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Freitag, 27. Mai 2016

Andreas Losch, Sie forschen als Theologe über ausserirdisches Leben. Ist das seriös?

Diese Frage stellte ich mir auch, bevor ich mich auf meine jetzige Stelle beworben habe. Ein befreundeter Astrophysiker hat mich aber schnell beruhigt. Trotzdem war mir immer klar, dass das Thema heikel ist.

Warum heikel?

Weil wir Menschen ja noch kein zweites Leben gefunden haben. Dieses Problem kenne ich aber auch von der Theologie. Sie hat ihren Gegenstand auch noch nicht gesehen.

Glauben Sie an die Existenz von Ausserirdischen?

Die Astrophysiker an unserem Center sind sich ziemlich sicher, dass da draussen etwas ist. Es gibt vermutlich Milliarden von Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems, die der Erde ähnlich sind. Und manche von ihnen weisen vielleicht ebenfalls eine Atmosphäre auf. Sie kreisen jedenfalls um eine Art Sonne – was sie theoretisch bewohnbar macht. 1995 wurde von Genfer Forschern der erste solche Exoplanet, also ein Planet ausserhalb unseres Sonnensystems, entdeckt. Mittlerweile wissen wir von über dreitausend. Leben, wie wir es kennen, besteht zudem hauptsächlich aus Wasser und Kohlenstoff. Beide Elemente finden sich im Weltraum zuhauf. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Warum sollte ich also glauben, dass nur unsere Erde bewohnt wird?

Sie sprechen von einem «zweiten Leben». Würden Sie sich eigentlich lächerlich machen in der Forschung, wenn Sie wie im Volksmund von E.T., Aliens oder grünen Männchen sprechen würden?

Nun ja, je nachdem. Aliens ist schlicht ein englischer Ausdruck und steht für Ausserirdische oder Fremde. Das klingt nur im Deutschen nach Kino. Für die «kleinen grünen Männchen» bräuchte man allerdings schon eher Humor. In der Forschung verwenden wir die Abkürzung ETL für «extraterrestrisches Leben».

Die Fortschritte in der Wissenschaft sind rasant. Wann gibt es den ersten mit solchen ETL?

In naher Zukunft wird es wohl nicht dazu kommen. Es spielt aber auch keine Rolle, da alle Projektbeteiligten auch keine Ufo-Jäger à la Erich von Däniken sind. Die Distanz zwischen uns und anderem Leben ist enorm. Dass sich das Universum ständig ausdehnt, macht die Sache auch nicht unbedingt einfacher.

Ist die Theologie die richtige Adresse für ein solches Projekt?

Selbstverständlich. Gerade heute ist es wichtig, einen eigenen Ort zu haben, eine eigene Tradition, von der aus man die Dinge betrachten kann. Warum soll es nicht die sein, in der man aufgewachsen ist, also in meinem Fall die christliche Theologie? Die Tradition, in der man steht, ist eine Ressource, die man interpretieren kann und muss. Niemand schwebt über den Dingen und begutachtet alles neutral. Die eigene Herkunft und Kultur bietet aber auch Hilfe in Orientierungsfragen, die sich angesichts eines unendlichen Alls und der Wahrscheinlichkeit ausserirdischen Lebens zweifelsfrei stellen.

Was sind das für Orientierungsfragen?

Zum Beispiel die Frage, ob das ganze Universum von einem Gott gemacht wurde. Oder ob wir auf einem auserwählten Planeten leben. Allerdings ist die Theologie damit schon öfter auf die Nase gefallen. Galileo, Kopernikus und Darwin lassen grüssen. Es ist keine sehr kluge Strategie zu sagen, dass wir so besonders sind. Auch wenn das unserem Ego schmeichelt, blendet es naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus. Mit diesen Erkenntnissen müssen wir aber trotz allen Spannungen auch im Blick auf unseren Glauben umgehen lernen.

Eine Spannung, die nicht leicht auszuhalten ist. Spätestens seit der Aufklärung gestehen die Naturwissenschaftler Gott immer weniger Raum zu.

Die Idee, dass die Naturwissenschaft mit der Aufklärung die Welt erleuchtet habe und damit seither das finstere Mittelalter in Gestalt des Christentums bis zur völligen Auflösung zurückdrängt, ist historischer Unsinn. Dieser Mythos nimmt in Anspruch, dass Männer wie Galileo und Darwin areligiös gewesen wären. Aber Galileo war ein sehr frommer Mann. Er wies sogar darauf hin, die jeweils eigene Interpretation der Bibel nicht mit Gottes Wort zu verwechseln. Und auch Darwin vertrat lange die Meinung, dass Gott hinter der Evolution stehen könne.

Wie reagieren eigentlich Kollegen aus der Theologie auf Ihre Forschung?

Eine gewisse Ablehnung spüre ich immer wieder. Manche meinen: «Ja, aber das ist doch alles sehr unwahrscheinlich», oder: «Damit müssen wir uns nicht beschäftigen.» Dann frage ich mich jeweils, wie diese Theologen plötzlich zu naturwissenschaftlichen Experten wurden.

Was steckt hinter solcher Ablehnung?

Wohl das Bedürfnis, sich abzugrenzen. Die akademische Theologie im deutschsprachigen Raum ist stark durch Karl Barth geprägt. Der hatte allerdings kein allzu grosses Interesse an Naturwissenschaft und sah die Disziplinen lieber getrennt. Das ist zwar ein gesunder Ansatz. Dennoch glaube ich, Barth lag da falsch. Wenigstens für die Theologie ergibt nur ein Miteinander mit den Naturwissenschaften Sinn.

Warum?

Damit die öffentliche Wahrnehmung von Theologie nicht nur den Idioten überlassen wird.

Eine harte Aussage.

Ich ärgere mich einfach, wie Kreationisten von christlicher Seite lautstark behaupten, dass die Welt wörtlich nach dem ersten Schöpfungsbericht entstanden sein soll. Ihre Argumente sind völlig haltlos, und trotzdem geben sie sich dabei gerne wissenschaftlich. Und genau dies ist ein Problem für die Annäherung der Naturwissenschaften an die Religion. Viele Naturwissenschaftler schrecken davor zurück, wenn Kreationisten ihre kruden Theorien verbreiten.

Alle scheinen sich irgendwie von allen abgrenzen zu wollen. Darum nochmals die Frage: Warum ist die Forschung im Grenzgebiet von Religion und Naturwissenschaften so wichtig?

Weil eine vollkommene Trennung der Disziplinen künstlich ist. Auch wenn natürlich jede Disziplin ihrer jeweils eigenen Methode folgen muss: Wissenschaftler sind immer auch Menschen, die von ihrer Zeit geprägt werden. Die wissenschaftliche Theologie bildet dabei keine Ausnahme. Wenn man sich nicht mit aktuellen Fragen beschäftigt, dann verkündigt man, ohne es zu merken, ein völlig antiquiertes Weltbild. Kaum ein studierter Theologe behauptet heute noch, dass es Adam und Eva tatsächlich gab.

«Unser Hintergrund spielt immer eine Rolle. Erst recht in der Wissenschaft.»

Und warum tut man das nicht mehr? Weil man weiss, dass die Entstehung von menschlichem Leben nun mal ein paar Millionen Jahre in Anspruch nahm.

Theologe Losch an der Universität Bern: «Für die Theologie ergibt nur ein Miteinander mit den Naturwissenschaften Sinn.»

Die Religion hat aber auch die Wissenschaft geprägt.

Genau. Der Erfinder der Urknall-Theorie, Georges Lemaître, war beispielsweise auch Priester. Seine Theorie, die eine gewisse Nähe zur Genesis-Geschichte der Bibel aufweist, kam übrigens auch beim Papst gut an. Sie sehen: Ob bewusst oder unbewusst, unser Hintergrund spielt immer eine Rolle. Er hat Einfluss auf unsere Motivation und unsere Kreativität. Erst recht in der Wissenschaft.

Für den Glauben an einen Schöpfer bleibt da aber nicht mehr viel Platz.

Die Naturwissenschaft beschreibt, wie die Natur ist. Ob die Natur Schöpfung ist, ist eine Interpretationsfrage. Ich glaube aber, dass es eine sehr wichtige Frage ist. Der biblische Schöpfungsbericht greift das schön auf. Er enthält die Formel: «Und Gott sah, dass es gut war.» Mit der Perspektive einer Schöpfung kommt eine Wertung in die Welt. Die Naturwissenschaft kann das nicht leisten. Was uns wertvoll und gut erscheint, ist eine ethische und in gewissem Sinn religiöse Frage.

Nun glauben Christen auch, dass Gott in Jesus Christus Mensch wurde — und uns endgültig von der Sünde befreite. Gilt das auch für ausserirdisches Leben?

Für den christlichen Theologen ist das die kniffligste Frage. Manche betonen, dass Christi Werk eine kosmische, also das ganze All erfassende Dimension hat. Durch ihn ist alles geworden, und was hier auf Erden geschieht, hat Bedeutung bis in die hintersten «Winkel» des Weltalls. Andere sagen, dass Ausserirdische gar keinen Erlöser brauchen, weil nur wir das Problem mit der Sünde haben.

Was denken Sie? Sind wir die einzigen Sünder?

Nein, das wäre in meinen Augen zu einfach. Schon der Apostel Paulus meinte, dass wir alle Sünder sind. Und damit hatte er die ganze Schöpfung im Blick. Dem stimme ich zu. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Jesus auf verschiedene Weisen im Weltall erscheint. Um es ein wenig vereinfacht zu sagen: Wenn es notwendig wäre, dass Marsianer erlöst würden, dann würde Gott auch kleines, grünes Fleisch.

Was hat Ihre Forschung eigentlich mit Ihrem Glauben gemacht?

Er ist gereift. Ich blicke heute nicht mehr auf eine mythische Welt, in der Gott dieses oder jenes vorherbestimmt hat. Ich glaube, er hat vielmehr Freiräume geschaffen, damit sich das Leben entwickeln kann. Die Dinge haben ihre eigene Dynamik. Gott sah das und hat es wohl für gut befunden. Mit den Freiräumen müssen wir Menschen einen Umgang finden. Da fühle ich mich aber auch in die Pflicht genommen. Wenn ich bete «Dein Wille geschehe», heisst das für mich hinhören. Was könnte Gottes Wille sein? Und dann entsprechend handeln. Wenn jemand neben mir verhungert, bete ich nicht für ein Wunder. Ich gebe etwas zu essen ab.

Tobias Zehnder ist freier Journalist und lebt in Bern. Er schliesst diesen Sommer seinen Master in Theologie an der Universität Bern ab.
Der Fotograf Roshan Adhihetty lebt in Zürich.

Der 44jährige Andreas Losch ist Doktor der Theologie. Sein Studium absolvierte er in Bochum, Heidelberg und Jerusalem. Bereits in seiner Dissertation befasste sich Losch mit dem Grenzbereich zwi­schen Glauben und Wissen. Dieser Affinität geht er heute an der Universität Bern nach, wo er sich seit zwei Jahren als Postdoktorand am «Center for Space and Habitability» mit dem Projekt «Life beyond our Planet?» befasst. Loschs Stelle wird vom Center getragen und ihre Ausstattung von der Theologischen Fakultät Bern. Derzeit forscht er zu Fragen der planetaren Nachhaltigkeit. Diese stellen sich etwa beim Asteroidenbergbau. Was sich futuristisch anhört, könnte bald Realität werden. Nicht nur die USA interessieren sich ernsthaft für ausserirdische Rohstoffe. toz

Mit dem Projekt «Life beyond our Planet?» erforscht das «Center for Space and Habitability» Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems. Die Wissenschaftler wollen auch in Erfahrung bringen, ob es auf solchen Planeten Leben gibt. Dazu vereinigt das Center neben Naturwissenschaften auch Disziplinen wie Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaften. Denn die Suche nach weiterem Leben zieht einen Schweif weiterer Fragen nach sich. Was ist überhaupt Leben, wie stellen wir uns Ausserirdische vor, und was bedeutet ihre Existenz für unseren Glauben sowie unser Selbstverständnis? toz