Die Erdrutsch-Katastrophe von Gondo ereignete sich am 14. Oktober 2000. Nach tagelangen, extremen Regenfällen löste sich oberhalb des Walliser Grenzdorfes am Simplon eine gewaltige Schlammlawine. Ein Teil einer Schutzmauer barst, woraufhin rund 450 bis 500 Tonnen Gestein und Schlamm ins Dorf stürzten. Zehn Gebäude wurden zerstört, und dreizehn Menschen verloren ihr Leben.
«Diese Katastrophe hat die Jugend gespalten»
Sergio Minnig, Journalist
Ich liebe die Formel 1. An den Rennwochenenden muss man nicht mit mir rechnen, da bin ich beschäftigt. Meine Frau ist auch angefressen. Was für ein Glück! Ein Sechser im Lotto. Mein Vater führte eine Zeitlang eine Tankstelle in Gondo. Er hatte zwei Italiener angestellt, die Fans von Michael Schumacher waren, darum hingen überall Ferrari-Fähnchen. Ihre Begeisterung und die Liebe für den Sport haben mich angesteckt.
In Gondo habe ich gelebt, bis ich zehn Jahre alt war. Gondo, das Dorf in der Schlucht. Eine Schlucht stellt man sich eng vor, und ich muss sagen, in Gondo ist das tatsächlich so. Man sagt, wer auf der Hauptstrasse steht und beide Arme ausstreckt, der kann die Berge auf beiden Seiten berühren.
Für uns Kinder war das perfekt. Wir waren in unserer eigenen kleinen Welt und kannten jeden Winkel, jeden Stein. Wir hatten den Fluss unten im Dorf, den Spielplatz, die Berge. In die Schule gingen alle Jahrgänge zusammen. Es gab nur ein Klassenzimmer, eine Turnhalle und einen Lehrer. Irgendwann kam eine Lehrerin dazu, die Handarbeit und musische Fächer unterrichtete.
Der Spielplatz neben der Schule war unser Ein und Alles. Wir spielten Fussball, Verstecken, Räuber und Polizist. Natürlich hatten wir auch einen Gameboy, und mein Bruder besass die erste Konsole von Nintendo. Aber das Gamen war für uns kein wichtiges Thema, wir waren fast nur draussen.
Es war eher so: Wenn das Wetter an einem Samstag schlecht war, haben wir ein bisschen drinnen gespielt, aber auch nicht lange, danach spielten wir Fussball im Regen, das kümmerte uns nicht.
Man hätte uns Hinterwäldler nennen können, und das hätte wohl auch gestimmt. Nicht weil wir dumm waren, sondern weil wir in dieser heilen Welt lebten. Was interessierte mich ein Gameboy, wenn ich meine Freunde hatte?
Der Winter war das pure Abenteuer. Wenn der Simplonpass gesperrt war, kamen auf der Hauptstrasse keine Autos, wir fuhren mit Schlitten runter, machten Schneeballschlachten, bauten riesige Burgen. Es gab so viel Schnee. Das Zimmer meiner Schwester war im ersten Stock, wir sprangen von dort in den Schnee hinein. Das liebten wir.
In Gondo sagt man, es sei vier Monate Winter und acht Monate kalt. Vor der Katastrophe lebten etwa 150 Leute da, man hatte gerade im Winter nur einander, so konnte sich eine schöne Gemeinschaft entwickeln. Klar gab es auch Streitigkeiten, wie in jeder Familie, aber der Zusammenhalt war sehr stark.
Wir waren etwa 15 Kinder im Dorf damals und haben einfach alles zusammen gemacht. Das Dorf verliessen wir selten, ausser für Ferien. Ich weiss noch, einmal gingen wir nach Brig hinunter und schauten «Der König der Löwen» im Kino. Ein richtiges Abenteuer. Ins Auto steigen, nach Brig hinunterfahren.
Manchmal, wenn ich im Büro etwas von früher erzähle, sind die Reaktionen so: «Krass, so war deine Kindheit!» Dann realisiere ich wieder, wie anders als viele andere ich aufgewachsen bin. Jetzt lebe ich in Schlieren ZH in einem Wohnblock, in dem rund 250 Leute wohnen. Fast doppelt so viele wie damals in Gondo im ganzen Dorf.
Die Katastrophe hat die Jugend in Gondo gespalten. Es gab die, die es danach in die weite Welt hinauszog, und die, die danach erst recht in Gondo bleiben wollten. Normalerweise wäre das ein schleichender Prozess gewesen. Je nach Beruf, den man erlernen wollte, musste man sowieso weg – es gab hier ja nur die Tankstellen, den Zoll und das Kraftwerk. Aber nach der Katastrophe hiess es für uns, zack, jetzt müsst ihr auf einen Schlag entscheiden.

Am Tag nach dem Bergsturz sieht der damals zehnjährige Sergio Minnig ein Bild in der Zeitung, welches das Ausmass der Katastrophe zeigt. Da erst habe er realisiert, dass ihr Haus weg war. «Ich habe mich zum ersten Mal hilflos gefühlt. Ich wusste vorher nicht, was das bedeutet.» (Bild: Keystone / Police Valais)
An die Katastrophe kann ich mich sehr gut erinnern. Wir sind am Freitag, dem 13. Oktober 2000, am Abend spontan nach Brig in unsere Ferienwohnung gefahren. Am Samstagmorgen rannten mein Bruder und ich sehr früh ins Schlafzimmer meiner Eltern, um meiner Mutter zu gratulieren, die Geburtstag hatte.
Mein Vater war etwas nervös wegen des vielen Regens. Nicht wegen Gondo, sondern wegen des Wallis allgemein. Meine Mutter sagte, dass wir zum Mittagessen zu McDonald’s gehen würden, natürlich uns Kindern zuliebe. Für uns ein Riesenereignis.
Wir waren also da und haben herrlich gegessen. Bevor wir gingen, hörte mein Vater auf dem WC, wo Radio gespielt wurde, dass es eine Schlammlawine gegeben habe. Wo genau, war noch unklar, es hiess zwar schon, in Gondo, aber wir haben nicht viel darauf gegeben, weil früher alles von Simplon Dorf bis Domodossola als Gondo bezeichnet wurde. Wir dachten eher ans Gabi, den Ort vor Gondo, eine Schlammlawine war dort wahrscheinlicher.
Nach dem Essen sind wir zurückgegangen und haben das Radio angestellt. Es wurde immer klarer, dass es wirklich bei uns passiert ist. Roland Squaratti, der damalige Gemeindepräsident, gab ein Interview im Radio, es war die einzige Leitung nach draussen, die noch funktionierte.
Offenbar war er nicht einmal bei der Polizei durchgekommen, weil es im ganzen Wallis Überschwemmungen gegeben hatte. So bekamen wir seinen Hilferuf live im Radio mit. Ich kann es noch immer hören. Er sagte: «Holt uns hier raus, holt uns hier raus!» Das halbe Dorf sei weg, Menschen seien verschüttet worden. Wir Kinder konnten das nicht richtig einordnen. Ich war ja erst zehn.
Meine Mutter begann zu weinen. Und mein Vater, eigentlich die ruhigste Person der Welt, sehr strukturiert, war aufgeregt und hektisch, er sagte, er müsse sofort nach Gondo und könne nicht einfach hier herumsitzen. Er kam nicht weit. Auf dem Simplonpass musste er umkehren. Es war zu gefährlich auf der Strasse.
Am nächsten Tag, am Sonntag, liessen wir das Radio die ganze Zeit laufen, um Informationen zu bekommen, was genau passiert war. Am Montag dann war Gondo, oder was davon übrig geblieben war, auf dem Titelbild der Zeitung. Wir sahen: Unser Haus ist weg. Da habe ich mich zum ersten Mal hilflos gefühlt. Man weiss vorher nicht, was das wirklich heisst.
Ich sagte, dass wir im Dorf jeden Stein kannten. Dann sieht man plötzlich dieses Bild und weiss, nichts ist mehr wie vorher, das Haus ist weg. Unsere Spielsachen, der Nintendo meines Bruders und vor allem unsere zwei Meerschweinchen. Das war der Moment, als wir wirklich begriffen, dass etwas Schlimmes passiert war. Die Meerschweinchen, begraben von einer Schlammlawine. Und es war ja erst der Anfang.
Von da an, von dieser Titelseite an, ist die Erinnerung nur noch wie ein Film. Allerdings weiss ich noch, dass einige Leute bei uns in der Ferienwohnung übernachteten, weil sie verletzte Familienmitglieder in Brig im Spital hatten. Die Wohnung war voller Matratzen. Man sagt, dass im Wallis jeder jeden kennt. Das stimmt. Man hält zusammen. Alle kamen sofort bei jemandem unter. Die Solidarität war unglaublich.
Wir sind ziemlich bald wieder in die Schule geschickt worden. In den ersten Monaten wurden wir Kinder aus Gondo separat unterrichtet, wir waren zusammen in einem Schulzimmer in Glis.
Ich kann mich nicht erinnern, dass wir psychologisch speziell betreut wurden. Aber sicher wurden die Lehrpersonen geschult. Mit dem Lehrer, den wir damals hatten, habe ich nicht besonders harmoniert, aber in dieser Zeit hat er es super gemacht. Und unsere Handarbeitslehrerin wurde für uns alle zu einer sehr wichtigen Person.
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