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Autorin: Petra Bahr
Freitag, 17. September 2021

«Und was sagen Sie? Sie sind doch von der Kirche.» Die Frage kommt feixend, fast spöttelnd. Vielleicht ist es Ohnmacht, die sich hinter dem bösen Wort vom Katastrophenversagen versteckt, das seit der Pandemie von aussen an Kirchtüren geklebt wird. Was sage ich, angesichts der Gewalt, mit der sich Wasser und Schlamm durch malerische Dörfer schieben und alles mitreissen, Spielgeräte und Autos, Tierkadaver und Häuser? Die bislang mehr als 160 Menschen das Leben kostete, Tausende Existenzen – und zerstörte Seelen, worüber im akuten Notfall noch niemand redet? Was sage ich angesichts der Bilder der Zerstörung, aus dem Hubschrauber gedreht, der Film einer fernen Katastrophe?

Ich rieche nichts. Nicht das auslaufende Benzin und den Geruch von Gülle, nicht den Müll und schon gar nicht die Todesangst. Zwischen mir und der Lebensgefahr steht der Bildschirm. Ich habe es trocken und könnte im Angesicht der Verheerung am kühlen Weisswein nippen. Trotzdem gelingt es mir nicht, Distanz zu den Bildern aufzubauen. Es ist eine vertraute Gegend in Deutschland, die in Trümmern liegt. Ich bin nur einen Hügel weiter aufgewachsen.

Die Schönheit der Natur, der Anblick der sanften Hügelketten, das, was bei Gästen im Wohnzimmer Bewunderung ausgelöst hat, verwandelt sich in etwas Monströses. Schon seit einigen Jahren ist die Welt meiner Jugend dystopisch geworden. Der Hügel, in meiner Erinnerung dicht bewaldet, eine Traumwelt mit Tom-Sawyer-Hütten und Staudämmen für selbstgefaltete Papierschiffchen, ist kahlgefegt wie ein gealterter Schädel. Gegen mehrere Stürme und eine Borkenkäferplage hatten die Baumriesen meiner Kindheit keine Chance.

Notgemeinschaft Kirche

Dann kommt die Flut durchs Telefon. Katastrophen bleiben so lange abstrakt, wie sie sich nicht in Erzählungen verwandeln. Es ist eine kurze, atemlos erzählte Geschichte vom Überleben. «Das Haus ist weg, den Schwiegervater haben wir gerade noch aus dem Keller gezogen.» Ein wunderschönes Fachwerkhäuschen, endlich raus aus der grossen Stadt, genug vom Reisen durch die Welt. Vor ein paar Wochen noch das Paradies. Alles weg. «Aber wir leben noch. Der Rest ist nur Zeug.» Der nüchterne Bericht ist wie eine dicke Tür, die die Verzweiflung und die Ohnmacht verschliesst. Irgendwann in nächster Zeit wird auch diese Tür der Flut nicht mehr standhalten, das spüre ich. Die vergangenen Tage erzählen von ungeheurer Hilfsbereitschaft und der Solidarität von Nachbarn und Fremden und von der Angst vor Plünderungen, von der Gier mancher Menschen nach fremdem Elend, ein Schnappschuss von verschlammten Gesichtern, die um Jahre gealtert sind. Glanz und Elend des Menschen, wie durch ein Vergrösserungsglas.

Die Kirche, eine Notgemeinschaft – muss ein Ort sein für das Erzählen, das stockende, hektische, verzweifelte oder tieftraurige Erinnern der Bilder und Erlebnisse.

Wusstest du, dass in den Psalmen ständig Leute absaufen? «Ich bin versunken im tiefen Schlamm und kein Grund ist da, in Wassertiefen bin ich gekommen und die Flut überströmt mich.» Vielleicht ist das gar nicht übertragen gemeint, als starkes Bild für andere, seelische Verheerungen. Was sage ich? Am Anfang stehen die Geschichten derer, denen die Katastrophe alles, manches oder auch nur den Nachtschlaf genommen hat. Dann kommt die Klage, deren Worte sich niemand selbst ausdenken muss, zwischen Schock und Sprachnot.

Das stockfleckige Buch der Psalmen gehört in jeden Notfallrucksack, den, wie ich gelernt habe, nur noch die Alten gepackt hatten. Der Klage können sich alle anschliessen, auch stellvertretend für die, die sich nicht rühren können, denn die Klage ist in Gebet verwandeltes Mitleiden, sie öffnet einen Raum, in dem Auswege und Lösungen, ja auch die Moral, warten darf, aber mit der Möglichkeit rechnet, dass Gott, der Schöpfer der Welt, die Lage hört.

Schöpfung, das ist keine kitschige Naturlyrik oder die Beschwörung einer Welt ohne Technik und Kultur, kein Paradigma fürs Moderne-Bashing, sondern eine christliche Perspektive, die die existenzielle Dimension der Welt, in der wir leben, in den Blick nimmt, den grossen Zusammenhang, die bis zur Überlastung gespannt ist und an wichtigen Knoten zu reissen beginnt. Deshalb ist in der Klage Platz für Schreien und Tränen und Umarmungen der Wiedergefundenen und Wut, hier können die, die unmittelbar betroffen sind, auf das Miteinstimmen aller anderen rechnen.

Die Kirche, eine Notgemeinschaft. Hier muss ein Ort sein für das Erzählen, das stockende, hektische, verzweifelte oder tieftraurige Erinnern der Bilder und Erlebnisse. Das ist ihr Auftrag in der Katastrophe. Es geht auch kurz, bevor die Helfenden ihre Gummistiefel wieder anziehen und die Schaufeln nehmen – oder abgeben von dem, was sie im Überfluss haben. Geld, Zeit, materielle Hilfe.

Sommer 2021, nach der Flut: Malerische Dörfer in Rheinland-Pfalz wurden innert Stunden zum Katastrophengebiet. Das Wasser hat fast alles zerstört. So auch das Hotel von Wolfgang Ewerts und den steinernen Betstock, auf dem er am 15. Juli in der Gemeinde Insul sitzt. BILD: KEYSTONE / DPA / BORIS ROESSLER

Nach der Klage kommt die Analyse. Gebet macht nicht blind für die präzise und differenzierte Diskussion der Lage, die ins Detail verliebt ist und doch das ganze Bild nicht scheut. Die Hitzewellen, die steigenden Pegel der Meere, die Waldbrände, die nicht zu löschen sind. Verheerende Wetterereignisse hat es immer gegeben, aber die Frequenz, ihre Extreme, ihre Menschenfeindlichkeit, nimmt dramatisch zu. Wer die Schöpfung besingt, kann ihre Verletzungen, ihre Verheerungen, das «Seufzen der Natur» nicht achselzuckend hinnehmen. Auch bei dieser Flutkatastrophe kommt vermutlich eine Vielzahl an Gründen zusammen mit tiefster Grundlosigkeit. Warum hier, warum nicht woanders?

Die Menschheit muss sich selber retten. Dafür muss sie ihren Erfindergeist nutzen. Topografie und Regenkonstellation, zerstörte Wälder, Folgen und Fehler, die jahrzehntealt sein können und sich noch dann rächen, wenn manches schon dank besserer Einsicht rückgängig gemacht wurde, wie die Begradigung von Flussläufen. «Respektabstand», das ist ein Wort, das ich in den letzten Tagen gelernt habe. Es kommt nicht aus der Ethik, sondern von einem Ingenieur, der die Bebauungs- und Landschaftsplanung in Deutschland erforscht. Als Haltung im Verhältnis zur Natur, mit und von der wir leben, lässt es sich generalisieren.

Vielleicht ist die grösste Sünde der Menschheit aber gar nicht ihre Bosheit, sondern ihre Trägheit. Längst lernen schon Grundschulkinder den zwingenden Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und Niederschlägen. Längst liegen die wissenschaftlichen Szenarien für diese und andere Kata­strophen vor. Die Rede davon, dass die Menschen das Klima retten müssten, ist schief. Die Menschheit muss sich selber retten. Dafür muss sie ihr Wissen über den Zustand von Meeren und Gebirgen, aber auch ihr technisches Know-how, ihren Erfindergeist und ihre Fähigkeit zur Innovation nutzen.

Die Frage, wie Gott dieses Leid zulassen kann, geht leichter über die Lippen als die Frage, wie die Menschen das zulassen können.

Ja, das ist christlich. Denn Gott hat den Menschen einen Verstand gegeben, Neugier und das Bewusstsein, dass nicht alles bleiben muss, wie es ist. «Klimaretter», das klingt vermessen, überheblich. Es gibt aber eine biblische Deutung, die uns Jetztzeitmenschen abhandengekommen ist: das Denken und Handeln für die folgenden Generationen, diese grossartige Idee, dass Gott seinen Bund nicht nur mit der jetzt lebenden Generation geschlossen hat.

Geschichtsbewusstsein ist gut, aber wenn selbst Christinnen und Christen die Hoffnung auf eine bessere, menschenfreundlichere Zukunft abhandenkommt, weil sie sich mit den Szenarien der Untergänge wohler fühlen als mit dem Exodus aus der eigenen Bequemlichkeit, dann hat es wirklich nicht viel zu sagen.

Hände im Schoss

Die Frage, wie Gott dieses Leid, das jetzt über Sondersendungen in die Wohnzimmer schwappt, zulassen kann, geht leichter über die Lippen als die Frage, wie die Menschen das zulassen können. Weiter zuzusehen und zitternd zu hoffen, dass diese oder jene der künftigen Katastrophen ihre eigenen Häuser, ihre eigenen Lieben verschont. «Das sieht ja aus wie in Bangla­desh», sagt jemand. Aus Bangladesh kommen mittlerweile Hinweise eines Klimaprofessors in Sachen Hochwasservorsorge und die Ermutigung, die technologischen Möglichkeiten, über die ein so reiches Land verfügt, endlich einzusetzen. Eine kleine Randnotiz zur Einheit der Menschheit und Hochmut, der in politischer Fahrlässigkeit mündet. «Hier wird es schon nicht so schlimm werden.» Es wird.

Es gibt diesen biblischen Gedanken, dass Segen, dieses Gutwollen und Wohlmachen, das Gott den Menschen verspricht, die darum bitten, auch für die ungeborenen Kindes­kinder gelten soll. Vielleicht ist dieser Segen die nachhaltigste Form eines Gestaltungswillens, der aus der Bequemlichkeit des Lebensstils, aber auch aus politischer Feigheit, ökonomischer Dummheit und gesellschaftlicher Bequemlichkeit reisst. Segen könnte, gut biblisch, als Verheissung und als Verpflichtung verstanden werden. Vorsorge, Prävention und die Investition in Ereignisse, die möglicherweise gar nicht passieren oder wenigstens woanders passieren – das ist ein Kraftakt für politische Kommunikation.

Wenn die Sondersendungen sich neuen Themen widmen, wenn andere Gefährdungen sich wieder in den Vordergrund schieben und der Veränderungsdruck auf die jeweils anderen geschoben wird, müssten Christinnen und Christen diesem Trägheitsfatalismus etwas entgegenstellen: Weitblick, Nüchternheit, den Mut, im Nahbereich der eigenen Organisation anzufangen, und den unbedingten Willen, die Hoffnung auf die Zukunft der Menschheit nicht auf­zugeben. Die Hände in den Schoss zu legen im Gebet ist ein mächtiger Anfang.