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Freitag, 10. Juni 2016

Der liebe Gott gibt alles. Gleissender Sonnenschein lässt das Brautpaar, die Gäste und das Zürcher Grossmünster erstrahlen an diesem Tag im Mai, den sich das Paar für sein grosses Fest ausgesucht hat. Nach der Predigt und einer feinen, kleinen Trauungszeremonie verlässt als erstes das Paar die Kirche, begleitet von Applaus.

Der Bräutigam ist Mitte fünfzig, die Braut ein paar Jahre jünger. Für beide ist es nicht die erste Ehe, die sie eingehen. Doch dessen ungeachtet geniessen sie die feierlichen Momente und nehmen auf dem Zwingliplatz die Gratulationen ihrer Verwandten und Freunde entgegen. Fragt man das Paar, warum es sich kirchlich trauen lässt, sagt es: «Wir wollten nicht nur auf dem Standesamt einen Vertrag unterschreiben, sondern wünschten uns ein öffentliches Ja im Kreis unserer Freunde und Angehörigen, im Wissen, dass wir zum Gelingen unserer Ehe auch auf unser Netz – und auf den Segen von Gott – angewiesen sind.»

Mit dieser Haltung gehören die beiden zur schwindenden Minderheit jener, die sich hierzulande noch vor einem Traualtar das Jawort geben. Rund 8000 kirchliche Hochzeiten sind es jährlich, je zur Hälfte reformiert und katholisch. Das entspricht etwa 20 Prozent aller in der Schweiz geschlossenen Ehen und markiert einen historischen Tiefpunkt. Den Spitzenwert erzielte die reformierte Kirche 1970 mit nahezu 19 000 Trauungen. Seither ist es also zu einem Einbruch von über 70 Prozent gekommen. Vergleichbare Langzeitdaten aus der katholischen Kirche fehlen zwar, aber Angaben aus den Bistümern St. Gallen, Sitten und Lugano zeigen, dass auch dort die Trauungen seit 1997 um mehr als 40 Prozent zurückgegangen sind.

Er wacht über die Hochzeiten in der Stadt Zürich: der Zivilstandsamt-Leiter Roland Peterhans in einem Traulokal im Stadthaus.

Abkehr von einer Institution

Offensichtlich gelten die Kirchen für viele nicht länger als erste Adresse, an der sie ihre Trauung zelebrieren wollen. Die massive Abkehr von einer Institution, die die meisten Menschen früher ganz selbstverständlich mit einer Hochzeit assoziierten, sollte Pfarrerinnen und Priestern zu denken geben: Wie konnte es dazu kommen, dass sie ihre einst unangefochtene Kompetenz weitgehend eingebüsst haben? Warum ist die Kirche nicht länger gefragt, wenn Paare den wohl schönsten Tag ihres Lebens feiern?

Natürlich hat diese Entwicklung auch damit zu tun, dass immer mehr Menschen aus den Landeskirchen austreten und die Zahl der Konfessionslosen steigt. Betrug deren Anteil 1960 noch vernachlässigbare 0,5 Prozent, so waren es 2013 bereits 22,2 Prozent. Paare mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund, der Mann vielleicht reformiert, die Frau konfessionslos, wissen manchmal nicht einmal, dass sie gleichwohl in der Landeskirche willkommen wären und dort heiraten könnten. Die Erwartungen an die Kirche, seufzt eine reformierte Pfarrerin, seien nahezu am Nullpunkt angelangt.

Schlechte Erfahrungen tragen das Ihre dazu bei, dass viele zur Überzeugung gelangen, die Kirche habe bei ihrer Hochzeit nichts verloren. Das mag die Erinnerung an die Beerdigung der Mutter sein, an der der Pfarrer eine Predigt hielt, die nichts mit der Verstorbenen zu tun hatte, dafür aber so bibellastig und abgehoben war, dass ihr kaum jemand folgen konnte. Oder der Streit um die Musik an der Taufe des jüngsten Sohnes, wo die Eltern auf einem Song von Bob Dylan bestanden, was der Pfarrer aber kategorisch ablehnte. Ganz zu schweigen von den vielen Diskussionen um den Ort einer Trauung. Muss es denn immer im Gotteshaus sein, oder wäre es auch möglich, sich den kirchlichen Segen an einem See oder auf einem Berg geben zu lassen?

Andrea M. Bianca, reformierter Pfarrer in Küsnacht ZH, ist überzeugt, dass die Kirchen die Individualisierung der Gesellschaft verschlafen haben und stattdessen die dogmatischen Vorgaben ihrer Institution immer noch zu stark in den Vordergrund rücken: «Wir können einem jungen Brautpaar nicht länger Bibelverse überstülpen», sagt er mit Nachdruck. «Stattdessen müssen wir uns auf seine individuelle Lebens- und vor allem Liebesgeschichte einlassen und dort symbolische Bezüge zur Bibel aufspüren.»

Sein katholischer Kollege Jaroslaw Duda aus Bülach gibt zusätzlich zu bedenken, dass die Zahl der Eheschliessungen im Verhältnis zur wachsenden Wohnbevölkerung generell abnehme. Viele bevorzugten das Konkubinat und scheuten die Verbindlichkeit eines staatlich oder gar kirchlich besiegelten Jaworts. Das stimmt tatsächlich. Nur: Seit rund zwanzig Jahren sind es konstant 40 000 Paare, die jährlich heiraten, darunter 32 000, die einen anderen Rahmen wählen als die Kirche.

Innovative Zivilstandsämter

Einer, der weiss, was Brautpaare wollen, ist Roland Peterhans. Seit zwanzig Jahren ist er auf dem Zivilstandsamt der Stadt Zürich tätig, das er inzwischen auch leitet. Damit ist er verantwortlich für den reibungslosen Vollzug von rund 2300 zivilen Trauungen pro Jahr. Er ist ein moderner Mann, der ausnahmslos von Standesbeamtinnen spricht, wenn er seine Leute erwähnt. Das sei für ihn eine Selbstverständlichkeit, erklärt er, setze sich sein Team doch aus 36 Frauen und 4 Männern zusammen. Die 4, schmunzelt er, seien jeweils mitgemeint.

Die gleiche Aufgeschlossenheit legt Peterhans an den Tag, wenn es um sein Kerngeschäft geht. Weil er das Bedürfnis vieler Paare spürte, zwischen verschiedenen Orten wählen zu können, bietet sein Amt seit 2009 zwei Arten von Trauungen an: eine viertelstündige traditionelle Hochzeit im Stadthaus für 75 Franken und die Galavariante für etwa 500 Franken entweder im Zunfthaus zur Waag, in der Weinschänke im Hotel Hirschen im Niederdorf oder in der Masoalahalle im Zoo, wo die Zeremonie eine Dreiviertelstunde beanspruchen darf und Plätze für bis zu hundert Personen zur Verfügung stehen. Die Standesbeamtinnen legen dann auch mehr Gewicht auf ihre Ansprache und würzen sie mit einem ausgewählten Gedicht oder einem gehaltvollen Sinnspruch. Die Nachfrage gibt Peterhans recht: Gut zehn Prozent der Paare heiraten unter Deluxe-Bedingungen.

Auch die Möglichkeit, am Samstagvormittag zwischen 9 und 12 Uhr zu heiraten, weiss seine Kundschaft zu schätzen. Fast noch besser aber kommt eine Neuerung an, die zwar unspektakulär, dafür aber umso wirkungsvoller für die Beteiligten ist: Sie haben die Möglichkeit, ihre Trauung online zu buchen, und das nicht nur wie bisher ein halbes, sondern ein ganzes Jahr im voraus. Das erleichtere den Brautleuten die Planung ihres Festes enorm und senke ihren Stress massgeblich, sagt Peterhans.

Für die vielen binationalen Paare hat der umtriebige Beamte ebenfalls eine spezielle Idee ausgeheckt. Stammt der Bräutigam etwa aus Indien oder die Braut aus Brasilien, bietet das Zürcher Standesamt ihnen die Möglichkeit, ihre Verwandten in der Heimat via Skype an der Trauung teilhaben zu lassen. Kleiner Aufwand, grosse Wirkung.

Fazit: Die Standesämter – in Bern stehen inzwischen gar 23 Orte für eine Trauung zur Auswahl – haben die Zeichen der Zeit erkannt und rüsten auf. Der Rahmen ist mittlerweile so attraktiv und festlich, dass junge Paare gar nicht mehr wissen, was ihnen die Kirche darüber hinaus noch bieten soll.

Bei der Ritualgestalterin Yvonne Vogt aus Aadorf im Kanton Thurgau steht bei der Zeremonie nicht die Bibel im Zentrum, sondern die Liebe – für 1500 Franken.

Begehrte Ritualgestalterinnen

Für all jene, die eine rituelle Zeremonie bevorzugen, gibt es zudem eine weitere Alternative zur Kirche: die Ritualgestalterinnen, auch Zeremonienmeister oder freie Redner genannt. Eine von ihnen ist Yvonne Vogt, die in Aadorf TG mit ihrer Familie in einem alten Bauernhaus wohnt, wo sie in ihrem Ritualraum auch ihre Kunden empfängt. Die 38jährige, die sich als «sehr spirituell» bezeichnet, ist gleichwohl aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil sie die Institution als «zu dogmatisch und hierarchisch» erlebte.

Als sie heirateten, verpflichteten ihr Mann, auch er konfessionslos, und sie einen freien Theologen, um dem Übergang in den Stand der Ehe auch ohne kirchlichen Rahmen eine besondere Bedeutung zu verleihen. Die Tauffeier am Ufer eines Bachs, mit der das Paar einige Jahre später seine beiden Töchter willkommen hiess, war ihr zweiter Kontakt mit einer säkularen Zeremonie und wurde zu einem Schlüsselerlebnis: «Ich fühlte mich so reich beschenkt, dass ich beschloss, diesen Beruf zu ergreifen.» Die studierte Pädagogin durchlief eine einjährige Ausbildung und ist heute eine gefragte Ritualgestalterin, die für alle Arten von Feiern gebucht wird.

Im Gegensatz zu einer kirchlichen Trauung, die für Gemeindemitglieder gratis ist, kostet ihre Dienstleistung rund 1500 Franken. Dass zunehmend mehr Paare bereit sind, andernorts sogar noch deutlich höhere Beträge zu zahlen, zeigt, wie sehr das Angebot den Wünschen der Kunden entspricht. Sie sind frei in der Wahl des Ortes und entwickeln gemeinsam mit der Ritualgestalterin ihre persönliche Zeremonie, in der ihre Liebe und nicht Gott oder die Bibel im Mittelpunkt steht. Wer kreativ ist, kann seiner Feier so eine ganz eigene Note geben.

Ein durchschnittliches Hochzeitsfest kostet heute mindestens 25 000 Franken. Wer es exklusiv will, muss 100 000 Franken in die Hand nehmen.

Die Sorge, dass eine Trauung damit zum Happening mit Gags und Partycharakter werden könnte, zerstreut Vogt auf der Stelle: «Ich betrachte ein Hochzeitsritual als eine ernsthafte, sehr berührende Zeremonie, die auch das Jawort, den Ringtausch und das Trauversprechen des Paares enthält, aber ausserhalb der Kirchen angesiedelt ist und damit vielen konfessionslosen oder kirchenfernen Menschen entspricht.»

Hochzeitstorte für 6000 Franken

Darüber hinaus sind Hochzeitsfeiern heute für viele primär zu einem Anlass geworden, an dem sie ihren Gästen ein grandioses Fest bieten wollen, das von ihrem Erfolg im Leben zeugt und damit weniger spirituell als kommerziell ausgerichtet ist. Einschlägige Websites für die Planung einer Hochzeit listen denn auch bis zu siebzig Posten aus acht Rubriken auf, angefangen beim Essen und Trinken über die Garderobe von Braut und Bräutigam, Frisuren und Schminke, Hochzeitsfotografen, Hochzeits-Websites, Drucksachen wie Einladungs-, Danksagungs- und Speisekarten bis hin zu kleinen Give-aways für die Gäste. Eine siebenstöckige Hochzeitstorte kann bis zu 6000 Franken kosten, die Frisur der Braut gegen 2500 und das teuerste Hochzeitskleid, das das Zürcher Fachgeschäft für Brautmode Zoro bisher verkaufte, hatte den stolzen Preis von 20 000 Franken.

Gemäss Fachleuten kostet ein durchschnittliches Hochzeitsfest heute mindestens 25 000 Franken. Wer es exklusiv will, muss rund 100 000 Franken in die Hand nehmen. Die Hochzeit eines ehemaligen Schweizer Spitzenfussballers verschlang sogar gegen eine Million. Dafür wurde das Zürcher Dolderbad mit Bühnen und einem Steg versehen, drei Topbands aus dem Ausland wurden eingeflogen, und der Catering-Service wurde gebucht, der zuweilen auch für Tina Turner kocht. Alles in allem soll der Schweizer Hochzeitsmarkt jährlich eine Milliarde Franken schwer sein.

Wie ausgefallen darf es denn sein? Hochzeitsplanerin Eva Hauser erfüllt ihren Kunden fast jeden Wunsch. Dazu gehört auch der Ritt der Braut auf einem Kamel in den Festsaal.

Mit dem Kamel in den Festsaal

Eine wichtige Rolle spielen darin die Hochzeitsplanerinnen, deren Angebot in den USA längst etabliert ist und nun auch in der Schweiz zunehmend auf Interesse stösst. Eva Hauser ist eine der erfahrensten der Branche. Ihr Ehrgeiz besteht darin, alles, was sich Brautpaare wünschen, in die Realität umzusetzen – «solange es legal ist». Dieser Nachsatz sei nötig, meint die Zürcherin lachend, weil ihre Kunden teils extravagante Wünsche hegten. Sie erinnert sich gut an jene Braut, die unbedingt auf einem Kamel in den Festsaal im Zürcher Kongresshaus reiten wollte. Hauser recherchierte und erfuhr, dass das Tier tatsächlich durch die Tür gepasst hätte; sie fand auch ein gezähmtes Exemplar, das der Situation gewachsen schien, und teilte ihren Kunden die frohe Botschaft mit. In dem Moment entschied sich die Braut allerdings um, weil sie befürchtete, sie rieche nach dem Intermezzo möglicherweise nach Kamel. Tiere, erzählt Hauser, seien ein Dauerbrenner. Besonders beliebt seien Schwäne, Enten und Hasen; gern gesehen aber auch Pferde und manchmal sogar ein Elefant.

Frauendomäne Hochzeit

Hausers Hauptarbeit besteht in der Auswahl und dem Buchen des Ortes, dem Planen des Festes, der Organisation von Essen und Trinken, Blumenschmuck, Tischdekorationen, Musik und vielem mehr. Am liebsten hat sie ein Jahr Zeit, um alle Vorbereitungen treffen zu können. In diesen Monaten trifft sie sich regelmässig mit der Braut, um jedes Detail abzusprechen. «Hochzeiten», sagt Hauser, «sind Frauendomänen; Frauen messen diesem Fest einen unglaublichen Stellenwert bei und sehnen sich nach der Erfüllung eines Märchentraums.» Sie selber übernehme nebst ihrer Tätigkeit als Planerin verschiedene Rollen und sei in dieser Zeit manchmal Freundin, Schwester, Psychologin und Seelsorgerin zugleich.

So viel Einsatz hat seinen Preis. In der Branche ist von 10 Prozent des Gesamtbudgets die Rede. Hauser winkt ab: Für eine Hochzeit, die 30 000 Franken koste, könne sie angesichts ihres immensen Aufwands nicht für 3000 Franken arbeiten. Mehr verrät die Geschäftsfrau nicht, die inzwischen nicht nur Freelancer, sondern auch festangestellte Mitarbeiterinnen beschäftigt. Ihr Business, soviel wird klar, läuft wie geschmiert: An einem Wochenende in den Hochsaisonmonaten Juli, August und September richtet sie mit ihrem Team mitunter bis zu dreissig Hochzeiten gleichzeitig aus.

Pfarrerinnen müssen bereit sein, Hochzeiten auch ausserhalb der Kirche zu vollziehen, sagt Andrea M. Bianca, reformierter Pfarrer in Küsnacht ZH.

Kirchen müssen umdenken

Von solchen Zahlen können die Kirchen nur träumen. Seit sie immer weniger Trauungen durchführen und damit eine der grössten Chancen verpassen, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die sonst nur selten oder nie an einem Gottesdienst teilnehmen, sind sie gezwungen, neue Wege zu gehen.

Einer führt sie an die Hochzeitsmesse, eine gigantische Kommerzshow voller Glitzer und Glamour, die inzwischen in Zürich, St. Gallen, Basel, Bern und Zug stattfindet und an rund dreihundert Ständen alles bietet, was sich die Menschen für ihr grosses Fest wünschen: Brautkleider, Torten, Blumengestecke, Kerzenständer, Tischkarten, die passende Mietlimousine zum Fest und vieles mehr. Bis zu 8000 Besucherinnen und Besucher durchstreifen an zwei Tagen die Messehallen und lassen sich immer wieder auch in ein Gespräch mit einem der reformierten oder katholischen Pfarrer an ihrem gemeinsamen Stand ein. Die Möglichkeit, in diesem Umfeld Präsenz zu markieren und auf niederschwellige Art Kontakte zu knüpfen, ist den Kirchen einiges wert: Sie zahlen für die Standmiete 20 000 Franken und entsenden während zweier Tage bis zu fünf Pfarrerinnen und Seelsorger.

Doch damit ist es nicht getan. Wollen die Kirchen wieder mehr Bedeutung für die Hochzeiten der Menschen erlangen, sind tiefgreifende Änderungen nötig. Der reformierte Pfarrer Andrea M. Bianca begegnet Brautpaaren mit grosser Offenheit. Er kommt ihnen weit entgegen, wenn sie einen alternativen Ort wünschen, und hat auch schon auf einem Berggipfel eine Trauung durchgeführt oder auf einem Eisfeld in der Stadt Zürich. Auch für spezielle Musikwünsche ist er zu haben, weil er weiss, dass «die meisten Paare keine Kirchenmusik wollen, sondern ihre eigene». Seine Predigt richtet er auf die Braut und den Bräutigam aus und konstatiert ganz klar: «Ihre Liebesgeschichte muss mehr Raum haben als die Verkündigung des Evangeliums.»

Gleichwohl greift Bianca in den mehrstündigen Vorbereitungsgesprächen Themen wie Glauben, Werte oder die religiöse Erziehung künftiger Kinder auf und leitet daraus ein Trauversprechen ab, das «auf das einzelne Paar zugeschnitten ist und nicht irgendwelche Standardfloskeln wiedergibt». Er stärke lieber dessen individuelle Glaubensentwicklung statt dass er ihm die Formel vom «Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist» aufzwinge. Seine Erfahrung zeige ihm nämlich, dass die Menschen dann auf Bibelinhalte ansprächen, wenn sie sich persönlich gemeint fühlten. «Allgemeinplätze dagegen laufen ins Leere.»

Ginge es nach Bianca, gäbe es spezialisierte «Kasualienpfarrer», die anlässlich der vier reformierten Kasualien Hochzeit, Taufe, Konfirmation und Beerdigung biografische Gottesdienste halten würden. Sie hätten mehr Zeit, sich auf die Braut- und Elternpaare, Konfirmanden und Hinterbliebenen einzulassen. Solche Spezialisten könnten eine Trauung auf Wunsch auch einmal in Frankreich oder Italien durchführen, statt sie den Ritualbegleitern zu überlassen. Der Theologe ist überzeugt, dass die Menschen daran mehr Interesse hätten als an den sonntäglichen Gemeindegottesdiensten, die sich am Kirchenjahr orientieren und den Menschen offenbar immer weniger sagen.

Der katholische Pfarrer Jaroslaw Duda berät Ehepaare in seinem Büro in Bülach im Zürcher Unterland. Er nennt diese Gespräche «Ehegarage» und gewährt eine Garantie von fünfzehn Jahren auf die Ehe – sofern das Paar einmal jährlich bei ihm vorbeischaut.

Service in der «Ehegarage»

Auf der Suche nach attraktiven, zeitgemässen Angeboten hat sein katholischer Kollege Jaroslaw Duda in Bülach seinen eigenen Weg eingeschlagen. Seine Spezialität ist eine «Ehegarantie auf fünfzehn Jahre», in deren Genuss diejenigen Paare kommen, die ihn nach der Hochzeit einmal pro Jahr in seiner «Ehegarage» aufsuchen. Dass der Begriff an den jährlichen Service eines Autos denken lässt, ist beabsichtigt. Der füllige Pfarrer, dessen polnische Herkunft sich in seinem Deutsch immer noch bemerkbar macht, erklärt: «Eine gute Ehe bedarf der Pflege. Wer sich nur schon einmal pro Jahr mit den eigenen Ressourcen, aber auch Defiziten als Paar auseinandersetzt, ist besser gewappnet.»

Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Gemäss seiner Aussage habe die Ehe sämtlicher Männer und Frauen, die sein Angebot nutzen, nach wie vor Bestand.

«Die Kirchen müssten selbstbewusster zeigen, dass sie kompetent sind, Menschen mit Beziehungsproblemen zu unterstützen.» Andreas Jakob, Geschäftsleiter Paarberatung und Mediation des Kantons Zürich

Zurzeit stehe er mit 55 Paaren in Verbindung, die regelmässig einen Termin in seiner Garage beanspruchten. Dass er als katholischer Priester selber zölibatär leben muss, scheint seiner Glaubwürdigkeit keinen Abbruch zu tun: «Menschen und ihre Probleme haben mich immer interessiert», sagt er, «und ich kann mich gut in ihre Lage versetzen.»

Eigentlich verfügen die Kirchen von jeher über ein profundes Know-how in Beziehungsfragen. Vor 70 Jahren eröffnete die reformierte Kirche in Zürich ihre Paarberatung, die ursprünglich dem Gedanken des Eheschutzes verpflichtet war, sich mit der Zunahme der Scheidungen aber auch dieses Themas annahm. Die Beratung lag damals in den Händen von Pfarrleuten, die oft eine psychologische Schulung durchlaufen hatten.

Inzwischen ist aus der Stelle das ökumenische Angebot «Paarberatung und Mediation» geworden, das jährlich von 2000 Personen in Anspruch genommen wird – Tendenz steigend. Finanziert wird es vom Kanton Zürich, der 330 000 Franken pro Jahr zahlt, und den beiden Kirchen, die je 800 000 Franken beisteuern. Das Beratungspersonal setzt sich ausschliesslich aus Psychologinnen und Sozialarbeitern zusammen. Zum Bedauern von Andreas Jakob, dem Geschäftsleiter, sind keine Pfarrer und Pfarrerinnen mehr in seinem Team vertreten, die die kirchliche Tradition weitertragen könnten. Erstaunlich – da hadern die Kirchen mit dem Rückgang der Hochzeiten, lassen sich aber bei einem Paarberatungsangebot, das sie mit einem massiven Betrag mitfinanzieren, ja im Grunde erst ermöglichen, komplett in den Hintergrund drängen. Jakob nickt: «Die Kirchen müssten tatsächlich selbstbewusster zeigen, dass sie über die Kompetenz verfügen, Menschen mit Beziehungsproblemen zu unterstützen.»

Heikle Themen anpacken

Bei einigen Themen tun sich die Kirchen nach wie vor schwer und riskieren damit vor allem unter jungen Leuten einen beträchtlichen Imageschaden. Ob beispielsweise auch Schwule und Lesben in einem Gotteshaus heiraten dürfen, steht zurzeit in den Sternen. Die katholische Kirche sagt klar Nein, innerhalb der reformierten traut sich von offizieller Seite niemand, das heisse Eisen beherzt anzupacken.

Als eine Gruppe von Berner Theologiestudenten und Theologen 2015 eine Stellungnahme zugunsten der Homoehe veröffentlichte, herrschte zunächst langes Schweigen. «Auf einmal brach eine Welle positiver Reaktionen über uns herein», erzählt Tobias Zehnder, einer der Studenten. Doch weder von reformierter noch von katholischer Seite habe es ein offizielles Statement gegeben. Zehnder ist überzeugt, dass die Landeskirchen aus Angst vor weiteren Mitgliederverlusten oft in eine «regelrechte Schockstarre» verfallen würden, wenn es um dieses Thema gehe: «Weil sie nichts falsch machen wollen, tun sie gar nichts.»

Dass die Kirche immerhin noch 75 Prozent aller Abdankungen und Beerdigungen durchführt, ist ein schwacher Trost. Zum einen steht sie auch auf diesem Feld mit den Ritualbegleitern in immer grösserer Konkurrenz. Zum anderen richten viele Pfarrerinnen und Pastoren lieber eine Trauung mit glücklichen Menschen aus, als ständig Abdankungen mit trauernden Angehörigen durchzuführen. Pfarrer Duda sagt: «Die Kernkompetenz der Kirche ist nicht primär der Tod, sondern der Mensch, der im Leben steht.»

Barbara Lukesch ist freie Journalistin und unterrichtet an verschiedenen Hochschulen sowie an der Schweizer Journalistenschule MAZ. Sie lebt in Zollikon ZH und Gais AR.
Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich.

Wir danken der Bar El Lokal (Seite 9) und dem Zürich Zoo (Seite 12) für die Zusammenarbeit. Der Zürcher Zoo verleiht keine Tiere für Hochzeiten.

Für die reformierte Kirche beginnt die Ehe mit dem Besuch auf dem Standesamt. Ist dort die Trauung besiegelt, muss das Paar dem Traupfarrer – bevor die reformierte Trauung erfolgen kann – die amtlichen Dokumente vorlegen. Im Gottesdienst wird dann die Eheschliessung mit dem Segen für das Brautpaar durch den Pfarrer bestätigt. Im Gegensatz zur römisch-katholischen Hochzeit verlangen die Reformierten keine Unterzeichung eines kirchlichen Ehedokuments. Das reformierte Paar erhält bei der Trauung einen Trauschein und eine Bibel. Dann geben die Brautleute einander ein Trauversprechen ab, dessen Formulierung das Ehepaar oder die Pfarrerin frei gestalten kann. Es enthält die Erwartungen und Hoffnungen der Brautleute. Weiter versprechen sie einander, ihr Leben gemeinsam zu gestalten, sich treu zu sein, zu vertrauen und zu vergeben.

Grundsätzlich umfasst die reformierte Trauung weniger rituelle Handlungen als die katholische. Es wird zwar wie bei den Katholiken das Brautpaar gesegnet, jedoch nicht die Trauringe, da Reformierte Gegenstände in der Regel nicht segnen.

In der römisch-katholischen Kirche ist die Ehe ein Sakrament. Sie kann deshalb nur einmal kirchlich vollzogen werden. Anders bei den Reformierten: Hier können Geschiedene auch ein zweites Mal heiraten.

Trauungen von Ehepaaren verschiedener Konfession sind möglich. Falls ein Partner der römisch-katholischen Kirche angehört, wird eine «formelle Erlaubnis vom Bistum» benötigt. Diese ist beim katholischen Pfarramt erhältlich. Die ökumenische Feier der Trauung kann entweder von zwei Geistlichen beider Konfessionen oder nur von einer Pfarrperson geleitet werden. bat