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Freitag, 08. März 2024

Von innerem Leuchten durchdrungen schweben die Kompassquallen hinter stossfestem Glas, ein magisches Geflecht zarter Fäden im Schlepptau. Anmutig treiben die mystischen Wesen, die zu den ältesten Tieren der Welt gehören und fast ausschliesslich aus Wasser bestehen, scheinbar ziellos in ihrem eigenen Element. Pulsierend öffnen und schliessen sich ihre goldbraunen Schirme im kühlen Gegenlicht des Aquariums wie gleissende Feuerpilze. An- und abschwellende Farbexplosionen, ein steter Wechsel aus Verglimmen und neuem Entflammen, wie eine nicht enden wollende Meditation über das Leben. «Schön, nicht?» sagt Frau Pupkes.

Sylvia Pupkes, seit zehn Jahren fast täglich, manchmal mehrfach, besucht sie die Meerestiere. Für einen jener langen Tage im Aquarium des Berliner Zoos stärkt sich die 47jährige mit einer Tasse Filterkaffee, schwarz, wenig Zucker. Unter einem Sonnenschirm sitzt sie an der rückwärtigen Terrasse des Berliner Zoo-Restaurants, die den strategischen Vorteil allergrösster Nähe zu ihrem Sehnsuchtsort hat.

Vor sich hat Frau Pupkes eine Blechdose gelegt mit der Aufschrift: «Rauchste, stirbste, rauchste nicht, stirbste trotzdem, also rauchste.» Daraus fingert sie eine Zigarette, gefüllt mit dem preiswertesten «Netto»-Stopftabak, klappt in einer fliessenden Bewegung ihr Zippo-Feuerzeug auf und reibt mit dem Daumen am Zündstein entlang. Ihre Lunge ist genauso wenig in Ordnung wie ihr Herz. «Sollte man natürlich nicht rauchen», sagt Frau Pupkes und steckt sich eine an.

Durch das Rauchen bekommen ihre Hände eine klare Funktion zugewiesen. Im Rauchen ordnet sich Frau Pupkes sozusagen selbst. Normalerweise machen ihre Hände alles Mögliche: fahren ihr durch die Haare, streichen nervös am Pferdeschwanz oder den Oberarmen entlang, fassen ihr ins Gesicht oder fummeln an ihrer Smartwatch herum, die sie schlecht lesen kann, weil ihr die Ziffern zu klein sind.

Sie weiss selbst, dass sie etwas fahrig wirken kann, insbesondere, wenn dieses leichte Pendeln mit ihrem Oberkörper dazukommt, das sie nur schwer kontrollieren kann. Auch fällt es ihr schwer, ihrem Gegenüber ins Gesicht zu schauen. Nicht, weil sie schüchtern wäre. Nein, Sylvia Pupkes ist Autistin und leidet unter einer leichten Ausprägung des Aspergersyndroms. Womit sie kein Problem hat. Manchmal jedoch andere.

Das Aquarium ist für Sylvia Pupkes wie ein starker Magnet, an dem sich die Eisenfeilspäne ihres Lebens ausrichten.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass ihre Erscheinung ein bisschen aus dem Rahmen fällt. Frau Pupkes hat ein vom Leben gezeichnetes Gesicht, dessen ungeschminkte Züge durch die schmale, schwarzgerahmte Brille noch unterstrichen werden. Sie sei nicht der Typ, der morgens drei Stunden vor dem Spiegel steht. Würde auch gar keinen Sinn mehr machen. «Wechseljahre», sagt sie mit einer Stimme, angerauht wie feinkörniges Schleifpapier, und wischt sich, wie zur Erklärung, den Schweiss von der Stirn.

Eigentlich hat sie blauschwarze Haare, weil das den Schimmer der silbergefassten Ammoniten aufnimmt, die sie um den Hals trägt. Aber da ihre Tage in letzter Zeit zu hektisch waren, um sich mit etwas so Unwichtigem wie Haarefärben zu beschäftigen, ist ihr Kopf nun geschmückt mit einer ganzen Palette an Farbnuancen.

Ihren Pferdeschwanz kombiniert sie mit einer ärmellosen Rüschenbluse und einem langen Faltenrock aus Tüll, eine Kombination, von der man annehmen könnte, sie wolle damit das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit ausdrücken. Aber Frau Pupkes will mit ihrer Kleidung gar nichts ausdrücken und hat darüber auch noch nie nachgedacht. Sie trägt es, weil es bequem ist. Weil es ihr gefällt. Und bezahlbar war.

Man kann nicht sagen, Sylvia Pupkes würde ihre Leidenschaft verstecken. Hinweise auf das, was ihrem Leben den festen Rahmen gibt, trägt sie für jeden sichtbar mit sich herum. Die Umhängetasche, in der sich neben der Dauerkarte auch ihre Notfallmedikamente befinden, ziert ein farbenfrohes Quallenmotiv. An beiden Edelstahltrinkflaschen hängen Plüsch-Rochen, Haifische verschiedener Ausführung und diverse Muschelanhänger. Noch jede Menge anderer Meeresbewohner, vor allem Koi-Fische, finden sich in ihren Armbändern und Ringen. Man mag das für übertrieben halten. Für kindlich, beschränkt oder wunderlich. Und liegt damit in jedem Fall: falsch.

Halt auf brüchigem Boden

Es ist ja nicht so, als würde Frau Pupkes zum Spass ins Aquarium gehen. Sie tut es, weil sie es muss. Weil es der Anker ihres Lebens ist. Ihr Halt auf brüchigem Boden. «Weil ich es brauche wie die Luft zum Atmen.» Weil das Aquarium sie über Wasser hält. Weil sie im sanften Schweben der Fische eine Harmonie findet, die ihr wirkliches Leben nie hatte.

Sylvia Pupkes, geboren am 15. Mai 1976 in Sande, einem kleinen Ort in der Nähe von Wilhelmshaven. Die Mutter Alkoholikerin, die auch in der Schwangerschaft nicht von den Flaschen lässt. Und den Zigaretten. Für ihr Baby hat sie wenig Sinn. Schlägt es, wenn es schreit.

Mit eineinhalb Jahren kommt Sylvia Pupkes stark unterernährt ins Krankenhaus und, weil sich das Jugendamt einschaltet, zu Pflegeeltern, die sie einige Jahre später auch adoptieren. Die neue Familie bedeutet ihr viel. Doch bald wechselt die Adoptivmutter ihren Mann und heiratet einen Alkoholiker. «Der gleiche Mist nochmal», sagt Sylvia Pupkes.

Das Aquarium ist ihr Ort der Heilung. Ein geschützter Raum – wie eine Glocke, die sich sanft über sie legt und undurchdringlich ist für Anfeindungen jeder Art.

Aber damit nicht genug, denn es gibt noch den Vater ihrer Adoptivmutter und der ist pädophil. Der Schmerz des jahrelangen Missbrauchs wirkt bis heute nach, aber damals ist sie eingeschüchtert, traut sich mit niemandem darüber zu reden. Erst als sie volljährig ist, wird sie den Grossvater anzeigen. Aber da sitzt er schon wegen ähnlicher Straftaten im Gefängnis. Einige der Anklagepunkte sind verjährt, ausserdem ist er beinamputiert und herzkrank, am Ende wird seine Gefängnisstrafe lediglich um ein halbes Jahr verlängert. «So etwas sollte nicht verjähren», sagt Frau Pupkes. «Ich hab ja auch lebenslänglich, wenn man so will …»

Den ersten und zweiten Stock des Aquariums besucht sie in der Regel kurz oder gar nicht: Bei den Reptilien ist es ihr zu warm, und mit den Spinnen kann sie nicht viel anfangen. Es sind die Lebewesen der Unterwasserwelt, die sie anziehen: «Ich setz’ mich irgendwo hin, wo ich so’n bisschen für mich bin und meine Ruhe hab’, häufig auch aufm Boden, und dann beobachte ich die.»

Ihr Lieblingsplatz ist zwischen dem Hai- und dem Rundbecken, angelehnt an eine Betonsäule. Hier im achteckigen Anbau weitet sich der Raum, wird lichter, und der Schall fängt sich weniger als in den schmalen Gängen. Werden die Kinder um sie herum trotzdem zu laut, greift die Aquarianerin zu ihren «Noise Cancelling»-Kopfhörern, die sie sich irgendwann mal geleistet hat, und dreht, je nach Bedrohungslage, Mozart oder Beethoven auf.

Jetzt schaut sie auf den Schattenwurf der beiden Tiere, deren Patin sie einmal war. Vor drei Jahren hatte ihr jemand Geld geschenkt, und Frau Pupkes, die selbst keines hat, dachte, wie fast immer in solchen Fällen, nicht an sich, sondern zuerst ans Aquarium. Wobei man das in ihrem Fall ja nicht so genau trennen kann.

bref+

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