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Freitag, 18. August 2017

Nackte Jünglinge – oder sind es eher Hermaphroditen? – tummeln sich auf blumigen Wiesen, schweben leicht wie Engel über Seerosen, umarmen und liebkosen sich neckisch, musizieren oder fordern sich spielerisch zum Wettkampf. 84 solcher Gestalten zählt man auf dem Gemälde, sie stehen in Gruppen oder in Paaren beieinander, manche von ihnen räkeln sich lasziv in der üppigen Vegetation, andere nehmen sich bei der Hand und tanzen im Reigen durchs Bild, viele schweben in der Luft, scheinbar mühelos, heiter und leicht. Die mediterrane Landschaft ist von Licht erfüllt, Zypressen wechseln sich mit Pinien und Palmen ab, überall sind Blumen, bunte Sträucher, Schmetterlinge.

So muss das Paradies aussehen. Zumindest ein schwules Paradies.

Es ist ein heisser Maitag auf dem legendären Tessiner Monte Verità. Wo sich vor über hundert Jahren Lebensreformer, Anarchisten und Vegetarier niederliessen, um ihren Traum einer neuen Gesellschaft zu leben, stehen heute Hotelanlagen und ein wissenschaftliches Kompetenzzentrum der ETH. Bei einem Glas Weisswein auf der Hotelterrasse geniessen die Mitglieder des Vereins Pro Elisarion an diesem Tag einen Etappensieg. Der Verein, der sich der Förderung des Werkes von Elisàr von Kupffer und seines Rundgemäldes Klarwelt der Seligen verschrieben hat, ist auf gutem Weg, die noch fehlenden Geldmittel für die Neupräsentation des Bildes zusammenzubringen. 230 000 Franken kostet die umfassende Restaurierung und Installation des 28 Meter langen und 3,5 Meter hohen Gemäldes, das derzeit nur notdürftig in einem Holzpavillon auf dem Monte untergebracht ist. Jener soll nun saniert, mit Oberlicht versehen und klimatechnisch aufgerüstet werden.

Bild: Claudio Bader

Der Kunsthistoriker David Streiff schätzt den künstlerischen Wert durchaus realistisch ein, was seiner Begeisterung für den skurrilen Religionsstifter und seine Bewegung keinen Abbruch tut: «Als ich damals auf Elisàr von Kupffers Rundgemälde stiess, hat es mich einfach umgehauen.»

Rund achtzig Mitglieder zählt der Verein, meist schwule Männer, kunsthistorisch interessiert und wohl auch mit einem gewissen Hang zum Abseitigen. «Das macht uns schon etwas speziell», sagt David Streiff, Gründer und derzeitiger Präsident des Vereins. Den 72jährigen Kunsthistoriker, langjährigen Direktor des Filmfestivals Locarno und des Bundesamtes für Kultur, verbindet eine mittlerweile lange Liebe mit dem aussergewöhnlichen Kunstwerk. In einer Ausstellung des befreundeten und in der Zwischenzeit verstorbenen Kurators Harald Szeemann vor bald vierzig Jahren sah Streiff das Gemälde zum ersten Mal. «Mir war rasch klar: Besonders gut gemalt war das nicht. Aber das spielte keine Rolle. Mich faszinierte das Obsessive des Gemäldes. Es hat etwas Grossartiges, Einmaliges. Damals hat es mich einfach umgehauen.»

Obsessiv, tragisch und manchmal unfreiwillig komisch war auch das Leben des Schöpfers der Klarwelt, Elisàr von Kupffer. 1872 in Estland als Nachkomme einer deutschstämmigen Adelsfamilie geboren, interessierte er sich früh für Literatur, schrieb als Neunjähriger Dramen mit Titeln wie Don Irrsino und brachte sich das Malen autodidaktisch bei. Vieles in seinem Leben blieb zunächst Fragment. Studien der Orientalistik und der Rechtswissenschaft gab von Kupffer bald wieder auf. Mit seinem Studienfreund und Lebenspartner Eduard von Mayer, auch er einem wohlhabenden Adelsgeschlecht entstammend, bereiste er mehrmals Italien. In Pompeii eignete sich von Kupffer die Technik der antiken Freskenmalerei an. Sie wird später für seine Klarwelt der Seligen prägend.

Fünfzehn Jahre Arbeit steckte Elisàr von Kupffer in sein 28 Meter langes Rundgemälde Klarwelt der Seligen. Der Paradiesentwurf des frühen 20. Jahrhunderts. Bild: Sanctuarium Artis Elisarion

Doch entscheidender für seine weitere Entwicklung ist eine gesundheitliche Krise, die den 27jährigen im Winter 1899 Todesängste ausstehen lässt. In den Wochen und Monaten der verordneten Bettruhe entstehen vor seinem geistigen Auge die Umrisse einer neuen Religion. Wie so viele Intellektuelle um die Jahrhundertwende ist von Kupffer vom institutionalisierten Glauben enttäuscht. In Deutschland treten so viele ­Menschen wie noch nie aus den Kirchen aus. Neureligiöse Bewegungen spriessen wie Pilze aus dem Boden. Es ist eine Umbruchzeit, in der fieberhaft nach einem authentischen Glauben gesucht wird. Auch von Kupffer hat sich zu dieser Zeit schon längst von seiner protestantischen Herkunft gelöst. Zu eng, zu lebensfeindlich erscheint sie ihm. Was ihm vorschwebt, ist ein liebender, kein strafender und richtender Gott. Er hat für seinen neuen Glauben auch schon einen Namen: Klarismus. Gott ist der Klärende, er trennt Liebe von Hass und führt den Menschen aus der «Wirrwelt» des Erdenlebens in die selige «Klarwelt». Der Erlösungsgedanke ist zentral im Klarismus; die Vorstellung von einer Hölle und göttlicher Rache lehnt von Kupffer entschieden ab.

In den folgenden vier Jahrzehnten arbeitet das Männerpaar beharrlich an der Verbreitung seines Glaubens. Das nimmt bisweilen bizarre Züge an. Denn von Kupffer sieht sich nicht nur als Verkünder des Klarismus, sondern als sein oberster Priester. Auf Fotografien und Selbstportraits inszeniert er sich im würdevollen Priestergewand. In Weimar, Zürich und Eisenach entstehen sogenannte Klaristengemeinschaften, in denen von Kupffer und von Mayer Anhänger ihres Glaubens um sich scharen. Mehr noch: Sie schaffen sich ihren eigenen Tempel. 1915 zieht von Kupffer mit seinem Lebensgefährten von Italien nach Muralto im Tessin. Es herrscht der Erste Weltkrieg; für das deutschsprechende Künstlerpaar wird die Lage in Italien immer schwieriger. In Minusio erwerben sie schliesslich ein Grundstück, auf dem die Weihestätte des Klarismus entsteht, das «Sanctuarium Artis Elisarion», ein Tempelgebäude im Stil italienischer Architektur des Mittelalters. Seinen bürgerlichen Vornamen hat von Kupffer da bereits abgelegt. Er nennt sich nun feierlich « Elisarion». Noch in Muralto beginnt von Kupffer mit der Arbeit an der Klarwelt der Seligen. Über fünfzehn Jahre lang wird er an dem Werk malen. Am Ende hat er die grösste Paradiesvorstellung der Moderne geschaffen.

Zurück auf den Monte Verità. Die Gruppe um David Streiff schlendert vom Hotel zu dem Holzpavillon, in dem das Gemälde Klarwelt der Seligen mehr schlecht als recht untergebracht ist. Im Innern ist es dämmrig. Die jahrzehntelange unsachgemässe Aufbewahrung des Gemäldes hat Spuren hinter ­ lassen; Farbflächen sind abgesprungen, an mehreren Stellen sind Wasserschäden zu sehen. «Wie nach dem Tod von Elisarion mit dem Gemälde umgegangen wurde, ist eine traurige Geschichte», sagt Streiff. Knapp zwanzig Jahre nach von Kupffers Tod, 1942, hinterlässt sein Lebensgefährte Eduard von Mayer Tempel und Gemälde dem Kanton Tessin. Doch der will nichts davon wissen. «Es ist bis heute noch so, dass man im Tessin für diese Kunst wenig Verständnis zeigt», sagt Streiff. Entsprechend respektlos wurde mit dem Erbe umgegangen. 1978 beschliesst die Gemeinde Minusio, den Klaristen-Tempel zu einem Kulturzentrum umzubauen. «Ziemlich radikal hat man da ausgeräumt», sagt Streiff. Das Mobiliar wurde entfernt; Teile des schriftlichen Nachlasses verschwanden, einzelne Wandgemälde wurden übermalt. «Auch das Rundgemälde hat man einfach abmontiert und achtlos im nassen Keller verstaut. Dort lag es dann, bis es Harald Szeemann entdeckte.»

So richtig ernst kann ich das Rundgemälde nicht nehmen. Aber manche Szenen sind einfach herzerwärmend und lustig. David Streiff

Im neuen Pavillon, der nun geplant ist, soll das Gemälde endlich auch ein grösseres Publikum erreichen, hofft Streiff. Dann wird das Rundbild Teil des Besichtigungsparcours auf dem Monte Verità sein.

Die ganze religiöse Symbolik des Gemäldes nimmt Streiff eher augenzwinkernd. «Kunsthistorisch ist das faszinierend, weil das Bild voller Anspielungen und Zitate ist. So richtig ernst kann ich das aber nicht nehmen, und manche Szenen finde ich einfach herzerwärmend und lustig.» Für Streiff ist trotzdem klar: Das Gemälde ist bewahrenswert. Als künstlerischer Beitrag zur Schwulengeschichte, als Dokument einer jener Lebensreformen, für die der Monte Verità berühmt ist, aber auch als Zeugnis einer Doppelbiografie, die gerade in ihrer Unzeitgemässheit modern war.

Für ihr Exotentum zahlten von Kupffer und von Mayer einen hohen Preis: In Nazideutschland ohne Beachtung, im Tessin isoliert, war Eduard von Mayer nach Elisàrs Tod 1942 so verzweifelt, dass er die Schwiegertochter von Richard Wagner bat, beim Führer ein Wort für ihr Werk einzulegen. «In ihrem Wahn begriffen die beiden nicht, dass Schwule in Deutschland verfolgt wurden und mit dem rosa Winkel im KZ landeten», sagt Streiff. «Ihre Kunst war letztlich apolitisch und völlig realitätsfremd. Auch das gehört zur Tragik der beiden.»

Dass die Klarwelt der Seligen einst an ihren Bestimmungsort, den Tempel in Minusio, zurückkehrt, hält Streiff für wenig wahrscheinlich, auch wenn er sich das wünschen würde. Im Kanton Tessin ist die Distanz gegenüber der schwulen Kunst auch heute noch spürbar.

Aber auch mit Distanz: Irgendeinen Wert muss auch Minusio in von Kupffers Schaffen erkannt haben. Die Gemeinde steuert 250 000 Franken an die Sanierung des Pavillons bei. In zwei Jahren soll er wiedereröffnet werden. Für das restliche Geld will Streiff sorgen. Auf der Vereinsseite im Internet kann ein Klarwelt-Jüngling aus dem Rundbild ausgesucht und für ihn eine Restaurationspatenschaft übernommen werden.

Heimito Nollé ist Redaktor bei bref.