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Autorin: Marianne Weymann
Freitag, 12. Februar 2016

Badische Pfarrer im Bündnerland, Hamburger Ärzte im Thurgau und – Gott behüte! schwäbische Professoren an Schweizer theologischen Fakultäten. Was ist bloss los in diesem Land, das sich so gerne bodenständig gibt? In dem ein Hochuli wahrscheinlich im Aargau wohnt und ein Ogi in Kandersteg. In dem jeder und jede ihren Heimatort hat, und wenn er noch da wohnt, dann gehört er zu einer Elite namens Burgergemeinde oder ähnlich. Heimatverbunden und sesshaft – so sehen sich viele Schweizer. Die Schweiz als Insel der Seligen, und die anderen sollen bitte draussen bleiben.

Aber es sind halt schon sehr viele da. Laut Bundesamt für Statistik hatten 2014 36 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung einen Migrationshintergrund, in Genf waren es gar 61 (die Schreiberin dieser Zeilen gehörte bis vor wenigen Jahren dazu).

Heute kommen mehr Menschen in die Schweiz, als sie sie verlassen. Die Einwanderer erfüllen wichtige Aufgaben. Ohne sie gäbe es zum Beispiel in Graubünden ganze Talschaften ohne pfarramtliche Betreuung. Abgesehen davon war die Schweiz schon immer ein multikulturelles Land. Wenn man der Legende glaubt, kam das Christentum durch Ägypter in die Schweiz. Zum Beispiel mit Felix und Regula, die Zürich als Flüchtlinge erreichten, nachdem ihre thebaische Legion bei St. Maurice niedergemetzelt worden war.

Den Fremden nicht quälen, weil jeder selbst einmal fremd war

In der christlich-jüdischen Tradition wird überhaupt viel gewandert, Sesshaftigkeit ist da eher die Ausnahme. Paulus legte auf seinen Missionsreisen für die damaligen Möglichkeiten gewaltige Strecken zu Fuss oder mit dem Schiff zurück. Jesus war ein galiläischer Wanderprediger, den es aus dem galiläischen Tiefland in die judäischen Berge rund um Jerusalem zog. Am eindrücklichsten wird das in dem überlieferten Wort deutlich: «Die Füchse haben Höhlen, und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann» (Matthäus 8,20, Parallele bei Lukas 9,58).

Auch Abraham, der Stammvater der drei monotheistischen Religionen, war ein Nomade. Es ist Gott selbst, der ihn zum Wandern auffordert: «Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde.» Direkt auf den Anruf folgt die Verheissung: «Ich will dich zu einem grossen Volk machen und will dich segnen und deinen Namen gross machen, und du wirst ein Segen sein» (Genesis 12,1.2). Der Migrant wird zum Segen für das Gastland.

Später geschah die Wanderschaft eher unfreiwillig. Das Buch Exodus berichtet von der Flucht eines ganzen Volkes aus den unterdrückerischen Verhältnissen in Ägypten.

Von Wanderung und Fremdsein ist in der Bibel viel die Rede. Wenn dagegen etwas wie Heimat zur Sprache kommt, dann ist es ein Ort der Sehnsucht.

Vierzig Jahre lang waren sie unterwegs in der Wüste, unter übelsten Bedingungen. Eines der ältesten Glaubensbekenntnisse der Israeliten beginnt mit den Worten: «Ein verlorener Aramäer war mein Vater, und er zog hinab nach Ägypten und blieb dort als Fremder mit wenigen Leuten.

Und dort wurde er zu einer grossen, starken und zahlreichen Nation. Die Ägypter aber behandelten uns schlecht und unterdrückten uns und auferlegten uns harte Arbeit» (Deuteronomium 26,5.6). Aus der Erfahrung des eigenen Fremdseins kommt die wiederholte Ermahnung: «Einen Fremden sollst du nicht quälen. Denn ihr wisst, wie dem Fremden zumute ist, seid ihr doch selbst Fremde gewesen im Land Ägypten» (Exodus 23,9).

Gut, es ist nicht alles fremdenfreundlich, was in der Bibel steht. Im Buch Esra werden die Rückkehrer aus dem babylonischen Exil dazu aufgefordert, sich von dort geheirateten «fremdländischen Frauen» zu trennen, weil dies Gottes Zorn erregt habe (Esra 10). Dieser Chauvinismus ist in der Bibel eine Ausnahme. Vielleicht ist sogar das Buch Rut als Gegenreaktion zu lesen: Eine Ausländerin flieht mit ihrer Schwiegermutter in deren Heimat, heiratet einen Einheimischen und wird zur Stammmutter zuerst von König David und dann von Jesus.

Heimat ohne Zaun

Von Wanderung und Fremdsein ist in der Bibel viel die Rede. Wenn dagegen etwas wie Heimat zur Sprache kommt, dann ist es ein Ort der Sehnsucht, ein «gelobtes Land», das noch nicht Realität ist. Oder mit den Worten des Hebräerbriefs: «Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir» (Hebräer 13,14).

Nichts gegen Heimat. Einen Ort zu haben, an dem ein Mensch verwurzelt ist, wo er Verwandtschaft und Freunde hat, ist schön. Einen Zaun drumherum sollte man trotzdem nicht bauen. Dies immer im Wissen um die alten, oft vergessenen Geschichten: Migration, Flucht, Fremdheit gehören zur menschlichen Existenz. Jeden kann es treffen. So wanderten im 19. Jahrhundert 300 000 Schweizer in die USA aus, geflüchtet vor der Armut.

Und manchmal, gar nicht so selten, kommt es vor, dass der Fremde – wie Abraham – zum Segen für das Land wird, in das er sich begibt. Wie Paulus für Europa. Wie Felix und Regula für die Schweiz. Oder wie deutsche Pfarrer, die in Graubünden das Evangelium predigen.

Marianne Weymann ist Pfarrerin und redaktionelle Mitarbeiterin bei bref.