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Bilder: Florian Kalotay
Freitag, 06. März 2020

Manche Jungen träumen davon, Polarforscher zu werden oder auf den Mond zu fliegen. Theodor Fliedner, 82 Jahre und 6 Monate alt, hatte nie einen Bubentraum.

Stattdessen wurde er Theologe und Pfarrer wie sein Vater und die Väter davor. Seit seiner Pensionierung 2003 lebt er in Zillis im Bündnerland, am Ende der Viamalaschlucht. Er bewohnt ein altes Bauernhaus, 1701 erbaut.

Hier sitzt er nun in seiner Stube mit der tiefen Decke und blickt gedankenverloren aus dem Fenster Richtung Berg. Ein alter Mann am Tisch, der auf sein Leben zurückschaut. Mit Wehmut, aber ohne Reue. Auch wenn Fliedner von sich sagt, er habe nie einen Bubentraum gehabt, so erzählt er im Folgenden die Geschichte eines Lebens, das eben doch so etwas wie einer Kindheitsphantasie folgte. Vermutlich trieb ihn dabei mehr Nostalgie als Abenteuerlust an, eindeutig mehr Bindung an die Tradition als Freiheitsdrang. Seine Geschichte handelt von einem Pfarrerleben – einem Leben, wie es das heute eigentlich gar nicht mehr gibt.

Theodor Fliedner kam 1937 im Umland von Hamburg zur Welt. Die Leute in der Gegend waren Bauern und Blumenzüchter, die den Markt der Stadt belieferten. Sein Vater war Landpfarrer, Theologe in sechster Generation, er, Theodor, das älteste der fünf Kinder. Familie Fliedner lebte im Pfarrhaus, gegenüber dem Friedhof und der Kirche aus Backstein. Die Häuser waren auf Marschland gebaut. Um die Kirche vor dem Einsinken zu bewahren, stellte man den Turm separat daneben auf. Hinter dem Pfarrhaus lag der Garten mit Laube. «Der schönste im Ort», sagt Fliedner und steht auf. Im Familienalbum, das er aus der Kommode hervorholt, ist immer wieder ein junges Paar zu sehen. Auf einer Fotografie trägt die Frau einen Säugling auf dem Schoss, daneben ein Mann mit strengem Blick. Er, Theodor, fünf Wochen alt, mit seinen Eltern am Tag der Taufe. Auf einem anderen Bild, Jahre später, seine Geschwister, die ein Schaf streicheln, Julchen hiess es. Oder eine Nahaufnahme, die den Rauhreif auf den Zweigen eines Obstbaums zeigt. «Meine Mutter fotografierte uns Kinder, das Haus und den Garten, einfach alles.» Die vergilbten Bilder entstanden in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre. Sie zeigen eine idyllische Welt, die die Mutter auf Fotopapier bannte, als wollte sie selber nicht recht daran glauben. Denn der Krieg hatte zuvor einen tiefen Krater in die Pfarrdynastie gerissen.

Theodor Fliedner

Benannt haben die Eltern Theodor Fliedner nach dem bekannten Ururgrossvater väterlicherseits. Im 19. Jahrhundert hatte der Theologe Georg Heinrich Theodor Fliedner die moderne Diakonissenbewegung im Düsseldorfer Kaiserswerth begründet. Seine Arbeit in der Krankenpflege war wegweisend, der kleine Theodor stolz, dass der Name seines Vorfahren, also eigentlich sein eigener, im Lexikon stand. «Bis heute sind Schulen und Pflegeheime im ganzen Rheinland und in Westfalen nach ihm benannt.» Die Tradition muss sich für Theodor wie ein ­Gewicht angefühlt haben, beengend und wohlig zugleich. Und solider als die Gegenwart, die seine Kindheit ausmachte.

Von den Wirren der Geschichte, die das frühe Leben von Theodor Fliedner bestimmten, gibt es keine Bilder. Im September 1939, als er knapp zwei Jahre alt war, begann der Krieg. Der Vater, wie viele Pastoren Patriot und Adolf Hitler ergeben, griff zum Telefon und wollte wissen, wo die Einberufung blieb. Er diente als einfacher Soldat, zunächst in Frankreich, später an der Ostfront. An Sohn Theodor schrieb er Briefe aus dem Dienst, er kämpfe «für die Heimat und die Familie». Im fernen Russland trafen ihn 14 Granatsplitter. 1941 kehrte er als Schwerverletzter nach Deutschland zurück, bald darauf liess er sich nach England versetzen, als Pastor für Kriegsgefangene der Alliierten. Auch hier wurde er verwundet; kaum hatte er sich kuriert, war er wieder im Dienst. Nicht zu dienen konnte der Vater sich nicht vorstellen. «Von 39 bis 45 kannte ich ihn nur in Uniform.» Ein abwesender, idealisierter Vater, wie Theodor Fliedner heute sagt. Als er wieder weg war, musste die Mutter selber sehen, wie sie sich und die Kinder durch den Alltag brachte.

Barth war Theodor Fliedners subtile Antwort auf den Vater und den Krieg. Er wählte nicht die offene Rebellion, sondern das Exil in einer Theologie gegen die Zeit und ihre Wirren.

Verbrannte Aktenbündel im Garten

Seine Mutter habe ihm später einmal gesagt, er sei ein braves und ehrgeiziges Kind gewesen. Seine Aufgabe war, das Brennholz für die Öfen im grossen Pfarrhaus zu zerkleinern und beim Einfeuern zu helfen. «Ich war ihr Feuermann.»

Theodor war fünf Jahre und elf Monate alt, als die Luftangriffe auf Hamburg Ende Juli 1943 einsetzten. Bis heute erinnert er sich an das Heulen der Sirenen. Immer wenn sie ertönten, versteckte die Familie sich im Keller. 40 000 Menschen kamen in den Feuerstürmen um. Eines Morgens flatterten halb verbrannte Aktenbündel in den Garten, die das grosse Feuer bis hierher aufs Land geblasen hatte. Regelmässig war der nächtliche Himmel erfüllt von den Scheinwerfern der deutschen Flugabwehr, die die Bomber der Engländer ins Fadenkreuz nahmen. Für Fliedner war der Krieg Normalität. An einen Augenblick erinnert er sich, als wäre es gestern: Die Mutter stand am Spültrog, er daneben mit Abtrockentuch, als sie einen Brief öffnete, las und niedersank. Der Onkel väterlicherseits war gefallen. Es war der einzige Moment, in dem er seine Mutter weinen sah. Pfarrfrau Fliedner war stark, sie hielt den Alltag zusammen, machte Fotos der Kinder und der Obstbäume. Doch die Angst, dass jemand aus der Familie an der Front sterben könnte, war bei Theodor immer da.

Der Vater überlebte. Als der Krieg zu Ende war, nahm er das Pfarrleben wieder auf. Was er an Familienalltag verpasst hatte, versuchte er mit Strenge nachzuholen: Die Kinder mussten zum Tischgebet aufstehen, während die Mutter sie das Beten im Sitzen gelehrt hatte. Seine Position an der Spitze des Pfarrhaushalts vermochte er so wiederzuerlangen, doch die Jahre seiner Abwesenheit konnte er nicht wettmachen. Das Pfarridyll aus dem Foto­album der Mutter hat im Grunde nie existiert. Schon immer war es mehr Wunsch als reale Erinnerung.

Die Kinder wuchsen heran, bald kamen die 1950er Jahre, die Wirtschaft erholte sich, die Leute schafften sich Fernsehgeräte an, Deutschland wurde Fussballweltmeister in Bern. «Mein Vater wollte die Vergangenheit vergessen machen – und er stellte sie nicht in Frage.» Theodors jüngerer Bruder Hans- ­Joachim tat es irgendwann. Er wollte wissen, was der Vater im Krieg erlebt und warum er nie Widerstand geleistet hatte. Die Familienzusammenkünfte arteten immer öfter in kleine Schlachten um die Frage der Verantwortung und der Schuld zwischen Hans-Joachim und dem Vater aus. Eine jüngere Generation erwachte aus der Schockstarre und wagte den Blick zurück. Bis zu den sechziger Jahren war es nicht mehr weit. Sohn Hans-Joachim wurde Historiker und erforschte später das Schicksal jüdischer Deportierter.

Exil, nicht Rebellion

Sohn Theodor sagte am Familientisch nichts. Er hielt sich aus dem Streit zwischen Vater und Bruder heraus. Keinesfalls, weil er mehr Verständnis für den Vater hatte, keinesfalls, weil er den Krieg weniger verachtete, doch sagt er, er sei der Ruhige, Friedliebende gewesen – und der Erstgeborene, auf dem die gesamten Erwartungen der Familie lasteten, er möge die Pfarrdynastie weiterführen. So begann er mit neunzehn ein Theologiestudium.

Vier Semester studierte Theodor Fliedner in Heidelberg, drei in Bonn. Sieben Semester lang folgte er den Erwartungen. Dann, im Herbst 1959, bestieg er den Zug in Richtung Basel. Sein Ziel: ein Studium bei Karl Barth.

Barth stand für eine Theologie, die über allen Querelen der Geschichte stand. Für einen Gott, der sich nicht zum Kriegsherrn machen liess. Für eine Kirche, die kein Führer instrumentalisieren konnte. Barths Absage an den Krieg und die Parteinahme gefielen Fliedner. Während die deutsche Nachkriegstheologie einen Eiertanz um die Frage von Gott in der Geschichte machte und am Familientisch bitter gestritten wurde, hatte Barth in ­Basel die überlegene Stimme Gottes gerettet.

Barth war Theodor Fliedners subtile Antwort auf den Vater und den Krieg. Er suchte dafür nicht die offene Rebellion, sondern das Exil in einer Theologie gegen die Zeit und ihre Wirren. Er wählte die Familientradition, machte sie sich zu eigen, um der eigenen Geschichte zu entkommen, sie dem Vater entgegenzusetzen, als Vergangenheit, die er so nie erlebt hatte.

Nach drei Semestern in Basel kehrte Fliedner ein letztes Mal nach Hamburg zurück und legte das erste von zwei theologischen Examen ab. Im Sommer 62 reiste er erneut nach Basel, diesmal ohne klaren Plan – ausser, dass er bleiben wollte. Die Erinnerungen an die Verheerungen des Krieges und die freudlosen Diskussionen der Nachkriegsjahre liess er hinter sich, ebenso wie auch den langsamen Aufbruch Deutschlands in eine liberalere Zeit. Auf eigene Faust, ohne Garantie, dass die Schweizer Kirchen die Lehrzeit anerkennen würden, machte er eine Art Vikariat bei einem Pfarrer im bernischen Oberbipp. Dort tickte die Zeit langsamer.

Fliedner lernte viel in diesen Monaten. Der Pfarrer nahm ihn überallhin mit: zu den Konfirmanden, an Krankenbetten, zu Bestattungen. Bald durfte er die Knaben der ansässigen Erziehungsanstalt alleine in Bibelkunde unterrichten oder eine Predigt halten. Fliedner mochte dieses Leben: die Leute, die den Herrn Pfarrer auf der Strasse mit Namen grüssen, den Dienst an allen Tagen die Woche, das Pfarrhaus mit den offenen Türen.

Nur eines brachte Fliedner nicht mit dem zusammen, was er aus seiner eigenen Kindheit kannte, nur eines deutete schon an, dass auch die Schweiz in den sechziger Jahren nicht gänzlich stillstand: die Frau des Pfarrers. Sie war so anders als seine eigene Mutter. Diese Frau, eine Baslerin aus einer bekannten Familie, war selten im Pfarrhaus anzutreffen. Sie nahm Anrufe entgegen, schrieb dem Mann Vermerke ins Notizbuch, wenn jemand wegen einer Taufe anrief, doch oft war sie in eigener Sache unterwegs. Als Fliedner zu seinem Mentor sagte, seine Mutter, die Pfarrfrau Fliedner, sei nie so viel in der Weltgeschichte herumgewirbelt wie die Frau Pfarrer hier, sondern habe dem Vater beigestanden, da gab es einen echten Streit zwischen dem jungen Fliedner und dem Pfarrer. Letzterer warf seinem Schützling vor, frech zu sein.

Theodor Fliedner

Heute kann Fliedner den Vorwurf verstehen. Heute sieht er es selber anders. Er steht vom Holztisch auf, holt aus dem Vorraum eine Platte mit Trockenfleisch, eine Flasche Blauburgunder, zwei Gläser, öffnet die Flasche, schenkt ein und setzt sich wieder. Bald dreissig Jahre lebt er nun in der Gegend, umgeben von Fels und Tannen, am Ende der Viamalaschlucht, die die Strudel des Hinterrheins im Laufe der Jahrtausende ins Bergmassiv genagt haben. Man muss die Enge lieben, um hier zu leben. Fliedner trinkt einen Schluck Wein und nimmt die ­Erzählung wieder auf.

«Damals verwirrte mich die Pfarrfrau, die keine richtige war», sagt Theodor Fliedner, damals hatte er klare Vorstellungen eines Pfarrlebens und wie er selbst es führen würde. Er wünschte sich eine Frau zur Seite, als Hilfe – ganz so, wie es in der Bibel bei Adam und Eva hiess. Er würde predigen, sie die Kranken besuchen, den Kinderchor leiten, den Garten bestellen. Den schönsten im Ort. Er nannte dieses Pfarrleben zu zweit später einmal für sich eine «pastorale Einheit».

Für eine kurze Zeit würde er sie finden. Doch zunächst blieb er allein. Nach seinem inoffiziellen Vikariat riet ihm sein damaliger Professor Heinrich Ott, der Nachfolger von Karl Barth, sich bei der Bündner Kirche als Vikar zu bewerben. Und er gab ihm einen weiteren Tip: Er solle sich nicht abwimmeln lassen.

400 Gönner für das Lawinendorf

Zweimal blieb die Bewerbung des jungen Deutschen unbeantwortet. Beim dritten Mal bot ihm der Dekan eine Stelle als Vikar in Davos Platz an, später holte man ihn für ein Jahr nach Chur. 1966 nahmen die Bündner Fliedner in ihre Synode auf. Da war er 29. «Wenn man einmal dazugehört bei den Berglern, dann gehört man dazu», sagt Theoder Fliedner heute.

Im selben Jahr wurde er Gemeindepfarrer in St. Antönien, einem von Lawinen heimgesuchten Dorf in einem Seitental des Prättigau. Die meisten der Einwohner waren Bauern mit vielen Kindern. Das Dorf war Feriengäste aus dem «Unterland» und Besucher aus dem Ausland gewohnt, man begegnete dem Neuen mit Neugier und Wohlwollen. Die alten Frauen im Dorf sprachen ihn in dritter Person an, erkundigten sich, wie es dem Herrn Pfarrer gehe. Sein Vorgänger hinterliess Fliedner mit dem Pfarramt auch einen Stamm von 400 Gönnern aus Basel, die regelmässig Kleider, alte Küchengeräte, Waschmaschinen und Schuhe ins arme Bergdorf schickten. So fand sich meistens ein gutes Paar Winterschuhe für jedes Kind.

Zwei Jahre war Fliedner alleine Pfarrer in St. Antönien. Dann kam er seiner Vorstellung einer «pastoralen Einheit» näher. Noch in seiner Studienzeit in Basel hatte er seine künftige Frau kennengelernt, eine Studentin der Psychologie, wie er aus Deutschland. Theodor besuchte sie immer öfter in der Mansarde des jüdischen Ehepaars, in der die junge Frau eingemietet war. Dann folgte sie ihm nach Graubünden. 1968, als Studenten weltweit gegen den Vietnamkrieg auf die Strasse gingen und die Hippie-Bewegung die freie Liebe feierte, heirateten die beiden in der kleinen Kirche St. Antönien mit der Kanzel und den Kirchbänken aus Tannenholz. Familie Fliedner war aus dem Norden Deutschlands angereist. Der Vater hielt die Sonntagspredigt, ein befreundeter Pfarrer aus Deutschland bestellte die Trauung.

Das ganze Dorf war dabei. Man gratulierte Herrn und Frau Pfarrer, und es begannen die wohl schönsten Pfarrjahre von Theodor Fliedner. Seine Frau besuchte die Kranken und studierte mit den Schülern aus dem Ort Weihnachtslieder ein. Bald kamen die eigenen Kinder. Die Geburt der Tochter war abenteuerlich. Als die Wehen begannen, setzte Theodor Fliedner seine Frau ins Auto und fuhr Richtung Davos. Die Strasse, die sich über den Wolfgangpass wand, war vereist, es rutschte und rüttelte, die Frau wimmerte. Am Ende schafften sie es doch in den Gebärsaal. Auch der Sohn kam zwei Jahre später gesund im Davoser Spital zur Welt. Vier Jahre blieb das Pfarrpaar Fliedner mit den beiden Kindern in St. Antönien.

Alle im Dorf kennen ihn, den alten deutschen Herrn Pfarrer mit der Bubenfrisur und dem langsamen, aufrechten Gang. An Wegziehen dachte er, auch nach der Pensionierung, nie.

Die «pastorale Einheit» zieht weiter

Dann wollte Theodor Fliedner weiter. Seine Frau ebenso. Immer öfter nannte sie das Prättigau «die Pampa». Sie hatte Heimweh nach dem Flachland, und Fliedner nahm eine Pfarrstelle in Birsfelden bei Basel an. Die Kinder waren drei und eins, die Tochter wechselte schnell vom Prättigauer «wie gaits» ins Baseldeutsche «wie goots», als sie merkte, dass niemand sie am neuen Ort verstand. Die Frau trat in Vereine ein, besuchte Kranke, war beliebt. Die «pastorale Einheit» war weitergezogen.

Birsfelden bedeutete ein Ende der Bündner Abgeschiedenheit. In dem schnell wachsenden Agglomerationsort veränderte sich alles ständig. Leute zogen in die Wohnblocks und Hochhäuser, manche wieder weg, die meisten blieben, und noch mehr Leute kamen. Bald hatte seine Gemeinde zwar mehrere Tausend Mitglieder, in den Gottesdienst kam aber nur ein Bruchteil. Die Soziologen dieser Zeit prognostizierten: Die Welt individualisiert sich, die Institution Kirche ist angezählt. Fliedners Pfarralltag hatte sich weit entfernt vom Pfarrleben aus dem Fotoalbum. Er teilte das Amt mit anderen Pfarrern. Seine Kollegen versuchten sich in neuen Formen der Diakonie und Seelsorge. Er war der, der am liebsten predigte und die Konfirmanden unterrichtete. Man ärgerte sich über den anderen, arbeitete zusammen, lernte Neues. Zwanzig Jahre blieb er, von 1972 bis 1992. Seine längste Zeit in einer Gemeinde.

Aber nicht die glücklichste. Anfang der 1980er Jahre, als der Gleichstellungsartikel Mann und Frau auch in der Schweiz offiziell für gleichberechtigt erklärte, kam der Tag, an dem Fliedners Frau nicht mehr einverstanden war damit, nur seine Gehilfin zu sein, die Eva an Adams Seite. Als die Kinder in die Primarschule kamen, stellte sie eine Haushaltshilfe ein, kaufte sich ein Auto und begann, in Basel als Heilpädagogin zu arbeiten. «Anerkennung gibt es nur für eine Arbeit, mit der man Geld verdient», hielt sie ihrem Mann entgegen. An dem einen ihrer Arbeitstage kochte sie vor, an anderen ass Fliedner mit den Kindern im Migros-Restaurant zu Mittag.

Der Entscheid seiner Frau war der Beginn der Entfremdung. Immer öfter zog er sich in das Büro neben der Pfarrwohnung zurück, die Frau stockte ihr Pensum auf. Irgendwann kam der Tag, an dem sie auszog. Die grosse Pfarrwohnung war leer, der Sohn, inzwischen Student in Basel, sass verloren am Aluminiumtisch, den er vom Balkon in die Stube geholt hatte: «Den Salontisch und viele ­andere Möbel hatte meine Frau mitgenommen.»

Bald hielt auch Fliedner nichts mehr in Birsfelden. 1992 fand er eine Stelle im bündnerischen Andeer, ab 1998 übernahm er das Gemeindepfarramt von Rheinwald. Splügen, Hinterrhein und Nufenen gehören dazu. Gemeinden, 1600 Meter über Meer und höher. Hier, am Beinah-Ende der Welt, beinahe ihrem Lauf enthoben, traf er wieder auf das Wohlwollen der Bündner für ihn, den Herrn Pfarrer. Hier hatte er seine Dörfer, seine Predigten, seine Konfirmanden und die Leute im Gottesdienst.

Er blieb bis zu seiner Pensionierung alleine, ohne Pfarrfrau an der Seite. «Ganz fühlte ich mich nie mehr.» Er zögert einen Moment. Doch dann sagt er: «Heute kann ich zugeben: Ich kann meine Frau doch verstehen.» Die Frauen wollten doch auch etwas Eigenes, meint er, gleichberechtigt sein. Auch im Pfarrberuf, als Predigerin, «nicht als Helferin des Pfarrers». Heute seien die Frauen oft die besseren Pfarrer. «Die besten Predigten in letzter Zeit hörte ich von einer Vikarin in Andeer.»

Er sagt es mit der versöhnlichen Ruhe eines Menschen, der einzusehen lernte, dass sein Traum irgendwann von der Zeit überholt wurde. Dass das Pfarridyll weder in der eigenen Kindheit noch später dauerhaft eine Heimat fand. Das 20. Jahrhundert hat die pastorale Tradition erschüttert; der Pfarrgarten wurde zum verlorenen Paradies.

Am Holztisch in der Stube

Das Pfarrleben hat Patina angesetzt, gehört einer vergangenen Epoche an, wie die Fotos im Album der Mutter. Vielleicht hat es Fliedner gerade darum hierher verschlagen. Nach Zillis, hinter die Enge der Viamala, gegürtet von den Felsen, die als einzige dem Wandel trotzen. Alle hier kennen ihn, den alten deutschen Herrn Pfarrer mit der Bubenfrisur und dem langsamen, aufrechten Gang. An Wegziehen dachte er, auch nach der Pensionierung, nie.

Manchmal nimmt Theodor Fliedner das Postauto und geht ins Nachbardorf, um im Migros-Restaurant zu essen. Oder er fährt sonntags nach Andeer in den Gottesdienst. Doch der Gang vom alten Bauernhaus bis zur Postautohaltestelle im Dorfkern dauert. Das Atmen fällt ihm zunehmend schwer. Immer wieder muss er stehen bleiben und Luft holen. Ihn plagt ein Lungenleiden. Ab und zu nimmt ihn die Nachbarin mit dem Auto zum Volg oder zur Haltestelle.

Solange Theodor Fliedner noch alleine leben kann, will er in dem alten Bauernhaus wohnen bleiben. Und so lange sitzt er wohl öfter am Holztisch in der Stube mit der tiefen Decke und blickt aus den kleinen Fenstern hinauf zum Berg. Der siebte und letzte Sohn, der es dem Vater gleichtat und Pfarrer wurde.

Susanne Leuenberger ist Redaktorin bei bref.
Der Fotograf Florian Kalotay lebt in Zürich.