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Autor: Roland Falk
Donnerstag, 06. Februar 2025

Ein kleines Inserat, entdeckt von meiner Partnerin, verhalf mir fünf Jahre lang zu unvergesslichen Einblicken in den Zustand unserer Gesellschaft. «Die Dargebotene Hand sucht Helfer am Telefon», liess Natalia mich wissen, und ich, damals seit fünf Jahren Rentner, war sofort angetan davon. Als Journalist hatte ich in meinem ganzen Berufsleben Leuten zugehört. Einsätze bei Tel. 143 schienen mir deshalb wie zugeschnitten auf mich, der nach einer späten, sinnvollen Aufgabe suchte.

Ich bewarb mich und wurde ins Ausleseverfahren aufgenommen, zu dem sich für den Standort St. Gallen, einen von zwölf in der ganzen Schweiz, gegen achtzig Interessierte gemeldet hatten. Sieben wurden evaluiert, ich war einer von ihnen. «Wir achten darauf, Leute auszuwählen, denen kein überbordendes Helfersyndrom eigen ist», sagte eine meiner Ausbildnerinnen, denn «Mitleidsbekundungen wie: oh, Sie Armer, helfen Anrufenden nicht».

Gefragt sind aktives Zuhören, Respekt und gesundes Einfühlungsvermögen. Keine Patentrezepte, stattdessen die Fähigkeit, nichts und niemanden zu klassifizieren oder zu schubladisieren. «Wir beurteilen niemanden nach unseren persönlichen Massstäben», wurde mir gesagt.

Rollenspiele und Retraiten

An zwölf Kurstagen und zwei Wochenend-Retraiten wurde ich vorbereitet auf all das Bedrückende und Sorgenvolle, das Anrufende in Krisenmomenten plagt. Fachleute vermittelten mir und den andern 143-Novizen, wie sich eine alles lähmende Angst oder eine posttraumatische Belastungsstörung manifestiert, was Schizophrenie bedeutet oder ein Borderline-Syndrom. Und ich erfuhr harte Fakten, etwa, dass pro Jahr sechs Prozent der Menschen jeglichen Alters an einer Depression erkranken. Auch, dass im gleichen Zeitraum zwischen 15 000 und 25 000 Verzweifelte versuchen, sich das Leben zu nehmen.

In Rollenspielen zu diversen Konfliktstrategien konnte ich zunehmend meine Stärken erkennen, die andern nützlich sein könnten. Meine Resilienz etwa oder meinen Humor, der mich immer wieder durch eigene bisweilen angegraute Tage trägt. Kurz gesagt fand ich im Kurs zu einem gefestigten Egogramm.

Wenn Sie Suizidgedanken haben oder jemanden kennen, der Hilfe braucht, nehmen Sie bitte mit den Beraterinnen und Beratern der Dargebotenen Hand Kontakt auf. Sie erreichen diese 24 Stunden lang telefonisch unter der Nummer 143. Das Gespräch ist kostenlos, anonym und vertraulich. Kinder und Jugendliche bekommen Hilfe unter der Nummer 147.

Viel Theorie, viel Denkarbeit. Dann kam der Tag, an dem ich unter Anleitung einer altgedienten freiwilligen Mitarbeiterin erstmals am Telefon «hospitierte». Bald schon würde ich, wie es bei der Dargebotenen Hand die Regel ist, allein in einem der Telefonzimmer sitzen. Sei echt und empathisch, redete ich mir vor dem ersten Klingeln zu, frage nach, versuche alles, was du erfährst, mit eigenen Worten wiederzugeben – kleine Weisungen, die ich in meiner Ausbildung verinnerlicht hatte.

Die Mindestdauer eines Einsatzes bei der Dargebotenen Hand beträgt vier Stunden. Nach meiner ersten solchen Spanne lautete das Feedback der erfahrenen Kollegin: «Super, man merkt, dass du bei den Leuten bist – du kriechst ja schier rein ins Telefon.»

Nach vier, fünf Probeläufen war ich fit für meine erste Soloberatung. Und wenig später beendete ich meine schriftliche Abschlussarbeit, aus der meine «Chefinnen» lesen konnten, was ich in meinem 143-Werdegang beherzigt hatte und wie ich mir mein Wirken vorstellte. Ich sei zwar kein studierter Psychespezialist, schrieb ich darin, aber «ein Experte des Moments». Einer von rund 700 bei der Dargebotenen Hand.

Alles bei 143 ist anonym. Man weiss nicht, wie die Person in der Leitung heisst und wo sie wohnt – man kennt nur ihre Sorgen. Und die Anrufenden wissen nicht, wem sie sich anvertrauen. Falls mich jemand je gefragt hätte, wie ich heisse, hätte ich mit «Frederick» geantwortet. Das Pseudonym, welches die FM, die freiwilligen Mitarbeitenden, wählen, beginnt mit dem gleichen Buchstaben wie ihr Familienname.

Am häufigsten plagt die Anrufenden Einsamkeit

Was ich schon in der Frühzeit meines ehrenamtlichen Dienstes merkte: Die meisten Menschen, die per Telefon Zuspruch suchen, und das oft mehrmals wöchentlich, sind Frauen. Nicht weil die mehr Probleme haben als Andersgeschlechtliche, sondern weil sie offener umgehen mit allem und sich anders als viele Männer nicht scheuen, mit Fremden über ihre Unzulänglichkeiten zu reden.

Das Zweite, das mir schnell offenbar wurde, war das Thema, das bei meinen Einsätzen am häufigsten zur Sprache kam: Einsamkeit. Die psychologische Not wächst zunehmend und Hilfe ist immer gefragter, weil das Gesellschaftliche und Gemeinschaftliche in Auflösung begriffen sind.

Gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) waren 6,4 Prozent der Bevölkerung im Jahr 2022 einsam, rund eine halbe Million. Das sind fast doppelt so viele wie zu Beginn der Jahrtausendwende, als Obsan seine Arbeit aufnahm.

Nachdenklich stimmende Zahlen zeigt auch der Altersmonitor 2024 der Pro Senectute. In der Gruppe der über 55-Jährigen ist jede vierte Person von Einsamkeit betroffen, das sind rund 444 500. Bei den über 85-Jährigen leiden etwas mehr als 90 000 Menschen darunter, dass sie sich niemandem anvertrauen können. Vereinzelung macht krank. Und hilflos.

Ich hatte in meiner Ausbildung erfahren, dass chronisch Einsame häufiger als «gut Eingebettete» an Depressionen oder sozialen Phobien leiden, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen. Und das Risiko, an Demenz zu erkranken, ist höher.

«Reiss dich doch mal zusammen!»

Vom Standort St. Gallen aus betreut 143 auch die Kantone Graubünden und das Fürstentum Liechtenstein. Aus diesen Gebieten kam mir viel Beklemmendes zu. Ich erinnere mich an eine Oma in einem weit abgelegenen Haus, die es nicht alleine aus dem Bett schaffte und jeden Morgen überlang auf versprochene Handreichungen der Tochter warten musste, obwohl sie doch dringend aufs Klo hätte sollen. Oder an einen invaliden Rentner, der jede Beziehung zu seiner Familie verloren hatte, weil seine Geschichte zu erdrückend wurde.

«Reiss dich doch mal zusammen!», hatte er vor dem Kontaktabbruch mehrfach zu hören bekommen. Unzählige Male antworteten andere Anrufer auf meine Einstiegsfrage «Was kann ich für Sie tun?» mit «einfach nur zuhören».

Bei Tel. 143 heisst das «aktiv zuhören», um auch das mitzubekommen, was nicht gesagt wird. Mir entging fast nichts, und immer wieder gelang es mir, Positives einzubringen. Einer Langzeitarbeitslosen, die nur noch schwarzsah, sagte ich im Verlauf des Gesprächs: «Ich nehme Sie jetzt mit auf einen Spaziergang durch eine farbenprächtige Wiese. Sehen Sie die Blumen?» Nach einer Stille, die quälend lange dauerte, sagte sie: «Ich rieche sie sogar.»

Gelegentlich halfen mir, der gerne liest, auch Zitate von Geistesgrössen. Als eine Anruferin sagte: «Ich spinne doch total!», fiel mir ein Satz des amerikanischen Autors Mark Twain ein, der geschrieben hatte, «Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt». Die Frau am anderen Ende der Leitung war begeistert.

Der Herr mit der schönen Stimme

So richtig an die Nieren gingen mir Geschichten wie die einer Spitalangestellten, die so wenig Freizeit hatte, dass es ihr unmöglich war, Freunde zu finden. Sie war alleinerziehende Mutter, und als ihr Liebling den plötzlichen Kindstod erlitt, war 143 die erste Nummer, die sie wählte.

Sehr oft fanden auch Menschen zu mir, die zwar noch ein Umfeld hatten, sich diesem aber nicht mehr verständlich machen konnten: «Die mögen meinen Kram doch nicht mehr hören!»

Viele von ihnen erkannten mich jeweils bereits, wenn ich ihren Anruf entgegennahm, und freuten sich: «Oh, der Herr mit der schönen Stimme ist wieder da!», hörte ich regelmässig von einer Frau mit bipolarer Störung. Und ein Musikliebhaber, der mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich hatte, forderte mich des öftern zum gemeinsamen Singen von Oldies auf: «Wir könnten doch zusammen eine CD aufnehmen, Meister!»

Verlustängste, Abhängigkeiten und Gewalt – die Palette des Leidens in der Bevölkerung ist kaum absehbar. Ich wunderte mich deshalb nicht, dass in den Regionalstellen von 143 im Jahre 2023 fast 195 000 Anrufe eingingen und sich über 83 000 um psychische Belange drehten.

Das geschätzte Alter meiner ehemaligen «Schützlinge» lag zwischen 35 und 85 – Kinder und Jugendliche haben mit Tel. 147 ihre eigene Anlaufstelle. Genutzt wird sie über 30 000 Mal jährlich. Tendenz zunehmend.

Unergründliche Gegenwelten

Meine Erinnerungen an die Zeit bei Tel. 143 sind nicht belastend. Wohl deshalb nicht, weil ich eher selten mit suizidalen Menschen konfrontiert war. Und in den wenigen Fällen gelang es mir mit einem Sonderaufgebot an Feinsinn meistens zu deeskalieren – für die gemeinsame Redezeit zumindest.

Die Dargebotene Hand kann versuchen, mit Worten und Empathie einen Suizid zu verhindern, andere konkrete Möglichkeiten hat sie keine. Erstens weiss man nicht, wo der oder die Gefährdete auffindbar ist, und zweitens wäre das Eingreifen ein Akt gegen die persönliche Entscheidungsfreiheit dieser Menschen – ausser, sie verlangen plötzlich danach und geben ihre Adresse an.

Mitunter schien mir, ich tauchte in eine unergründliche Gegenwelt ab. Was mich gelegentlich beklemmte, manchmal aber nur schwer ernst bleiben liess. Dann etwa, wenn mir jemand erzählte, sein Psychiater heisse Cäsar und habe Dynamit auf seinem Pult. Oder jemand anders, dass die Mafia seinen Küchenboden mit Wasser flute und Strom einleite. Doch auch bei solchen Gesprächen wäre es mir nie in den Sinn gekommen, etwas Korrigierendes einzuwenden: Ich nahm meine Anrufenden für voll, auch wenn sie mir Abstrusestes berichteten. Behutsam versuchte ich, bei ihnen Ressourcen freizulegen, egal, wie tief die verschüttet lagen.

Die Arbeit bei der politisch wie konfessionell unabhängigen Dargebotenen Hand war für mich ein ständiges Oszillieren zwischen Distanz und Nähe. Ich drückte niemandem etwas auf und wusste immer, an welchem Ende des Drahtes der gerade wichtige und zentrale Mensch sitzt. Wenn’s zu geballt wurde, das gebe ich zu, kam ich durchaus an Grenzen, zumal oft mehrere Anrufe fast gleichzeitig eingingen und ich immer mal wieder jemanden vertrösten musste. Ich bin auch nur ein Mensch. Und der drückte dann halt für Momente die Taste «nicht stören».

Eine Art Squashwand

Ein Glücksgefühl durchströmte mich jedes Mal, wenn ich am Ende eines Gesprächs ein vages Lächeln hörte oder den Satz: «Das hat mir jetzt gutgetan.» Obwohl ich natürlich ahnte, dass die Ausgeglichenheit vielleicht schon nach ein paar Wimpernschlägen wieder vorbei sein könnte. Und dass die Person, die sich für mich gerade fassbar gemacht hatte, kurz darauf wieder die dreistellige Ankernummer einstellen würde. Ein Anruf kostet ja bloss 20 Rappen und die Dauer des Gesprächs ist unbeschränkt. Es sei denn, der FM spürt, dass sich alles unaufhörlich im Kreis dreht. In solchen Situationen verabschiedete ich mich freundlich und bat um einen späteren Kontakt.

Freundlich, aber bestimmt war ich auch, wenn jemand verbal ausfällig oder gar drohend wurde, was zum Glück selten war. «Entweder finden Sie zu einem anderen Ton, oder ich muss Ihnen das Tschüss anbieten», war dann meine Standardmahnung. Den freiwilligen Mitarbeitenden wird in der Ausbildung nahegelegt, eine Art Squashwand zu sein, gegen die in Schwierigkeiten Steckenden ihre verbalen Bälle spielen können. «Aber Abfalleimer seid ihr nicht.»

Ein unverzichtbarer Dienst

Ein Trinker, der regelmässig seine Frau verprügelte, ein Mensch, der gerade zig schwere Operationen hinter sich hatte – immer wieder wurde ich gefragt, wie ich das verkrafte. «Indem ich alles ganz nah an mich heranlasse, aber nicht tief in mich hinein», antwortete ich jeweils.

Nach jedem Dienst sagte ich trotz meinem linken Bein, das nach einem Töffunfall einst 24 Mal gebrochen war: «Mich persönlich peinigt nichts. Mann, bin ich froh!» Und nach eineinhalb Stunden Heimfahrt war fast alles verflogen, was ich intus hatte. Wenn meine Liebste nach besonderen Aspekten des Einsatzes fragte, musste ich richtig nach solchen graben. Das Mitwirken bei 143 relativiert sehr viel im eigenen Leben.

Seit sechzig Jahren gibt es die Dargebotene Hand bereits, sie ist längst unverzichtbar geworden. Im Herbst 2020 wurde sie vom «Beobachter» mit einem «Prix Courage Lifetime Award» gewürdigt. Ich habe meinen Dienst beendet, weil ich meinen Anrufenden wieder mal eine neue Stimme gönnen wollte. Und weil ich mich seit geraumem als Operateur in einem Kulturkino betätige. Manchmal vermisse ich den Austausch mit den vielfach Gebeutelten im Land. Wer weiss – vielleicht greife ich mit achtzig noch einmal als FM Frederick zum Hörer.

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