Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Freitag, 15. Dezember 2023

Das erste Mal war nie ganz freiwillig. «Zwei Stunden? Immer nur bergauf? Was habe ich davon?» Mert schaute mich, seinen Sozialarbeiter, mit diesem schiefen Blick an, der sagen wollte: Wieder so eine «Wir führen ein gesundes Leben»-Idee. Wieder so ein Betreuertrick. Tatsächlich brauchte es jede Menge Tricks, um dem eher mittelsportlichen jugendlichen Deutsch-Türken einen Bergrucksack und Bergschuhe einzureden. Statt Basketballschuhen. Und der viel cooleren Sport-Umhängetasche.

Die Vorarbeit hatte sich gewaschen: Angeblich erwarteten den unwilligen Bergwanderer oben jede Menge Ehrenurkunden, phantastische Berghütten-Panoramen, opulente Brotzeiten und sicherlich auch WLAN, also eine Verbindung zu jenem digitalen Kosmos, der das Leben der Jugendlichen in der Grossstadt erträglich macht, ihren Stress betäubt. Ich wusste schon vor dem Start: Hätte ich mir Ärger ersparen wollen, hätte ich nicht schwindeln sollen. Aber dann wären wir vermutlich nicht losgelaufen. Und zumindest würde sich das Drama in schöner Bergkulisse abspielen.

Seit zehn Jahren gehe ich im Auftrag der Gesellschaft für soziale Arbeit München mit migrantischen Jugendlichen in die Berge. Was natürlich Fragen aufwirft: Etwa, was es bringen soll, Jugendliche wie Mert weg vom heimischen Asphalt auf alpine Wanderwege zwischen Enzian und Gemsen zu locken. Jugendliche also, die im öffentlichen Leben vor allem mit Beleidigungen und Leistungsverweigerung brillierten, die in ihrer Freizeit mit Freunden in Buswartehäuschen abhingen, um dort zu kiffen und sich gegenseitig selbstgedrehte Gangster-Imitations-Videos vorzuführen. Das war die Währung, mit der man sich hier Respekt erkaufte.

In den Bergen würde das nicht funktionieren. Am Anfang stand der Gedanke: Wenn die eigene Begeisterung für die Berge auch nur einen minimalen Funken in den Jugendlichen entzünden würde, dann könnte das ungeahnte Energien freisetzen – auf beiden Seiten. Win-win. Einen Versuch war es wert.

«Können wir jetzt bitte Zigarettenpause machen?» Das ist alles, was ich hinter mir höre.

Die erste Tour soll auf die Tutzinger Hütte bei Lenggries gehen. Nicht zu steil, nicht zu lang, schöne Aussichten am Weg. Wütendes Gekeuche. «Können wir jetzt bitte Zigarettenpause machen?» Das ist alles, was ich hinter mir höre. Nach einer halben Schachtel ist dann für den schwitzenden Teenager Schicht. Wir haben es nicht bis zur Hütte geschafft. Aber zumindest nach 300 Höhenmetern zu einer Brotzeitbank mit Blick übers Tal. «Griassts eich», «Is nimmer weit», grüssen passierende Wanderer. Und natürlich: «Servus.»

Mert gibt das «Servus» mit etwas Zögern zurück, als ob für ihn, den in München Geborenen, dieses Bairisch eine Fremdsprache sei und er noch nicht sicher, welche geheimen Bedeutungen da mitschwingen. Ob er in diese allgemeine Am-Berg-Verbrüderung reinpasst. «Sauba, des packst scho!»

Mert ist das alles fremd. In der Schule gilt er als notorischer Störer. Dazu rezitiert er in letzter Zeit gern religiöse Ideen, die er beim Besuch islamistischer Korangruppen aufgeschnappt hat. Doch nun geht es um Praktisches: Am Rastplatz hält ihm ein älterer Mann in Rotkarohemd die Gummibärchentüte hin. Mert kramt im Gegenzug ein gefühltes Kilo türkischer Backwaren aus dem Rucksack – die er jetzt ebenso freigiebig teilt. Es folgt: Smalltalk über türkische Küche. Und das leise Gefühl, man könnte hier auch ohne Rotkarohemd und Dialekteinschlag dazugehören.

«Hier oben ist es mehr wie in Afrika»

Ähnlich wird es auch Milad und Paali ergehen: zwei minderjährige unbegleitete Geflüchtete, die in München damit kämpfen, ihre Ausbildung auf die Reihe zu kriegen. Der eine aus Afghanistan, der andere aus Gambia. Die Anforderungen der Jugendhilfe an diese Jugendlichen – also Integration in deutsche gesellschaftliche Normen wie Ordnung und Pünktlichkeit, die Selbstorganisation ihres Lebens zwischen Deutsch-Nachhilfe und Behördenschreiben und die Haushaltsführung mit 400 Euro im Monat – frisst eigentlich schon alle Betreuungsstunden auf.

Aber dann sind die Berge plötzlich eine grosse Hilfe. Wirken alle die hart erkämpften Aufstiege, all die Fussblasen und von Rucksackriemen durchgescheuerten Schultern auf eine Weise, die man im Tal bestenfalls Red Bull zuschreibt: Sie beflügeln. Und das nicht nur körperlich.

bref+

Jetzt weiterlesen

Tagespass Online

  • gültig direkt ab Kauf
  • 24 Stunden Zugriff auf alle Inhalte
CHF5.00 inkl. MwSt.