Alle wollen weg, so scheint es an diesem Morgen. Reisende drängeln sich vor den Check-in-Schaltern, Kinder quengeln und werden von ihren Eltern zurechtgewiesen. Auf der Anzeigetafel leuchten die Ziele: Phuket, Male, Palma und auch Teneriffa. Sehnsuchtsorte von sonnenhungrigen Touristen. Die Sommerferien haben begonnen, der Flughafen Zürich platzt aus allen Nähten, als hätte nie eine Klimadiskussion stattgefunden.
Auch ich werde heute abheben. Ich fliege nach Westafrika, nach Senegals Hauptstadt Dakar, und begleite den Fotografen Christian Bobst. Er reist seit zwölf Jahren regelmässig an einen kleinen Strand am westlichsten Punkt Afrikas, um die Veränderungen zu dokumentieren. Christian hat mir Bilder von Dörfern gezeigt, die langsam im Meer verschwinden, sowie von Menschen, deren Existenz förmlich in den Fluten versinkt. Es sind Bilder, die beweisen, dass schon jetzt Hunderttausende von den Folgen des Klimawandels betroffen sind.

Im Dorf Bargny badet eine Frau ihr Kind in den Überresten ihres Hauses. Der andere Teil ist vom Meer verschluckt worden.
Jedes Jahr frisst der Atlantik unglaubliche zwei Meter der afrikanischen Küste auf. Diese Zahl hat mich genauso schockiert, wie mich Christians Bilder berührt haben. Als Journalist sehe ich mich in der Pflicht, über solche Dinge zu berichten. Darum stehe auch ich heute hier am Flughafen.
Was den CO2-Ausstoss angeht, bin ich keinen Deut besser als die anderen Touristen, daran ändert auch die CO2-Kompensation nichts, die ich für den Flug bezahlt habe. Doch steige ich mit der Hoffnung ins Flugzeug, dass unsere Arbeit dazu beitragen wird, eine Erkenntnis mit anderen zu teilen: Der Klimawandel ist auch ungerecht – er trifft ausgerechnet jene am stärksten, die den Fluten und der Hitze nicht ausweichen können.
Schmelztiegel aus Leid und Sehnsucht
Dakar, 24 Stunden später: Die Rufe des Muezzins hallen durch die Gassen, ein Geruch aus Fisch und Salz streicht durch die Lücke in der Häuserfront, durch die ich einen Blick zum Meer erhasche. Ngor heisst das einstige Fischerdorf, das längst Teil der wuchernden Millionenmetropole Dakar ist. Einst traf sich hier am Strand die High Society Westafrikas. Durch die Lobby des Méridien-Hotels, das den Namen und den Glamour der 1960er- und 1970er-Jahre längst verloren hat, muss damals ein Hauch von Jetset geweht haben. Crews der Swissair und der Sabena gingen ein und aus.
Schon nach wenigen Minuten in Ngor wird mir klar, dass dieser kleine Punkt auf der Weltkarte ein Schmelztiegel von Sehnsüchten und Leid, von Schönheit und Hässlichkeit, von Liebe und Hass ist. Am Westzipfel des afrikanischen Kontinents haben seit Jahrhunderten Geschichten begonnen und auch geendet.
Heilmittel und Zerstörungswut
Von der Aufbruchstimmung in Ngor ist heute nicht mehr viel übrig. Was bleibt, ist die Sehnsucht auszubrechen, erzählt mir Free Kiss. Niemand nennt den 72-jährigen Senegalesen bei seinem richtigen Namen, auch mein Begleiter Christian nicht. Er kennt Free Kiss schon lange. Die Liebe zur Fotografie verbindet die beiden.
Wenn Christian nicht da ist, fotografiert der Mann mit seiner abgewetzten und an den Ecken verbeulten Canon-Kamera die letzten Überbleibsel der High Society, die es in Ngor noch gibt. «Jeden Morgen kommen Minister und hohe Regierungsvertreter hierher zum Aquafit», erzählt er in seinem Französisch mit dem typisch senegalesischen Akzent. Das Meer habe eine heilende Wirkung, sagt man. Manchmal könnten Lahme plötzlich wieder gehen, behauptet Free Kiss. Das Meer als Heilsbringer. Auch diese Seite hat es.
Doch viel grösser ist seine Zerstörungswut, wie ich bald mit eigenen Augen sehen werde. Das weiss auch Free Kiss, der Kinder hat und dagegen ist, dass junge Leute auf Boote steigen und ihr Glück in Europa suchen. Täglich schaut er die News auf TFM. Der grösste Sender Senegals berichtet regelmässig über versunkene Boote und Dutzende vermisste Flüchtlinge.

Die Flüchtlingsroute von Senegal zu den Kanarischen Inseln gehört zu den gefährlichsten der Welt.
Allein in diesem Jahr sollen je nach Quelle bis zu 5000 Menschen die Reise von Westafrika zu den Kanarischen Inseln nicht geschafft haben, so viele wie noch nie. Als wir Free Kiss in seiner bescheidenen Wohnung mitten im Gassengewirr von Ngor besuchen, laufen im Hintergrund die Nachrichten. Wie immer geht es um Flüchtlinge, Vermisste und den Wunsch nach mehr globaler Gerechtigkeit.
Auf der saudischen Autobahn zum Fischerdorf
Die Gurte riecht etwas, doch sie hält mich festgezurrt auf den Rücksitz des alten Skoda, während Thiam, unser Fahrer, in einer Seelenruhe den Schlaglöchern, Motorrädern, Pferdefuhrwerken und allen anderen Gefahren von Dakars Morgenverkehr ausweicht. Die afrikanische Hitze quillt durch die offenen Fenster ins Auto. Die Klimaanlage würde zu viel Benzin verbrauchen, sagt der Fahrer entschuldigend.
Wir sind auf dem Weg nach Djiffer. Knapp 200 Kilometer liegen vor uns, eine Reise an einen Ort, den es vielleicht schon bald nicht mehr geben wird. Angeblich hat das Meer dort schon ganze Teile eines Fischerdorfes komplett zerstört. Die Menschen sollen mit blossen Händen Steine aufstapeln, weil die Regierung nichts unternimmt. Die schmale Landzunge, die das Dorf mit dem Festland verbindet, könnte bald durchbrochen werden, befürchtet man. Mit uns im Auto sitzt Mor, der seit Jahren mit Christian zusammenarbeitet und ihm hilft, wann immer er für seine Fotoreportagen logistische Unterstützung braucht.
Unterwegs, so der Plan, wollen wir einen Fischer namens Abdou Aziz treffen, den Christian für die Zeitschrift «Geo» porträtiert hatte. Diese Geschichte hat mich sehr bewegt und ist der wahre Grund dafür, warum ich heute im alten Skoda sitze.
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