Zenon von Kition war ein Mann der Vernunft. Zumindest gilt der Begründer der «Stoa» als ein solcher. Der griechische Philosoph lebte im 4. Jahrhundert vor Christus in Athen. Seine Vordenker, die «alten Griechen» Sokrates, Platon und Aristoteles, hatten die Moral in die Philosophie gebracht, zum ersten Mal nach Gerechtigkeit, Ethik und dem Guten gefragt. Und nun machte Zenon diese Gedanken zur Lebensschule. Tugendhaft sein und dem Auf und Ab unseres Daseins souverän und gelassen begegnen: Das ist das gute Leben.
Zenon war auch einer der Ersten, die die Idee der Gleichheit aller Menschen in Worte fassten. «Weder Herkunft noch Besitz noch Rang sollen einen Unterschied zwischen den Menschen machen», soll er gesagt haben.
Dieser Gedanke war für die damalige Zeit revolutionär. Schliesslich hatten Menschen über Jahrhunderte hinweg in Monarchien gelebt. Und weil es noch keine Geschichtsbücher gab, konnten sie nicht wissen, ob es je anders gewesen war. Könige herrschten, Adlige befahlen, das Volk gehorchte, Sklaven schufteten.
Konrad Schmid beschäftigt sich an der Universität Zürich mit der Frage nach den antiken Wurzeln der modernen Demokratie. Er sagt, sein Interesse habe mit den politischen Verwerfungen unserer Zeit zu tun, mit den autoritär agierenden Machthabern in Russland, den USA, China und vielen anderen Ländern. «Wieso schaffen wir es nicht, Autokratien in die Schranken zu weisen, obwohl der Gedanke, dass alle Menschen gleich sein sollten, den meisten von uns einleuchtet?»
Das Göttliche als Legitimation für Ungleichheit
Dass die Idee von Gleichheit heute – zumindest in westlichen Demokratien – bei den meisten Leuten Konsens ist, sei erstaunlich, sagt Schmid. Schliesslich ist diese erst seit 77 Jahren und der Deklaration der Menschenrechte durch die Uno international verankert. Also gräbt Schmid tiefer in der Vergangenheit, um die Ursprünge der Idee zu finden: Französische Revolution, amerikanische Unabhängigkeitserklärung, Aufklärung, Humanismus, Reformation – und immer die Frage, was war davor?
So landet Schmid in der Antike, in einer Zeit, in der so viele moderne Konzepte entstanden sind. Dass er sich als Theologieprofessor mit philosophischen Fragen beschäftigt, ist kein Zufall. Die antike Welt sei immer auch eine theologische gewesen. «Sowohl in Ägypten und Mesopotamien wie auch in Israel oder Griechenland.» Das Göttliche habe oft als Legitimation für Ungleichheit gedient: Hier die von Gott gewollten Monarchen. Dort das ihnen ergebene Volk.
Schmid hat einen Antrag für ein Forschungsprojekt beim European Research Council eingereicht – der wichtigsten und grössten Förderquelle für wissenschaftliche Forschung in Europa. Nun wartet er auf Antwort. Mit einem fachübergreifenden Projekt möchte er zeigen, dass die Wurzeln der Demokratie nicht nur bei den Griechen liegen, sondern auch im antiken Israel. Und herausfinden, wie genau es dazu kam, dass die Menschen dort auf einmal über Gleichheit diskutierten.
Ein bahnbrechender Gedanke
Im Fall des antiken Griechenlands hätten wohl schlechte Erfahrungen mit der von Gewalt und Willkür geprägten Tyrannei für erste Vorläufer der Demokratie gesorgt, sagt Schmid. Ab 508 vor Christus führte der Politiker Kleisthenes in Athen eine Gleichheit aller «Vollbürger» vor dem Gesetz ein – wobei diese grosse Defizite aufwies: Frauen, Fremde und Sklaven besassen diese Rechte nicht. Dennoch ermöglichten es die Reformen den grossen Philosophen der Folgezeit – etwa Platon, Aristoteles und Zenon –, die Idee der Gleichheit weiterzudenken.
Weniger ist über die Herkunft der Gleichheitsidee im antiken Israel bekannt. Sie ist an verschiedenen Stellen im Buch Genesis notiert, wo es um die Gottebenbildlichkeit geht. «Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.» Und: «Am Tag, da Gott den Menschen erschuf, machte er ihn Gott ähnlich.»
Dass Menschen das Bild Gottes sein sollen, sei ein bahnbrechender Gedanke, sagt Schmid, schliesslich sei diese Aussage im alten Orient zwar bekannt gewesen, aber sie war Königen vorbehalten. Gemeint war damit, dass den Königen, als Bild Gottes, die stellvertretende Verantwortung für die Schöpfung übertragen wurde.
Die Übertragung auf alle Menschen bedeutete demnach, dass jeder Mensch Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen muss, statt dass der Monarch alles regelt. «Das sind die gedanklichen Voraussetzungen für die Demokratie.»
Entstanden sind die Sätze zur Gottebenbildlichkeit im sechsten oder fünften Jahrhundert vor Christus, also etwa zur selben Zeit, als sich in Griechenland die ersten antiken Philosophen mit dem Thema Gerechtigkeit beschäftigten. Geschrieben haben sie Priester aus Jerusalem im Exil in Babylon, als sie im Austausch mit dortigen Amtsträgern waren. Vermutlich hätten, wie in Griechenland, Verlusterfahrungen am Ursprung der neuen Gedanken gestanden, sagt Schmid.
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