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Bild: ZVG
Freitag, 15. Januar 2016

Herr Weber-Berg, die Pfarrerin der Swiss Church in London vermietet ihre Räumlichkeiten an ethisch fragwürdige Modelabels, um ihre Kirche zu finanzieren. Waren Sie schon mit ähnlichen Situationen konfrontiert?

Ja, allerdings weniger in der Kirche. Ich kenne das aber aus meiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Als Leiter des Center for Corporate Social Responsibility an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich gehörte auch die Mittelbeschaffung zu meinen Ressorts. Für unsere Forschung musste ich zusätzliche Gelder auftreiben.

Gerieten Sie dabei manchmal in ethische Konflikte?

Nein. Aber ich erinnere mich, dass wir uns zum Beispiel gut überlegten, welche Firmen wir als Sponsoren für unseren Finanzethikkongress anfragten und welche nicht. Wir versuchten uns so zu positionieren, dass wir jederzeit hätten begründen können, warum wir mit der einen Firma zusammenarbeiteten und mit der anderen nicht.

Was gibt es denn für Gründe, ein Unternehmen zu meiden?

Das unterscheidet sich von Fall zu Fall. Einige Bereiche sind sicher tabu: Etwa Rüstungsgüter, Suchtmittel, Nukleartechnologien, Glücksspiele oder Pornografie. Oftmals sind die Kriterien aber nicht so klar. Wenn ich als Wissenschaftler einen Forschungsauftrag von einem Unternehmen erhalte, das ethisch nicht einwandfrei dasteht, ist das nicht zwingend ein Ausschlusskriterium. Denn eventuell kann ich ja gerade durch meine Forschungsarbeit zu einer besseren Nachhaltigkeit beitragen. Sich aber einfach bezahlen zu lassen, ohne die Chance zu bekommen, etwas zu verändern, halte ich für unethisch.

Lässt sich das auf die Kirche, etwa die Swiss Church, übertragen?

Über die Situation der Swiss Church in London bin ich zu wenig informiert. Ich erlaube mir deshalb kein Urteil. Grundsätzlich gelten aber ähnliche Massstäbe. Wenn ich als Kirche die Chance habe, in einem Unternehmen positive Veränderungen zu bewirken, dann ist ein solches Engagement vertretbar. Wo es aber ausschliesslich darum geht, gegen Bezahlung die Kulisse für eine Modeschau abzugeben, würde ich schon noch einmal nachfragen wollen.

Die finanzielle Lage der Kirchen wird sich weiter verschlechtern. Kann man sich Ethik bald nicht mehr leisten?

Landeskirchen werden in Zukunft bestimmt neue Einnahmequellen erschliessen müssen. Ich bin überzeugt, dass sie dabei versuchen werden, hohe ethische Standards zu berücksichtigen. Aber ich bin sicher, dass es auch da Fälle gibt, in denen es strittig ist, ob eine Kirche das darf oder nicht. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, eine Kirche vermietet luxuriöse Wohnungen an Gutverdienende. Das kann eine gute Einnahmequelle sein. Ist es die richtige für eine Kirche?

Das frage ich Sie.

Da gibt es nicht nur eine Antwort. Im einen Fall kann es richtig sein, ein grosses Pfarrhaus an bester Lage teuer an eine Anwaltskanzlei und einen Zahnarzt zu vermieten und mit dem Ertrag die Arbeit der Kirchgemeinde mitzufinanzieren. Im anderen Fall kann es richtig sein, Wohnungen für Menschen mit besonderen Betreuungsbedürfnissen günstig zu vermieten und keinen Ertrag zu erzielen. Das machen wir übrigens in der Aargauer Landeskirche in Zusammenarbeit mit dem Heks.

Jede Landeskirche bestimmt heute noch selber, wie sie ihre Gelder anlegt. Warum gibt es keine einheitlichen Richtlinien?

Allgemeine Richtlinien sind schwer realisierbar, dafür sind die Unterschiede einfach zu gross. Zürich oder Bern stehen finanziell anders da als etwa Basel-Stadt. In Basel-Stadt ist man andere Wege gegangen und hat einen Investmentfonds gegründet.

Wie legen Sie im Aargau Ihre Gelder an?

Ein Teil unserer Mittel ist in Mikrofinanzfonds investiert. Wir geben auch zinsgünstige Darlehen an kirchennahe soziale Institutionen. Das war bisher für beide Seiten ein Vorteil. Heute haben wir allerdings das Problem, dass die Zinsen bei den Banken sehr tief sind – und so zahlen die Institutionen ihre Darlehen oft vorzeitig zurück. Wir haben aber vergleichsweise wenig Geld zum Investieren. Unser Auftrag als Kirche ist es ja auch nicht, Finanzvermögen zu bilden.

Gerade das Zinsnehmen wird aus christlicher Sicht immer wieder als unethisch kritisiert. Zu Recht?

Da würde ich differenzieren. Wenn durch das Einfordern von Zinsen eine Notlage ausgenutzt wird, dann ist das verwerflich. Grundsätzlich ist aber eine funktionierende Wirtschaft auf Zinsen angewiesen: Wieso zum Beispiel sollte ein Unternehmen für sein Darlehen oder ein Hausbesitzer für seine Hypothek keine Zinsen bezahlen? Ich sehe nicht, was daran verwerflich sein soll.

Mit Christoph Weber-Berg sprach Heimito Nollé.

Christoph Weber-Berg ist Präsident der Reformierten Medien, die auch bref herausgeben. Für dieses Interview wurde er als Wirtschaftsethiker befragt.