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Bild: Pawel Streit
Freitag, 26. Februar 2016

Frau Höpflinger, Sie haben die letzten zwei Jahre zwischen Hunderten von Totenschädeln und Knochen in düsteren Beinhäusern, sogenannten Ossarien, verbracht. So viel Tod im Leben zu haben, wie fühlte sich das an?

Anna-Katharina Höpflinger Das Thema Tod war so präsent, dass meine Freunde mich sogar fragten, ob ich sterbenskrank sei. Die Arbeit am Buch war aber alles andere als düster. Im Gegenteil: Die Religionsgeschichte wird in den Ossarien sehr lebendig dargestellt. Als Wissenschaftlerin behielt ich zudem eine professionelle ­Distanz zum Thema.

Morbide Beinhäuser, wie kommt eine Wissenschaftlerin auf solch ein Untersuchungsobjekt?

Anna-Katharina Höpflinger Das Thema faszinierte mich von Beginn weg, als mein Kollege Yves Müller mir davon erzählte. Zuerst wollten wir einfach einen kleinen Aufsatz über Ossarien schreiben. Bei der Recherche stiessen wir dann auf immer mehr Beinhäuser. Am Ende fuhren wir in zweieinhalb Jahren 25 000 Kilometer mit dem Auto durch Europa. Dabei besuchten wir 207 Beinhäuser, 142 alleine in der Schweiz.

Herr Müller, wie wurden Sie auf Ossarien aufmerksam?

Yves Müller Ich wurde von einem Kollegen auf das Buch Empire of Death von Paul Koudounaris aufmerksam gemacht, das Ossarien zum Thema hat. Und da ich schon immer vom Tod fasziniert war, war ich von Beginn an begeistert. Nirgends sonst im Alltag zeigen sich für mich der Tod und die menschliche Vergänglichkeit realer als in Beinhäusern. Das Thema hat mich aber auch von einem fotografischen Standpunkt her interessiert, insbesondere die düstere Optik der Beinhäuser.

«Der Tod bleibt für mich etwas Schwerverständliches, etwas, das mich gleichermassen fasziniert und erschreckt.» Anna-Katharina Höpflinger

Das eindrückliche Ossarium in Leuk im Wallis war denn auch das erste Beinhaus, das ich fotografierte. Was mir aber immer wichtig war: Ich wollte nicht nur einen Fotoband über Beinhäuser machen, sondern auch ihre Geschichte erzählen.

Sie sind bei Ihren Recherchen auf viele Geschichten zu den Beinhäusern gestossen. Welche fanden Sie besonders bemerkenswert?

Höpflinger Da ist die Geschichte aus Naters im Kanton Wallis. Ein Medizinstudent entwendete einen Schädel und stellte ihn dann zeitlebens auf sein Arztpult. Als er starb, haben seine Kinder den Schädel ins Beinhaus zurückgebracht. Oder die Erzählung aus Domat/ Ems in Graubünden, als Fasnächtler vor einigen Jahrzehnten einen Schädel gestohlen hatten, diesen golden anmalten und danach wieder ins Beinhaus stellten. Er steht übrigens heute noch dort. Mit den Beinhäusern wurde früher viel Schabernack getrieben.

Müller Mehrfach überliefert ist, dass Schädel als Fussbälle missbraucht wurden. Das war auch ein Grund, warum vor vielen Ossarien Gitter angebracht wurden.

Welchen Zweck hatten Beinhäuser ursprünglich?

Höpflinger Einen sehr pragmatischen. Durch die Vergrösserung der Siedlungen im Mittelalter wurden die Friedhöfe zu klein. Der Platz reichte nicht aus, um die Verstorbenen wie bis dahin üblich in der Erde zu lassen. Also kam die Idee auf, die Gebeine auszugraben und in einem vor Wetter und wilden Tieren geschützten und heiligen Raum zu lagern. Aus religionswissenschaftlicher Sicht repräsentiert das Beinhaus ein Heilsversprechen: Die Toten bilden eine Gemeinschaft derer, die zum Beispiel durch Gebete der Lebenden aus dem Fegefeuer gerettet werden können. Beinhäuser sind aber auch ein Memento mori, um die Lebenden an ihren unausweichlichen Tod zu erinnern. Sie ermahnen, ein gutes Leben zu führen.

Wenn die Köpfe zu einer Wand werden: Im Beinhaus in Leuk im Kanton Wallis sind die Totenschädel fein säuberlich gestapelt. Sie sind ein Memento mori, um die Lebenden an ihren unausweichlichen Tod zu erinnern.

Wer konnte früher damit rechnen, dass seine Knochen einmal im Ossarium sein würden?

Höpflinger Diejenigen, die auch auf dem Friedhof bestattet wurden – und das waren längst nicht alle. Denn der Friedhof galt als heiliger Raum, weshalb nicht alle Leute dort beerdigt wurden. Ungetaufte Neugeborene, Ketzerinnen, Selbstmörder oder Verbrecher – also Leute, die nicht in die römisch-katholische Gemeinschaft aufgenommen wurden oder aus irgendeinem Grund aus ihr hinausfielen – wurden ausserhalb des Friedhofs beerdigt oder wurden gar verbrannt.

Ossarien sind in der Schweiz ein römisch-katholisches Phänomen. Haben auch die reformierten Kirchen einen Bezug zu Beinhäusern?

Höpflinger Der oftmals mit den Ossarien verbundene Ahnenkult und der dort stattfindende materielle und sinnliche Umgang mit dem Tod passte nicht zu den reformatorischen ­Idealen. Die Reformatoren propagierten, dass nur die Bibel eine Heilsbotschaft vermittelt – und nicht Heilige, Reliquien oder Bilder. Ossarien gehörten für sie zu stark auf diese materielle Seite von Religion. Deshalb rissen die Reformierten viele Beinhäuser gegen Ende des 16. und im 17. Jahrhundert ab oder nutzen sie um. Die Gebeine wurden bestattet.

Wie muss ich mir solch eine Beinhaus-Umnutzung vorstellen?

Müller In Graubünden und in der Innerschweiz wurden sie vielfach zu Aufbahrungskapellen von Toten. Es gibt aber auch Ossarien, die in eine Bäckerei oder in ein Wohnhaus integriert oder in ein Pfarrhaus umgebaut worden sind. Oder sie dienen heute als Abstellkammern.

Höpflinger In einem Fall wurde das Beinhaus gar zu einer Toilette. Offen gesagt irritiert mich das. Ein sensiblerer Umgang mit den Beinhäusern wäre wünschenswert. Vielleicht trägt ja unser Buch dazu bei.

Gab es gegen die Schliessung der Beinhäuser Widerstand?

Höpflinger Ja. In einigen reformierten Orten haben sich die Leute zum Teil bis ins 17. Jahrhundert gegen die Schliessung ihres Beinhauses gewehrt. Die seit 1522 reformierte Stadt Uster im Kanton Zürich schloss das Beinhaus zum Beispiel erst 1638, also immerhin mehr als hundert Jahre nach der Zürcher Reformation. Beinhäuser standen aber auch für den Inbegriff des Katholizismus. So ist im Beinhaus von Leuk gar ein alter antilutherischer Spruch zu finden. Dort steht: «Oh frommer Christ, hüte dich vor der Lutherischen Trug und List».

Einen solchen Anblick ist man heutzutage nur noch aus Horrorfilmen gewohnt: Totenschädel in einer Wand im Ossarium von Wolhusen im Kanton Luzern.

Sind Beinhäuser für Gläubige auch heute noch wichtig?

Höpflinger Durchaus. In Naters trafen wir an einem schönen, sonnigen Tag eine Grossmutter, die mit ihrem Enkel zum Beinhaus kam, niederkniete, sich bekreuzigte und zwei Grabkerzen anzündete. Wir fanden dort auch Rosenkränze, die offenbar noch heute zum Beten benutzt werden. An vielen Orten werden die Beinhäuser aber auch touristisch genutzt. So standen wir gemeinsam mit amerikanischen Touristen im Ossarium von Leuk.

Müller Da kommt mir eine Begegnung in einem Beinhaus in Tschechien in den Sinn. Als wir dort waren, wollten Goths (Subkultur, die vom Tod und von der Vergänglichkeit fasziniert ist, Anm. d. Red.) das Beinhaus betreten. Der Zutritt wurde ihnen allerdings verwehrt, da die Kirchenverantwortlichen befürchteten, dass sie ein satanisches Ritual durchführen wollten. Die dunkel angezogenen und stark geschminkten Gestalten durften schliesslich trotzdem rein. Sie mussten aber versprechen, keine Fotos zu machen und keine Rituale durchzuführen.

In Ossarien sind die Toten für alle sichtbar. Hatten die Menschen früher generell weniger Berührungsängste vor dem Tod?

Höpflinger Mit Sicherheit gingen sie unverkrampfter mit den Toten um. Die Verstorbenen waren Teil der Gemeinschaft, und es fand eine Interaktion mit ihnen statt. Die Menschen fassten die Schädel an und küssten sie sogar. Wir haben Schädel gesehen, die regelrechte Abnutzungserscheinungen aufwiesen, weil sie so oft angefasst worden waren.

«Ich würde mich freuen, einmal in einem Beinhaus untergebracht zu werden.» Yves Müller

Dass die Toten früher eine grosse Präsenz hatten, davon zeugen auch die vielen Geistergeschichten, die kursierten.

Und heute?

Höpflinger Heute wird der reale Tod nicht mehr so sinnlich und materiell zelebriert. Viele Leute reagieren heute eher irritiert auf Gebeine. Das zeigte auch eine Begegnung während der Recherchen zum Buch. Als wir in einem Beinhaus auf der Insel Ufenau im Zürichsee waren, kam eine junge Frau ans Beinhausfenster heran. Als sie die Schädel sah, rannte sie schreiend davon. Ich fragte sie später, warum sie so reagiert hatte. Sie antwortete mir dann, dass sie den Anblick der Schädel schrecklich gruselig fand und sie die keinesfalls sehen wollte. Dass jemand so panisch auf Gebeine reagiert, hat mich schon überrascht. Auch weil in der Alltagskultur überall Totenschädel zu sehen sind. Sei es in der Mode, in der Kunst oder in jedem Horrorfilm.

Werden heutzutage noch Knochen in Ossarien gebracht?

Müller Offiziell nicht. Aber im österreichischen Hallstatt gibt es zum Beispiel einen Schädel, auf dem das Datum 1983 notiert wurde. Ich habe auch gelesen, dass noch Mitte der neunziger Jahre einer in dieses Beinhaus überführt wurde. Die Identität des Verstorbenen konnte ich allerdings nicht mehr ausfindig machen.

Sie sprechen mit grosser Leidenschaft von Ossarien. Welches ist Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders ans Herz gewachsen?

Müller Ich mag das Beinhaus im bündnerischen Domat/Ems. Es befindet sich auf einem Hügel bei einer alten Kirche. Die Anlage ist malerisch. Im ­Innern finden sich kostbare, gotische Statuen.

Höpflinger Jenes in Kirchbühl bei Sempach im Kanton Luzern ist mein allerliebstes. Dort sind die Schädel eingemauert, und an den Wänden finden sich wunderbare Memento-mori-Sprüche. Die gesamte Anlage mit der Kirche wurde nicht barockisiert und ist in seiner ursprünglichen Form geblieben. Aber auch die Schädelwand im Beinhaus in Leuk ist sehr eindrücklich. Der Raum war lange Zeit versiegelt. Als man ihn in den achtziger Jahren öffnete, wurden zwischen den Knochen wertvolle Heiligenstatuen gefunden.

Wer fühlt sich eigentlich heute noch verantwortlich, dass es auch in Zukunft noch Ossarien gibt?

Höpflinger Viele Pfarrer sorgen dafür, dass die Beinhäuser erhalten bleiben. Weiter spenden Privatpersonen, damit Renovationen möglich werden. Sie bieten mit ihrem Engagement den Menschen auch künftig die Möglichkeit, in Beinhäusern über den Tod – also auch über den eigenen – nachzudenken. Das ist sehr wichtig. Wir sollten Ossarien aber unbedingt auch als schützenswertes Kulturgut sehen.

Wie stehen Sie eigentlich zu Ihrem Memento mori? Haben Sie Angst vor dem Tod?

Müller Nein, habe ich nicht. Ich würde mich irgendwie sogar freuen, wenn ich einmal in einem Beinhaus untergebracht werden würde.

Höpflinger Schwierige Frage. Der Tod bleibt für mich auch nach dieser Arbeit etwas Schwerverständliches. Etwas, das mich gleichermassen fasziniert und erschreckt.

Das Buch Ossarium – Beinhäuser der Schweiz von Anna-Katharina Höpflinger und Yves Müller erscheint im März 2016 im Pano-Verlag in Zürich; ca. 320 Seiten; Paperback mit Farbfotografien; 48 Franken.

Anna-Katharina Höpflinger (39) hat Theologie und Religionswissenschaft studiert. 2010 promovierte sie an der Universität Zürich über Drachenkampfmythen im Alten Orient und in der Antike. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Medien und Religion, Körper, Kleidung und Religion sowie die europäische Religionsgeschichte.

Der Wirtschaftsinformatiker Yves Müller (29) ist Fotograf, Musiker und Sammler. Seine fotografischen Schwerpunkte sind Beinhäuser, Artefakte, Objekte, Landschaften und Konzerte.