Vielleicht ist das der Tiefpunkt. Ich sitze in der Klinik vor einem Bildschirm, bereit für einen Videocall. «Tempo 30», sage ich, als mich meine damalige Chefin fragt, was ich brauche, um wieder an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Die Antwort der Personalverantwortlichen kommt sofort. Für mich klingt sie, als fahre die Firma gerade auf der Überholspur.
Ich stehe vor dem Nichts. 60-jährig und gebeutelt von der Angst, arbeitslos, sozialhilfeabhängig und chronisch psychisch krank zu werden. Ist das jetzt der schlimmste Moment? Oder nur ein weiterer in einer Reihe von schlimmen Momenten? Alle fühlten sich an, als gäbe es nichts, das mich aus dem Dunkel holen könnte.
Ich habe Angst, ich bin Angst. Zusammen mit der Panik und der Aussichtslosigkeit hält sie mich gefangen wie einen chronischen Schmerz. Es ist kaum auszuhalten. Würde der Teufel anklopfen und mir ein Ende offerieren – ich weiss nicht, ob ich seinem Angebot widerstehen könnte.
«Heute geht es mir gut», schreibe ich und merke, wie ich zusammenzucke. So wie vorher wird es vielleicht nie mehr sein. Die Sorge, die Unsicherheit, dass «es» wieder anfängt, dass «es» mich wieder in Beschlag nimmt, sind zu meinen ständigen Begleiterinnen geworden.
Es gibt sie immer noch, diese Morgen, an denen meine Gedanken nur eine Richtung kennen: abwärts. Wieso? Was liegt dem zugrunde? Weshalb erst mit über 50? Liegt es an mir? Welche Rolle spielt unsere Leistungsgesellschaft? Warum kommen die einen gut mit Herausforderungen zurecht, andere aber machen sie krank?
Vom Studium zur Musik zum Journalismus
Ich war ein Suchender und bin es wohl immer noch. Das Geschichtsstudium, das ich nach der Matura begonnen hatte, war mir zu trocken, ich beendete es nach zwei Semestern. Je länger ich in den Bibliotheken alte Quellen studierte, desto klarer wurde mir, dass ich etwas Lebendigeres machen wollte.
Mein damaliger WG-Kollege absolvierte das Lehrerseminar. Wenn er abends von der Schule erzählte, merkte ich, dass mir die Arbeit mit Kindern ebenfalls gefallen könnte. Also wählte auch ich diesen Weg und unterrichtete danach einige Jahre lang auf der Primarstufe. Das bereitete mir Freude, und doch spürte ich immer wieder den Drang, mich weiterzuentwickeln.
Schliesslich machte ich einen grossen Traum wahr: Ich studierte Musik und wurde Jazzpianist. Dass das Leben als Musiker brotlos ist, wusste ich. Es war mir egal. Ich wollte der Begeisterung folgen, die ich als Teenager beim Improvisieren erlebt hatte, beim Erfinden meiner eigenen Klänge. Ich freute mich auf die Auftritte auf Kleinbühnen. Doch das Akquirieren und das Organisieren wurden immer aufwendiger, die Möglichkeiten, vor Publikum zu spielen, stets weniger – zu viele buhlten um die paar Auftritte. So lebte ich vom Klavierunterricht.
Zufrieden machte mich das nicht. Meine Frau spürte meine Unruhe. Eines Abends sagte sie: «Vielleicht wäre Journalismus etwas für dich.» Ich lachte und winkte ab. Obwohl ich schon seit Jugendjahren gern und viel schrieb, war mir diese Idee fremd.
Das änderte sich, als ich die Gelegenheit bekam, für eine Zeitung einen Artikel zu verfassen. Die Redaktion, angetan von meinen ersten Gehversuchen, stellte mich erst als Praktikant und später als Redaktor an. Ich war glücklich. Die Arbeit auf der Redaktion bot alles, was mir gefiel: Ich konnte meiner Neugierde nachgehen, kreativ sein, kritisch denken und – was mir besonders gefiel und gut lag – Menschen und Themen erfassen.
Die Jahre als Journalist und Redaktor, das Leben mit meiner Partnerin und unseren beiden Kindern erfüllten mich. Beruflich war ich stets gefordert, der Alltag war zeitweise stressig, aber meist spannend und aufregend. Zu Hause nahm ich mir Zeit für die Kinder, spielte mit ihnen, erzählte Geschichten, machte Ausflüge und erlebte, wie sie sich entwickelten.
Trotz strengen, schlafraubenden Zeiten erfuhren meine Frau und ich glückliche Jahre in unserer kleinen Gemeinschaft. Die Musik, der kreative Beruf, gelungene Beziehungen zu Menschen und meine Lust, dem Leben immer wieder neue Seiten abzugewinnen, waren das, wonach ich lange gesucht hatte.
Kurz vor meinem 51. Geburtstag kündigte ich die Stelle bei der Zeitung. Vielleicht, weil sich eine gewisse Ermüdung breitgemacht hatte? Ich weiss es nicht. Wieder hatte mich etwas dazu getrieben, mich «neu zu erfinden». Doch diesmal kommt es anders.
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