Sie war beeindruckt von seinen nackten Füssen. Advent 2009, Sonntagabend, es schneite oberhalb des Rheins, er begleitete sie in Sandalen über den Hof zu ihrem Auto. «Ich bin ganz aufgewühlt nach Hause gefahren», erinnert sie sich. Dort sass sie dann in der Küche, konnte das Schmunzeln nicht verbergen, ihre Tochter hatte es sofort bemerkt, sie war verliebt.
Er war beeindruckt von ihren Augen, diesem warmen Blick und diesem Lächeln. Er hatte sie ins Kloster eingeladen zu einem Vortrag über ihre Malerei. Sie malt religiöse Motive, er hat eine Ausbildung zum Glasmaler gemacht. Viel Gesprächsstoff. Es gibt ein Foto von jenem Abend. Er überreicht ihr einen grossen Blumenstrauss, beide strahlen. «Das war ein besonderer Moment», sagt er. Sie trägt ein schwarzes Jackett mit weissem Revers. Er trägt Habit, die Mönchskutte.
Dreizehn Jahre später. An einem drückendheissen Sommertag stehen Beate und Ulrich Heinen im Atelier ihres kleinen Hauses. Von draussen hört man Traktorengeräusche. Er reicht Kaffee aus geblümten Tassen, sie sortiert auf dem kleinen runden Tisch Fotos, auf denen viele Ordensmänner und Nonnen zu sehen sind. «Unser Leben», sagt sie. Und schiebt nach, «auch das gehört zu unserem Leben». Beate und Ulrich Heinen sind seit zwei Jahren ein Ehepaar. Mönch heiratet Nonne, titelte sogar die deutsche Boulevardzeitung «Bild» nach dem Fest. Ein wundersames Liebespaar und ein katholischer Albtraum.
Mehrfach schon wurde sie erzählt, die Geschichte dieser besonderen, späten Liebe. Vom Anfang einer gemeinsamen Zeit, voll von Neuem für zwei Menschen. Er lebte 42 Jahre in einem Franziskanerkloster, ein Leben fern von Körper und Begehren. Sie lebte elf Jahre als Benediktinerschwester. Erzählt haben sie nie, was ihnen auch verloren ging, als die neuen Wege begannen. Was schmerzhaft daran war, sich gefunden zu haben.
«Die Mitbrüder vertrauten mir. Ich war ein Orientierungspunkt für junge Mönche. Heute sprechen sie nicht mehr mit mir.» Ulrich Heinen
Beate Heinen sagt, sie sei eine Frau gewesen, die sich lange Zeit selbst genug war, die das Alleinsein liebte. Sie fand keinen Menschen, der wirklich zu ihr passte. Ihre Tochter hat sie allein grossgezogen. Ulrich Heinen sagt, er denke heute noch gerne an das Leben im Kloster zurück. Manchmal komme es ihm so vor, als habe er einen Teil von sich dort zurückgelassen. Davon handelt diese Geschichte. Von der Liebe, einem Neuanfang und vom Verlust.
Beate und Ulrich Heinen leben in Wassenach, einem Dorf nahe bei Bonn. Kleine Häuser, viel Grün, lange kurvige Strassen, am Horizont die Felsen der Vulkaneifel. In Sichtweite vom Haus der Heinens steht ein hölzernes Kruzifix am Strassenrand, davor eine rote Bank. An der Fassade ihrer Garage eine Inschrift in dunklen Buchstaben: «In der Welt ein Haus. Im Haus eine Welt. Und Welt und Haus in gnädiger Hand.»
Seit zwei Jahren sind sie verheiratet. Ehepaarmarotten haben sie sich bereits zugelegt. Er beendet ihre Sätze, wenn es ihm nicht schnell genug geht. Sie nutzt seine Atempausen, um ihm zu widersprechen. Er legt seine Hand immer wieder vorsichtig auf ihre Schulter, sie dreht beim Sprechen mit den Fingern immer wieder die grüne Brosche an ihrer Halskette.
Manchmal ist da auch Schmerz
Sie sagt, ihr Weg zueinander habe leider sehr lange gedauert. «Jetzt sind wir schon im fortgeschrittenen Alter. Die Zeit, die uns bleibt, ist überschaubar.» Sie ist 78, er 67. Er sagt, er freue sich über jeden Tag an ihrer Seite, und doch sei da eben manchmal auch ein Schmerz. Bis vor drei Jahren hiess Ulrich Heinen noch Bruder Ulrich. «Die Mitbrüder vertrauten mir. Ich war ein Orientierungspunkt für junge Mönche. Heute sprechen sie nicht mehr mit mir.» Bruder Ulrich war als Generalsuperior, der Oberste einer Klostergemeinschaft, auch ein Orientierungspunkt für die jüngeren Mitbrüder. Ein Vorbild. Später ein Mönch, der eine Frau liebte.
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