Sie hört ein klackerndes Geräusch. Hinter ihr schlagen Steine auf der Strasse auf. Victorina Luca beschleunigt ihre Schritte, doch dann treffen die Steine der Kinder auch sie. Kleine Stiche an den Waden, den Kniekehlen, am Rücken.
Knapp dreissig Jahre ist das inzwischen her, doch als Victorina Luca von den Erlebnissen auf ihrem Schulweg erzählt, reibt sie sich die Waden, als spüre sie den Schmerz noch immer. Die Steine der anderen Kinder sind eine Nachricht: Luca soll ihnen bloss nicht zu nah kommen, mit jemandem wie ihr wollen sie nichts zu tun haben. Jemand wie sie: eine Romni.
In diesen Momenten träumte sich Luca an einen anderen Ort, in eine andere Zeit. «Alles um mich herum verschwand. Auch die anderen Kinder, es gab nur mich und die Strasse. Ich stellte mir vor, dass ich eines Tages eine so einflussreiche Person sein werde, dass ich all dem ein Ende setzen kann.»
Heute sitzt Victorina Luca im Büro der von ihr gegründeten Organisation für Roma-Rechte im Norden der Moldauer Hauptstadt Chisinau. Draussen spielt ihr Sohn in der Vormittagssonne, eine Freundin passt auf ihn auf. Drinnen erzählt Luca auf Englisch und tippt zeitgleich an ihrem Laptop auf Rumänisch eine E-Mail. «Die muss heute noch raus», sagt sie.
Luca ist eine der bekanntesten Roma-Aktivistinnen der Republik Moldau. Sie ist Anwältin für Menschenrechte und arbeitet für den Gleichstellungsrat des Landes. Ihr Traum von damals ist zu ihrer Lebensaufgabe geworden.
Roma in der Republik Moldau, am äusseren Rand Europas, müssen bis heute ein Leben in Diskriminierung ertragen. Etwa 10 bis 12 Millionen Roma leben in Europa, wie viele von ihnen in Moldau, lässt sich kaum sagen. Vielleicht sind es 9000, wie es im Zensus steht, wahrscheinlich jedoch über 100 000, wie der Europarat vermutet.
Aus Angst vor Benachteiligungen, etwa bei der Jobsuche, verheimlichen viele ihre Identität. Victorina Luca und andere Aktivisten gehen davon aus, dass bis zu 250 000 Roma im Land leben.

Als Kind erfuhr Victorina Luca Ausgrenzung, heute ist die Romni Anwältin für Menschenrechte und arbeitet für den Gleichstellungsrat der Republik Moldau.
Das Misstrauen der Minderheit gegenüber dem Staat ist gross. Roma waren in den vergangenen Jahrhunderten – und sind bis heute – immer wieder das Ziel von Hassverbrechen. Sie wurden auf dem Gebiet der heutigen Republik Moldau versklavt und verkauft, wurden während des Zweiten Weltkriegs deportiert, ausgehungert und getötet. Bis heute ist dieses Kapitel kaum aufgearbeitet.
Ein vorgezeichneter Weg
Andreea Cârstocea forscht am Europäischen Zentrum für Minderheitenfragen zur Situation der Roma in der Region. Die schwerwiegendsten Probleme, sagt Cârstocea, seien die Armut – und die soziale Ausgrenzung, die sich durch alle Lebensbereiche ziehe.
Angehörige der Roma-Minderheit haben schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung, wohnen häufiger in Siedlungen ohne fliessendes Wasser oder Heizung, haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt und sind deswegen überdurchschnittlich oft arbeitslos.
Der Weg vieler Roma ist häufig vorgezeichnet. Nur etwa die Hälfte der Kinder besucht eine Schule. Sie werden gar nicht erst angemeldet, weil Dokumente fehlen, oder brechen die Ausbildung vorzeitig ab – weil sie von Lehrkräften und Mitschülerinnen und Mitschülern schikaniert werden, weil Hefte und Bücher für sie zu teuer sind, weil es niemanden zu Hause gibt, der sie unterstützt, oder weil der Unterricht in einer Sprache stattfindet, die sie kaum verstehen.
Obwohl Minderheiten unter bestimmten Umständen das Recht haben, in ihrer Muttersprache unterrichtet zu werden, gibt es bis jetzt auch in Städten mit vielen Roma-Kindern keinen Unterricht auf Romanes. An dieser prekären Situation hat sich seit Jahren wenig verändert, obwohl die Republik Moldau in Aktionsplänen, Strategiepapieren und Interventionsprogrammen immer wieder anderes versprochen hat.
«Der gesetzliche Rahmen würde es erlauben, die Situation der Roma zu verbessern; die Umsetzung ist jedoch problematisch», sagt Cârstocea. Zu tief steckt die Ausgrenzung im System.
Wenn Luca heute auf internationalen Panels von «intersektionaler Diskriminierung» der Roma redet, von «Stigma» und «sozialer Ausgrenzung», dann weiss sie, wie sich das anfühlt. Lucas Familie sind die einzigen Roma im Dorf. Als sie in die Schule kommt, spricht sie kaum Rumänisch. Ihre Lehrerin setzt sie in die letzte Reihe.
Dass sie es trotzdem schafft, liegt an ihrem Ehrgeiz und einer Nachbarin, die sich die Zeit nimmt, ihr die Buchstaben zu erklären. Ihr heutiger Erfolg liegt an einer Menge solcher «trotzdem». Ihre Familie hat kein Geld für Englischstunden – trotzdem lernt sie die Sprache, weil ein Lehrer beobachtet, wie sehr sie sich bemüht, und sie kostenlos teilnehmen lässt. In ihrer Familie kann ihr niemand erklären, wie ein Studium funktioniert – trotzdem wird Luca Juristin, weil sie sich eine Mentorin sucht und nicht aufgibt.
«Ich hatte diesen Traum von meiner Zukunft, und nichts und niemand in dieser Welt konnte mir das nehmen», sagt sie. Ihren Master macht sie im Ausland, ihr Wille, die Situation der Roma zu verändern, bringt sie wieder zurück nach Moldau.
Mit Musik Botschaften transportieren
Im Stockwerk über ihrem Büro haben Luca und ihr Team ein einfaches Filmstudio aufgebaut. Hier entstehen Videoclips, die bald auf einem eigenen Fernsehsender laufen sollen. Ein paar Türen weiter haben sie ein Tonstudio eingerichtet für das kleine Gemeinschaftsradio, das sie vor neun Jahren ins Leben gerufen haben.
Victorina Luca schiebt einen Regler am Mischpult hoch, durch die Kopfhörer dringen Gesangsfetzen und eine Akkordeon-Einlage. Vielleicht ist das Bild, das sie von der Kultur der Roma zeichnet, etwas klischeehaft. Aber sie hat gemerkt, dass es funktioniert. Wenn etwa die Busfahrer in der Stadt Soroca, wo es besonders viele Roma gibt, Radio Patrin anschalten, dann weil ihnen die Musik gefällt.
«Wer mag Roma-Musik nicht?», fragt Luca und lacht. «Dann wird die Musik unterbrochen, es gibt kurze Einspieler, so was wie ‹Auch Roma haben Rechte›.» So kann sie ihre Botschaft niedrigschwellig verbreiten.
Dazwischen gibt es Informationsblöcke, die sich an Roma richten. Was tun gegen häusliche Gewalt? Wie funktioniert Verhütung? Was sind die Rechte von Menschen mit Behinderung?
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