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Donnerstag, 08. Oktober 2026

Herr Zuchtriegel, jedes Jahr pilgern Millionen Menschen nach Pompeji, der Vesuv-Ausbruch hat Romane und Verfilmungen inspiriert. Was macht diesen Ort so faszinierend?

Es ist diese Spannung zwischen zwei Extremen: Pompeji ist ein wunderschöner Ort und gleichzeitig Schauplatz einer schrecklichen Tragödie, bei der Tausende Menschen ihr Leben verloren haben. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Ohne diese Katastrophe hätten wir niemals einen so unmittelbaren Einblick in die antike Kunst und das antike Alltagsleben bekommen.

Sie beschreiben Pompeji als eine Momentaufnahme des Lebens im Römischen Reich. Was erfahren wir über die Gesellschaft von damals?

Tatsächlich liefert Pompeji eine Art Schnappschuss der Zeit, als das Römische Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht war. Aufgrund der guten Erhaltungsbedingungen können wir aber auch die Schattenseiten dieser Gesellschaft erkennen. Und genau diese Schattenseiten machen verständlicher, warum sich eine Religion ausbreiten konnte, die dem römischen Religionsverständnis völlig zuwiderlief.

Eine dieser Schattenseiten war die extreme soziale Ungleichheit. Begehrte niemand dagegen auf?

Die gesellschaftlichen Unterschiede im Römischen Reich waren tatsächlich riesig. Sklaverei und Ausbeutung waren weitverbreitet. Rund ein Drittel der Bevölkerung bestand aus Sklaven, die unfrei waren und kaum eigene Rechte hatten. Auf der anderen Seite gab es eine kleine Oberschicht, die ihren Reichtum zur Schau stellte. Diese Verhältnisse wurden jedoch nicht infrage gestellt, sie wurden als gegebene Tatsache hingenommen.

Das Haus des Menander, hier das Atrium mit Regenbecken, war mit seinen rund 2000 Quadratmetern eines der repräsentativsten Anwesen von Pompeji und das Daheim einer wohlhabenden Familie. (Bild: KEYSTONE / LAIF / Berthold Steinhilber)

Überreste einer Bäckerei samt Mühlstein im Archäologischen Park Pompeji. Angekettete Sklaven mussten zusammen mit Eseln die schweren Mühlsteine drehen (Bild: KEYSTONE / LAIF / Berthold Steinhilber)

Wie sah das Leben der Sklaven konkret aus?

Sklave war nicht gleich Sklave. Es machte einen Unterschied, ob man Teil der häuslichen Dienerschaft war oder auf Feldern oder in Bergwerken schuften musste. Als wahres «Höllenticket» galt die Arbeit in Gerbereien, Wäschereien oder Bäckereien. Die Bedingungen waren unmenschlich hart. In den Mühlen mussten sogenannte «servi vincti», also angekettete Sklaven, gemeinsam mit Eseln die schweren Mühlsteine drehen. Noch heute sind die Einkerbungen im Pflaster sichtbar. Elend war auch das Leben vieler Frauen, die als Prostituierte versklavt wurden.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie mitten in dieser Zeit so etwas wie eine «spirituelle Krise» im Römischen Reich stattfindet. Was ist damit gemeint?

Die traditionelle Religion im Römischen Reich war stark auf dörfliche Gemeinschaften und lokale Überlieferungen ausgerichtet. Sie bezog sich auf konkrete Orte, auf heilige Berge, Quellen und Bäume. Doch diese Form von Religion funktionierte schon seit geraumer Zeit nicht mehr, weil sie nicht mehr zur Lebensrealität der Menschen passte. Rom war zu einem Riesenreich geworden, in dem jeden Tag Millionen von Menschen unterwegs waren. Es war geprägt von städtischer Kultur, Migration und sozialer Mobilität. Das führte dazu, dass die alten religiösen Vorstellungen ihre Bindekraft verloren.

Und in diese Bresche sprang das Christentum?

Das Christentum brachte die Vorstellung ins Spiel, dass Religion vor allem eine innerliche Beziehung zu Gott ist. «Das Reich Gottes ist inwendig in euch», heisst es im Lukasevangelium. Für uns mag das selbstverständlich sein, aber für die Menschen in der Antike war das etwas völlig Neues. Für sie ging es weniger um Glaubensinhalte als um eine religiöse Praxis, die an konkrete Orte, Geschichten und Mythen gebunden war. Der christliche Gott hingegen war überall gegenwärtig. In einer mobilen Welt gab ihm das gegenüber den alten Religionen einen entscheidenden Vorteil.

bref+

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