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Autor: Joel Bedetti
Freitag, 12. Februar 2016

Vor der Dorfkirche Flond im Bündner Oberland bilden ältere Männer einen schützenden Kreis um Pfarrer Merkel, währenddessen betreten die Frauen eine nach der anderen die Kirche. «Ein alter Brauch», erklärt Albrecht Merkel. «In früheren Jahrhunderten wurde manchmal der Pfarrer von einem Saubannerzug aus dem Nachbardorf verprügelt. Deshalb bleiben die Männer bis heute als eine Art Leibgarde so lange schützend um mich herum stehen, bis die Predigt beginnt.»

Pfarrer Merkel, geboren in Freiburg in Baden-Württemberg und seit etwas mehr als einem Jahr Pfarrer von den Dörfern Flond, Luven, Pitasch und Duvin in der Surselva, plaudert mit den Dorfbewohnern. Das Thema ist der Schnee. Dieser will, sogar hier oben und bereits kurz vor Weihnachten, einfach nicht fallen, Herrgott noch mal.

Wie erwartet bleibt auch heute der Saubannerzug aus. Die Männer betreten mit Albrecht Merkel die Kirche und nehmen in den Bänken auf der rechten Seite Platz – die Frauen sitzen links. Pfarrer Merkel trägt den Scaletta-Mantel, den traditionellen Bündner Talar. Rund zwanzig Frauen und Männer sind anwesend, mehrheitlich Einheimische, vereinzelt auch Feriengäste. Merkels Predigt handelt vom Gottvertrauen. Dafür erzählt er aus einem Buch, das die Tochter des Hitler-Attentäters Graf von Stauffenberg über ihre Mutter schrieb, die nach dem Attentat ins Konzentrationslager Ravensbrück kam: «Nicht die KZ-Wächter waren die letzte Autorität vor ihr, sondern Gott» spricht Merkel in den Kirchenraum. Dann setzt die Gemeinde zum rätoromanischen Gesang ein. Merkel, der in seiner Freizeit ebenfalls in diesem Chor singt, hilft kräftig mit. Aber auch ohne seine Stimme bildet die kleine Gemeinde einen erstaunlich stabilen vierstimmigen Chor. Dies sei, wie einzelne Sänger nach dem Gottesdienst nicht ohne Stolz versichern, nur noch in wenigen Gemeinden der Surselva der Fall.

Die Kirche von Flond in der Surselva ist nur eine von vier Kirchen, in denen Pfarrer Albrecht Merkel Gottesdienst feiert.

Lob für den deutschen Pfarrer in der Dorfbeiz

Nach dem Gottesdienst gesellt sich Merkel zum Kaffeekranz in die Dorfbeiz. Hinter der Theke stehen Rivellagläser, an der Wand hängen Bobweltmeister-Bilder. Sie zeigen den Wirt. Vier Tische sind besetzt, an dreien sitzen Kirchgänger. «Diese Tradition ist in vielen anderen Dörfern bereits ausgestorben», sagt Kirchgemeindepräsidentin Meia Inauen bei Café Crème. Auch sie sagt dies nicht ganz ohne Stolz. Zwei der Männer am Tisch haben ein Calanda vor sich stehen. Merkel, ebenfalls mit Café Crème, meint: «Ach, so eins würde ich jetzt auch nehmen. Aber ich muss noch fahren.»

Es ist der zweite von drei Gottesdiensten, die Albrecht Merkel heute Sonntag auf dem Programm zu stehen hat. Angefangen hat er um halb zehn mit dem Gottesdienst in Luven weiter oben am Berg. Dort wohnt Merkel mit seiner Frau und vier seiner fünf Kinder im Pfarrhaus.

Neben den Dörfern Luven und Flond mit je rund zweihundert Einwohnern gehören auch die zwei halb so grossen Orte Duvin und Pitasch zur sogenannten Pastoralgemeinschaft, die Pfarrer Merkel im vergangenen Herbst mit einem Vollzeitpensum angestellt hat.

In der Dorfbeiz berichten die Kirchgänger nur Gutes über ihren Pfarrer aus Deutschland. Anders als Pfarrpersonen aus der Umgebung besuche Merkel auch Gemeindemitglieder, die weit weg wohnen, weiss Mesmerin Edith Mesmer, die vor fünfzig Jahren aus dem hessischen Wiesbaden zu ihrem Mann in die Surselva gezogen ist. Die Kirchgemeindepräsidentin Meia Inauen wiederum lobt den Pfarrer für sein Rätoromanisch. «Viele, die länger hier sind, sprechen längst nicht so gut.»

Nach dem Kaffee kurvt Pfarrer Merkel im Skoda-Geländewagen, den die Familie eigens für die Berge angeschafft hat, zügig von Flond zurück nach Luven.

«Kirchenvorstände sagten mir bei der Bewerbung, dass die Skipiste fast direkt bis vors Pfarrhaus führt.» Jens Köhre, Pfarrer in Andeer GR

Auf der Fahrt erzählt er von einem früheren Dorfbrand in Luven, von unterschiedlichen Idiomen des Rätoromanisch, das in den umliegenden Tälern gesprochen wird.

Oder vom zweifelhaften Versuch, mit dem Einheitsromanisch Rumantsch Grischun eine Hochsprache einzuführen, die dann aber doch niemand wirklich spreche. Rasch wird klar: Der aus der Fremde kommende Pfarrer weiss vermutlich mehr über seinen neuen Arbeitsort als so mancher Bündner Oberländer.

Zuhause angekommen ruht sich Merkel aus. Um 18 Uhr wird er in der Gemeinde Pitasch für eine Schulklasse einen Weihnachtsgottesdienst halten.

Fremde Pfarrer haben in Graubünden Tradition. Bereits in den Wirren der Konfessionskriege flohen italienische Geistliche in die reformierten Gebiete Graubündens. Seit den 1990er Jahren suchen vermehrt Pfarrerinnen und Pfarrer aus Deutschland ihr Glück in den Bergen. Die Dekanin der reformierten Kirche Graubünden, Cornelia Camichel Bromeis, kennt die Zahlen: Gegenwärtig seien 41 Prozent der etwas über hundert Pfarrpersonen in der reformierten Kirche Graubünden hochdeutscher Muttersprache, 54 Prozent sprechen Schweizerdeutsch, die übrigen Italienisch oder Rätoromanisch.

Der Grund für die Migration aus dem Norden ist weltlich: der Arbeitsmarkt. Von jeher ist Graubünden auf Auswärtige angewiesen, um seine Pfarrstellen, gerade jene in abgelegenen Tälern, zu besetzen. Dies gründet einerseits darin, dass Graubündens Kantonshauptort Chur nicht wie Zürich oder Bern über eine eigene Universität mit einer theologischen Fakultät verfügt. Hinzu kommt, dass die Löhne in Berggebieten tiefer liegen als jene im Mittelland – was auch für die Pfarrlöhne gilt.

Im Gegenzug litt Deutschland – zumindest bis vor wenigen Jahren – unter einem Phänomen, das auch «Pfarrerschwemme» genannt wird. In den 70ern und 80ern studierten so viele junge Deutsche Theologie, dass von den deutschen Landeskirchen unmöglich allen eine Anstellung geboten werden konnte. Für viele Studienabgänger war die Schweiz somit innerhalb des deutschen Sprachraums die naheliegende Option. Österreich entfiel, da überwiegend katholisch.

Das Resultat dieser Situation: Eine ausgeprägte Willkommenskultur der Bündner Kirche gegenüber den Pfarrern aus dem Norden. Jens Köhre, Pfarrer in Andeer nahe der Viamala-Schlucht, erinnert sich, dass er sich vor zwölf Jahren nach dem Studium direkt bei Bündner Gemeinden bewarb. Und dass die Kirchenvorstände ihm den neuen Arbeitsort schmackhaft machen wollten: «Ich hörte beispielsweise, dass die Skipiste fast direkt bis vors Pfarrhaus führt.»

Spricht nicht nur in der Kirche zu den Gemeindemitgliedern: Pfarrer Merkel besuche auch jene Gemeindemitglieder daheim, die weiter weg wohnen, weiss die Mesmerin aus Flond.

Pfarrerschwemme brachte Albrecht Merkel in die Schweiz

Auch Albrecht Merkel kam aus Mangel an beruflicher Perspektive in die Schweiz. Er studierte Theologie, unter anderem in Berlin und Münster. Nach dem Studium folgte, wie es das deutsche System vorsieht, die zweijährige Ausbildung in der badischen Landeskirche zum Pfarrer. Danach wird ein angehender Pfarrer meist in den Beamtenstatus der Landeskirche gehoben – und ist damit auf Lebenszeit mit einem Posten versorgt. Nicht so zu Merkels Zeit: «Die Pfarrerschwemme war bereits voll im Gange. Sie nahmen nur die mit den besten Noten», erinnert er sich. Also bewarb er sich auf Stellen aus einer reformierten Kirchenzeitung der Schweiz, die unter Kollegen weitergereicht wurde. Schliesslich bekam er vor fünfzehn Jahren eine Anstellung in Grüsch im Prättigau. Die Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten, sagt Merkel, sei «nicht dramatisch» gewesen. Er erzählt vom ersten Weihnachtsessen des Kirchenvorstands im Prättigau, wo er den Apéro ausliess – und erst an den Reaktionen merkte, dass dieser halt auch zum Essen dazugehört.

Die grosse Mehrheit der Pfarrpersonen aus Deutschland, sagt Dekanin Cornelia Camichel Bromeis wie alle anderen angefragten Pfarrpersonen, zeige sich sehr sensibel, was lokale Traditionen und kulturelle Differenzen angehe. So würden die meisten Pfarrer, ob aus Deutschland oder der Deutschschweiz, bei einem Wechsel in eine rätoromanisch- oder italienischsprachige Gemeinde rasch die Sprache lernen. Was aber bleibe, sei ein «kleiner Kulturschock», den ein Wechsel aus der deutschen in die Bündner Kirchenkultur mit sich bringt, wie Camichel Bromeis es nennt. Um diesen abzufedern, absolviert jeder Pfarrer aus dem Ausland ein vierwöchiges Praktikum in einer Kirchgemeinde und legt eine Prüfung ab, deren Inhalt der Kirchenrat festlegt. Unter anderem werden Fragen zur Bündner Kirchengeschichte, Liturgik, Religionspädagogik oder zu Seelsorgekonzepten gestellt. Danach durchlaufen die ausländischen Pfarrer eine zweijährige Probezeit, bevor die Synode über ihre Aufnahme entscheidet. Manchmal führe das bei Bewerbern zu Fragen, ob das wirklich nötig sei, erzählt Camichel Bromeis. Für sie steht aber ausser Frage: «Diese Begegnungen führen von Beginn weg zu einem besseren Verständnis füreinander.»

Liturgische Fettnäpfe

Doch trotz allen Bemühungen der deutschen Pfarrer gibt es Differenzen, die zu Reibungen führen können. Erstens in der Sprache. Pfarrer Köhre sagt: «Eine gewisse Distanz ist immer spürbar, wenn ein Deutscher mit einem Schweizer Hochdeutsch spricht. Erst recht, wenn es um elementare Themen wie den Tod geht.»

Cornelia Camichel Bromeis, die neben ihrem Dekanatsamt als Pfarrerin in Davos Platz arbeitet, erhält manchmal vor Taufen oder Beerdigungen Anrufe mit der Bitte, dass man es lieber hätte, wenn Schweizerdeutsch gesprochen würde. Sie erkläre dann, dass die Bündner Kirche auf deutsche Pfarrerinnen und Pfarrer angewiesen sei. «Ich empfehle sie unbedingt.»

Neben der unterschiedlichen Sprache pflegen die deutschen und die Bündner Kirchen verschiedene liturgische Traditionen. Erstere sind mehrheitlich lutherisch oder uniert, eine Mischung aus lutherisch und reformiert, und damit dem Katholizismus näher. Letztere beschränken die liturgischen Handlungen – in der Tradition von Zwinglis Reformation – auf ein Minimum.

«Ich wurde als Pfarrer aus Deutschland anfangs genau beobachtet. Aber das legte sich wieder.» Rüdiger Döls, Pfarrer in Malans GR

So hält beispielsweise in vielen Bündner Kirchgemeinden im Gottesdienst der Kirchgemeindepräsident und nicht der Pfarrer den Abendmahlskelch. Dies als reformiertes Symbol für die austarierten Machtverhältnisse.

Der Gottesdienst in der lutherischen Tradition ist zudem interaktiver, ähnlich einem Pingpongspiel: Die Gemeinde spricht einen Teil des Gebets im Wechsel mit dem Pfarrer und spricht das Unservater mit. Anders in einigen kleineren Bündner Gemeinden. Dort ist es dem Pfarrer allein vorbehalten, das Gebet zu sprechen. Auch die Pfarrkleidung unterscheidet sich. In Deutschland ist der Talar verbreitet, in Graubünden der schlichte Scaletta-Mantel, der mehr wie ein Umhang aussieht. Während die traditionell starken Landeskirchen in Deutschland zudem eher liturgische Standards geschaffen haben, hat die jahrhundertealte Gemeindeautonomie der Schweiz eine Vielzahl von örtlichen Traditionen hervorgebracht, die besonders in den Bündner Gemeinden, die sich die Reformation oft hart erkämpft haben, noch heute hochgehalten werden.

Kirchgänger berichten, dass sich einige Pfarrpersonen aus Deutschland mit diesem Kulturwechsel schwertaten. Nach dem Gottesdienst erzählt in der Flonder Dorfbeiz die Mesmerin von einem deutschen Pfarrer in einer Nachbargemeinde, der noch immer den Talar trage. Und Pfarrer Merkel berichtet von einem Kollegen, der die «liturgische Armut» der Bündner Kirche beklagt habe.

Pfarrer Jens Köhre mag der Fremdheit aber auch Freiheit abgewinnen. So könne man bei einem schweren Konflikt in einer Kirchgemeinde ja auch einfach wieder zurück in die Heimat gehen, wenn es einem nicht passe. An einen Fall, dass ein deutscher Pfarrer wegen kultureller Differenzen seine Zelte in den Bergen wieder abgebrochen habe, kann sich Dekanin Cornelia Camichel Bromeis allerdings nicht erinnern.

Es brauche einfach Zeit, findet Rüdiger Döls, Pfarrer in Malans. Er erzählt, wie kurz nach seiner Ankunft die Dorfkinder an der Tür des Pfarrhauses klingelten und davonrannten. «Ich wurde anfangs genau beobachtet. Aber das legte sich wieder.» Bei Diskussionen, sagt Albrecht Merkel, verlaufe die Trennlinie für ihn selten entlang den Nationalitäten. «Zu Beginn war es wichtig, mich mit anderen deutschen Pfarrkollegen über die Schweiz auszutauschen», sagt er. Heute nehme er die kleinen Unterschiede mit Humor. So frage er jeweils beim Essen an der Synode scherzhaft, ob man den Wein deutsch oder schweizerisch einschenken soll. «Sprich: entweder bis zur Mitte des Glasbauchs oder bis einen Fingerbreit unter dem Glasrand.»

Der grösste Unterschied zwischen deutscher und Bündner Kirchenkultur ist jedoch nicht auf den ersten Blick erkennbar. Vielmehr fusst er in den Strukturen und in den unterschiedlichen Rollen des Pfarrers. In Deutschland tritt eine Pfarrerin mit ihrer Ordination eine lebenslange Beamtenstelle an. Fortan dient sie der Landeskirche, und diese beauftragt sie mit der Leitung einer Gemeinde. Völlig anders in der Schweiz: Hier wird ein Pfarrer von der Kirchgemeinde gewählt – womit auch ein anderes Pflichtenheft einhergeht. Kümmert sich hierzulande also ein Kirchgemeindevorstand um Personal oder Finanzen, kommt in Deutschland einem Pfarrer manchmal eher die Rolle eines Managers zu, der sich auch um Spitäler, Kindergärten, Altersheime und andere soziale Einrichtungen, die zur Gemeinde gehören, zu kümmern hat, Personalführung inklusive.

Pfarrer Döls gesteht denn auch: «Ich musste mich an der ersten Kirchenvorstandssitzung erst daran gewöhnen, dass nicht ich als Pfarrer die Linie vorgebe und gleich als erster das Wort ergreife, sondern dass man sich hier erst mal zurücknimmt.» Dies habe aber einen entscheidenden Vorteil: «Ich kann mich so besser auf mein Kerngebiet, die Seelsorge, konzentrieren.»

Zur Begrüssung ein Praktikum mit Abschlussprüfung

Das bewog auch Juliane und Martin Grüsser dazu, im Februar 2015 mit ihren beiden Kindern von Freiburg in Deutschland nach Davos Platz in die lichtdurchflutete Sechs-Zimmer-Pfarrerwohnung zu ziehen. Beide sind wie Albrecht Merkel in Baden-Württemberg aufgewachsen, er bei Waldshut, sie im Schwarzwald. Nach dem Studium der Theologie schlossen sie die praktische Pfarrerausbildung in der badischen Landeskirche ab, wurden in den Beamtenstatus ordiniert und hatten knapp neun Jahre lang ein gemeinsames 100-Prozent-Pfarramt in der Gemeinde Freiburg Südwest inne, wo sie für 2800 Gemeindemitglieder verantwortlich waren. Zum Vergleich: In der Schweiz gilt in vielen Kantonen der ungefähre Schlüssel, dass auf 1000 Gemeindemitglieder eine 100-Prozent-Pfarrstelle kommt.

Als Grüssers ihre Stelle antraten, stiess Freiburg als eine der ersten städtischen Kirchgemeinden im Südwesten Deutschlands einen nicht ganz schmerzlosen Strukturwandel an, um aus den roten Zahlen zu kommen. Unter Grüssers Führung wurden fünf eigenständige Gemeinden zu einer zusammengelegt, der Kindergarten und das Gemeindezentrum wurden abgerissen und in kleinerer Dimension aufgebaut. Weiter wurde geplant, das Pfarrhaus, in dem sie wohnten, abzureissen und auf dem Grundstück eine Wohngruppe für Demenzkranke einzurichten. Juliane Grüsser war an den Sitzungen dabei. Mit dem Architekten und mit Ehrenamtlichen kümmerte sie sich auch um Baudetails wie Toilettendeckel. «Am Ende des Tages hätte man gern noch die Frau Meier besucht, die im Spital lag, aber da war der Tag schon durch», sagt sie rückblickend.

«Ein Schüler schleuderte mir ‹Schissdütschi› entgegen. Das tat weh.» Julia Grüsser, Pfarrerin in Davos Platz GR

Als sich nach einigen Jahren das Ende des Prozesses abzeichnete, wuchs in ihnen der Wunsch nach etwas Neuem. Anfang 2014 bewarben sie sich für die Stelle in Davos, weil sie von Freunden von den guten Bedingungen in der Schweiz gehört hatten.

«Wenn schon die Schweiz, dann richtig: Wir wollten in die Berge», erinnert sich Martin Grüsser. Die Bewerbung war geschrieben, da kam der 9. Februar. Die SVP-Einwanderungsinitiative wurde angenommen. «Da dachten wir zuerst: Nein, da gehen wir nicht hin. Die wollen uns Ausländer ja nicht», sagt Julia Grüsser. Tage später fuhren sie trotzdem in den Süden, hinauf nach Davos. Der Kirchenvorstand erklärte ihnen, dass man sich hier Internationalität gewohnt sei, das Word Economic Forum, die Höhenklinik. Die Grüssers nahmen das Angebot an.

Der geplante Urlaub wurde gestrichen, dafür mussten sie ein vierwöchiges Sommerpraktikum in Arosa und eine Abschlussprüfung absolvieren. Die Eigenheiten der neuen Heimat wollten gelernt sein. Zudem wurde ihnen mit einer Pfarrerin aus dem Prättigau in den ersten beiden Jahren eine Mentorin zur Verfügung gestellt, um «Fettnäpfchen zu vermeiden». So erklärte diese ihnen zum Beispiel, dass bei Taufen dem Kind nur mit wenig Wasser das Kreuzzeichen auf die Stirn gezeichnet werde. Die deutsche Praxis, bei der das Köpfchen des Kindes mit Wasser übergossen werde, würde die Leute hier erschrecken, erzählt Juliane Grüsser. Zusammen mit dem neuen Organisten, auch er ein Deutscher, studieren sie nun das Schweizer Kirchengesangbuch, da auch dieses sich vom deutschen unterscheidet.

Deutsche Kirchen wollen ihre Pfarrer zurück

In der Kirchgemeinde Davos Platz arbeiten die Grüssers in einem 140-Prozent-Stellenpensum. Zusammen mit einer Sozialdiakonin im 50-Prozent- und der Bündner Dekanin Cornelia Camichel Bromeis im 30-Prozent-Pensum betreuen sie 2400 Mitglieder. «Da kann man Projekte ganz anders anpacken», sagen die Grüssers. Bereut, sagen die beiden, hätten sie es nicht. Das einzige negative Erlebnis hatte Juliane Grüsser im Religionsunterricht, als sie einem Schüler das Handy wegnahm und dieser ihr «Schissdütschi» entgegenschleuderte. «Das hat mich getroffen», sagt Juliane Grüsser.

Abgesehen von diesem Vorfall spüre man, dass Davos schon lange international sei. Im Spital arbeiten viele Ärzte aus Deutschland, erzählt Martin Grüsser, der Optiker sei ebenfalls Deutscher, auch viele deutsche Pensionierte habe es, die einige Monate im Jahr in ihren Ferienwohnungen verbringen. Grüssers Kinder gehen mit Portugiesen und Eritreern zur Schule, lernen Skifahren und Eislaufen.

«Wir erhalten noch immer Bewerbungen aus dem Rheinland.» Cornelia Camichel Bromeis, Pfarrerin in Davos Platz GR

Und sollte es am Ende trotz Integrationsbemühungen nicht klappen: Die Grüssers haben die Wahl. Sie wurden von der badischen Landeskirche für sechs Jahre vom Beamtenstatus beurlaubt, können aber jederzeit zurückkehren.

In den vergangenen Jahren hat sich der Arbeitsmarkt für Pfarrer in ihrer Heimat Deutschland erholt. Die Generation der «Pfarrerschwemme» geht in den Ruhestand und hinterlässt einen Pfarrermangel. In der nachfolgenden Generation war das Theologiestudium, auch wegen der schlechten beruflichen Aussichten, nicht sonderlich beliebt.

Die rheinische Kirche, von der in den vergangenen Jahren besonders viele Pfarrer nach Graubünden kamen, hat Anfang des letzten Jahres gar ein Schreiben an ihre Pfarrpersonen im Ausland verschickt. Mit dem Hinweis, dass ihr Dienst in der Heimat nun gefragt wäre. Dem Aufruf scheint kaum wer gefolgt zu sein, zumindest nicht in Graubünden. «Im Gegenteil, wir erhalten noch immer Bewerbungen aus dem Rheinland», weiss Dekanin Camichel Bromeis.

Auch wenn sich die besseren Jobaussichten in Deutschland in weniger Bewerbungen niederschlügen, könne man noch immer alle Stellen besetzen, sagt sie. Anders als die katholische Kirche, für die inzwischen einige osteuropäische Priester in Graubünden predigen, erhalten die reformierten Kirchen nur vereinzelt Bewerbungen aus diesen Ländern. Der ungarische Pfarrer Balázs Kalincsák, der in diesem Jahr eine Stelle in Saas im Prättigau angetreten hat, dürfte in nächster Zeit eine Ausnahme bleiben.

Trotz Traditionsbewusstsein – in all den Jahren ist die Bündner Kirche natürlich auch ein wenig deutscher geworden. «Deutsche Pfarrer verändern die Kirche vielleicht dahingehend, dass sie angebotsorientierter wird», meint der Pfarrer Jens Köhre. Das könne ein Rezept sein, um in der Gesellschaft wieder an Boden zu gewinnen.

Wer als deutscher Pfarrer in Graubünden eine Stelle antritt, muss den Charme der Abgeschiedenheit mögen. Im Bild: Fensterläden an einer Lärchenschindelfassade in der Bündner Surselva.

Als Beispiel nennt Camichel Bromeis die Anlaufstelle für Asylsuchende in Davos, die von einem deutschen Pfarrer mit der Interessengemeinschaft für ein offenes Davos auf die Beine gestellt wurde. «In Deutschland gibt es mehr soziale Einrichtungen, die von der Kirche getragen sind. Dieses Wissen bereichert unsere Diakonie in Graubünden», sagt Camichel Bromeis.

Und sogar in der Liturgie haben deutsche Pfarrer in Bündner Gemeinden neue Traditionen eingeführt. «Einem Pfarrkollegen sagten Gemeindemitglieder, er solle den Talar doch öfter tragen, der sei schön», erzählt Rüdiger Döls.

Ihm selbst passierte etwas Ähnliches. Zu Beginn seiner Anstellung forderte er die Malanser Gemeinde im Gottesdienst auf, das Unservater gemeinsam zu beten. «Monate später verriet mir jemand in einem Hauskreis, dass man das vorher anders gehandhabt habe», erzählt Döls und lacht. Die Mitglieder hätten nun aber an der Unservater-Praxisänderung Gefallen gefunden.

Joel Bedetti ist freier Journalist.
Der Fotograf Christian Schnur lebt in Zürich.

Neuntgrösste reformierte Landeskirche

Im 195000 Einwohner zählenden Bergkanton sind rund 71000 Menschen Mitglied der evangelisch-reformierten Landeskirche Graubünden. Diese wiederum verteilen sich auf 90 Kirchgemeinden. Die Kirche ist somit die neuntgrösste reformierte Landeskirche in der Schweiz.

Sonderfall in der Organisation

Die Synode ist die Versammlung aller evangelischen Pfarrpersonen im Kanton Graubünden und entspricht dem Pfarrkapitel. Sie entscheidet, wer in der reformierten Bündner Kirche Pfarrerin oder Pfarrer sein darf. Die Synode nimmt zu allen landeskirchlichen Erlassen Stellung zuhanden des Kirchenrats, der die Exekutive bildet. Geleitet wird die Synode von der Dekanin Cornelia Camichel Bromeis, die von Amtes wegen auch Mitglied des Kirchenrats ist.

Dezidiert politisch bei Ausländerfragen

Insbesondere bei Ausländerfragen äusserte sich die Landeskirche mit einer klaren Haltung. So lehnte der Kirchenrat die SVP-Masseneinwanderungsinitiative, die Ecopop-Initiative und auch die kommende «Durchsetzungsinitiative» der SVP entschieden ab.

Zwei Reformations-Hotspots

Als einziger Kanton der Schweiz verfügt Graubünden mit Chur und Ilanz über zwei offizielle Reformationsstädte. Der Hintergrund: An der Ilanzer Disputation vom 8. und 9. Januar 1526 stritten sich der Churer Pfarrer Johannes Comander mit Abt Theodul Schlegel um die Zukunft der Kirche. Die Disputation wurde nach zwei Tagen abgebrochen. Ein halbes Jahr später, im Juni, fällten dann die 52 Bündner Gerichtsgemeinden einen folgenschweren Entschluss. Sie schränkten in den Ilanzer Artikeln die Macht des Bischofs von Chur ein. Neu erhielten Gemeinden das Recht, einen Pfarrer zu wählen oder zu entlassen.

Konfessionell durchmischtes Graubünden

Ab 1526 war es somit erlaubt, dass Gemeinden evangelisch werden konnten. Die Stadt Ilanz machte von diesem Recht sofort Gebrauch und trat 1526, wohl noch vor Chur, zur Reformation über. Andere Gemeinden blieben dem Papst treu. Jedes Dorf entschied selbst über seine Konfession. Das führte zur heute konfessionell durchmischten Landschaft im Kanton, wo reformierte und katholische Dörfer nur wenige Kilometer Luftdistanz voneinander entfernt liegen.

Bündner Reformation wirkte bis nach Bern

Achtzehn Thesen hatte Comander für die Ilanzer Disputation geschrieben und sie ohne Erlaubnis drucken lassen. Seinem Ungehorsam ist es zu verdanken, dass evangelisches Gedankengut nicht nur in Graubünden populär wurde, sondern auch im Kanton Bern. Comanders gedruckte Thesen dienten den Reformatoren von Bern als Grundlage für ihre Disputation und die Reformation Berns. dem