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Autorin: Lukesch Barbara
Illustrator: Jannis Pätzold
Freitag, 10. Februar 2017

Herr Urbaniok, Sie sind mit vielen Fällen konfrontiert, in denen es um sexuelle Ausbeutung geht. Was ist speziell, wenn die Täter aus der Kirche stammen und ihre Taten in diesem Umfeld verüben?

Speziell ist auf jeden Fall der Umgang der Institutionen mit diesen Straftaten. Vor allem die katholische Kirche wandte jahrzehntelang die Strategie des Vertuschens, Verdeckens und Versetzens an, was dazu führte, dass die Täter höchstens ihre Wirkungsstätte wechseln mussten, strafrechtlich aber unbehelligt blieben und nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Mit dem Archetypus des Sünders, dem vergeben wird, sobald er sich reuig zeigt, bietet das Christentum zudem einen Ausweg zurück zur «Normalität», ohne dass grosses Aufsehen erregt und die Institution beschädigt wird. Für die Opfer aber ist es fatal und bedrückend, wenn die Täter geschützt und ihre Taten bagatellisiert werden.

Welche Faktoren im kirchlichen Umfeld begünstigen denn Missbrauch und sexuelle Grenzüberschreitungen?

Die Kirchen, und auch da vor allem die katholische Kirche, bieten tatsächlich ideale Bedingungen, erfüllen sie doch die drei wichtigsten Voraussetzungen, die Machtmissbrauch beziehungsweise sexuelle Ausbeutung in hohem Masse begünstigen. Erstens: Sie verfügen über extrem hierarchische Strukturen. Die Asymmetrie zwischen Oben und Unten ist sogar maximal ausgeprägt, befinden wir uns doch in einer Institution, die sich auf den Allmächtigen beruft und deren Repräsentanten die frohe Botschaft verkünden. Zweitens: Die Täter agierten bislang in einem nahezu rechtsfreien Raum, in dem die Gefahr, entdeckt und der Strafverfolgung übergeben zu werden, in der Vergangenheit sehr klein war. Und drittens: Innerhalb der Kirchen existiert ein guter Boden für Legitimationsstrategien, mit denen man sich die eigenen Taten schönreden kann. So im Sinn von: Das ist ein böses Kind, das seine Strafe verdient, oder andersherum: Dem armen Kind fehlt es in seiner Familie an Zuneigung, und die gebe ich ihm.

Wie kann es ausgerechnet ein Priester oder Pfarrer wagen, Schutzbedürftige sexuell zu missbrauchen? Er muss doch wissen, dass er enorme Schuld auf sich lädt und seinen Anspruch verwirkt, eine moralische Autorität zu sein.

Wir alle definieren doch Widersprüche in unserem Leben innerlich gern weg, die von aussen klar erkennbar sind. Unser Erleben verfügt über eine grosse Plastizität, die es uns erlaubt, Dinge, die problematisch oder sogar verboten sind, so umzudeuten, dass sie mindestens legitim erscheinen, auch wenn sie nicht legal sind. Wir sagen uns: Wenn es sich so gut anfühlt, muss es doch richtig sein.

Geben Sie uns ein Beispiel für diesen Mechanismus.

Nehmen Sie das Verhältnis des Menschen zum Tier. Da stösst man auf zahllose Widersprüche. Wie kann jemand Tiere lieben und gleichzeitig Jäger sein und Fleisch essen? Von aussen betrachtet, sagt man: Das passt nicht zusammen. Doch der Einzelne löst diesen Widerspruch auf, indem er beispielsweise ein Haustier unter der Kategorie Freund abbucht, zu dem er eine persönliche Beziehung hat, und das Schnitzel, das auf seinem Teller liegt, unter Nahrungsmittel, mit dem ihn nichts verbindet.

Insbesondere in der katholischen Kirche werden oft extrem hohe Standards in Sachen Sexualmoral postuliert — keine Untreue, keine Scheidung, keine Homosexualität. Da staunt man schon, wenn gerade solche Männer Schutzbefohlene sexuell ausbeuten. Kann man diesen Spagat wirklich hinkriegen?

Das geht. Sobald ein starkes Bedürfnis da ist, biegen wir uns die nötige Legitimation zurecht: Ich führe das Kind an eine gute Sexualität heran! Oder: Die Gesellschaft verteufelt die kindliche Sexualität, obwohl sie niemandem schadet. Begünstigt werden solche Mythen sicher auch durch die Tatsache, dass sich übergriffige Kirchenmänner trotz hoher Bildung und grosser Intelligenz erstaunlich naiv, unreif und unbedarft äussern, wenn es ums Thema Sexualität geht. Das weiss man von verschiedenen Therapeuten und Psychiatern, die mit solchen Männern gearbeitet haben und übereinstimmend berichten, dass sich ihre Patienten gern als grosse Kinder schildern, die die Problematik des Umgangs mit ihren minderjährigen Opfern gar nicht richtig wahrnehmen. Das ist sicher auch eine Folge des kirchlichen Umfelds, das ihre sexuelle Sozialisierung erschwert bis unmöglich macht.

Ein Missbrauch wird doch beim Täter allen Legitimationsstrategien zum Trotz Schuldgefühle auslösen.

Es gibt durchaus Männer, die ihr Tun als sehr schuldhaft erleben, richtig schlimm sogar, die sich dafür kasteien und zusätzliche Gebete sprechen – bis zum nächsten Übergriff.

Würde sich da ein Geständnis nicht geradezu aufdrängen?

Das läge nahe, aber die wenigsten wagen das. Sie führen stattdessen ein Doppelleben. Schliesslich wissen sie ganz genau, was ihnen blüht, wenn ihre Taten ruchbar werden. Es ist nicht immer die strafrechtliche Verfolgung, die sie fürchten. Aber innerhalb ihres Systems werden sie natürlich zu schwarzen Schafen, verlieren an Ansehen und werden ausgegrenzt.

Wie ist in diesem Umfeld die Situation der betroffenen Opfer?

Die Betroffenen, entweder Minderjährige oder dann Erwachsene in fragilen Lebenssituationen, in denen sie bei den Kirchen Hilfe suchen, erzählen oft, wie schlimm es für sie ist, dass ausgerechnet eine hochrespektierte Vertrauensperson sie so missbraucht hat. Allerdings stellen sich oft auch Phantasien ein wie: Der wird ja wissen, was er macht, und: Sicher habe ich etwas falsch gemacht oder mich ungebührlich aufreizend benommen. All das führt zu ambivalenten Gefühlsverstrickungen, starken Selbstzweifeln, immensen Schuld- und Ohnmachtsgefühlen, die wir gut aus Inzestfamilien kennen. Ähnlich wie dort besteht auch innerhalb der Kirchen ein rigides Schweigegebot. Wem soll sich denn ein Zwölfjähriger anvertrauen? Wie soll er das Unsagbare überhaupt in Worte fassen? Ganz abgesehen davon, dass er die berechtigte Angst spürt, dass ihm sowieso niemand glauben würde. Aus zahlreichen Schilderungen wissen wir, dass es besonders schwierig ist, einen Priester, Pfarrer oder Seelsorger anzuzeigen, weil diese Personen nicht nur für sich allein stehen, sondern immer auch die Kirchen repräsentieren, ja die ganze Religion und auch ein bisschen Gott.

Und dann sehen sie oft noch so mächtig aus in ihren Talaren, predigen von den Kanzeln und haben mit dem Gotteshaus das grösste Gebäude im Ort in ihrem Rücken.

Es ist wirklich eine sehr machtvolle, monumentale Institution, die nicht nur Kindern oder schutzbedürftigen Erwachsenen mit ihrer über zweitausend Jahre dauernden Erfolgsgeschichte Eindruck machen kann.

Welche Strategien würden Sie den Kirchen nahelegen, um die Dunkelkammer des sexuellen Missbrauchs auszuleuchten?

Lassen Sie mich mit einem Vergleich beginnen. Auch innerhalb der Psychotherapie treffen fragile Menschen in einer extrem asymmetrischen Beziehung auf ein Gegenüber, das sie in hohem Masse respektieren, ja manchmal regelrecht anhimmeln. In diesem Umfeld gilt es als Zeichen von Kompetenz, wenn sich ein Therapeut seiner Rolle und Macht bewusst ist und mit dieser spezifischen Risikosituation professionell umgehen kann. Dafür haben sich die Berufsvertreter Standesregeln gegeben und ein Prozedere definiert, wie man mit Grenzverletzungen umgeht.

Was sollen die Kirchen tun?

Entscheidend ist, dass man sich dem Thema mit kühlem Kopf nähert, frei von Ängstlichkeit und Aufregung, aber im Wissen, dass es innerhalb der eigenen Institution eben auch spezifische Faktoren gibt, die zu einem erhöhten Risiko für sexuelle Ausbeutung führen. Dieses Risiko muss man zur Kenntnis nehmen und dann aus der Institution heraus eine Antwort finden, die immer etwas mit Transparenz, einem offenen Umgang mit den vorliegenden Fällen und damit immer auch mit Sexualität und sexuellen Wünschen zu tun haben wird. Das wird die Kirchen mit Sicherheit herausfordern.

Wie soll das konkret aussehen?

Es muss ein Prozedere definiert werden, wie man mit Fällen umgeht, und das muss institutionell verankert und überall kommuniziert werden. Dazu braucht es ein klares Bekenntnis der Organisation, dass man das Ziel der Prävention von sexuellem Missbrauch ernsthaft verfolgt, für Betroffene eine Stelle einrichtet, an die sie sich wenden können, und aufgeflogene Fälle nicht vertuscht, sondern zur Anzeige bringt im Bewusstsein, dass es sich dabei um Straftaten handelt. Das wäre ein starkes Signal mit einem eindeutigen Bekenntnis.

Was erwarten Sie von der Führung der Kirchen?

Sie muss das Thema zur Chefsache machen und eine Art Government Strategy festlegen, die in der Institution allen bekannt ist und zum Standard erhoben wird – ohne Wenn und Aber. Im Rahmen der Ausbildung von Kirchenleuten müssen Themen wie Sexualität eingebracht und damit auch besprechbar gemacht werden. Ich kann mir auch vermehrte Supervisionen für Menschen vorstellen, die Betreuungsfunktionen wahrnehmen.

Sind Sie zuversichtlich, dass all das umgesetzt wird?

Positiv ist, dass das Thema sexueller Missbrauch in den Kirchen inzwischen öffentlich geworden ist. Das ist ein wichtiger Anfang. Vor den Verantwortlichen liegt aber noch ein weiter Weg, der schwierig wird, weil der sexuelle Machtmissbrauch so eng verknüpft ist mit elementaren Prinzipien ihrer Institution wie der ausgeprägten Hierarchie vor allem in der katholischen Kirche, die mit Sicherheit nicht leicht zu relativieren sein wird.

Barbara Lukesch ist freie Journalistin und unterrichtet an verschiedenen Hochschulen sowie an der Schweizer Journalistenschule MAZ.
Der Illustrator Jannis Pätzold lebt in Berlin.

Frank Urbaniok ist forensischer Psychiater und Leiter des Psychiatrisch-psychologischen Dienstes des Kantons Zürich, das dem Amt für Justizvollzug angegliedert ist. Zudem ist er als Gutachter und Supervisor tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt sind Sexual- und Gewaltstraftaten.