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Donnerstag, 19. Dezember 2024

Wenn Huang Shu Chun frühmorgens das Tor des Tempels öffnet, steht auf den Steinstufen oft schon ein Gott und scheint auf sie zu warten. Es kommt ihr dann so vor, als schaue er sie entschuldigend an. Oder – wenn er ihr den Rücken zugewandt hat – als blicke er über den Vorplatz und halte Ausschau nach seinen Besitzern, die ihn hier ausgesetzt haben. Also nimmt sie den Gott auf den Arm, sie fühlt fast ein wenig Mitleid, als sie die Statue behutsam in den Tempel trägt.

«Auf einen Gott mehr oder weniger kommt es nicht an», sagt Huang Shu Chun, die als Aufsichtsperson im Kaitai-Tianhou-Tempel in Tainan arbeitet. Tainan, früher einmal die Hauptstadt von Taiwan, ist bekannt als die «Stadt der hundert Tempel». In den Strassen züngeln geschnitzte Drachen von ihren Giebeln, leuchten ihre zinnoberroten Säulen, drängeln sich Besucher vor den mit Lampions geschmückten Eingängen.

Die Götter einfach wegwerfen könnte sie dazu bringen, sich an ihren Besitzern zu rächen. Die naheliegende Lösung: Sie in die Obhut von Nonnen und Mönchen geben.

Der Kaitai-Tianhou-Tempel beherbergt neben buddhistischen Gottheiten auch zahlreiche taoistische Heilige und viele volkstümliche Helden und Heldinnen. Da ist etwa Matsu, eine Meeresgöttin, zu der Einwanderer vor Hunderten von Jahren beteten, wenn sie sich auf die Überfahrt von China auf die Insel Taiwan begaben. Oder der tapfere Soldat Kuan Kung, der wegen der Goldbarren, die er in den Händen trägt, besonders bei Geschäftsleuten beliebt ist. Den Mann im Mond wiederum bitten Verliebte in Herzenssachen um Rat.

Auch im Alltag der Taiwaner spielen Götter und Göttinnen eine wichtige Rolle. In Restaurants wachen sie von Regalen herab über das Wohlergehen der Gäste. Vor Geschäften drapieren die Besitzer auf Klapptischen Blumen und Kekse als Opfergaben und verbrennen Räucherstäbchen. Und in vielen Wohnungen stehen Götter auf kleinen Altären, um das Haus und seine Bewohner zu beschützen. Doch ihre Ehrenplätze behalten sie nicht ewig.

Für viele Taiwaner sind Götter zu Lebensabschnittsgefährten geworden. Nach einer bestandenen Prüfung, einem glimpflich verlaufenen Verkehrsunfall oder auch nach einem geplatzten Geschäft werden ihre Statuen ausgetauscht. Egal, ob sie ihren Auftrag erfüllt oder schlecht performt haben: Ihre Kräfte sind verbraucht.

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Sie einfach wegzuwerfen könnte die Götter allerdings dazu bringen, sich an ihren treulosen Besitzern zu rächen. Schliesslich haust in den Statuen immer noch der göttliche Geist. Eine naheliegende Lösung ist deshalb, die Götter vor Tempeln auszusetzen und in die Obhut von Mönchen und Nonnen zu geben. Diesen Fachleuten für alles Spirituelle trauen sie zu, den Groll der verbannten Götter zu besänftigen.

Doch es wird allmählich eng in den Tempeln. Mönche und Nonnen mieten schon Lagerräume an, um die Statuen unterzubringen.

Auch die Götter, die Huang Shu Chun in den Kaitai-Tianhou-Tempel trägt, bleiben dort nicht lange. Maximal zwei Monate. Falls die Besitzer sie in dieser Zeit nicht zurückholen, werden die Statuen in ein Depot ausserhalb der Stadt transportiert. «Das ist aber nicht gross genug», erzählt Huang Shu Chun.

Die Drachen auf dem Dach weisen den Weg: Hier gehts zum nächsten Tempel. Unten: Was hat dieser Gott wohl angestellt, dass er in einem Hinterhof entsorgt worden ist?

Deshalb versuchen die Mönche des Tempels seit ein paar Monaten, die Götter zu verkaufen – nachdem sie sie mit einer Reinigungszeremonie von ihrem Zorn befreit haben. Um einen der göttlichen Begleiter zu erstehen, müssen die Käufer allerdings durch ein tempelinternes spirituelles Match-Making-Prozedere.

Dazu werfen sie vor der auf einem Altar platzierten Statue halbmondförmige Holzstücke auf den Boden. Fallen sie richtig, darf der Interessent den Gott nach Hause nehmen. Falls nicht, kann er sein Glück bei einem anderen versuchen. Einmal im Jahr dürfen die neuen Besitzer mit der Statue in den Tempel, um sie mit neuer geistiger Energie aufladen zu lassen. Dieses Ritual ist im Kaufpreis von 26 000 taiwanischen Dollar (rund 700 Schweizer Franken) inbegriffen.

Götter-Miet- oder Leasing-Modelle scheitern letztlich daran, dass die Taiwanerinnen und Taiwaner den Statuen immer noch eine spirituelle Kraft zuschreiben.

Auch andere Tempel in Taiwan haben einen Zweitmarkt für gebrauchte Götter eröffnet. Bisher ist die Nachfrage gering. Götter zu vermieten hat bisher noch kein Tempel gewagt. Dabei würde ein solches Angebot gut zur veränderten Glaubenspraxis und zur konsumorientierten Mentalität der Taiwaner passen, vermutet Li Tzu-ning, der als Kurator am Nationalmuseum der Hauptstadt Taipeh arbeitet. «Taiwaner kaufen sich heute einen Gott für einen ganz bestimmten Zweck. Hat er das Bedürfnis erfüllt, haben sie für ihn keine Verwendung mehr.»

Miet- oder Leasing-Modelle scheitern letztlich daran, dass die Taiwanerinnen und Taiwaner den Statuen immer noch eine spirituelle Kraft zuschreiben. Denn selbst wenn Mönche und Nonnen die obdachlosen Heilsbringer in aufwendigen Ritualen beruhigen: Kann der neue Besitzer tatsächlich sicher sein, dass er sich nicht den verletzten Stolz eines Gottes ins Haus holt?

«Taiwaner sind religiös», sagt Kurator Li. «Aufgrund der politischen Unsicherheiten heute vielleicht mehr als vor zwanzig Jahren.» Es gibt auf der Insel an die 10 000 taoistische und buddhistische Tempel sowie zahlreiche konfuzianische Heiligtümer. Buddhismus und Taoismus sind in Taiwan ein besonderes Verhältnis eingegangen.

Als die Japaner 1895 Taiwan annektierten – sie herrschten über die Insel bis zu ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg –, schlossen sie eine Reihe von taoistischen Tempeln. Viele Gläubige hielten unter dem Deckmantel des Buddhismus trotzdem taoistische Gottesdienste ab. Vielleicht auch deshalb seien die Taiwaner in Glaubensfragen tolerant und die Götterwelt der Insel sei eine der vielfältigsten Asiens, glaubt Kurator Li Tzu-ning.

Für jedes Gebet gibt es einen Ansprechpartner, für jeden Wunsch eine Expertin. Und so stapeln sich bis auf weiteres in den Lagerräumen taiwanischer Tempel Götter in den Regalen. Li Tzu-ning hat immerhin einen bedeutenden Beitrag geleistet, um die Lage im grössten Tempel Taipehs, in dem Mengjia-Longshan-Tempel, zu entspannen.

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Mit der Erlaubnis eines Mönchs hat er dreihundert Statuen für die Ausstellung des Nationalmuseums ausgesucht. In der Abteilung «Religionen in Taiwan» stehen hundert von ihnen hinter einer Glaswand und schauen mit strengem Blick oder einem Lächeln auf die Besucherinnen und Besucher. Die anderen zweihundert stehen im Museumsdepot.

Kurator Li sagt, er tausche die Statuen regelmässig aus. Nicht weil er sich etwa vor dem Zorn der Götter fürchtet, sondern weil er als gewissenhafter Ausstellungsmacher alle seine Schätze zeigen will.