Eiskalt peitscht der Wind über das Hochland von Lesotho. Er pfeift durch die gespaltene Fensterscheibe einer Holzbaracke und lässt das Glas im Rahmen klackern. Draussen ziehen Wolken über die Berge, erste Schneeflocken treiben an diesem Herbsttag über die bernsteinfarbenen Hänge. Drinnen sitzt Mosela Lesesa, 43, auf einem Plastikstuhl und klickt einen Kugelschreiber. Immer und immer wieder. Sie ist nach einem einstündigen Fussmarsch aus ihrem Dorf hier angekommen.
Ihr gegenüber sitzt eine HIV-Beraterin und notiert, was Lesesa erzählt: von einer Begegnung mit einem fragwürdigen Mann. Ob diese freiwillig war, erwähnt sie nicht. Sie hält den Blick gesenkt, kritzelt mit dem Kugelschreiber Muster auf ihren Handrücken. Die beiden Frauen flüstern, während sie gemeinsam einen Fragebogen ausfüllen. Der Raum aus Spanplatten ist hellhörig, und vor der Tür warten bereits die Nächsten.
Die HIV-Beraterin zieht Gummihandschuhe über ihre Finger mit den langen Nägeln und bereitet einen HIV-Schnelltest vor. Lesesa reibt sich die Hände warm, die Beraterin piekst ihr in den Daumen, tupft einen Tropfen Blut auf den Teststreifen und vermerkt die Uhrzeit: 12 Uhr 52. Zehn Minuten warten. Während der Test reagiert, trommeln Lesesas Finger unaufhörlich – zuerst auf den Knien, dann auf dem rostigen Tisch. Als draussen plötzlich ein lautes Lachen ertönt, zuckt sie zusammen.

Mpona Thekiso (ganz links) ist Krankenpflegerin von SolidarMed. Während einer Aufklärungsveranstaltung spricht sie mit Jugendlichen und jungen Hirten über sexuelle Gesundheit, HIV- Prävention und den Gebrauch von Kondomen.
Vor der Baracke verteilen zwei Mitarbeiterinnen Kondome und demonstrieren an einem Gummipenis, wie man sich vor HIV schützt. Männer und Frauen stehen getrennt voneinander. Die Frauen beobachten die Vorführung schweigend und verschämt, die Männer blödeln und lachen.
Punkt 13 Uhr lacht auch Mosela Lesesa befreit auf. Der Test zeigt an: negativ. Dass sie getestet werden konnte, verdankt sie einem Gesundheitssystem, das mit grossem Aufwand und teuer aufgebaut wurde.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten floss rund eine Milliarde Dollar amerikanischer Hilfsgelder nach Lesotho. Finanziert wurden damit HIV-Tests, Medikamente, mobile Teams, Labore, Gesundheitsberaterinnen und Hausbesuche in entlegenen Bergdörfern. Der Grossteil der Gelder kam von PEPFAR, dem von USAID geförderten Aids-Programm.
Dann kehrte Donald Trump ins Weisse Haus zurück und mit ihm viel Unvorhersehbares. Etwa die Auflösung von USAID – jener Behörde, die weltweit Gesundheits- und Entwicklungsprojekte in armen Ländern finanziert.
In Ländern wie Lesotho, wo jeder fünfte Erwachsene mit HIV lebt. Das sind mehr als 240 000 Menschen, die täglich antiretrovirale Medikamente (ARVs) einnehmen müssen, um ein normales Leben zu leben. Ohne diese steigt die Viruslast an, die Betroffenen können HIV wieder übertragen, und nach Monaten oder Jahren bricht Aids aus.
Lange galt das kleine Lesotho im südlichen Afrika, das etwa drei Viertel so gross ist wie die Schweiz, als Vorzeigeland: 97 Prozent der Menschen mit HIV kennen ihren Status. 97 Prozent von ihnen erhalten Medikamente. Bei 99 Prozent dieser Gruppe ist das Virus nicht mehr nachweisbar. Seit 2010 gingen die Neuinfektionen um 74 Prozent zurück, die Zahl der Aids-bedingten Todesfälle um 47 Prozent. Möglich gemacht hat das USAID.
All diese Fortschritte gerieten ab Januar 2025, mit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit, ins Wanken. Er liess Hilfsprogramme einfrieren. Rund 1500 Beschäftigte in USAID-finanzierten HIV-Programmen verloren ihre Arbeit – das entspricht etwa 60 Prozent aller auf HIV spezialisierten Gesundheitskräfte des Landes. Präventions- und Aufklärungskampagnen wurden eingestellt.
Die Uno-Aids-Organisation UNAIDS warnt vor den Folgen über Lesotho hinaus: Rund 20 Millionen HIV-Patientinnen und -Patienten sind von den Kürzungen der amerikanischen Gelder betroffen. Bleiben die Programme dauerhaft aus, könnten sich bis 2029 zusätzlich 6,6 Millionen Menschen mit HIV infizieren. Weitere 4,2 Millionen könnten an Aids sterben – nicht, weil es keine Medikamente gibt, sondern weil diese sie nicht mehr erreichen.
Wichtige Anlaufstellen mussten schliessen
Für manche Betroffene in Lesotho bedeutet der Wegfall der USAID-finanzierten Programme vor allem eines: den Schutz spezialisierter Anlaufstellen zu verlieren. Sexarbeiterinnen gehören zu den Ersten, die das zu spüren bekommen.
«Sie nennen uns Krokodile», sagt Molise, die ihren richtigen Namen nicht in einem Magazin lesen möchte und deshalb ihren Spitznamen nennt. Warum ausgerechnet «Krokodile», wissen die 29-Jährige und ihre Freundin Lamy, 24, nicht.
Beide leben mit HIV. Beide würden sofort aus der Sexarbeit aussteigen. Doch beide müssen ihre Kinder ernähren. Molise lächelt und zeigt auf ihren Unterarm, auf dem das Gelassenheitsgebet tätowiert ist: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.» In einem Fast-Food-Restaurant an der Ausfallstrasse aus Lesothos Hauptstadt Maseru bestellen die beiden Frauen Burger, heisse Schokolade und Cider. Sie stärken sich für eine lange Nacht.

Lamy und Molise, beide HIV-positive Sexarbeiterinnen in Maseru, sind schon häufig Opfer von Gewalt geworden.
In Maseru gehen früh die Lichter aus. Gegen 20 Uhr haben Geschäfte und Restaurants bereits geschlossen. Unterwegs sind dann nur noch Autos, Obdachlose und Sexarbeiterinnen. Molise steht an einer Strassenampel. In Stiefeln und Minirock. Bei vier Grad Aussentemperatur. Ihre Glitzerstrümpfe reflektieren den Schein eines Feuers, an dem sich zwei Gestalten wärmen. Eine Ratte huscht den Bordstein entlang. Jeden Autofahrer, der stoppt, begrüsst Molise mit denselben Sätzen: «Ich habe auf dich gewartet!», «Dich habe ich gesucht!», «Nimm zwei, zahl eine!».
Lamy hält Molises Hand. In der anderen trägt sie eine Tüte Fast Food. Darin: ein halbes Grillhuhn für ihre Kinder. Die beiden gehen den Strassenstrich auf und ab, wippen mit den Hüften, tänzeln gegen die Kälte an. Sind keine Freier in Sicht, scherzen sie und lachen. «In guten Nächten habe ich zehn Kunden», sagt Molise. Dann verdient sie umgerechnet 33 Franken.
Bis vor kurzem war Molise Teil von KAPAL, der «Key Affected Populations Alliance of Lesotho» – der ersten und einzigen Organisation für Sexarbeiterinnen. Die Mitarbeiterinnen verteilten Kondome und HIV-Medikamente, halfen nach Übergriffen, vermittelten bei Konflikten mit der Polizei und organisierten medizinische Versorgung in spezialisierten Fachkliniken. Kostenfrei und diskret. Für viele Frauen war KAPAL nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sondern der einzige Zufluchtsort.
Mit den Kürzungen der amerikanischen Hilfsgelder brach KAPAL praktisch über Nacht weg. Nun müssen Sexarbeiterinnen Verhütungsmittel und ARVs selbst bezahlen. Für medizinische Hilfe bleiben nur reguläre Kliniken, wo sie oft nicht gern gesehen sind.
Es kommt vor, dass sich Krankenschwestern über sie lustig machen oder sie gar öffentlich blossstellen. «Du warst doch letzte Woche schon mal wegen eines Vaginalpilzes da. Schämst du dich nicht, mit so vielen Männern zu schlafen?», erinnert sich Molise an ihren letzten Besuch.
So ist jede Sexarbeiterin auf sich allein gestellt. Und weil jeder Dollar zählt, wird selbst die HIV-Therapie für manche zur Einnahmequelle: Sie verkaufen ihre Tabletten wieder, statt sie selbst einzunehmen.
Mit dem Ende von KAPAL ist auch das Leben auf der Strasse gefährlicher geworden, denn die Freier wissen, dass die Sexarbeiterinnen nun nicht mehr auf den Schutz der Organisation zählen können. «Drei von zehn Kunden wollen nicht zahlen», erzählt Molise. «Sieben von zehn werden gewalttätig.» Ihre Stimme bricht, sie fängt an zu stottern.
Vergewaltigungen und Misshandlungen geschehen jede Nacht. Drei dicke Narben ziehen sich über ihren kahlrasierten Kopf. Sie sind frisch. Ein Freier habe sie halb totgeschlagen, weil Molise darauf bestand, ein Kondom zu verwenden. «Ich hatte ein Messer dabei und wollte ihn abstechen», sagt sie, «aber ich bin ein guter Mensch, darum habe ich es nicht getan.»
Sexarbeit ist in Lesotho illegal. In der Praxis geraten vor allem die Sexarbeiterinnen ins Visier der Polizei, nicht ihre Kunden. Ein Umstand, aus dem sich Molise in der Vergangenheit immer wieder durch Bestechung freikaufen konnte. In diesem Fall aber ging sie wegen Körperverletzung vor Gericht. Sie hatte dennoch keine Chance. Ihr Angreifer kam frei und musste lediglich umgerechnet 98 Franken an Gerichtskosten bezahlen.
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