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Freitag, 11. November 2016

Das Zitat macht gerade in den Social Media die Runde. Wer es auf Facebook postet, dem ist Zustimmung gewiss.

«Es ist ein grobes Missverständnis, dass die Vernunft gegenüber Glaubenswahrheiten tolerant sein muss; die Vernunft hat nichts zu dulden, was ihren Ansprüchen nicht genügt. Wären die Aufklärer und Religionskritiker von Voltaire über Feuerbach bis zu Marx, Nietzsche und Freud ähnlich wie wir von der Besorgnis getragen gewesen, nur ja keine religiösen Gefühle zu verletzen, hätte es keine Aufklärung, keine Menschenrechte und keine moderne Lebenswelt gegeben.» Konrad Paul Liessmann, Publizist und Philosoph

Des Applauses des Publikums sicher sein konnte sich auch der Autor dieses Satzes: «Ich muss ehrlich zugeben, dass ich die Vernichtung von ideologischen Werken zur Gehirnwäsche wie die Bibel und den Koran grundsätzlich befürworte.» Er stammt von keinem Wutbürger, sondern von einer Person des öffentlichen Lebens, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlt und regelmässig zu Toleranz gegenüber Minderheiten auffordert.

So sehr sich die beiden Aussagen im Ton unterscheiden: Beide gehen davon aus, dass religiöse Menschen lebensfeindlich, intolerant, unvernünftig und kritikunfähig sind. Letzteres wiegt unter Religionskritikern besonders schwer, ist doch die Kritik Königsdisziplin der Aufklärung.

Und wie reagieren die Angeschuldigten? In der Regel gar nicht. Das wiederum missfällt den Religionskritikern. Wünschen sie sich doch regelrecht einen Aufschrei der Religiösen, um sich in ihrem Urteil bestätigt zu fühlen: Mit solchen Menschen ist nicht zu spassen.

Geklappt hat der Aufschrei 2009. Erst der Protest einiger fundamentalistischer Christen sorgte dafür, dass eine Aktion der Schweizer Freidenker von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Die Botschaft der Atheisten, die sie auf Bussen und Trams in Schweizer Städten anbringen lassen wollten: «Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also sorge Dich nicht und geniesse das Leben». Der Protest gegen die Kampagne führte schliesslich dazu, dass die Busbetriebe den gottlosen Plakaten ein Fahrverbot erteilten. Dank Spenden schaffte es die Freidenker-Kampagne am Ende doch auf die Plakatwände.

Unterstützung erhielten die Freidenker ausgerechnet aus dem feindlichen Lager. Vertreter der Landeskirchen fanden, dass jeder sich in religiösen Dingen frei äussern dürfe. Auch der katholische Luzerner Dekan Hansruedi Kleiber mochte nicht in den Kanon empörter Christen einstimmen. Gegenüber Blick sagte er: «Ich persönlich glaube nicht, dass dieses Plakat religiöse Gefühle verletzt.»

Kleibers Haltung entspricht dem Gros der religiösen Menschen. Die meisten haben sich mit dem möglichen Tod Gottes arrangiert und pflegen ein abgeklärtes Verhältnis zu Gott und dem Glauben. Laut Bundesamt für Statistik glaubt gerade noch die Hälfte aller Schweizer Katholiken und Protestanten überhaupt an einen personalen Gott.

Die Gott-ist-tot-Debatte am Leben erhalten

Das sind schlechte Nachrichten für Religionskritiker. Gott sei Dank sind da noch ein paar Christen, die mit ihrer Empörung Gott und die Gott-ist-tot-Debatte am Leben erhalten. Die Ironie der Geschichte: Indem sie dem Bild von der intoleranten, kritikunfähigen Religion entsprechen, werden sie ungewollt zum Sinnspender der Religionskritiker.

Anleitung zur Religionskritik
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Ein prominenter Vertreter der Religionskritik ist der Basler Schriftsteller Claude Cueni. Von den Medien hofiert, durfte er bei Watson vor kurzem analysieren, dass Religion für ihn nichts als «infantiler Aberglaube» sei und deshalb nicht in eine Verfassung des 21. Jahrhunderts gehöre. Danach trägt der Autor einen Reigen an Religionskritik vor, in dem er alle, aber auch wirklich alle, in seine Kritik miteinbezieht: vom gewalttätigen Jihadisten bis zum unbescholtenen gelegentlichen Kirchgänger; bei Cueni kommt niemand ungeschoren davon. Und für den Fall, dass die Empörung auf seine Anwürfe ausbleiben sollte, nimmt der Autor in seinem neusten Roman, Godless Sun, den Zorn der religiösen Eiferer fiktiv auch schon mal vorweg. Darin macht Cuenis Alter Ego, Schriftsteller Mitch, auf einer Lesetournée die korrupte Geschichte der Religion von den alten Mythen bis zu milliardenschweren Sekten publik. Das aufklärerische Projekt ruft – wen wundert’s – den Hass religiöser Extremisten auf den Plan. Der Endkampf ums aufgeklärte Abendland kann beginnen.

Schäme dich, Christenheit

Cueni schickt seinen Protagonisten mit dem Zweihänder in die Schlacht. Hier eine Ladung epikureische Einsicht in die menschliche Schwäche gegen die Verteidiger der Religion – «Furcht hat die Götter erschaffen!» (wobei es sich beim zitierten Lukrez keineswegs um einen Griechen handelt, wie der Autor meint, sondern um einen Römer – doch wer nimmt es mit der geschichtlichen Einordnung so genau, denn, wo scharf geschossen wird, geht auch mal was daneben!), da eine Streubombe gegen Priestertrug, Machtmissbrauch, Verfälschung und Infantilisierung ursprünglicher Mythen. «Wieviel die Fabel von Christus uns und den unsrigen genutzt hat, ist bekannt», zitiert er dabei den infamen Papst Leo X. Zum Schluss lässt Cueni noch die Plagiatsbombe platzen für die, die immer noch nicht von der «Kriminalgeschichte des Christentums» (Karlheinz Deschner) überzeugt sind: Jesus ist einzig eine «Copy-and-paste»-Figur! Jungfrauengeburt, Sohn Gottes, Erlösergestalt: alles nur geklaut und abgeschrieben! Mithras, Adonis, Osiris und Co. lassen grüssen. Schäme dich, Christenheit!

Nach Cuenis ikonoklastischem Rundumschlag liegen Jahrtausende religiöser Traditionen in Schutt und Asche. Dabei entledigt er sich auch der Analyse, Logik und Reflexion. Seine atheistische Kritik gleicht einem Kahlschlag durch die Kulturgeschichte.

Immerhin gesteht der Autor am Ende seines Kommentars gleich selber ein, dass vom traditionellen Christentum ohnehin nicht viel übrig sei – die Kirchbänke blieben leer, die Menschen gingen heute lieber in den Fitnesstempel, frönten dem Veganismus oder folgten einer anderen Irrlehre. In diesem Sinn hat Cueni seinen antireligiösen Terminator gegen Windmühlen ins Feld geschickt.

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass manche Religionskritiker gegen einen Popanz von Religion anstürmen, der mit der Befindlichkeit der meisten religiösen Menschen wohl ebenso wenig zu tun hat wie ein vorzeitlicher T-Rex mit der gleichnamigen Rockband. Woher also diese fundamentale Fehleinschätzung?

Vielleicht liegt es eben daran, dass Religionskritiker selten Religionsexperten sind. Der Brite Richard Dawkins, der mit seinem Bestseller Der Gotteswahn vor zehn Jahren zum Papst des religionskritischen Genres avancierte, betreibt Religionswissenschaft als Hobby. Im richtigen Leben ist Dawkins Evolutionsbiologe. Und so kommt seine Abrechnung mit der Religion auch daher: Der Glaube an Gott ist für ihn nichts als eine kognitive Fehlleistung, die sich evolutionär leider nicht gleich selber überholte. Er nennt ihn gerne auch einmal einen «gedanklichen Virus». Und er macht Religion für sämtliche Probleme der Welt verantwortlich. Ohne Gottesglaube gäbe es keine Selbstmordattentäter, der Balkankrieg wäre nie passiert, es gäbe keinen Ärger in Nordirland – und auch keine Verfolgung der Juden als «Christusmörder». Denken wir in der Dawkinschen Logik weiter, ist Religion vielleicht tatsächlich an allem Übel schuld: denn ohne sie gäbe es auch kein Buch wie Der Gotteswahn.

Religionswissenschaftlerinnen attestierten Dawkins einen schon fast tragischen Mangel an Sachkenntnis, und auch Naturwissenschaftler verwarfen die Hände: Religion und die Existenz Gottes wie einen wissenschaftlichen Fakt zu untersuchen sei schlicht und ergreifend ein Kategorienfehler, ärgerte sich etwa der Biologe Stephen Jay Gould. Am deutlichsten aber wurde der deutsche Theologe Friedrich Wilhelm Graf. Er nannte Dawkins einen biologistischen Hassprediger und einen gefährlichen Fundamentalisten.

Irgendwie bitter ist die Tatsache, dass religiöse Fanatiker und Religionskritiker eine überraschend symbiotische Beziehung führen. So teilen beide den simplen Blick auf die Welt, denken in Freund und Feind und kennen weder Selbstkritik, Humor noch Reflexion. Leise Zwischentöne sind ihnen fremd.

Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es allerdings auch einen entscheidenden Unterschied: Anders als blind Religiöse sind Religionskritiker aller Flughöhen ungemein populär – und dies, obwohl jede evangelikale Kinderbibel locker mit dem Niveau mancher Religionskritik mithalten kann. Vermeintlich aufgeklärter Fundamentalismus scheint weniger problematisch zu sein als religiöser. Hier stellt sich die Frage: Warum trauen so viele Menschen dem Religionskritiker mehr Wahrheit und Vernunft zu als einem Kreationisten und seiner Welterklärung?

Für den kanadischen Philosophen Charles Taylor betrachten Menschen die Gegenwart durch einen diesseitigen, «immanenten Rahmen»: Die chronologische Uhr hat sich längst über sakrale Zeiträume gestellt. Risikoanalysen haben die göttliche Vorsehung abgelöst. Und sind wir krank, gehen wir zur Ärztin und nicht zum Pfarrer. Wir leben in einer säkularen Gegenwart und verstehen uns als Erben der Aufklärung. Dazu gehört auch die Vorstellung, dass Freiheiten und Rechte erst durch das Zurückdrängen von Religion und Kirche errungen wurden – und die Religionskritik den Schlüssel zu Freiheit und Emanzipation birgt. Charles Taylor sieht in diesem Rückbezug auf die Aufklärung allerdings auch die Gefahr, einer verzerrten Wahrnehmung der säkularen Gegenwart zu erliegen. Jene verkennt, dass auch Religion selber durch die Aufklärung gegangen ist: Die Kirche ist säkularisiert, der Glaube religiöser Menschen ist es, und selbst Fundamentalisten sind Kinder der säkularen Moderne.

Unlustig

Eine verzerrte Sichtweise versperrt auch den Blick darauf, dass von der derzeitigen Religions- und Christenkritik längst keine Befreiung und Emanzipation mehr ausgeht. Im Gegenteil: Sie unterstellt religiöse Menschen einer Hermeneutik des Verdachts, und sie spielt Religiöse gegen Nichtreligiöse aus. Dawkins und Cueni kämpfen gegen ein Religionsbild, das mit der Realität wenig zu tun hat.

Klar, man kann über den Schwachsinn, den solche Religionskritiker verbreiten, lachen. Lustig ist ihre Religionsfeindlichkeit trotzdem nicht. Trifft doch ihre Kritik nicht nur die ohnehin angezählten Götter – sondern insbesondere religiöse Menschen. Und damit auch all jene, die nicht zurückschreien. Mit dem aufklärerischen Versprechen auf Emanzipation, Vernunft oder Toleranz hat diese Religionskritik nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich hier um antireligiöse Hate-Speech und Diskriminierung Andersdenkender. Nur weil Vernunft draufsteht, muss noch lange keine drin sein.

Auch die Aufklärung erzeugt ihre Mythen. Einen davon nähren die Religionskritiker.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.