist der Trakt nicht für alte Menschen geeignet», sagt Hotz, der seit der Eröffnung vor fünfzehn Jahren dabei ist. «Es gibt Schwellen, die Türen sind zu schmal für Spitalbetten, und der Raum in den Zellen ist so begrenzt, dass es schwierig wird, mit einem Rollstuhl darin zu manövrieren.» Manches konnte mit der Zeit angepasst werden, etwa der Handlauf im Flur.

Erich Hotz arbeitet seit der Eröffnung auf der Altersabteilung. Den Handlauf gab es damals noch nicht.
Die ersten Gefangenen kamen nur probeweise auf die Abteilung, um zu schauen, ob das Setting für beide Seiten passt. Schliesslich sei die Diskrepanz enorm, sagt Hotz: «In den anderen Abteilungen haben wir 180, 190 Gefangene aus über dreissig Nationen, jung, testosterongeladen, es gibt so etwas wie eine Hackordnung. Die Ruhe hier fanden die einen herrlich – und die anderen stinklangweilig.»
Auf der Altersabteilung gilt im Gegensatz zum Normalvollzug die Arbeitspflicht nur halbtags. Dafür waschen die Insassen ihre Wäsche selbst – damit sie das Leben nicht verlernen, wie Hotz es ausdrückt. Ausserdem gibt es eine Gemeinschaftsküche, und in den Zellen ist das Rauchen erlaubt.
Zu Beginn habe er noch viel mehr Ideen gehabt, so Hotz. «Mein Chef hörte sich alles an und sagte dann: ‹Super, mach nichts davon.›» Stattdessen habe er ihm geraten, zu warten, bis die Gefangenen selbst Bedürfnisse äussern.
Ein Spielnachmittag, das wäre doch gut, meinte schliesslich einer. Hotz, sein Team und die Gefangenen organisierten es gemeinsam. Ob man im Hof nicht ein paar Kräuter zum Kochen anpflanzen könne? Hotz und sein Team besorgten Schnittlauch und Peterli.
Manches hielt sich, anderes verdorrte oder wurde irgendwann nicht mehr genutzt. Der Pingpongtisch auf dem Hof etwa dient bei den gelegentlich stattfindenden Grillabenden vor allem als Abstellfläche. Das gelte es auszuhalten, sagt Hotz.

Gespielt wird hier kaum mehr. Der Pingpongtisch dient bei Grillabenden vor allem als Abstellfläche.
Überhaupt dieses Aushalten – es gehört zum Job auf der Abteilung 60plus. Aushalten, dass man Menschen nicht immer ändern kann. Dass manche Krankheiten nicht heilbar sind. Aushalten, dass meist erst wieder ein Platz frei wird, wenn jemand gestorben ist. Von zwölf Insassen sind derzeit neun verwahrt, und drei verbüssen eine Endstrafe, also eine Haftstrafe mit einem klaren Ablaufdatum.
Die wenigsten haben eine reelle Chance, je wieder freizukommen. Und selbst wenn: Für den Alltag draussen sind sie schlecht gerüstet, viele verlieren während der Haft den Anschluss an die Welt. Zugang zum Internet haben sie im Gefängnis nicht.
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