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Donnerstag, 03. September 2026

Ich könnte mich hier für die Wehrhaftigkeit starkmachen. Ich würde schreiben, dass der Imperialist Putin um jeden Preis gestoppt werden müsse und dass die Ukraine in ihrem Verteidigungskampf auch Europa, die Demokratie und unsere Freiheiten verteidigt. Angesichts einer solchen Zeitenwende wäre im Ernstfall auch ich bereit, für diese Ideale zu kämpfen. Damit stände ich gut da.

Doch das wäre heuchlerisch. Und falsch.

Unsere Kinder sind jetzt neun, sieben und vier Jahre alt. Zu fünft wohnen wir in einem Zürcher Quartier, wo ich auch ehrenamtlich Fussballtrainer bin. Ich arbeite für dieses Magazin und bin auch sonst journalistisch tätig. Mein Vater und meine Mutter sind in einem Alter, in dem sie auf die Unterstützung von mir und meinen Geschwistern angewiesen sind.

Wenn ich mir nun vorstelle, dass ich nicht in der Schweiz, sondern in der Ukraine geboren wäre: Würde ich dann Frau und Kindern einen Kuss geben, mich bewaffnen und an die Front fahren?

Betrachten wir die Folgen dieses Kriegseinsatzes realistisch. Er kann für mich tödlich enden. Sollte ich überleben, werde ich mit Sicherheit traumatisiert zurückkehren. Ob ich im Schützengraben liege, in einem Panzer mitfahre oder aus der Ferne eine Drohne steuere, spielt dabei keine Rolle. Zu wissen, dass Menschen getötet werden und ich dafür eine Mitverantwortung trage, genügt für langfristige psychische Schäden.

Wir haben also zwei Szenarien. Beide sind nicht sehr vielversprechend, und zwar nicht nur für mich. Mein Einsatz wird auch für mein Umfeld einiges an Leid mit sich bringen: Meine Kinder wachsen entweder ohne Vater auf oder dann mit einem, der den Rest seines Lebens damit beschäftigt ist, seine Traumata zu verarbeiten.

Meine Frau wäre de facto alleinerziehend, und im Falle meines Todes gehe ich davon aus, dass ihre Trauer grösser ist als der patriotische Stolz, dass ich fürs Vaterland gestorben bin. Dasselbe gilt für Eltern, Geschwister, Freunde, Arbeitskollegen und die Kinder aus dem Fussballtraining. Dass mein Arbeitgeber mich ersetzen muss und der Staat, etwa mit einer Witwenrente und entgangenen Sozialbeiträgen, für mein Ableben bezahlt, sind da noch die kleinsten Probleme.

Der Einsatz meines Kriegsdienstes ist ohne Frage gross, nicht nur für mich. Wofür also kämpfen?

«Busifikazia»: Von der Strasse an die Front

Lassen Sie mich zuerst erklären, warum ich mir überhaupt diese Gedanken mache.

In ukrainischen Städten patrouillieren derzeit Mitarbeiter des Einberufungsamtes auf den Strassen. Sie fragen Männer nach dem Ausweis. Wer zwischen 23 und 60 Jahre alt ist, keinen Ausnahmeschein hat und nicht freiwillig einrückt, wird in einen Bus gezogen und nach einem kurzen Trainingslager an die Front geschickt. In der Ukraine gibt es dafür sogar ein eigenes Wort: «Busifikazia».

Denn praktisch niemand kämpft freiwillig. Gemäss einem hochrangigen ukrainischen Militär wollen 80 Prozent der in Kiew lebenden Männer nicht in den Krieg. Landesweit verstecken sich laut der ukrainischen Regierung zwei Millionen ukrainische Männer. Sie tauschen sich in Telegram-Chats darüber aus, wo die Männer des Einberufungsamtes gerade unterwegs sind. Dazu kommen 200 000 Soldaten, die sich unerlaubt von ihrer Truppe entfernt haben.

Ähnlich dürfte es in Russland aussehen. Alleine über die Initiative «Ich will leben» melden sich jede Woche zwischen 60 und 90 russische Soldaten per Telefon oder Chat bei den Ukrainern. Sie wollen lieber in Kriegsgefangenschaft leben und dafür regelmässig Kontakt zur Familie aufnehmen dürfen, als an der Front den Tod zu riskieren.

Wenn ich an den Beginn des Krieges zurückdenke, dann habe ich andere Bilder im Kopf. Ich erinnere mich an Medienberichte über mutige ukrainische Zivilisten, die sich bewaffneten, um freiwillig ihr Land zu verteidigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es genau so war: Als die Russen überfallartig in die Ukraine einfielen, drohte eine Invasion des ganzen Landes. Niemand wusste, was als Nächstes passiert. Die Russen konnten jederzeit durch jede Tür eindringen.

In einem solchen Fall würde wohl auch ich mich bewaffnen, um meine Nächsten (und mich selbst) zu schützen. Dasselbe gilt bei Vernichtungsfeldzügen wie dem Zweiten Weltkrieg, welche hauptsächlich die Ermordung von Volksgruppen und nicht die Kontrolle über ein Staatsgebiet zum Ziel haben. Doch das sind historische Ausnahmen.

Die Situation in der Ukraine ist heute eine andere als vor viereinhalb Jahren: Aus dem Überfall ist ein blutiger Stellungskrieg im Osten des Landes geworden, bei dem kein Ende in Sicht ist. Hier werden nicht die eigenen Angehörigen verteidigt, sondern um ein paar Meter Territorium gekämpft: Der Verlauf der über 1000 Kilometer langen Front im Donbass verändert sich pro Tag im Schnitt um 50 bis 90 Meter. Dafür sterben gemäss Schätzungen auf beiden Seiten zusammen täglich 250 bis 400 Soldaten.

Wenn ich mir nun vorstelle, dass ich in Lwiw oder in Kiew lebe, warum sollte ich mein Leben riskieren, um Hunderte Kilometer weiter entfernt im Osten um einen kleinen Landstrich zu kämpfen?

Viele junge ukrainische Männer sind dazu nicht bereit. Sie flüchten in Massen. Als die Ukraine im letzten Herbst das Ausreiseverbot für 18- bis 22-Jährige aufhob, überquerten innerhalb von nur zwei Monaten knapp 100 000 junge Ukrainer die Grenze nach Polen – auch, um sich dem bevorstehenden Militärdienst zu entziehen.

Allein in der Schweiz leben heute um die 14 000 Männer «in wehrfähigem Alter». Dank dem Schutzstatus S dürfen sie vorläufig hierbleiben. In vielen Ländern der EU haben sie ähnliche Rechte.

Doch nun schränkt die EU diesen Schutz für ukrainische Männer zwischen 23 und 60 Jahren ein – darum hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj gebeten. Wer in der Ukraine wehrpflichtig ist, muss neu regulär Asyl beantragen. Der Bundesrat übernimmt diese Regelung für die Schweiz. Es ist absehbar, dass viele Gesuche abgelehnt werden. Und dann? Zurück an die Front.

Geistige Mobilmachung

Was hat das nun alles mit uns zu tun? So einiges. Auch in der Schweiz stehen die Zeichen auf Aufrüstung. Die Armee will in den nächsten 15 Jahren 58 Milliarden Franken investieren – nach dem Willen des Bundesrates soll das über die Mehrwertsteuer geschehen, die ärmere Menschen verhältnismässig mehr belastet als Reiche.

bref+

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