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Autorin: Barbara Schmutz
Donnerstag, 06. Februar 2025

Frau Dufner, die Protagonistin Ihrer Graphic Novel «Bauchlandung», die 17-jährige Noemi, träumt, sie baumele an einer Flugzeugtür hängend in der Luft und sei schwanger. Ist das Ihr Traum, den Sie gezeichnet haben?

Ja, diese Szene habe ich genau so geträumt. Als ich aufwachte, war ich irritiert: Einerseits fühlte sich alles sehr realistisch an, wie das mit Träumen ist, andererseits dünkte es mich total unwirklich, weil ich der festen Überzeugung war, dass ich nie Mutter werden würde. Ich notierte in mein Tagebuch: «Wie blöd.»

Und doch träumten Sie kurz darauf weitere zwei Male, dass Sie Mutter sind, und einen Monat später waren Sie tatsächlich schwanger. Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Schwangerschaftstest positiv war?

Ein paar Sekunden lang freute ich mich, dass in mir ein neuer Mensch heranwächst. Meine Kolleginnen hatten mir jeweils gesagt: «Du bist viel zu dünn, um jemals ein Kind zu bekommen.» Ich dachte: «Seht ihr, es geht doch!» Aber die Freude hielt nur kurz an.

Welche Gefühle folgten?

Angst vor allem. Ich war schon vorher ein ängstlicher Mensch, fand es anstrengend, mit anderen zusammenzusein, bekam Kopfschmerzen, wenn es um mich herum viele Leute hatte. Ich war schüchtern, eine Aussenseiterin. Die Schwangerschaft würde meine Situation nicht verbessern.

Wie Ihnen ergeht es der Protagonistin in «Bauchlandung» — auch sie wird schwanger. Was ist autobiografisch in «Bauchlandung» und was Fiktion?

Ursprünglich ging ich von meiner eigenen Geschichte aus und zeichnete einzelne Szenen aus der Erinnerung. Für die Erzählung passte ich die Szenen an und formte sie zu einer chronologischen Geschichte. Dafür erfand ich neue Charaktere, neue Dialoge und spitzte Konflikte zu. Deshalb kann ich nicht von einer Autobiografie sprechen, eine solche wäre mir auch zu persönlich gewesen. Dank der fiktiven Figur konnte ich mit einer gewissen Distanz an der Geschichte arbeiten.

Wanda Dufner, 32, hat an der Hochschule Luzern Visuelle Kommunikation studiert, mit Spezialisierung auf Illustration. Sie arbeitet als freischaffende Illustratorin, entwirft Kleider, gestaltet Bücher, unterrichtet in Workshops Kinder in Vorstellungsvermögen und räumlichem Denken und gibt eigene Magazine heraus. Sie zeigt ihre Werke an Ausstellungen im In- und Ausland, etwa am Comic-Festival Fumetto in Luzern oder im Rahmen einer Pro-Helvetia-Ausstellung im MEDAA (Maison européene des auteurs et autrices) in Brüssel. Dufner hat für ihr Projekt «Bauchlandung» 2021 das Comic-Stipendium der Deutschschweizer Städte erhalten und wurde 2023 für den Comic-Buchpreis der Berthold Leibinger Stiftung nominiert.

Sie zeichnen Noemis Umfeld ziemlich erbarmungslos. Die Eltern sind schockiert, der Freund ist entsetzt, die Lehrerinnen und Lehrer zeigen, bis auf einen, nicht viel Mitgefühl. Die Klassenkameradinnen heucheln Interesse, lästern auf Social Media aber über die Schwangere. Die Beraterinnen in den Beratungsstellen konzentrieren sich eher auf Noemis Eltern als auf sie. Kurz: Niemand freut sich.

Doch, die Grossmutter. Sie stellt sich vor, wie sie das Baby baden und dann ins Bettchen legen wird, in dem bereits der Grossvater geschlafen hat. Sie ist die optimistische Stimme, die Noemis Mutter sagt, sie solle der Tochter vertrauen.

Und sie ist sehr gläubig.

Sie ist überzeugt, dass Gottes Weg richtig ist und deshalb alles gut kommt. Diese positive Stimmung konnte sich Noemi teilweise auch zu eigen machen, es half ihr, nicht alles schwarz zu sehen.

Was tat Ihnen gut?

Ich versuchte, im Glauben einen Anker zu finden, inspiriert durch meine Grossmutter. Sie nimmt an, was ihr im Leben passiert, und versucht, das Gute zu sehen. Ich wollte es so machen wie sie, merkte aber, dass viele der religiösen Regeln für mich nicht passen, sie fühlten sich nicht mehr zeitgemäss an. Zudem galt eine Schwangerschaft ausserhalb der Ehe als schwere Sünde. Das ist denn auch das Brutalste, wenn man als Teenager schwanger wird: Man wird von vielen als Bösewicht hingestellt, als hätte man eine schwere Straftat begangen. Alle wollen einen nun erziehen, alle sagen einem, dass bald ein anderes Leben herrschen wird.

Was tut man in einer solchen Situation?

Darauf hoffen, dass es besser wird. Einen anderen Weg sah ich nicht. Als ängstliche Person wagt man weder einen Schritt nach vorne noch läuft man weg. Man lässt die Situation über sich ergehen. Vielleicht gab mir auch Kraft, dass ich allen beweisen wollte: Ich schaffe das!

Noemis Eltern schleppen sie von Beratungsstelle zu Beratungsstelle, doch das hilft ihr nicht. Welche Erfahrungen machten Sie mit Beraterinnen?

Auch schwierige, vor allem weil der Fokus bei den meisten Gesprächen auf der Zeit nach der Geburt lag: Wie soll es weitergehen? Das, was mich während der Schwangerschaft beschäftigte – wie gehe ich mit dem Schock um, schwanger zu sein? Wie stark bekommt das Baby meine Ängste mit? Wie kann ich meinen Eltern meine Bedürfnisse erklären? –, darüber wurde nicht gesprochen. Und auch nicht darüber, wie erschreckend es ist, wenn man das Geschlecht des Kindes erfährt.

Erschreckend?

Ja, weil man bis zu diesem Moment einfach an ein Baby denkt, dann erfährt man: Es ist ein Mädchen. Nun hat man ein Bild im Kopf, sieht sich schöne Frisuren machen, schöne Kleidli kaufen. Bis der Arzt dann bei der nächsten Untersuchung sagt: Es ist ein Bub. Natürlich ist es egal, ob es ein Bub oder ein Mädchen ist. Doch von einem Moment auf den anderen ist alles anders. Die Namen, die einem gefallen, kann man vergessen, und auch die Phantasien, die man hatte, sind erledigt. Am meisten Mühe machte mir aber, dass all die Beraterinnen, Ärzte, Lehrerinnen und Lehrer in mir entweder eine Erwachsene sahen, die ein Kind bekommt und sich auch so verhalten sollte –, oder ein Kind, das wegen seiner Schwangerschaft nun möglichst schnell erwachsen zu werden hat.

Auffällig ist der Gynäkologe, den Sie zeichnen. Mit roter Nase und kupferfarbenem Haarkranz erinnert er an einen Clown.

Anders als Noemi hatte ich mehrere Ärzte. Der allererste, jener, der die Schwangerschaft bestätigte, sah tatsächlich aus wie ein Clown. Ein anderer verhielt sich wie einer. Er versuchte, mich mit Witzen aufzuheitern.

Gelang es ihm?

Manchmal schon. Wenn man wie ich immer vom Schlimmsten ausgeht, tut es gut, wenn ab und zu einer lustig ist. Allerdings besteht beim Witzeln die Gefahr, dass man nicht ernst genommen wird.

Von den Ärzten?

Allgemein nicht. In der Graphic Novel sagt der Arzt zu Noemi, sie könne froh sein, dass sie so tolle Eltern habe. Das sind Killersätze. Sie geben ihr das Gefühl, sie dürfe sich nicht schlecht fühlen, dürfe die Probleme, die sie hat, nicht ansprechen. Noemis Gynäkologe spricht mit ihr über Übelkeit, über schmerzende Gelenke oder schmerzende Bänder. Aber sie hat noch andere Sorgen. Ich konnte mit einer Therapeutin besprechen, was mich plagte oder was mir Angst machte. Doch ich sah sie nur einmal in der Woche, das war viel zu wenig. Als schwangerer Teenager hat man so viele Probleme, dass man oft gar nicht weiss, über welches man reden will. Meist reicht die Zeit nur für eines, oft ist es nicht mal das drängendste, und dann ist man wieder allein.

Sie machen mit Ihrer Graphic Novel einen Teil Ihres Lebens öffentlich. Schauen Sie der Buchvernissage mit Herzklopfen entgegen?

Da einiges fiktionalisiert ist, vor allem die Reaktionen meines Umfelds, bin ich nicht nervös. Dass meine Eltern schockiert waren, als ich ihnen sagte, ich sei schwanger, dass sie damit erst nicht klargekommen sind, ist ein Stück weit verständlich. Wahrscheinlich hätten auch andere Teenager-Eltern so reagiert. Es war nicht so, dass ich von ihnen keine Unterstützung bekommen habe. Meine Mutter stellte mit mir zusammen mein Zimmer so um, dass ich mit dem Baby darin wohnen konnte. Wir gingen Babyausrüstung und Babykleider kaufen. Als mein Sohn dann geboren war, schlugen die Skepsis und die Ängste, die sie bis dahin hatte, in Freude um. Sie half mir im ersten Jahr sehr, mich in meinem neuen Leben zurechtzufinden. Mit mir und meinen beiden Brüdern, die sie grossgezogen hat, ist sie ja ein Mutterprofi. Und als ich nach einem Jahr Pause wieder zur Schule ging und auch während meiner Ausbildung zur Illustratorin, kümmerte sie sich zusammen mit meiner Grossmutter um ihren Enkel.

«Bauchlandung» endet mit der Geburt des Babys. Wie alt ist Ihr Sohn heute?

Er ist 14. Manchmal finde ich es schade, dass ich mit ihm in seinen ersten Lebensjahren nicht mehr Zeit habe verbringen können. Es gibt Momente, da denke ich, ich hätte auch während des Studiums eine längere Pause einlegen können. Aber damals wollte ich vor allem so schnell wie möglich meine Ausbildung machen. Ich fürchtete, alt zu werden, bevor ich damit fertig bin.

War von Anfang an klar, dass es ein Buch werden sollte, als Sie begannen, die Geschichte Ihrer Schwangerschaft zu illustrieren?

Nein, überhaupt nicht. Ich wollte nur ein paar Zeichnungen machen, um zu analysieren und zu begreifen, was passiert war. Wenn ich male, gehe ich immer von persönlichen Themen aus, von Dingen, die mich beschäftigen. Ich überlege dann jeweils, wie man sie in Bilder und Dialoge übersetzen kann. Ob sich das dann auch verkaufen lässt, steht nicht im Vordergrund. Der Gedanke, meine Zeichnungen zur Schwangerschaft öffentlich zu machen, war mir lange unangenehm. Erst als ich bei regelmässigen Treffen mit anderen Illustratorinnen von den Zeichnungen erzählte, reagierten alle positiv.

Bei der Lektüre der Dialoge fällt auf: Ihre Sätze sitzen. Da ist nichts zu viel und nichts zu wenig. Was inspiriert Sie?

Vielleicht das Tagebuch, das ich schon lange schreibe. Manche Stimmungen illustriere ich mit Zeichnungen. Anderes schreibe ich nur auf. Manchmal amüsiere ich mich auch über das, was mir passiert.

Die Grapic Novel «Bauchlandung» erscheint am 4. März im Schweizer Comicverlag Edition Moderne. Gleichentags findet die Vernissage statt; im Sphères, der Bar und Buchhandlung im Zürcher Kreis 5. Anmelden kann man sich hier: wandamirjana.ch

Bilder: © Edition Moderne / Wanda Dufner

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