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Freitag, 03. März 2017

Gott wird die warheit an tag bringen», notiert der Pfarrer von Wangen im Zürcher Glattal am 12. Mai 1644. Einmal mehr hat er an diesem Tag einem seiner Schäflein ins Gewissen geredet. Die junge Verena Pfister hat sich durch Männergeschichten einen schlechten Ruf in der Gemeinde gemacht. Jetzt kursieren Gerüchte, sie sei schwanger. Ein Fall für den Pfarrer. Doch die «Hübsch Vere», wie sie auch genannt wird, streitet die Schwangerschaft ab. Als sich diese nicht mehr verleugnen lässt, wird sie vom Pfarrer an ein Gericht verwiesen. Frauen mit unehelichen Kindern müssen im 17.Jahrhundert mit drakonischen Strafen rechnen. In Zürich wird Verena Pfister in Ketten gelegt und gestreckt.

Das traurige Schicksal von Verena Pfister ist in den sogenannten Stillstandsprotokollen festgehalten. Diese Dokumente belegen die Tätigkeit des «Stillstands», der im 17.Jahrhundert als eine Art Aufsichtsbehörde in den reformierten Zürcher Landgemeinden eingesetzt wurde. Das Gremium, das vom Pfarrer geleitet wurde, traf sich einmal im Monat nach dem Sonntagsgottesdienst, um in der Kirche «stillzustehen» und über die wichtigen Angelegenheiten der Gemeinde zu beraten. Anwesend waren der Untervogt, hohe Dorfbeamte und die als Hüter des Ehelebens eingesetzten «Ehegaumer». Die Traktanden waren breit gefächert, sie reichten von der Armenfürsorge über das Schulwesen bis zu Massnahmen gegen die Bettelei. Vor allem aber hatte der Stillstand eine Funktion: Er wachte über Zucht und Ordnung in der Gemeinde. Verstösse gegen die Sitten wurden von den Mitgliedern des Stillstands angezeigt, die Schuldigen anschliessend vor den Pfarrer zitiert. Die Gründe dafür waren vielfältig: nächtliches Trinken im Wirtshaus, ausgelassenes Tanzen, Kegeln und Fluchen gehörten im sittenstrengen Zürcher Stadtstaat ebenso dazu wie das Versäumen des Kirchgangs, Sonntagsarbeit oder ausserehelicher Geschlechtsverkehr.

Rund 3400 Seiten aus 35 Kirchgemeinden hat das Zürcher Staatsarchiv in den vergangenen fünf Jahren transkribieren lassen. Sie sind eine einzigartige Quelle für die Erforschung des Sittenlebens auf dem Zürcher Land des 17.Jahrhunderts. Die Protokolle der Versammlungen wurden von den Pfarrern selbst geführt – oftmals so detailliert, dass ganze Lebensgeschichten greifbar werden. In Birmensdorf etwa muss sich der notorische Schwerenöter Heinrich Trachsler, genannt «Nesthopper», am 12. April 1640 bereits das zehnte Mal vor dem Stillstand verantworten, meist wegen Trunkenheit und Unzucht. Die Befugnisse des Pfarrers waren in solchen Fällen begrenzt, oftmals blieb es bei Ermahnungen und kleinen Geldstrafen. Die Gerichtsbarkeit lag beim Landvogt, an den die «schwereren» Fälle zur Abstrafung weitergeleitet wurden.

Die fast verhörmässigen Gesprächsnotizen der Pfarrer werfen ein eindrückliches Licht auf den Alltag der ärmlichen Landbevölkerung im damaligen Zürich. Darüber hinaus liefern sie aber auch eine Innensicht des Pfarrberufs im 17.Jahrhundert. Dieser war nicht immer einfach, denn vielfach wurde der Pfarrer lediglich als verlängerter Arm der Obrigkeit wahrgenommen. Das Protokoll von Fällanden etwa ist voller Klagen über die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Bevölkerung. In vielen Fällen erwiesen sich die Pfarrer tatsächlich als strenge Vollstrecker des obrigkeitlichen Willens und meldeten schon kleinste Delikte dem Landvogt. Es gibt aber auch Beispiele von Pfarrern, die nachsichtiger waren, öfter einmal ein Auge zudrückten oder beim Landvogt sogar ein gutes Wort für ihre Schäflein einlegten.

Klar ist: Das Geschick der Zürcher Landbevölkerung des 17.Jahrhunderts hing stark von der Persönlichkeit ihres Pfarrers ab. Im allgemeinen führten die reformierten Pfarrer ein strenges Regime und mischten sich selbst in privateste Angelegenheiten ein. In manchen Gemeinden bildeten Pfarrer und Stillstand ein regelrechtes Spitzelsystem, das die Bevölkerung penibel überwachte und drangsalierte. In den zum Teil fast tagebuchartig geführten Protokollen wird aber auch etwas von den Sorgen und Nöten der Pfarrer selbst spürbar. Die folgenden drei Episoden aus den Gemeinden Brütten, Fällanden und Birmensdorf schildern Begebenheiten aus dem Pfarrleben von damals – einem Leben, das sich im Spannungsfeld von Disziplinierung und echter Fürsorge bewegte.

Brütten: Seelsorge für einen Selbstmörder

Brütten, Anfang 1632. Das winzige Bauerndorf bei Winterthur zählt kaum 300 Einwohner. Eigentlich ein beschaulicher Ort für einen Pfarrer, sollte man meinen. Seit 1626 ist Hans Rudolf Fischer im Amt. Der junge Pfarrer führt das Protokoll besonders gewissenhaft, seit sich Schulmeister Lienhardt Wäber in einem Waldstück in der Nähe von Brütten erhängt hat. Für Fischer ist der Vorfall Anlass, die Mitglieder des Stillstands zu mehr Aufmerksamkeit anzuhalten und ihm zu melden, was in der Gemeinde «fürgangen und ze verbeßren were». Ein Fall wie Wäber soll nicht mehr vorkommen. Fischer ahnt nicht, dass bald schon ein weiterer Selbstmord die Gemeinde verunsichern wird.

Anfang Februar 1632 wird Fischer von einem Vertrauten im Pfarrhaus aufgesucht. Dieser berichtet ihm von einem gewissen Schwiderus Balthensperg, einem Taglöhner, der sich bei Bauern in der Umgebung verdingt. Es sei ihm aufgefallen, dass der Balthensperg verzweifelt sei und immer «so lätz thüge». Auch jammere er, er habe sich verschuldet, und «sorge, er werd sich nit mögen erhalten». Balthensperg fürchte offenbar seinen Ruin, da er für seinen Schwiegersohn eine Bürgschaft aufbringen müsse. Für den Pfarrer sind diese Informationen Grund genug, der Sache nachzugehen. Seine Notizen zum Fall Balthensperg füllen in den kommenden Wochen mehrere Seiten. Sie dokumentieren die rege seelsorgerliche Tätigkeit des Brüttener Pfarrers.

Seine Versuche, dem offenbar verzweifelten Mann ins Gewissen zu reden, werden von Fischer genauestens festgehalten. Er schildert, wie er Balthensperg zu sich ins Pfarrhaus beordert und dieser ihm auf dem «offen bänckli in der stuben» sein Leid klagt. Auch zuhause besucht er ihn und führt mit ihm lange Gespräche. Balthensperg müsse versuchen, sein verlorenes Gottvertrauen wiederzufinden, rät ihm der Pfarrer. Sei es etwa nicht der liebe Gott gewesen, der ihn siebzig Jahre lang am Leben erhalten habe? «Nun, der lebi noch unnd seig sein hand zhälffen nit verkürtzt.» Immer wieder auch der Ratschlag an den verschuldeten Mann, das Zeitlich-Materielle doch nicht zu wichtig zu nehmen: «Es seige uns allen anerboren, das wir das zeittlich liebind und wëgen verlursts desselbigen trurig werdind. Aber doch mußind wir hie halten ein feine bscheidenheit.» Auch die Familie des Verschuldeten wird ins Gebet genommen. Hier verfährt der Pfarrer allerdings wesentlich unzimperlicher: Es sei eine grosse Sünde, dass sie den alten Mann wie einen Hund gehalten hätten. Sie müssten Gott um Verzeihung bitten und von nun an «dem vatter gutts thun».

Die Seelsorge des Brüttener Pfarrers ist gespickt mit Drohungen und Ermahnungen, lässt aber auch echte Anteilnahme erkennen und das Bemühen, im Gespräch mit der Familie praktische Lösungen zu finden. Der Pfarrer versucht, Balthensperg die Angst vor dem Landvogt zu nehmen: Dieser werde trotz seinen Schulden «nit so strëng gegen imm fahren, wie es imm ynbilde». Auch eine Art Nachsorge ist dokumentiert: Vier Wochen nach dem letzten Gespräch sucht der Pfarrer den verschuldeten Mann noch einmal auf und spricht ihm Mut zu.

Doch der Trost des Pfarrers verfängt nicht: Anfang März bricht Schwiderius Balthensperg über Bassersdorf nach Volketswil auf, um seine Tochter zu besuchen. Auf dem Heimweg erhängt er sich in einem Waldstück unweit von Brütten an einer Tanne.

Fällanden: Auf verlorenem Posten in einer «ellenden gmeindt»

Im Jahr 1690 ist Fällanden im Zürcher Oberland ein kleines Nest mit kaum 400 Einwohnern. Das Pfarrhaus und die Kirche mit dem auffallenden roten Schindeldach prägen das Dorfbild. Seit der Reformation trägt der Turm ein schmuckes Zifferblatt mit vergoldeten Zeigern. Doch die Fällander können nicht recht stolz darauf sein, denn die Gemeinde ist bettelarm. Allein zwischen 1689 und 1695 sterben in Fällanden 55 Menschen, nicht wenige davon an Hunger. Immer wieder werden Scheunen geplündert, Mundraub auf den Feldern ist an der Tagesordnung. In und um das Dorf grassieren Bettel und Landstreicherei.

Für den im Januar 1690 frisch ins Amt gewählten Pfarrer Hans Heinrich Zeller sieht das nach viel Arbeit aus. Wie üblich wird Anfang Jahr der Stillstand neu zusammengesetzt. Die Dorfbeamten und Ehegaumer sollen dem Pfarrer in den kommenden Monaten helfen, Verstösse gegen die obrigkeitliche Ordnung aufzufinden und zu ahnden. Doch Zeller merkt rasch: Im Stillstand ist etwas faul. Auffallend wenig wird ihm in den monatlich stattfindenen Versammlungen gemeldet. Die Gemeinde habe sich «wol ghalten«, heisst es nur immer wieder. Im November klagt der Pfarrer: Obwohl zehn Männer im Stillstand anwesend waren, seien fast keine Verstösse angezeigt worden: «Mann schweigt und schonet einanderen.» Zu Beginn des Jahres 1691 erscheinen manche der Stillständer erst gar nicht – wegen der grimmigen Kälte in der Kirche. Zunehmend frustriert über die Untätigkeit des Stillstands notiert der Pfarrer am 5. April ins Protokoll: «Mann will niemand erzörnen, die ußredt ist, ich komm nienen hin, hab nüt ghört.» Und im Juli: «Mann zeigt nüt an, darumb niemand gwaret der fehlbaren.»

Ärger mit dem Stillstand gehörte in vielen Gemeinden zum Alltag der Pfarrer. Die Mitglieder des Stillstands waren aus der Bevölkerung der Gemeinde rekrutiert, sie hatten Verwandte, Freunde und Bekannte im Dorf und waren oft wenig gewillt, diese beim Pfarrer anzuzeigen. In den Protokollen sind Klagen über die Passivität der Stillständer daher relativ häufig. Manche von ihnen führten selbst kein sehr vorbildliches Leben und wurden dafür ihrerseits vor dem Stillstand verzeigt. Jemanden aus der Gemeinde zu verzeigen war zudem nicht ganz ungefährlich: Als Handlanger der Obrigkeit waren Stillständer beim Volk oft unbeliebt – im schlimmsten Fall konnte es passieren, dass ein Stillständer vom Angezeigten verprügelt wurde.

Pfarrer Zellers Protokolle geben ungewohnt offen Auskunft über die Alltagssorgen eines Pfarrers, der in der Gemeinde keinen Rückhalt fand. 1692 werden in Fällanden nur noch sporadisch Stillstände abgehalten. In den Versammlungen hat der Pfarrer den Eindruck, dass man ihm absichtlich verschweigt, was im Wirtshaus und in den «schlüfwinkeln» Fällandens so alles passiert. Die Klagen darüber, dass nichts gegen die grassierende Armut getan werde und auch die Kirchgänger immer mehr ausblieben, häufen sich. Ende Jahr ist der Pfarrer schon so resigniert, dass er vom Stillstand «kein hilff» mehr erwartet. Es sei «alles lauw», «alles umbsonst», klagt er. Für seine Kirchgemeinde hat er nur noch ein Stossgebet übrig: «Gott erbarmme sich dißer ellenden gmeindt.»

Birmensdorf: Auf Täuferjagd

1639 zählt die Kirchgemeinde Birmensdorf knapp 500 Einwohner. Seit fünf Jahren ist Hans Conrad Wirz hier Pfarrer. Er hat es mit den üblichen Verstössen zu tun: mit Raufereien, Trunkenheit und versäumtem Kirchgang. Doch Wirz hat ein zusätzliches Problem, denn die Gemeinde gilt als Zentrum der Täufer. Elf Täufer werden in Birmensdorf in der grossen Volkszählung von 1634 verzeichnet, zwölf sollen es in der Nachbargemeinde Stallikon sein. Gemessen an der kleinen Gesamtbevölkerung keine geringe Zahl.

In den Protokollen von Birmensdorf nimmt der Kampf gegen das «teüfferische gifft» einen grossen Raum ein. Seit ein Verständigungsversuch zwischen der Zürcher Regierung und der Täufergemeinde gescheitert ist, hat sich die Lage der Täufer im ganzen Kanton dramatisch verschlechtert. Güter werden inventarisiert und eingezogen, das ehemalige Dominikanerinnenkloster Oetenbach in Zürich wird eigens zum Gefängnis für Täufer umfunktioniert. Wer dem Täufertum nicht abschwört, wird ans «schellenwerkh» gelegt oder gleich des Landes verwiesen. Das Exekutivorgan dieser Massnahmen auf dem Lande: der Pfarrer und sein Stillstand.

Unter den Einzelschicksalen in Birmensdorf sticht vor allem die Geschichte der Täuferin Ursula Schenklin heraus. Die junge Frau fällt dem Pfarrer auf, weil sie nicht am Abendmahl teilnimmt. Von Wirz zur Rede gestellt, gibt sich Schenklin «gantz teüfferisch», gelobt aber Gehorsam und verspricht, künftig zur Kirche zu gehen. Wahrscheinlich hält sie das Versprechen nicht, denn einige Monate später wird Schenklin nach Oetenbach ins Gefängnis gebracht. Am 29. Januar 1640 kommt sie auf die Bitte des Pfarrers hin wieder frei. Es ist eine Freiheit auf Bewährung, denn Schenklin erhält die Auflage, «innert dreyen wochen eintweder ze gehorsammen oder sich widerum in gfangenschafft ze stellen». Zwischen Februar und März führt der Pfarrer mehrere lange Gespräche mit Schenklin, um sie vom Täufertum abzubringen. Doch die Täuferin bleibt «hartnekig» und «unbewegt wie ein felßen». Am 4. März 1640 protokolliert Hans Conrad Wirz, er habe den Landvogt gebeten, Ursula Schenklin vorläufig noch auf freiem Fuss zu lassen. Ein paar Monate verschwindet sie aus den Protokollen. Im September heisst es schliesslich, Schenklin sei auf Befehl des Landvogts wieder ins Gefängnis gesteckt worden.

Die Protokolle dokumentieren, wie unerbittlich Obrigkeit und Stillstand gegen die Täufer vorgingen. Ein engmaschiges Netz von Kontrollen sollte helfen, die Verdächtigen dingfest zu machen. Regelmässig wurden sogenannte «Haußsuchi» durchgeführt, bei denen der Pfarrer den rechten Glauben der Bevölkerung prüfte. Zu den Aufgaben des Pfarrers gehörte es auch, die Mandate gegen die Täufer öffentlich zu verlesen und sie der Bevölkerung einzuschärfen. Wer für täuferisch befunden wurde, musste widerrufen – oder er landete im Gefängnis. Solange Hoffnung auf eine Bekehrung bestand, hatte der Pfarrer gegenüber dem obrigkeitlichen Willen einen gewissen Spielraum und konnte einen Täufer zumindest eine gewisse Zeitlang vor dem Gefängnis bewahren. So scheint es bei Ursula Schenklin gewesen zu sein. In anderen Fällen griff der Birmensdorfer Pfarrer härter durch: Der Weberknecht Valentin Fälber etwa war in seinen Augen ein «sehr böser enthusiast». Fälber wurde im Januar 1640 gezwungen, in Birmensdorf einen Widerruf zu leisten. Danach wurde er vom Pfarrer des Landes verwiesen.

Die transkribierten Stillstandsprotokolle sind auf der Internetseite des Staatsarchivs des Kantons Zürich verfügbar: www.staatsarchiv.zh.ch