Was soll das eigentlich? Ich bin Ende der fünfziger Jahre in der Stadt Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg geboren, einige Kilometer entfernt in Hohenlohe behütet aufgewachsen, in einer vierköpfigen Familie, die Grosseltern in der Nähe. Der Knabe badete in Herzfett. Mehr Heimat geht eigentlich nicht. Und dennoch zieht es mich seit mehr als fünfzig Jahren zurück an einen Ort, an dem ich noch nie gewesen bin. Das klingt absurd? Nicht für jene mit Elternteilen, die 1945 aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Meine Familie mütterlicherseits musste nach dem Krieg ihre Vaterstadt Brünn, das heutige Brno in Tschechien, verlassen.

Andreas Öhler in Berlin.
Als Hitler im offenen Verdeck in Brünn einfuhr, jubelte ihm auch meine Mutter als junges Mädchen begeistert zu. Auf Youtube gibt es von diesem Ereignis Filmaufnahmen. In diesen suchte ich sehr lange unter den zopfumsäumten Mädchengesichtern meine Mutter. Weil ich hoffte, von dem Spuk erlöst zu werden, einer verlorenen Heimat nachzutrauern, die nie die meine war, der ich mich aber dennoch zugehörig fühlte. Hätte ich meine Mutter gefunden, hätte ich sie der Täterseite zugeschlagen und der ererbte Opfermythos wäre zerstoben. Verjagt aus gutem Grund – da schlägt das Pendel nicht mehr in beide Richtungen aus. Doch ich fand meine Mutter nicht.
«Wir Kinder der Flüchtlinge mussten einen gewaltigen Spagat aushalten, um die Erzählungen der Verwandten mit der offiziellen Geschichtsdeutung übereinzubringen.» Andreas Öhler
In unserer Familie wurde eher beiläufig über die Flucht geredet. Wie schwierig es war, die versprengte Familie 1946 im kleinen Städtchen Neuenstein nördlich von Stuttgart zu versammeln, wo meine Mutter mit Verwandten als Erste angelangt war. Es ist wie immer: Die politisch Verstricktesten reisen am bequemsten. Meine Mutter hatte eine hohe Funktion in der Hitlerjugend inne, genauer im Bund Deutscher Mädel. Von Verwandten wurde sie von Brünn in den Westen geschickt, damit «die Russen sie nicht nach Sibirien verschleppen».
Pech hingegen hatten meine Grossmutter und mein Onkel. Sie waren unter den 27 000 Sudetendeutschen, die sich am Fronleichnamstag 1945 auf den «Todesmarsch» von Brünn bis zur österreichischen Grenze begeben mussten. Nach neuesten Schätzungen fanden auf diesem Marsch 5200 Menschen den Tod.
Für dieses Narrativ gab es in der historischen Geschichtsschreibung nach 1945 keinen Platz. Und auch ich hielt als Spätausläufer der 68er Generation Vertriebenenverbände für «revanchistisch». Wir unterstellten ihnen, dass sie die alten Besitzverhältnisse wiederherstellen und ihre historische Schuld nicht erkennen wollten. Und dennoch las auch ich den «Brünner Heimatboten», eine Vertriebenenzeitung, die meine Mutter abonniert hatte und die in der Familie reihum ging. Der «Heimatbote» bestand aus alten Fotos von früher und Todesanzeigen. Dass diese Stadt auch eine Gegenwart hatte, wurde ausgeblendet. Genauso hätte man einen Reiseführer der versunkenen Insel Atlantis studieren können.
Wir Kinder der Flüchtlinge mussten einen gewaltigen Spagat aushalten, um die Erzählungen der Verwandten mit der offiziellen Geschichtsdeutung übereinzubringen. In Brünn hatten beide Grosseltern an der evangelischen Schule als Lehrer unterrichtet, eine lutherische Diaspora, umringt von Hussiten und Katholiken. Als sie im pietistischen Württemberg gestrandet waren, pochten sie darauf, als «Lutheraner nach dem Augsburger Bekenntnis» besonders zu sein. Das ständige Beharren auf das Anderssein war vielleicht die grösste Konstante in ihrem Leben.

Die Grosseltern von Andreas Öhler im August 1950 in Stuttgart beim ersten Treffen der Vertriebenen nach Kriegsende.
Meine Grossmutter litt zeitlebens besonders unter den Folgen der Vertreibung. In Österreich hatte sie zunächst mit ihrem Sohn in der Steiermark als Lehrerin Fuss gefasst. Bei der Familienzusammenführung in Baden-Württemberg wurde klar, dass ihre Ausbildung dort nicht anerkannt wird. Als Kind spürte ich, wie sehr sie die Entwurzelung grämte, und ich versuchte, mich an dieses Leiden anzuschmiegen. Sie trauerte den Kaffeehäusern nach, den Strassenbahnen; in Hohenlohe wurden vier Klassen in einem Raum unterrichtet und Mistwagen von Pferden gezogen.
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