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Freitag, 19. August 2016

Zum Gesprächstermin hat Hans Hodel alles minutiös vorbereitet. Auf der Terrasse des Locarner Hotels Garni Du Lac, nur wenige Schritte von der Piazza Grande entfernt, ist ein Tisch reserviert, zwei Flaschen Mineralwasser stehen bereit. Neben sich hat Hodel die Notizen, die der Journalist bereits im Vorfeld erhalten hat: sechs detaillierte Seiten über ein Leben im Dienst des Films.

Wenn er von einer Sache überzeugt sei, bleibe er ihr in der Regel treu, sagt Hodel zu Beginn des Gesprächs. Er redet vom Hotel, in dem er seit dreissig Jahren jeweils in den ersten beiden Augustwochen einkehrt, wenn sich in Locarno Filmgrössen, Touristen und Journalisten vor der grossen Leinwand auf der Piazza versammeln. Doch der Satz trifft noch viel besser auf seine Liebe zum Film zu.

Hans Hodel stieg 1989 in die Jurykoordination von Interfilm ein, einem kirchlichen Netzwerk, das den Austausch zwischen Kirche und Film fördert und seit 1973 mit ökumenischen Jurys an den grossen Festivals in Europa vertreten ist. Seither ist Hodel zwischen Berlin, Cannes, Nyon oder eben Locarno unterwegs. Er sorgt dafür, dass sich Juroren, die zum ersten Mal an einem Ort sind, zurechtfinden, er knüpft Kontakte für sie und verschafft ihnen die nötigen Informationen. Verschiedene Leute an einem Ort zusammenzubringen sei seine Leidenschaft, sagt er. Sein Netzwerk ist riesig. Wer ihn trifft, ist danach um einige Kontakte reicher. Nicht umsonst nennen ihn Freunde «Spiderman».

Doch Hodel sorgt sich um die Zukunft von Interfilm. In einem Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand geniessen, ist er immer noch aktiv. Inzwischen ist er 78 Jahre alt. Wäre es nicht an der Zeit, etwas kürzer zu treten? Zwar gibt es Pfarrerinnen, die sich für Interfilm engagieren, doch die Frage der Nachfolge ist ungeklärt. «Interfilm hat kein Geld, um jemanden angemessen für diese Tätigkeit zu entschädigen», sagt Hodel. Die Arbeit als Jurykoordinator ist aufwendig, und sie ist ehrenamtlich. Nach seiner Pensionierung als Filmbeauftragter, bis 2003 sein Hauptamt, habe er sich gesagt: «Du kannst jetzt nicht einfach zurücklehnen, solange das Problem nicht gelöst ist.»

Die Dorfbeiz als Kinosaal

Und dann ist da natürlich die Leidenschaft für die Filmarbeit. Bei allem Glanz der internationalen Festivals und Preisverleihungen hat er sein Ziel nie aus dem Blick verloren: die Kirche für die Möglichkeiten des Films zu öffnen. Für reformierte Pfarrer hat er zu diesem Zweck einen Weiterbildungskurs auf der Piazza Grande entwickelt. «Die Beschäftigung mit dem Film öffnet die Augen auf die Welt. Es tut Theologen gut, sich einmal mit Fragen zu befassen, die über ihr Fachgebiet hinausgehen.» Es freut ihn sichtlich, wenn er von Pfarrerinnen hört, die Filmarbeit erfolgreich in ihrer Gemeinde einsetzen. «Als Didaktiker schaue ich Filme immer auch mit einem pädagogischen Auge an.» Es sei wichtig, dass die Kirche den Puls der Zeit spüre. «Übrigens ist das auch sehr anregend für die Predigt», sagt er.

Als Hans Hodel 1938 in einer kleinen Berner Gemeinde geboren wurde, deutete nichts darauf hin, dass Filme einmal seine Leidenschaft würden. Es war eine bäuerliche und streng reformierte Welt, in der er aufwuchs. Von üppigen Bildern keine Spur. In der Wohnstube hingen gerade einmal die Fotografie eines Vorfahrens und ein Bild der Tellskapelle. Die sonntäglichen Gottesdienste waren karg, die Liturgie bestand aus zwei Kirchenliedern.

«Gegen die reformatorische Bilderfeindlichkeit bin ich seit meiner Kindheit immun. Wir können Zwingli ja auch schlecht fragen, wie er es mit den bewegten Bildern halten würde.»

Irgendwann entdeckte man in der kleinen Dorfkirche übertünchte Fresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Als man den Verputz vorsichtig entfernte, schimmerten die Farbe durch und neue Fresken kamen zum Vorschein, erinnert sich Hodel. «Als Junge fand ich das faszinierend.»

Wenn Hodel an diese Zeit zurückdenkt, denkt er auch an seine Mutter. Er glaubt, dass er von ihr den Sinn fürs Schöne hat.

Und er liebt Blumen, weil sie ihn an die Sträusse erinnern, die seine Mutter jeden Sonntag für die Kirche band. «Sie verhalf mir auch zu meinem kleinen Bildersturm in der Wohnstube und erlaubte mir, die Tellskapelle durch Drucke von van Gogh und Turner zu ersetzen.»

Seinen ersten Film sah Hodel nicht in einem Kino, sondern im Saal der Dorfbeiz Linde. «Natürlich gab es bei uns auf dem Land kein Kino. Aber es gab den Fip-Fop-Club.» Das war eine Marketingidee von Nestlé. Deren Vertreter tauchten von Zeit zu Zeit mit mobilen Filmprojektoren auf und zeigten neben ihren Werbestreifen auch Filme von Disney, Laurel und Hardy sowie Chaplin. Regelmässig ins Kino konnte Hodel erst Jahre später, als er in Bern Theologie studierte.

Nach seinem Studium unterrichtete Hodel am evangelischen Lehrerseminar Muristalden in Bern Religion, Ethik und Medienkunde. Die Reformierten hatten damals die Zeichen der Zeit erkannt und schufen 1967 – mit gebührendem Rückstand auf die bildaffinen Katholiken – die Stelle eines Filmbeauftragten. Diese sollte ein Bindeglied zwischen Kirche und modernen Massenmedien sein. «Zum Teil witterte man auch eine schlechte Beeinflussung der städtischen Jugend durch die Massenmedien und wollte dem vorkehren», sagt Hodel. Nach zwanzig Jahren an der Schule hängte er seine Lehrtätigkeit an den Nagel und wurde selbst Filmbeauftragter. Er baute den Filmverleih aus, schuf Weiterbildungsangebote für Pfarrerinnen und Pfarrer und vernetzte als Koordinator die Schweizer Reformierten mit der internationalen Filmszene.

Skepsis gegenüber Jesusfilmen

Wer das Leben Hans Hodels auch nur flüchtig überblickt, merkt rasch: Hier hat einer für den Film Knochenarbeit geleistet. Dabei hat sich Hodel die Bilderwelten des modernen Films auf reformierte Weise angeeignet: mit Leidenschaft, aber zugleich distanziert. Die tiefe Skepsis mancher Reformierter gegenüber dem Bild teilt er trotzdem nicht. «Gegen die reformatorische Bilderfeindlichkeit bin ich seit meiner Kindheit immun. Wir können Zwingli ja auch schlecht fragen, wie er es mit den bewegten Bildern halten würde.»

Filmarbeit, das ist für ihn immer auch Aufklärung. Die Beschäftigung mit Filmen sei eine Wahrnehmungsschule, sagt er. «Wenn ich weiss, wie eine Action- oder Gewaltszene gemacht ist, dann bin ich ihr nicht mehr so ausgeliefert.» Auf Brutalo-Filme, wie er sie nennt, reagiert er dennoch dünnhäutig. Lieber sind ihm Schweizer Dokumentarfilme: «Die gehen nahe an die Menschen mit ihren realen Problemen ran.» Auf die Frage, ob er einen Film denn auch einfach geniessen könne, ohne ihn zu analysieren, sagt er: «Natürlich, immer wieder rühren mich Filme zu Tränen. So abgebrüht bin ich noch nicht.»

Gewisse Vorbehalte hat er gegenüber Jesusfilmen. «Ich muss gestehen, die waren mir immer etwas suspekt.» Bilder von Jesus gelte es immer besonders zu hinterfragen, sagt er. Kategorisch ist er aber auch in dieser Frage nicht. Pasolinis Das 1. Evangelium – Matthäus etwa hält er für eine gelungene Ausnahme. Die wortgetreue Nacherzählung in schlichten, kargen Bildern spricht ihn an. «Sie erinnert mich an die Fresken meiner Kindheit.»

Es ist später Nachmittag in Locarno, auf der Piazza Grande ist alles für die nächste Vorführung vorbereitet. Noch stehen die gelben und schwarzen Stuhlreihen vor der grossen Leinwand leer. Am Abend wird hier der Film Le Ciel attendra gezeigt werden. Noch ein paar Tage, und Hodels Juroren werden die Gewinnerin des ökumenischen Preises verkünden.

Hodel ist wichtig, dass die Jury als professionelles Gremium wahrgenommen wird. Die prämierten Werke müssen filmästhetisch aussergewöhnlich sein, «outstanding», wie Hodel das nennt. «Nur gut gemeint reicht uns nicht.» Manchmal bedauert er, dass die Arbeit der Jury in der Öffentlichkeit nicht gebührend wahrgenommen wird. Umso dankbarer nimmt er die Anerkennung durch Filmschaffende zur Kenntnis. Dann zitiert er etwa den finnischen Kultregisseur Aki Kaurismäki, der einmal geschrieben habe, ökumenische Preise seien die einzigen, die wirklich zählten.

In den dreissig Jahren, in denen Hodel in Locarno war, sass er kein einziges Mal selbst in der Jury. «Dafür blieb neben den ganzen organisatorischen Aufgaben keine Zeit.» Auch jetzt drängt die Zeit wieder, der nächste Termin wartet. Noch weiss Hodel nicht, dass der ökumenische Preis in ein paar Tagen an den bulgarischen Film Godless geht. Es ist der Film, der gleichzeitig auch den wichtigsten Preis des Festivals, den Goldenen Leoparden, gewinnen wird. Für Hodel wird es eine schöne Bestätigung seiner Arbeit sein.

Heimito Nollé ist Redaktor bei bref.
Der Fotograf Claudio Bader lebt in Lugano.

Mit der Verbreitung von Film und Radio in der Schweiz begannen sich auch die Reformierten mit den neuen Massenmedien auseinanderzusetzen. 1948 entstand der Schweizerische Protestantische Film- und Radioverband mit dem klaren pädagogischen Auftrag, zu einem «verantwortungsbewussten Sehen und Hören» zu erziehen. 1967 wurde die Stelle eines reformierten Filmbeauftragten geschaffen, und 1968 gründeten die deutschschweizerischen reformierten Kirchen die «Vereinigung evangelisch-reformierter Kirchen der deutschsprachigen Schweiz für kirchliche Film-, Radio- und Fernseharbeit» in Bern. Von 1987 bis 2003 war Hans Hodel dort Filmbeauftragter und in dieser Funktion auch für den Film- und Videoverleih Zoom der Vereinigung zuständig. Gleichzeitig war Hodel seit 1989 als Jurykoordinator für die kirchliche Organisation Interfilm tätig, die in Locarno den ökumenischen Preis vergibt. Zudem bildete er in Locarno Pfarrpersonen in Filmarbeit aus. Hodel initiierte mehrere neue ökumenische Jurys vor allem in Osteuropa und war selbst in zahlreichen Festivaljurys vertreten. no