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Autor: Tom Kroll
Freitag, 26. Juli 2019

Mein Vater ist ein alter Mann geworden. Ich sehe es ihm an, als er sich neben mich in die enge Sitzbank der kleinen Kirche in Kirch Rosin hievt. Das Alter hat einen grauen Kranz in sein struppiges schwarzes Haar meliert. Ein kleines bisschen Haut wächst an seinem Hals hinab. Manchmal sagt er dazu: «Mein Kuhlappen.»

Rüdiger Kroll ist 65 Jahre alt. Alle nennen ihn hier Herrn Kroll. Er fällt auf mit seinen fast zwei Metern Körpergrösse und seiner grossen runden Brille, die ihre Gläser selbständig tönt, sobald ein paar Sonnenstrahlen auf sie fallen. Er fällt auf, weil er weit und breit nahezu der einzige Mensch in Mecklenburg-Vorpommern ist, der einen bayerischen Trachtenjanker trägt. Eigentlich stammt er aus Gelsenkirchen.

In letzter Zeit verdichten sich die Hinweise, dass sich etwas im Leben meines Vaters verändert hat. Zuerst waren da die kryptischen Bemerkungen am Telefon. Er habe mitgeholfen, Äste und Laub auf dem Friedhof zusammenzutragen. Oder, dass er jetzt sonntags was vorhabe. Ich liess seine Bemerkungen unkommentiert. Als wir uns das letzte Mal sahen, es war Weihnachten, erzählte er es mir in klaren Worten: «Ich gehe wieder in die Kirche.» Ich fand diesen Satz bemerkenswert, gerade in einer Zeit, in der immer mehr und mehr Menschen aus der Kirche austreten. Ich lese oft davon, dass Kirchen zu Veranstaltungs­orten umgewandelt oder manchmal ganz dem Erdboden gleich­gemacht werden.

Neben dem allgemeinen Trend spricht noch etwas gegen die plötzliche Kirchgängerschaft meines Vaters: Er war nie religiös, jedenfalls nicht, dass ich mich erinnern könnte. An den 23 Weihnachtsfesten, die wir zusammen verbrachten, waren wir kein einziges Mal in der Kirche. Wenn unsere Nachbarn ihre Häuser verliessen, in ihr Auto stiegen und zum Gottesdienst fuhren, sagte mein Vater Sätze wie: «Ach, zum Glück bleiben wir hier, hier ist es gemütlich.» Die Krolls blieben Predigt, harten Sitzbänken und Abendmahl fern. Sassen lieber stundenlang am Esstisch und redeten, tranken Wein. Mein Vater ist dann meistens gegen 22 Uhr mit einem kleinen Schwips auf der Couch eingeschlafen.

Mein Vater nennt es «eine Schnapsidee, aber eine glückliche».

Irgendwas muss sich also verändert haben in seinem Leben. Es muss einen Moment gegeben haben, da er sich gesagt hat, heute entscheide ich mich gegen das Ausschlafen und fahre in die Kirche. Diesen Moment gab es. Er nennt ihn «eine Schnapsidee, aber eine glückliche».

Um zu verstehen, warum es diese glückliche Schnapsidee gab, bin ich zu ihm gereist, in den hinterletzten Teil Deutschlands, ins «Heidenland», wie er scherzhaft sagt. Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern liegt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Dort wohnt mein Vater seit drei Jahren in einem kleinen Dorf in der Nähe von Rostock. Der Ort heisst Mühl Rosin und hat 1100 Einwohner. Ganz nah ist die Mecklenburgische Seenplatte. Wenn wir durch die Baumalleen in der Gegend fahren, sagt er oft, er finde, die Landschaft habe etwas Therapeutisches.

Nun will ich wissen, was sich bei ihm verändert hat. Was ihn zu einem disziplinierten Kirchgänger gemacht hat. Dazu haben wir uns verabredet. Da, wo er nun einige seiner Sonntagmorgen verbringt, in der Dorfkirche. Sie liegt in Kirch Rosin, einem zwei Kilometer entfernten Ortsteil von Mühl Rosin.

Trotz den Kirchenglocken, die zu Beginn des Gottes­dienstes aus dem verbretterten Turm hinter dem Kirchengebäude läuten, höre ich meinen Vater atmen. Die Dorfkirche gibt sich schmucklos. Sie ist aus rotem Backstein gemauert. Hinein sind wir über einen kleinen, überdachten Eingang aus schwarzem Fachwerk gelangt. Im Innenraum ist es kalt. Die Wände sind gelb gestrichen. Von einer Wand schaut Moses in Terrakottafarbe auf die Gläubigen herab.

Die Kirche als Zufluchtsort

In der Kirche sind ausser uns neun andere Menschen. Vor allem ältere. Vor mir sitzt ein Mann mit einem Hörgerät, daneben eine Frau, die später immer wieder einschlafen wird. Mein 65jähriger Vater senkt den Altersdurchschnitt. Plötzlich geht die schwere Kirchentür auf und eine Wandergruppe tritt herein. Lauter junge Menschen mit Rucksäcken setzen sich auf die knarzenden Holzbänke. Die Gemeindemitglieder schauen sich um, wachen auf. Es wird unruhig. «So voll war es hier noch nie», flüstert mein Vater mir ins Ohr. Der Pastor sieht aus, als ob er jedem einzelnen die Hand zur Begrüssung schütteln möchte. «Gar nicht repräsentativ heute», grummelt mein Vater.

Nachdem die Glocken zum letzten Mal geschlagen haben, schaut Pastor Jonas Görlich noch einmal in die Runde, er lächelt. Dann beginnt er seine Predigt mit den Worten: «Immer und immer wieder im Kreis, die richtige Ausfahrt verpasst.» Görlich spricht über das falsche Abbiegen, metaphorisch gesehen. In seiner Predigt geht es um gute und schlechte Hirten und was passiert, wenn man feststellt, man folgt dem falschen.

Ich schaue zu meinem Vater hinüber. Er sitzt dort, zieht immer wieder seine Augenbrauen hoch, merkt, dass ich ihn beobachte, dann werfen wir uns vielsagende Blicke zu. Wir beide dachten an das gleiche, stellten wir nach dem Gottesdienst fest. Nämlich an das Telefongespräch, das wir einen Abend zuvor geführt hatten. Mein Vater sprach von seiner Kindheit. Und davon, dass er damals an Gott glaubte und sich dann Stück für Stück von seinem Glauben entfernte.

Er wuchs in Gelsenkirchen auf. In einer kleinen Wohnung, die in einem Haus am Rande der Vorstadt lag. Ende der fünfziger Jahre waren Gelsenkirchen und die gesamte Ruhrregion noch russverhangen. Wenn die Hochöfen liefen, wurde weisse Wäsche, die draussen zum Trocknen hing, schwarz. Damals schickten seine Eltern ihn jeden Sonntag um acht Uhr in den Kindergottesdienst. In die Lutherkirche in der Vandalenstrasse, erinnert sich mein Vater.

Che Guevara und Jesus

Die Bibelgeschichten waren für ihn eine willkommene Abwechslung vom Alltag in der Enge. Sein Zimmer in der winzigen Wohnung in der Germanenstrasse war die Küche. Er schlief auf einer Liege. Der Vater, also mein Grossvater, kam abends oftmals betrunken von der Arbeit zurück. Er erzog sein Kind mit Gewalt. Mein Vater nennt ihn heute einen Despoten mit sentimentalen Zügen. Seine Mutter sei mit der Familiensituation überfordert gewesen. Die Kirche wurde für ihn als Bub ein Ort der Zuflucht. Eine Zuflucht mit phantastischen Geschichten.

Die Familie meines Vaters verliess Nordrhein-Westfalen, zog nach Norddeutschland. In eine Kleinstadt in der Nähe von Kiel. Dort wurde er konfirmiert. Es waren die späten Sechziger, als er das Buch Der Christ als Rebell des Theologen und Harvard-Professors Harvey Cox las. «Che Guevara war ja damals ziemlich in», sagte er mir am Telefon, «aber ich fand Jesus viel revolutionärer.» Heute ist er wieder begeistert von seinen alten Gedanken, doch damals als Jugendlicher ging der «Schub», wie er diese Phase seiner Teenagerzeit nennt, vorbei.

Andere Dinge, er sagt dazu «das Erwachsenenleben», wurden wichtiger. Und irgendwann zwischen seiner Zeit als Offizier bei der Bundeswehr und dem Jurastudium habe er dann angefangen, seinem Glauben zu misstrauen. Das erste richtige Geld verdienen, vorankommen, vielleicht Karriere machen, das setzte sich an die Stelle des eigentlichen Lebens, so sieht es mein Vater. «Scheinwelt», ist sein lakonischer Kommentar dazu heute.

Pastor Görlich schwingt sich die Gitarre um. In dem über 700 Jahre alten Gemäuer der kleinen Saalkirche hallen die Akkorde des Lieds «Die ganze Welt, Herr Jesu Christ». Hinter mir stimmen die Wanderer mit fester Stimme ein. Ich fange überhörbar an zu summen.

Ein Sänger wird aus ihm nicht mehr, denke ich und muss grinsen.

Ein Blick nach rechts verrät: Mein Vater bewegt seine Lippen seltsam asynchron, er simuliert. Ein Sänger wird aus ihm nicht mehr, denke ich und muss grinsen.

Nach dem Lied legt Görlich die Gitarre beiseite. Er setzt seine Predigt fort. Auf die Kanzel steigt er nicht. Görlich ist ein Mann, der ebenerdig zu seiner Gemeinde spricht. Mein Vater mag das. Und nicht nur das. Mein Vater mag die lebendige Sprache des Pastors. Das rege seine Phantasie an, und er könne im Gottesdienst abschalten. «Die Vogelperspektive einnehmen», sagt er. Und manche Predigten berühren ihn. Auch bei mir löst Görlichs Predigt Entspannung aus.

Ich kann verstehen, warum es ihn Woche für Woche hierherzieht. Der Pastor erzählt von einem Schäfer aus der Region. «Die Schafe wurden von den Männern auf den Hintern gesetzt, und schon wirbelten die Rasierer über die Körper der Tiere.» Ein guter Hirte sei der Schäfer. Er kümmere sich peinlich genau um alle Vorschriften und liebe seine Tiere. Nach dem Scheren habe der Schäfer die verängstigten Tiere schnell beruhigt.

Aber auch die schlechten Hirten kommen in der Predigt aus der Region: «Gleich hier bei uns um die Ecke wurden Alte und Kranke systematisch ausgebeutet», sagt Görlich. Es geht um ein Altenheim, in dem Senioren betrogen und missbraucht wurden.

Mein Vater kann etwas mit den Beispielen anfangen. Sie stammen aus seiner Welt. Als der Pastor den Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch zitiert, der den Missbrauch von Schutz­befohlenen unter Strafe stellt, sagt Görlich in Richtung meines Vaters: «Bitte korrigieren Sie mich, Herr Kroll, wenn ich etwas Falsches sage.» Mein Vater nickt und ich habe den Eindruck, die direkte Ansprache ist ihm etwas peinlich.

Dann fiel die Mauer

Mein Vater ist Rechtsanwalt. Mittlerweile ist er, wie er selbst sagt, ein Wald-und-Wiesen-Anwalt. Vertritt jeden, vom Steuerhinterzieher bis zum Rauschgifthändler. Er vertritt wohl­habende Menschen und solche, die sich eigentlich keinen Anwalt leisten können. Eine Frau, die vor kurzem seine Kanzlei betrat, wurde per Haftbefehl gesucht. Ein fester Wohnsitz musste her. Mein Vater telefonierte rum, putzte Klinken und fand schliesslich eine Unterkunft für sie. So konnte er vorläufig die Haft verhindern. Geld verlangte er keines von ihr, sagt er. Auch er muss manchmal Hirte sein, denke ich plötzlich.

Das war nicht immer so: Als er sein Studium beendete, arbeitete er noch einige Zeit an der Universität. Er konnte sich vorstellen zu promovieren, hatte mehrere Jobangebote, doch dann fiel die Mauer. Und er machte rüber. Verkehrtherum. Also vom Westen in den Osten. Er war einer von diesen westdeutschen Pionieren, die in die neuen Länder zogen, damals, als Helmut Kohl das Mantra ausgab, in Ostdeutschland würden blühende Landschaften entstehen. Der Osten, das versprach eine neue Zukunft und auch ein wenig Abenteuer.

Manchmal erzählt mein Vater von früher. Zum Beispiel von den abziehenden russischen Soldaten. Die mitten in der Nacht am Strassenrand standen und ihre Kalaschnikows hochreckten, um sie zu verkaufen. Er bekam mit, wie westdeutsche Glücks­ritter in den Osten strömten. «Die haben sich das Land unter den Nagel gerissen», erzählt er. Und will damit sagen: Er war keiner von ihnen.

Und doch bekam er 1992 Arbeit bei einer Grosskanzlei, für die er heute nicht mehr arbeiten würde, wie er sagt. Fuhr einen grossen Audi und war in dem kleinen Dorf, in dem wir lebten, der erste mit einem Funktelefon. Einem Motorola, unterarmgross. Eine der ersten Erinnerungen meines Lebens sind die fremden Menschen, die bei uns klingelten, weil sie telefonieren wollten. Kurz nach der Wende gab es in dem Dorf, in dem wir lebten, nur eine Handvoll Telefone.

Ohne meinen Vater

Meine Mutter weiss heute nicht mehr genau, warum sie dieses Dorf so hasste und wir es schliesslich wieder in Richtung Westen verliessen. Vielleicht war es das Dorf selbst, das nur aus einer staubigen Durchgangsstrasse bestand. Oder es waren die Autos, die an ihren spielenden Kindern mit gefühlt 100 Kilometern pro Stunde vorbeirasten. Oder es war die Tatsache, dass sie im Dorf schräg angeschaut wurde, sie als Westdeutsche. Freunde fand sie keine.

Wir zogen um. Ohne meinen Vater. Für meine grosse Schwester, meine Mutter und mich ging es nach Lübeck. Mein Vater machte sich selbständig. Wurde sein eigener Herr, so drückt er es aus. Und das bedeutete für ihn vor allem eines: noch mehr arbeiten. Zu Besuch kam er nun immer seltener. Obwohl er sich Woche für Woche vornahm, uns, seine Kinder, zu besuchen, blieb er meistens fern. Im Osten wurde aus den blühenden Landschaften so schnell nichts.

Sie welkten und mit ihnen die neue Kanzlei meines Vaters. Viele seiner grossen Klienten gingen in die Insolvenz. Er arbeitete und arbeitete, «die Auftragsbücher waren voll, doch nichts kam rum», sagt er heute über diese Zeit. Als meine Mutter einmal Geburtstag feierte, fuhren ich und mein Vater eine Stunde mit dem Auto durch die norddeutschen Felder. Wir pflückten Blumen. Einen Strauss aus dem Laden konnte er sich nicht leisten, so schlecht stand es um das Geschäft. Auch seine Gesundheit wurde schwächer. Er bekam Bluthochdruck, der Stress machte ihn dünnhäutig und seine Statur hager.

In Kirch Rosin neigt sich der Gottesdienst dem Ende entgegen. Wir stehen auf. Mein Vater faltet die Hände. Er hält seine Augen geschlossen. Wir beten das Vaterunser. Minuten später treten wir in den Sonnenschein. Zünden uns jeder eine Zigarette an. Rauchend laufen wir am Friedhof entlang. «Und, war doch schön?» fragt mich mein Vater, ich antworte nicht. Wir gehen schweigend nebeneinanderher. Ich frage ihn, ob er hier mal begraben werden möchte.

Gestern am Telefon sagte er: «Im Alter können drei Dinge mit dir passieren. Entweder du verblödest, du gehst dein Leben weiter und bekommst einen Herzinfarkt, oder du wirst nachdenklich.» Mein Vater bekam Krebs und dachte nach. Die Krankheit war schnell geheilt. Er war rechtzeitig zum Arzt gegangen. Im nachhinein betrachtet nur eine Kleinigkeit. Doch als er vor etwas mehr als zwei Jahren im Krankenhaus lag, war er plötzlich raus aus dem Leben. «Du guckst da die Welt von draussen an, du spielst nicht mehr mit», sagte er. Ihm sei sein Leben klein vorgekommen, damals im Krankenbett. Er wurde das, was die Leute demütig nennen.

«Ach, Tom», sagte er, «wir wuseln hier rum, auf so einem bewohnbaren Schimmelbezug, den wir Erde nennen, was soll das?»

Am Telefon fragte ich nach. Verstand nicht so recht, was er meinte. Es brach aus ihm heraus: «Ach, Tom», sagte er, «wir wuseln hier rum, auf so einem bewohnbaren Schimmelbezug, den wir Erde nennen, was soll das?» Er sagte, der Krankenhausaufenthalt war das letzte Mosaiksteinchen auf seinem Weg in ein langsameres Leben. Vorher war da der Tod eines Bekannten, die Pleite von Freunden. Und die Gespräche mit Mandanten, deren Kinder im Knast sassen.

Doch erst im Krankenhaus kam dieser Moment. Ein tiefes Gefühl sei das gewesen, sagt mein Vater. Ein Aha-Erlebnis. Danach habe er alles lang­samer gemacht. Er hat angefangen zu malen, sich mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt und sich eine Parzelle auf einem Campingplatz mit Seeblick gemietet. Da sitzt er nun häufig, schaut auf den See und freut sich, dass er glitzert. Und: «Ich habe die Vorstellung abgelegt, ich sei meines eigenen Glückes Schmied.» In die Kirche zu gehen war dann die logische Konsequenz. «Zurück zu den Wurzeln.»

Es war an einem Sonntag vor etwa zwei Jahren. Mein Vater erzählt, er sei frühmorgens wach geworden. Und da sei ihm die Idee gekommen. Warum nicht, dachte er sich. «Eine Schnapsidee, aber eine glückliche», sagte er am Telefon. Und dann in der Kirche, da fand er, was er gesucht hatte. Gleichgesinnte. Menschen, die das Immaterielle im Leben suchen. Wie der Sigrist, der immer den Gottesdienst vorbereitet und sich ehrenamtlich um das Gebäude kümmert. Wie der Pastor, der für Jugendliche einen Treffpunkt organisiert, oder wie die Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern. «Das kann der Verkehrsclub nicht leisten», sagt er und lacht einmal kurz auf.

«Was ist Gott für dich?»

Mein Vater freut sich nicht nur über die Menschen, die er dort kennenlernte. Sondern auch darüber, dass er sich nun häufiger Gedanken zu Gott macht. Als ich ihn am Telefon fragte: «Was ist Gott für dich?», antwortete er: «Gott hat für mich keinen Aggregatzustand», ist also weder fest, flüssig noch gasförmig. Gott sei für ihn eine Kraft, die in allem steckt. Als Kind lockten ihn die Geschichten, als Jugendlicher war er von Jesus begeistert, als junger Erwachsener hat er in der Idee des Protestantismus Halt gefunden. Wenn er heute sagt: Gott ist in allem, dann denke ich darüber nach, dass Gott dann auch in ihm ist, wenn er einmal wieder zu Staub wird.

«Willst du hier mal beerdigt werden?», das hatte ich ihn nach dem Gottesdienst gefragt, als wir rauchend nebeneinander dem Friedhof entlanggingen. «Ja, will ich», antwortete er. Eine Stelle hat er sich noch nicht ausgesucht. Dafür sei ja noch ein bisschen Zeit.

Mein Vater bringt mich mit dem Auto nach Rostock zum Bahnhof, von dort will ich zurück nach München. Auf der Fahrt sprechen wir wenig. Ich denke daran, wie gerne ich meinen Vater habe. Dass es schade ist, dass wir uns so selten sehen. Es war mein vierter Besuch in Mühl Rosin. Und ich denke darüber nach, dass ich auf jeden Fall noch einmal in die Dorfkirche von Kirch Rosin kommen werde. Ja, vielleicht noch einmal, wenn ich ihn besuche. Doch auf jeden Fall dann, wenn er einmal gestorben ist. Irgendwann, ist ja noch ein bisschen Zeit. Und dann werde ich mich erinnern. Daran, wie ich zu ihm reiste und der Frage nachging, was ihn wieder in die Kirche geführt hatte.