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Autor: Frank Lorenz
Freitag, 24. Juni 2016

«Man kann nicht Gott lieben und gleichzeitig einen Teil der Menschen hassen!» Dieser Satz wurde an der Beerdigung der kürzlich verstorbenen und zum Islam konvertierten Boxlegende Muhammad Ali gesprochen. Und der Apostel Johannes schreibt in einem seiner Briefe: Wer Gott liebt, der muss auch seinen Bruder und seine Schwester lieben.

So klingt gesunde Religion. Sie demaskiert eine «Religion», auf die sich beispielsweise Gewalttäter berufen: Omar Mateen hat in einem Schwulenclub 49 Menschen getötet und 53 verletzt und berief sich dabei auf den sogenannten Islamischen Staat. Wie wir heute wissen, fühlte er sich wahrscheinlich selber – uneingestanden – von Männern angezogen. Befeuert von einer faschistoid-religiösen Ideologie plante der im Leben Gescheiterte den finalen Akt des eigenen und – möglichst vieler – anderer Leben. Man kann die Tat so auch als erweiterten Suizid lesen.

Repressive Ideologien und Fundamentalismen, gleich welcher Couleur, wirken nicht nur gegen innen gewalttätig, sie nähren sich auch durch ein äusseres Feindbild. Dies schafft Geschlossenheit gegenüber einer beängstigenden, unbegreiflich vielfältigen Welt, die in ihrer Unüberschaubarkeit das Eindeutige, Klare und damit auch das Erhabene und die Schönheit der eigenen Identität bedroht und gefährdet.

Befreiende, echte Spiritualität und Frömmigkeit hingegen leistet genau das Gegenteil: Sie befähigt zur Demut und Zärtlichkeit auch in einer für uns undurchschaubaren und chaotischen Welt und gibt Kraft und Hoffnung für dieses so beschädigte, unvollkommene und endgültige Leben.

Umso unverständlicher ist es, dass unsere – eigentlich dieser gesunden Tradition verpflichteten – Kirchen sich nicht haben vernehmen lassen, angesichts dieses Massenmordes. Nach den Anschlägen auf die Charlie Hebdo-Redaktion entbot der Schweizerische Evangelische Kirchenbund gemeinsam mit dem Schweizerischen Rat der Religionen den Angehörigen sowie Kolleginnen und Kollegen der getöteten Karikaturisten, Redakteure und Polizisten sein tiefstes Beileid. Zu Orlando jedoch kommt aus Bern Schweigen.

Ein Schweigen, das nachdenklich macht. Im Netz fand ich dann doch noch eine offizielle kirchliche Stellungnahme, wenn auch nicht aus der Schweiz: «Die unaussprechliche Gewalt von Orlando zeigt uns, wie wertvoll und wie empfindlich das menschliche Leben ist», sagte der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Joseph Kurtz. Ja, die Verletzlichkeit des Lebens wird sicher offensichtlich. Aber auch das halbherzige Schweigen Kirchenamtsoffizieller, wenn es um das Leben homosexueller Menschen geht.

Ich fürchte, dem Attentäter Omar Mateen werden noch viele folgen, Täter und Opfer. Desorientierte junge Männer mit patriarchalem Weltbild, die scheitern in einer komplexen Welt und deren Wut und narzisstische Kränkung sich ins Unermessliche steigern – sie werden uns auch weiterhin entsetzt und fassungslos zurücklassen.

Ach Omar, hättest du doch erfahren, dass auch du mit einer liebenden Ewigkeit verbunden bist. Hättest du doch nur eine beglückende sexuelle Beziehung mit einem Mann oder einer Frau erfahren dürfen. Wie viel wäre dir und uns erspart geblieben. Du hättest mein Bruder sein können. Aber man liess dich nicht. Du dachtest, du hättest keine Wahl – und gingst morden.

Pfarrer Frank Lorenz, Offene Kirche Elisabethen, Basel.