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Autorin: Barbara Lukesch
Freitag, 18. August 2017

Das Ehepaar Judith und Sergio Giovannelli-Blocher lebt in Biel, im Arbeiterquartier Madretsch. Steht man vor dem Haus, in dem die beiden seit Jahren wohnen, wird man an anonyme Mietskasernen erinnert, die man aus Grossstädten kennt. Doch ihre Eckwohnung im sechsten Stock mit Balkon und Blick auf den See, das schöne Magglingen, das auf einem Hügel thront, und die Altstadt löst alle Skepsis im Nu auf. Die Einrichtung zeugt von einem langen Leben: Bücher, Bilder, Vasen und Nippes aller Art füllen die Wohnung bis zum Rand. Den Balkon hat Sergio Giovannelli zu seinem Reich erkoren, in dem er zahllose Pflanzen zieht. Judith Giovannelli-Blocher, die auf ihren Doppelnamen pocht, ist nach mehreren Stürzen schlecht auf den Beinen und auf einen Rollator angewiesen. Im knapp zweistündigen Interview erweist sie sich als hellwach, konzentriert und sehr witzig. Dabei hatte sie im Vorgespräch noch geseufzt, als sie hörte, dass sich das Interview um Religion und Kirche drehen sollte: «Das sind dornenreiche Themen.»

Frau Giovannelli-Blocher, welche Bedeutung hat die Religion für Sie?

Sie ist das Zentrum meines Lebens. Bei mir ist alles in der Religion verankert. Ich bin durchtränkt von diesem Thema, das mich seit Kindertagen begleitet und geprägt hat. Ich erlebe die Religion – oder besser gesagt meinen Glauben – als Ort der Zuflucht. Sie ist aber auch Marschrichtung für mein politisches und einstiges berufliches Handeln als Sozialarbeiterin. In der Religion liegt mein Kampf für Gerechtigkeit für die Armen begründet, die die Gesellschaft nicht achtet.

Wie praktizieren Sie heute die Religion? Beten Sie?

Ja, und ich empfinde es als Geschenk und ungeheures Glück, wenn man das kann und in Gott ein Gegenüber hat, das die eigenen Fragen hört und einem Antworten gibt. Mir gelingt dieses Zwiegespräch auch nicht immer, und gerade in den entscheidenden Momenten, wenn es besonders nötig wäre, ist alles weg. Abgesehen davon bin ich generell keine Gehorsame, sondern eine Unregelmässige. Ich bete, aber nicht jeden Tag.

Besuchen Sie Gottesdienste?

Bis ich vierzig war, sass ich jeden Sonntag in der Kirche. Heute höchstens noch, wenn jemand gestorben ist. Ansonsten habe ich dieses Ritual fast vollständig aufgegeben. Aber jedes Mal, wenn ich wieder einen Versuch wage, fühle ich mich wie in einer Gespensterwelt. Ich erlebe die Kirche gesamthaft als kalt. Eiskalt. Den Predigten fehlt es an Substanz, Gefühl und Glaubwürdigkeit.

Macht Sie das traurig?

Wenn ich am Sonntagmorgen mit meinem Mann Sergio am See spazierengehe und die Kirchenglocken läuten höre, empfinde ich einen tiefen Schmerz, weil ich nicht dort bin. Aber ich ertrage es einfach nicht mehr. Ich bin unendlich traurig, dass die christliche Kultur der Gemeinschaft verschwunden ist. Heute haben wir nur noch Individualchristen, aber man kann nicht als Einzelner gläubig sein. Dazu braucht es das gemeinsame Tun, die Begegnung und den Dialog.

Wo erfahren Sie Ihren Glauben im Alltag?

Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen! Ich musste in den letzten Jahren dreimal operiert werden, nachdem ich mehrfach schwer gestürzt war. Im Spital fühlte ich mich gut betreut, doch einmal hatte ich eine böse Nachtschwester. Sie nötigte mich, auf den Nachtstuhl zu verzichten, ich sei wieder in der Lage, allein aufs WC zu gehen. Obwohl ich erwiderte, ich hätte noch Angst, schob sie meine Bedenken unwirsch zur Seite. Situationen wie diese vertrage ich schlecht. Was geschah? Plötzlich lag ich in einem nassen Bett und wurde überschwemmt von schrecklichen Erinnerungen an meine Kindheit, von Schuld- und Schamgefühlen, die mich jeweils gequält hatten, wenn ich als kleines Mädchen eingenässt hatte. Ich dachte, jetzt sterbe ich. Ganz real. Doch auf einmal stieg ein Bibelsatz in mir auf, der 23. Psalm, den ich eigentlich nicht liebe, weil er so macho ist, aber der war plötzlich da: «Ich bin der Herr, dein Hirte, dir wird nichts mangeln, ich führe dich auf grüne Auen und zum frischen Wasser.» Da hockte ich mitten im Elend, nasses Bett, sadistische Nachtschwester, und dann rettete mich dieser Vers. Ich habe ihn bis zum Morgengrauen wiederholt wie ein Mantra und jedes Mal mit dem Ausruf beendet: «Und das stimmt!» Es war wie ein Wunder.

Wie war Ihr Verhältnis zu Gott, als Sie ein Kind waren? Ihr Vater hatte in Ihrem Schlafzimmer ein pietistisches Gemälde an die Wand gehängt, auf dem der breite Weg des Verderbens und der schmale Pfad des göttlichen Wohlgefallens abgebildet sind. Ein ungnädiges Bild.

Es hat mich stark geprägt. Als Kind habe ich das Bild genau angeschaut und gesehen, dass sich alle Freuden der Welt auf dem Weg des Verderbens abspielen, während der Pfad ins Paradies stinklangweilig ist. Nichts läuft da. Doch obwohl es zwischen diesen beiden Wegen verschiedene schmale Brücklein gibt, wäre mir nie in den Sinn gekommen, sie zu überqueren. Es war mir völlig klar, dass ich den langweiligen Pfad des göttlichen Wohlgefallens gehen würde.

Erstaunlich!

Ich fühlte mich gezwungen dazu, weil ich mich in meinem kindlichen Bewusstsein als Musterbeispiel einer schlimmen Sünderin sah. Da musste ich doch endlich den Weg der Tugend einschlagen.

Was haben Sie denn als kleines Mädchen verbrochen?

Ich habe gelogen wie verrückt. Bei jeder Gelegenheit habe ich wahnsinnige Phantasiegeschichten erzählt und so getan, als hätte ich all das selber erlebt. Das hat meine Geschwister, aber auch mich selber fasziniert und war mein Mittel gegen die Langeweile. Mein Vater grinste jeweils auf den Stockzähnen.

Er hat offenbar auch gemerkt, dass Sie eine blühende Phantasie haben. Das hatte doch mit Lügen im strengen Sinn nichts zu tun.

Ich sah das damals ganz anders. Nehmen Sie folgende Situation: Nach der Sonntagsschule erzählte ich meinem Vater total begeistert, dass sich auf unserem Rückweg von der Kirche das Wasser des Rheins geteilt und wir trockenen Fusses heimgekommen seien. Diese Geschichte hatten wir gerade gehört. Natürlich haben meine hellwachen Brüder geschrien: «Judith spinnt mal wieder! Das stimmt doch gar nicht!»

Gab es noch andere «Sünden», die auf Ihr Konto gingen?

Ich habe gestohlen: Geld, Süssigkeiten, Guetsli. Ganze Krater habe ich in den Blechbüchsen meiner Mutter hinterlassen. Ausserdem habe ich Gott versucht. An Weihnachten habe ich ständig die Schöggeli vom Christbaum geklaut. Eines Tages war ich überzeugt, dass dieses Jahr der Engel vom Himmel kommen und nach mir greifen würde.

Als Kind dachte ich, alle Freuden der Welt spielen sich auf dem Weg des Verderbens ab, während der Pfad ins Paradies stinklangweilig ist.

Trotzdem machte ich weiter und klaute ein Schöggeli nach dem anderen. Nichts geschah. Es war Gott offenbar hundsegal, was ich da trieb. Das hat mein Selbstbewusstsein massiv erschüttert. Ich dachte, ich sei überhaupt nichts wert, sonst würde Gott ja irgendeine Reaktion zeigen.

Was war das für ein Gott, von dem Ihre Eltern Ihnen erzählten?

Mein Vater, ein unkonventioneller und höchst widersprüchlicher Mensch, konnte Sätze sagen wie: «Man kann nicht wissen, ob es Gott gibt.» Das war mitunter verwirrend für mich. Meine Mutter erzählte uns auf wunderbare, kindgerechte Art die Geschichten der Bibel. Das war ein Vergnügen für mich. Letztlich aber hatten beide das Bild eines lieben, freundlichen Gottes vor Augen. Von der Hölle sprach jedenfalls niemand bei uns daheim.

Im Roten Faden, der Geschichte Ihres Lebens, stehen aber auch Sätze wie «Mit überzüchteten Gewissen und Gehirnen brühten wir Kinder im Dampfkochtopf der Familie.» Das klingt, als habe ein enormer Druck auf Ihnen gelastet, als hätten riesige Erwartungen Sie fest im Griff gehabt.

Das war auch so. Die Erwartungen, ein würdiges Leben zu führen, waren schampar hoch bei uns daheim. Aber nicht nur die Eltern hatten Erwartungen an uns, auch Gemeindemitglieder, die bei uns im Pfarrhaus ein und aus gingen, beobachteten uns Pfarrkinder mit Argusaugen und erzählten dem Vater brühwarm, dass ich in der Kirche wieder Geld aus dem Opferstock gestohlen hatte. Er sagte diesen Leuten zwar, dass seine Kinder nicht besser sein müssten als andere. Aber ich wusste haargenau, dass ich wieder versagt hatte: Natürlich darf man die Kirche nicht bestehlen.

Wie hätte denn ein würdiges, gottgefälliges Leben ausgesehen?

Man hat für die anderen Menschen da zu sein. Und das habe ich auch gehorsam mein Leben lang befolgt: Ich bin eine ewige Fürsorgerin gewesen. Als älteste Tochter neben zehn Geschwistern war ich gezwungen, überall zu helfen und einzugreifen. Das überforderte mich natürlich und führte zu grossem Schlafmangel. Aber meiner Mutter ging es noch schlechter.

Als ich meine erste Periode bekam, nahm meine Mutter mein Gesicht in ihre Hände und sagte: «Judith, ich freue mich für dich! Was wirst du für eine gute Frau werden, und welch schöne Zeit des Lebens liegt jetzt vor dir!»

Entweder stillte sie oder war schwanger und hatte dazu noch einen schwermütigen Mann, der sie ständig beanspruchte: «Ida, hättest du mal einen Moment Zeit?» Die Mutter liess alles stehen und liegen, drückte mir das Geschirrtuch in die Hand und bat mich, schnell zu den Geschwistern zu schauen. Das konnte zwei Stunden dauern, und ich musste allein mit dem Haushalt und den Kleinen klarkommen. Später habe ich – sozusagen folgerichtig – den Beruf der Sozialarbeiterin ergriffen.

Mit 22 Jahren haben Sie beim Direktor der Klinik Königsfelden eine ambulante Psychoanalyse begonnen, in der es endlich einmal um Sie ging. Was mussten Sie aufarbeiten?

Die Vorstellung, ich sei krank. Ich dachte wirklich, wer so viel lügt, stiehlt und in der Schule so miserabel abschneidet wie ich, sei gestört. Daher war entscheidend, dass der Arzt mir nach den ersten Sitzungen versicherte, er halte mich für gesund.

Wie hat die Therapie Ihr Verhältnis zur Religion beeinflusst?

Es brachen Aggressionen auf. Nicht gegen Gott, aber gegen die Kirche. Plötzlich realisierte ich, dass nur die gut angezogenen, sauberen und stinkbürgerlichen Leute auf den Kirchenbänken sitzen. Von denjenigen, die von der Rolle gefallen sind, von Menschen am Rand, hat die Kirche keine Ahnung. Als ich später als Sozialarbeiterin mit Klienten im Rahmen der Kirche etwas unternehmen wollte, hiess es ständig: Aber keine Wachsflecken machen mit den Kerzen! Aber nicht länger als bis 17 Uhr bleiben, dann wird geschlossen! Die Kirche, kapierte ich zu meinem Schrecken, ist in erster Linie korrekt. Korrekt! Schon als Kind habe ich Korrektheit gehasst! Aber ich will nicht ungerecht sein. In der Kirche geschieht bis heute viel evangelische Liebestätigkeit, und deswegen bin ich ja auch nicht ausgetreten.

Soll korrekt auch heissen: genuss-, lust- und sinnenfeindlich?

Total. Ich war weit über dreissig, bis ich den ersten sexuellen Kontakt hatte. Dabei hatte ich viele Verehrer, weil ich eine hübsche Frau war. Und das Beste: ich war sexuell gut, ich hatte überhaupt keine sexuellen Probleme. Meine Erziehung war eben wirklich widersprüchlich gewesen: Als ich meine erste Periode bekam, nahm meine Mutter mein Gesicht in ihre Hände, strahlte mich an und sagte: «Judith, ich freue mich für dich! Was wirst du für eine gute Frau werden, und welch schöne Zeit des Lebens liegt jetzt vor dir!» Das Wort «Sexualität» hätte sie nie in den Mund genommen, sie sprach von der Liebe zwischen Frau und Mann.

Ihre erste grosse Liebe traf Sie zwar erst mit knapp vierzig, dafür aber mit voller Wucht: Sie verliebten sich in Konrad Farner, Kunsthistoriker und Publizist, Kommunist, dreissig Jahre älter als Sie — und verheiratet. Eine ziemlich verrückte, geradezu sündige Mischung! Hat Sie der Ehebruch nicht belastet?

Und ob. Die Beziehung zu ihm war für mich eine grosse Glaubensprüfung. Wir liebten uns sehr, das war nicht bloss eine Sexaffäre. Und ich wusste, dass die Liebe in der Religion das Grösste ist. Trotzdem habe ich Farner wochenlang nicht die Wohnungstür geöffnet, wenn er draussen stand und läutete. Eines Tages fragte ich mich: Judith, was machst du da eigentlich? Ist das die christliche Liebe? Oder trage ich hier bloss den Moralvorstellungen meiner Umgebung Rechnung? Ich war hin- und hergerissen. Als ich mich schliesslich für Farner entschied und mit ihm gemeinsame Tage in der Toskana verbrachte, habe ich in mein Tagebuch geschrieben: Ich bin jetzt im Himmelreich. Die Liebe ist nun einmal voller Widersprüche, und in der Bibel gibt es nichts, was es nicht gibt: Helden! Feiglinge! Ehebrecher! Denken Sie bloss an die Jünger, diese lausigen Typen, die davongerannt sind, als Jesus verhaftet wurde.

Wie spielte die Religion in Ihre Liebesbeziehung mit Farner hinein?

Farner war zeitlebens ein Gottsucher, er hat oft zu mir gesagt: Hätte Gott nur besseres Bodenpersonal, dann wäre vielleicht ein ganz anderer aus mir geworden. Es faszinierte ihn, dass er in mir eine Christin vor sich hatte. Er selber bedauerte sehr, dass er Gott nie kennengelernt hatte und nicht beten konnte. Dabei war er es, der mir den Satz von Dorothee Sölle nahebrachte, dass jeder Glaubenssatz auch ein politischer Satz sein müsse. Ihm verdanke ich meine Politisierung, die auch meine Tätigkeit als Sozialarbeiterin stark beeinflusste. Noch heute bin ich politisch aktiv und zähle beispielsweise zu den Klimaseniorinnen.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein paar Worte über Ihren Bruder Christoph verlieren. Wie nehmen Sie sein Verhältnis zur Religion wahr?

Christoph ist in Sachen Kirche und Religion ein Vorbildlicher. Er ist korrekt, macht das, was man muss, und geht am Sonntag in die Kirche. Er ist auch ein Freigiebiger, und mein Mann und ich haben manchmal wirklich fast kein Geld. Aber es käme für mich nicht in die Kränze, dass ich an seinem Vermögen in irgendeiner Weise partizipieren würde.

Kann ein Christ gleichzeitig so fremdenfeindliche Positionen bekleiden?

Das würde er natürlich in Abrede stellen und betonen, dass er im privaten Umfeld überhaupt nicht fremdenfeindlich ist. Es stimmt: Als ich Sergio, meinen Mann, einen Italiener, der noch dazu keinen Beruf hatte, heiratete, gab es von seiner Seite nicht die geringste Reaktion. Die beiden mögen sich bis heute sehr gut. Christoph ist mir ein Rätsel.

Streiten Sie manchmal mit ihm?

Wir streiten schon lange nicht mehr und haben unseren Kontakt sehr reduziert. Christoph schickt uns jedes Jahr den Hodler-Kalender. Man weicht in einer Familie auf solche Gebiete aus, auf denen man einander noch versteht.

Sie sind 85, und das Thema Sterben und Tod liegt Ihnen naturgemäss näher als früher. Wie stark prägt die Religion diesen Abschnitt Ihres Lebens?

Das Leben ist der Gegenstand der Religion, und das Leben ist eine ganz schön schwierige Sache: Es kommt, ist da, breitet sich aus, macht vielleicht glücklich, macht manche stark, und dann sagt es plötzlich: Abbau und Ende. Ich selber erlebe bei mir einen ganz starken Abbau. Ich fühle mich oft müde, kann abends kaum noch schreiben, lasse Buchstaben aus, bin unkonzentriert. Dazu bin ich total auf meinen Mann Sergio angewiesen, weil ich starke Gleichgewichtsstörungen habe. Noch ein Sturz und eine weitere Operation, und ich könnte nicht mehr zuhause wohnen bleiben. Schon heute kann ich kaum noch gehen und brauche einen Rollator. Das sind natürlich alles Rieseneinschränkungen. In einer solchen Situation ist es unvermeidlich, sich dank dem Glauben in einem anderen Sinn aufgehoben zu wissen. Ich weiss: Egal, wie idiotisch ich eines Tages ende, vielleicht kann dann niemand mehr etwas mit mir anfangen, aber der liebe Gott wird bei mir sein.

Im Roten Faden schreiben Sie: «Ich habe erlebt, dass meine Eltern am Ende ihr Leben sorglos in Gottes Hände legten, beide starben in der Gewissheit, ihr Leben erfüllt zu haben.» Wird Ihnen Ihr Glaube auf ähnliche Art zur Seite stehen?

Keine Ahnung. Ich habe fürchterliche Dinge erlebt, als ich christliche Menschen beim Sterben begleitete. Der Luther muss ja auch scheusslich gestorben sein und hat dann noch nach der Maria geschrien. Was ja wirklich peinlich ist! Ich weiss überhaupt nicht, wie ich ende. Aber ich kann Ihnen sagen, worauf ich hoffe: dass mir nochmals so etwas wie der 23. Psalm im Spital zufällt und ich mich geborgen fühle.

Barbara Lukesch ist freie Journalistin und unterrichtet an verschiedenen Hochschulen sowie an der Schweizer Journalistenschule MAZ.

Der Fotograf Michel Gilgen lebt in Zürich.

Judith Giovannelli-Blocher wurde 1932 als zweites von elf Kindern im Kanton Zürich geboren. Sie wuchs in einer der bekanntesten Pfarrfamilien der Schweiz auf: Bereits ihr Grossvater und ihr Vater waren Pfarrer, später ergriffen ihr Bruder Gerhard sowie ihre Schwester Sophie denselben Beruf.

Sie selbst liess sich mit 22 zur Sozialarbeiterin ausbilden. Später leitete sie die Frauenberatungsstelle des Basler Frauenvereins, arbeitete bei der Jugendanwaltschaft Horgen ZH und leitete die Abteilung Fort- und Weiterbildung der Schule für Soziale Arbeit Bern. 1980 heiratete sie den Italiener Sergio Giovannelli. Sie engagierte sich auch ehrenamtlich und war beispielsweise Präsidentin der Sozialkommission der Krebsliga. 2006 übernahm sie das Präsidium des Nein-Komitees der Region Biel zur Abstimmung über die Revision des eidgenössischen Ausländer- und Asylgesetzes.

Ihr schriftstellerisches Werk umfasst u.a. das Sachbuch Das Glück der späten Jahre. Mein Plädoyer für das Alter (2004), das ihr erfolgreichstes Buch war, dazu Das gefrorene Meer (1999), ein Roman, den sie literarisch am gelungensten findet, und Der rote Faden. Die Geschichte meines Lebens (2011).