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Freitag, 29. Januar 2016

Der freie Markt macht auch vor Bestattungen nicht Halt. Hatten früher die Kirchen hier eine Monopolstellung, gibt es heute vermehrt freie Ritualberater, die die Verstorbenen ohne kirchliche Liturgie verabschieden. Nicht selten sind auch kirchliche Mitarbeiterinnen nebenamtlich als solche freie Ritualbegleiterinnen tätig.

Das stösst einigen Kirchgemeinden sauer auf. «In einer Zeit, in der vielen Menschen der Unterschied zwischen verschiedenen religiösen und religionsartigen Vollzügen nicht mehr geläufig ist, tun klärende Schritte von Seiten der Kirche dringend not», schrieb die Exekutive der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn in einem Kreisschreiben. Um gleich danach klare Vorschriften im Umgang mit der freien Ritualberatung für ihre Mitglieder zu formulieren. Unter anderem sprach der Synodalrat ein «Konkurrenzverbot für alle kirchlichen Mitarbeiter» aus. Oder gab die Empfehlung ab, «freien Ritualberatern keine Kirchenräume zur Verfügung zu stellen».

Rückendeckung für die Gemeinden

Es war ein Vorfall im Seeland, der den Synodalrat zum Handeln brachte. Ein ehemaliger katechetischer Mitarbeiter wollte eine Bestattung in den Kirchenräumen als freier Ritualberater durchführen.

«Wir haben eine christlichreformierte Botschaft. Wer die nicht will, der ist bei uns an der falschen Stelle.» Matthias Zeindler, Bern-Jura-Solothurn

Dies wurde ihm jedoch von der Kirchgemeinde untersagt – obwohl der Katechet der Trauerfamilie schon zugesagt hatte. «Das hat für grosse Emotionen gesorgt», erinnert sich Matthias Zeindler, Leiter des Bereichs Theologie der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn.

Deshalb sei das Bedürfnis der Gemeinden gross gewesen, hier klare Verhältnisse zu schaffen. «Wir wollten ihnen Rückendeckung geben, damit sie nicht selbst als die Bösen hinstehen müssen.» Laut Zeindler anerkenne man durchaus das Bedürfnis nach alternativen Formen bei Bestattungen oder Hochzeiten. «Wir haben aber eine christlich-reformierte Botschaft. Wer die nicht will, der ist bei uns an der falschen Stelle.»

Ein offeneres Verhältnis zu Ritualberatern pflegt die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen. «Bei Eintritt in den Kindergarten oder dem Übertritt in die Oberstufe haben wir auch schon mit Ritualberatern zusammengearbeitet», sagt Carl Boetschi, Beauftragter für Pastorales. «Wir gehen sehr unverkrampft mit dem Thema um.» Boetschi hat jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Ritualberater der reformierten Kirche das Wasser abgraben. «Die freien Ritualberater orientieren sich am Ablauf einer Abdankungsfeier. Gott nennen sie dann etwa ‹ewige Urkraft›.» Boetschi hat schon selber an Abdankungen als Besucher teilgenommen, die von freien Ritualberatern vollzogen wurden. «Ich war ernüchtert. Viel Tiefgründiges oder echten Trost habe ich nicht gehört.» Gerade Abdankungen im kleinen Kreis bereiten Boetschi Sorgen. «Die Öffentlichkeit wird so von der Trauer ausgeschlossen. Dabei ist es wichtig, dass alle die Möglichkeit haben, von jemandem Abschied zu nehmen.»

Trauung auf dem Eisfeld im Engadin

Geht es nach Andrea Bianca, Kirchenrat des Kantons Zürich, wurde das Thema «freie Ritualberatung» lange zu wenig ernst genommen. «Seit zwanzig Jahren nimmt die Zahl der Berater zu. Es ist kein neues Phänomen», sagt Bianca.

«Die Kirche hatte zu lange das Gefühl, dass der Kirchenraum und das Kirchengesangbuch das Evangelium sind.» Andrea Bianca, Zürich

Deshalb sei es umso wichtiger, dass die reformierte Kirche sich dem Thema nicht länger verschliesse. «Viele freie Ritualberater sind seriös und äusserst innovativ. Wir können von ihnen lernen.»

Das heisst konkret, dass die Kirche verstärkt Menschen ansprechen soll, die die christliche Tradition in einer anderen Form praktizieren möchten. «Das ist der Graubereich, wo wir bedeutende Mitgliederverluste haben», sagt Bianca. «Die Kirche hatte zu lange das Gefühl, dass der Kirchenraum und das Kirchengesangbuch das Evangelium sind. Das Evangelium kann aber auch an anderen Orten und mit anderer Musik vermittelt werden.» In Zürich wurde im Kirchenrat diskutiert, ob es bald auch Reise-, Natur- oder auch Nachtpfarrer geben soll. «Wir fragen uns: Wie leben die Menschen, und wie können wir ihnen in ihren Lebenswelten christliche Tradition vermitteln?»

Denn Rituale sind laut Bianca nichts Unchristliches. «Ein Ritual bedeutet, dass der Mensch an einem Wendepunkt in seinem Leben einen Mehrwert erleben möchte. Wenn er dabei die Frage nach einer höheren Macht stellt, haben wir als Kirche die Verpflichtung, uns diesen Menschen rituell anzunehmen.» Selber habe er unlängst eine Trauung auf einem Eisfeld im Engadin vollzogen. «Hätte ich das nicht gemacht, wäre wohl ein Ritualberater zum Zug gekommen.»

Andreas Bättig

Ritualberatungen sind ein gutes Geschäft. Wie eine Internetrecherche zeigt: In der Schweiz gibt es Dutzende Personen, die als freie Ritualberater tätig sind – darunter auch viele Theologen. 800 bis 1500 Franken pro Tag werden unter anderem für die Dienste verlangt. Eine Trauung kostet zwischen 900 und 2000 Franken. bat