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Autor: Oliver Demont
Bilder: Désirée Good
Freitag, 14. Mai 2021

Frau Steinemann, wann mussten Sie sich das letzte Mal für Ihre Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung entschuldigen?

Claudia Steinemann Ich erzählte einer Kollegin etwas, das ich ihr schon einmal erzählt hatte. Sie wies mich darauf hin – und ich entschuldigte mich. Ein Klassiker.

Viele sehen ADHS als Modediagnose oder billige Ausrede für Dinge, die im Alltag nicht klappen. In meiner Kirchgemeinde heisst es einfach nur: «Der Mike ist halt ein bisschen chaotisch, hat aber andere Qualitäten.»

Passiert so etwas nicht allen einmal?

Steinemann Doch, natürlich, einmal alle paar Monate. Mir aber passiert das wöchentlich, wenn nicht häufiger. Ein Mensch mit ADHS muss sich jeden Tag anstrengen, damit er Dinge nicht vergisst: den Hausschlüssel, einen Abgabetermin, den Gedanken in einem Gespräch.

Mike Gray Das kommt mir sehr bekannt vor. Ebenso, dass sich Claudia bei der Kollegin entschuldigt hat.

Warum haben Sie sich eigentlich bei Ihrer Kollegin entschuldigt?

Steinemann Weil ich eine Genervtheit spürte. In solchen Situationen denke ich immer: Oh, nicht gut, das Gegenüber glaubt vielleicht, dass ich ihm nicht zuhöre, oberflächlich bin oder sonstwie seltsam.

Sie entschuldigen sich, um sich zu entlasten.

Steinemann Was paradox ist. Denn ich verhalte mich ja nicht mit Absicht so, sondern kann mir Sachen nicht merken und habe Schwierigkeiten, mich auf etwas zu konzentrieren. Das Gehirn eines ADHS-Betroffenen ist wie ein hochtourig laufender Motor, der unglaublich viel Energie frisst. Manchmal bin ich mittags bereits so müde, wie das andere nicht einmal am späten Abend sind.

Wie muss sich das ein Mensch ohne ADHS vorstellen?

Steinemann Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit einer Freundin in einem Restaurant. Sie wollen unbedingt hören, was sie sagt. Das gelingt Ihnen aber nicht, weil Sie die Gespräche an den Nachbartischen ebenfalls im Ohr haben. Also nicht einfach als Hintergrundgeräusch, sondern mit Inhalten und Emotionen. Jetzt sitzen Sie also da, und das Chaos geht los.

Wie geht es dann weiter?

Steinemann Sie strengen sich an, wollen sich noch mehr auf Ihr Gegenüber konzentrieren, aber das Hirn priorisiert partout nicht die wesentliche Information – in meinem Fall die Worte der Freundin. Sie versuchen es immer wieder, spüren aber, dass Sie es nicht schaffen werden. Nun bemerken Sie, wie sich der Stress im Kopf und im Herzen ausbreitet. Sie werden auf eine ungute Weise emotional. Die Situation scheint Ihnen langsam, aber sicher zu entgleiten. Ihr Verhalten beginnt sich zu verändern – ob Sie das wollen oder nicht. Jetzt sind Sie angespannt, wirken nervös, sprunghaft in Ihrer Art, im Gespräch sowieso. Ihr Hirn hat sich in eine Hüpfburg verwandelt, auf der Gedanken aller Art herumspringen.

Das klingt anstrengend.

Steinemann Da kann ich nur sagen : Willkommen im Leben mit einer ADHS. So sieht mein Alltag aus.

Herr Gray, anders als Frau Steinemann haben Sie keine ADHS, sondern eine ADS. Was ist der Unterschied?

Gray Anders als bei Claudia existiert bei mir keine besonders ausgeprägte Hyperaktivität. Mir bereitet also nur die Konzentration Mühe. Ich bin nicht sonderlich impulsiv. ADS ist aber in dem Sammelbegriff ADHS immer mitgemeint.

Steinemann Strenggenommen habe ich auch nicht die reine Form der ADHS, sondern eine Mischvariante von Konzentrationsschwäche und Hyperaktivität. Aber das würde nun zu weit führen.

Gray Was sich aber sagen lässt: Alle Formen eint, dass sie einen ähnlich schlechten Ruf haben.

Ist das der Grund, warum ausser Sie beide kein Sozialdiakon und keine Pfarrerin über ihre Diagnose ADHS öffentlich sprechen wollten, obschon sie sich bei Twitter oder sonstwo im Netz dazu bekennen?

Gray Wer mit einer ADHS an die Öffentlichkeit geht, der macht sich angreifbar. Gerade in exponierten Berufen wie dem eines Sozialdiakons oder einer Pfarrerin.

Das Gehirn eines ADHS-Betroffenen ist wie ein hochtourig laufender Motor, der unglaublich viel Energie frisst. Manchmal bin ich mittags bereits so müde, wie das andere nicht einmal am späten Abend sind.

Was denken Sie, gibt es viele Menschen mit ADHS, die in der Kirche arbeiten?

Gray Genaue Zahlen gibt es nicht. Man geht davon aus, dass rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung von einer ADHS betroffen ist. In meinem Beruf habe ich immer wieder Kolleginnen und Kollegen mit der gleichen Störung kennengelernt. Als ich kürz­lich in einer Facebook­-Gruppe nebenbei meine Diagnose erwähn­te, schrieb mir später eine Pfarrerin in einer Direktnachricht: «Du auch?»

Darüber öffentlich zu reden macht einen angreifbar, sagten Sie. Nun tun Sie es trotzdem. Warum?

Gray Weil es wichtig ist. Ich habe mir aber vor der Zusage viele Gedanken darüber gemacht, ob das eine gute Idee ist. Früher bin ich sehr offen mit der Diagnose umgegangen und informierte vor einem Stellenantritt sogar die Kirchgemeinde. Heute lasse ich das lieber bleiben.

Weshalb?

Gray Viele sehen ADHS als Modediagnose oder billige Ausrede für Dinge, die im Alltag nicht klappen. Das kann das E­-Mail sein, das nicht wie vereinbart abgeschickt wird, eine Sitzung, zu der ich verspätet eintreffe, oder ein Gedanke, den ich zu spontan äussere. Heute heisst es in meiner Kirchgemeinde einfach nur: «Der Mike ist halt ein bisschen chaotisch, hat aber andere Qualitäten.» Mit dem Chaoten­-Image kann ich leben.

Einem Chaoten wird Verständnis entgegengebracht, nicht aber einem Menschen mit der Diagnose ADHS?

Gray Zumindest ist das meine Erfahrung. Laufe ich mit meiner Art wieder einmal in ein offenes Messer, dann ist es für mich einfacher, mich zu entschuldigen, und gut ist’s. Die Erklärung ADHS kann ich mir in solchen Situationen sparen.

Steinemann Das hat etwas. Übrigens geschieht es mir auch oft, dass ich Dinge spontan sage, die ich gar nicht sagen will. Das letzte Mal gestern in einem Zoom­-Meeting. Mir fiel etwas ein, was ich sogleich der Runde erzählte. Danach dachte ich: Was für ein Löli bin ich doch, so etwas Persönliches zu erzählen.

Das sind unangenehme Momente.

Steinemann Oh ja, und wie! Ich ärgere mich dann über meine Art. Immer öfter sage ich aber auch zu mir: Hey, sei ein bisschen verständnisvoller mit dir.

ADHS als billige Ausrede, als Modediagnose oder als eine Erfindung der Pharmaindustrie: Wie reagieren Sie auf solche Aussagen?

Steinemann Gar nicht. Es wird immer Leute geben, die ADHS nicht verstehen oder sie ganz anzweifeln. Ich habe gelernt, damit zu leben. Wie auch mit dem Umstand, dass es immer Leute geben wird, die mich doof finden. Mir reicht es vollkommen, dass die, die mir nah sind, wissen: Ich habe eine neurobiologische Stö­rung, die vererbt wird. ADHS gehört zu mir. Ich will sie nicht verstecken.

Gray Sie zu verstecken ist auch gar nicht möglich. Ich werde bis an mein Lebensende immer wieder Leute vor den Kopf stossen und manchmal auch verletzen – trotz meinen Bemühungen, es nicht zu tun. Das zu erkennen war hart für mich und macht mich auch heute noch immer wieder traurig. Insbesondere dann, wenn sich Menschen von mir distanzieren, die ich gernhabe. Was mir gerade auffällt: Wir haben bisher nur über das Negative und Schwierige gesprochen. Dabei hat die ADHS auch sehr tolle Seiten!

Wie meinen Sie das?

Gray Meine Schwächen sind oft auch Stärken. Natürlich ist es anstrengend, eine Vielzahl an Eindrücken, Gesprächen und Stim­mungen gleichzeitig im Hirn zu verarbeiten. Aber das verschafft mir auch die Fähigkeit, Dinge, die irgendwie in der Luft liegen, wahrzunehmen. Die Leute schätzen das, gerade in der Seelsorge. Ich höre immer wieder: Schön, dass Sie das angesprochen haben und ich mit Ihnen darüber reden konnte.

Macht Sie das zu einem besseren Seelsorger?

Gray Nein, keinesfalls. Mit 49 weiss ich aber, dass ich meiner Intuition vertrauen kann. Eine Gewissheit, über die sogenannte neurotypische Seelsorger in diesem Ausmass wohl selten verfü­gen. Ebenso, dass ich mit meiner offenen Art mit Leuten ins Ge­spräch komme, vom Teenager bis zu der Frau aus dem Alters­heim. Das ist ein Geschenk. Wenn ich mir jetzt so zuhöre, dann klinge ich irgendwie arrogant und ein wenig zu selbstbewusst. Ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass andere Pfar­rerinnen und Pfarrer nicht auch gute Seelsorger sind.

Steinemann Warum relativierst du deine Stärken gleich wieder?

Gray Gute Frage.

Steinemann Mir fällt das auf, weil ich das auch ständig mache. Ich verzwerge meine Leistungen reflexartig genau wie du.

Warum ist das so?

Steinemann Das hängt mit dem Selbstwertgefühl zusammen. Auch wenn Betroffene oft meinungsstark auftreten und gute Ar­beit leisten : meist ist es gering.

Eine Studie besagt, dass Kinder mit ADHS bis zu ihrem 12. Lebensjahr rund 20000 Mal mehr Momente der Ablehnung erfahren als sogenannt normale Kinder.

Steinemann Ich würde gerne wissen, wie sich so etwas messen lässt. Aber ganz falsch ist diese Erkenntnis mit Sicherheit nicht. Bis zu meiner Diagnose, da war ich 29, wurde ich sehr oft zurück­gewiesen. Nicht von meinen Eltern, die waren mega, aber von Lehrerinnen, Mitschülern und anderen Kindern. Kritisiert zu werden für etwas, was man nicht ändern kann, ist hart. Irgend­wann brannte sich das Gefühl in mir ein, ich sei falsch und ver­blödet. Selbst wenn ich heute weiss, dass ich als Pfarrerin gute Arbeit leiste, zweifle ich an meinen Fähigkeiten.

Tun das nicht alle hin und wieder?

Steinemann Ich möchte mich wirklich nicht mehr für meine ADHS rechtfertigen müssen. Ich sehe einfach in meinem Um­feld, was ein gesundes Selbstwertgefühl bedeutet. Mein Mann beispielsweise, der kann seine beruflichen Skills bei Linkedin in wenigen Minuten so auflisten, dass sie der Wahrheit entsprechen und sich auch noch cool anhören. Für so etwas bin ich viel zu unsicher.

Wie preisen Sie sich in einem Bewerbungsgespräch an?

Steinemann Puh, schwierige Frage. Ich kann überdurchschnitt­lich gut Stimmungen wahrnehmen und bin ziemlich feinfühlig, ähnlich wie Mike. Dann bin ich eine Problemlöserin mit guten Ideen. Das Out­-of­-the­-box­-Denken und Improvisieren liegen mir ebenfalls. Zudem bin ich ziemlich angstfrei. Wo andere sich fürchten, sehe ich Chancen. Und was ich auch gut kann: in stressigen Situationen tadellos funktionieren.

Oliver Demont ist Redaktionsleiter bei bref.
Die Fotografin Désirée Good lebt in Zürich.