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Freitag, 12. Januar 2018

Der Biancograt auf dem Piz Bernina im Kanton Graubünden gehört zu den schönsten Routen, die ein Bergsteiger in Angriff nehmen kann. Wie sich der schneebedeckte Grat in den Himmel schlängelt, wie es links und rechts steil hinuntergeht, auf der linken Seite der Morteratschgletscher, auf der rechten der Tschiervagletscher. Für Jan Bauke, Theologe, stellvertretender Kommandant der Feuerwehr der Stadt Zürich und Alpinist, hat der Biancograt die perfekte Form. Deshalb werde er auch «die Himmelsleiter» genannt. «Dort oben tänzelt man die vierhundert Höhenmeter dem Gipfel entgegen. Kein Vergleich zum mühsameren Auf- und Abstieg zuvor und danach», sagt Bauke. Doch der Feuerwehrmann mag diesen Grat nicht nur wegen seiner Schönheit. Er steht auch für sein bisheriges Leben. «Ich bin ein Grenzgänger, ein Gratwanderer. Schaue mal auf die eine und dann wieder auf die andere Seite.»

Entgegen der Familientradition

Die zwei Seiten, auf die er in seinem Leben blicken kann, könnten unterschiedlicher kaum sein. Bevor Bauke, 54 Jahre alt, zur Feuerwehr kam und dort eine steile Karriere vom Auszubildenden bis zum Kommandanten hinlegte, war er Theologe und dozierte an der Universität. Dass es in seinem Leben zu so einem Bruch kommen würde, habe er weder geahnt noch geplant. «Ich bin da irgendwie reingerutscht», sagt er.

Jan Bauke sitzt in seinem Büro der Feuerwehrwache Zürich in Wiedikon. Der Raum ist nüchtern eingerichtet – oder wie Bauke sagt: «Funktional». Auf dem Pult steht eine grüne Desinfektionsflasche für die Hände, ein Ordner liegt auf der Holztischplatte daneben. An einer weissen Tafel hat Bauke neben vielen Organigrammen Sprüche angebracht, die er gut findet. Einer stammt von Paulo Coelho und lautet: «Wenn du denkst, Abenteuer sind gefährlich, dann versuch’s mal mit Routine. Die ist tödlich.» Die Routine durchbrechen, neugierig sein und neue Dinge in Angriff nehmen, das sei der rote Faden in seinem Leben.

Aufgewachsen ist Bauke in einem distanziert religiösen Ärzte-Haushalt im süddeutschen Ulm. «Meine Mutter hat mit uns jeden Abend gebetet. Aber in die Kirche gegangen sind wir nicht, auch nicht an Pfingsten oder Ostern.» Bauke sollte Arzt werden, wie schon sein Vater, Grossvater, Urgrossvater und Ururgrossvater vor ihm. «Ich lauschte jeweils gespannt den Geschichten eines Notarztes, der mit meinem Vater befreundet war. Das hat mich fasziniert», sagt Bauke.

Dass alles anders kam, hat mit dem Skilager einer christlichen Jugendorganisation zu tun, an dem Bauke als Teenager teilnahm. Nach dem Skifahren sassen die Leiter mit den Jugendlichen zusammen und diskutierten mit ihnen sprichwörtlich über Gott und die Welt. «Die gingen theologische Themen wie etwa die Frage nach einem Leben nach dem Tod auf spielerische Weise an. Das gefiel mir», sagt Bauke. Das Ereignis weckte in ihm das Interesse an der Religion und die Lust an der intellektuellen Auseinandersetzung.

Als er ins Gymnasium kam, hinterfragte Bauke Glaubenssätze bereits auf theologische Weise. Wenn es hiess, «deine Sünden werden dir vergeben», wollte er wissen, was denn Sünden überhaupt sind und was Vergebung bedeutet. «Ich habe meine Griechischlehrerin gefragt, ob sie nicht Bücher kennt, die Antworten auf solche Fragen geben.» Daraufhin bekam er die Werke des Theologen Thomas von Aquin in die Hand gedrückt. Wieder war es seine Neugier, die ihn die «richtig grossen Schinken» nach Antworten hat durchforsten lassen.

Man muss sich selbst ohne Ablenkungen aushalten können, dann findet man dank dem Bauchgefühl die richtige Entscheidung.
Jan Bauke

Das Theologiestudium ermöglichte es Bauke, sich den ganzen Tag mit dem zu beschäftigen, was er zuvor als Hobby betrieben hatte. Er entschied sich für die Universität in Zürich, nur wenige Autostunden von den Berggipfeln entfernt, auf die er damals schon so gerne stieg.

Es dauerte mehrere Jahre, bis schliesslich die Ernüchterung kam: Im Vikariat bemerkte Bauke zum ersten Mal, in welch theoretische Sphären er abgedriftet war. «Bei meinen ersten Predigten wurde mir gesagt, dass man nur Bahnhof verstanden habe», sagt er. «Das war ein wichtiges Feedback. Ich erkannte, dass ich etwa zwei Prozent des Studiums im Pfarramt gebrauchen konnte – überspitzt gesagt.» Theologen seien Meister darin, sich unglaublich kompliziert auszudrücken. Bauke erinnert sich an eine Gastvorlesung des evangelischen Theologen und Professors für Systematische Theologie Eilert Herms in Zürich. «Der redete dermassen kompliziert, dass selbst seine Kollegen in der vordersten Reihe einander anschauten, weil sie ihm nicht mehr folgen konnten.»

Von da an versuchte Bauke, eine einfachere Sprache für die Theologie zu finden. «Das war auch einer der Gründe, warum mir die Feuerwehr später so gefiel. Dort ist die Sprache nicht so abgehoben. Die Anweisungen sind klar und präzise.»

Endlich zupacken

Noch während seiner Zeit als Dozent an der Universität kam Bauke zum ersten Mal mit der Feuerwehr in Kontakt. Nachdem er eine Schweizerin geheiratet hatte und einige Zeit später eingebürgert worden war, wollte Bauke Zivilschutz leisten. Sein Schwiegervater riet ihm jedoch davon ab; er sollte lieber zur örtlichen Feuerwehr gehen, das sei spannender als die Arbeit im Zivilschutz. Also meldete sich Bauke bei seiner Gemeinde Langnau am Albis zum Dienst an. Mit offenen Armen wurde der «Studierte» dort nicht gerade empfangen: «Einem Theologen traute man nicht allzu viel zu», sagt Bauke.

Trotzdem machte ihm die Feuerwehrarbeit Spass. «Bei mir ist das Kind im Manne erwacht. Endlich wurde nicht nur geredet, sondern auch richtig angepackt.» Bauke hängte gleich einen Zusatzlehrgang an seine Grundausbildung. Als wenig später der Feuerwehrkommandant abgesetzt wurde und der Nachfolger einen Herzinfarkt erlitt, rückte Bauke nach und wurde so blitzkarrieremässig Kommandant der freiwilligen Feuerwehr Langnau a. A. «Ich habe immer mehr Aufgaben übernommen und bin so langsam in die Stelle reingewachsen», sagt Bauke. Er habe aber auch gemerkt, dass die Aufgaben eines Feuerwehrmanns gar nicht so weit von jenen eines Pfarrers entfernt seien. «Oft sind wir als First Responder bei Geburten zuhause die ersten vor Ort, wenn kein Rettungswagen zur Verfügung steht. Oder wir müssen ausrücken, wenn jemand gestorben ist.»

Lange liefen die Theologie und das Engagement in der freiwilligen Feuerwehr parallel. Auch dann, als Bauke nach der Uni für das Hochschulpfarramt in Zürich tätig war. Als ihm jedoch Ende 2005, im Alter von 42 Jahren, die Stelle des Leiters der Flughafenfeuerwehr Zürich angeboten wurde, musste er sich definitiv für eine der zwei Seiten in seinem Leben entscheiden.

Rückzug

Immer wenn Bauke vor so einer Wahl steht, zieht er sich zurück. So auch damals: Er ging auf eine Alp, um für sich zu sein, um in der Abgeschiedenheit seine Intuition zu schärfen. «Man muss sich selbst ohne Ablenkungen aushalten können, dann findet man dank dem Bauchgefühl die richtige Entscheidung.» Nach wenigen Tagen auf der Alp entschied sich Baukes Bauch für die Feuerwehr. Er merkte, dass die Aufgaben dort seinem Wesen entsprechen: «Ich führe gerne Leute und bin gerne ein Alphatier. Auch dann, wenn mir der Wind entgegenbläst», sagt Bauke.

Ganz losgelassen hat ihn die Theologie allerdings nicht. Er wusste aus Erfahrung, dass die Kirche gerade bei Schicksalsschlägen eine wichtige Stütze sein kann. Deshalb half er beim Aufbau der Zürcher Notfallseelsorge mit – und eckte mit seinen Vorstellungen an. «Ich stellte mir einige wenige, dafür speziell ausgebildete Notfallseelsorger vor. Die zuständige Kirchenrätin bestand aber darauf, dass diese Aufgabe von jeder Pfarrerin und jedem Pfarrer ausgeführt wird – auch wenn die das selber gar nicht wollten.»

Als dann manche mit der Notfallseelsorge überfordert waren, sei es unter anderem die Polizei gewesen, die eine Professionalisierung forderte und somit Baukes ursprünglichem Konzept zum Durchbruch verhalf. Mittlerweile sei die Notfallseelsorge bei der Betreuung von Traumatisierten nicht mehr wegzudenken. «Polizisten an der Front sagen mir, dass sie bei Unfällen froh sind, wenn ein Notfallseelsorger zugegen ist», sagt Bauke.

Kirche ohne Hierarchie

Dass sich die Kirchgemeinden lange gegen eine Professionalisierung wehrten, zeige ein grundlegendes Problem der Kirche, insbesondere der reformierten: Ihr fehle eine hierarchische Führungsstruktur, sagt Bauke. Das klinge zwar sehr unschweizerisch. Aber das Kollegialitätsprinzip könne auch hinderlich sein, wenn zu viele Leute dreinredeten. Als Beispiel nennt Bauke die Fusionen von Kirchgemeinden. «Das ginge viel schneller, wenn eine Führung das Ganze in die Hand nehmen würde. Aber in der Kirche will man es ja immer allen recht machen.»

Dass eine klare Führungsstruktur einer Organisation guttut, lernte Bauke in der Feuerwehr. Mittlerweile ist er als stellvertretender Kommandant und Leiter der Abteilung Ausbildung Feuerwehr & Zivilschutz von Schutz & Rettung Zürich auf der Karriereleiter selber weit oben angekommen.

Mehr Leitwölfe sollte es auch in der reformierten Kirche geben, findet Bauke. Es gebe zwar schon solche, die sich als starke Führungspersönlichkeiten profilierten, doch denen würden dann immer gleich Allüren oder Machtgelüste vorgeworfen. Bauke hält das für falsch: «Teamleader schärfen das Profil einer Organisation. Und das könnte die reformierte Kirche bei den derzeitigen Mitgliederverlusten sehr gut gebrauchen.»

Bauke selber hat zur Kirche nur noch wenig Bezug, den Gottesdienst hat er schon lange nicht mehr besucht. «Und ich wüsste auch nicht, gegenüber wem ich deswegen ein schlechtes Gewissen haben müsste.» Der Glaube habe aber durchaus einen festen Platz in seinem Leben, er bete jeden Abend vor dem Einschlafen, sagt Bauke. «Ich sehe das Leben als Privileg, über das man staunen und für das man sich auch mal bedanken kann. Denn je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass es morgen schon vorbei sein könnte.»

Theologe, Feuerwehrmann, Bergsteiger – und was kommt als nächstes? «Ich möchte von meiner Tessiner Berghütte loslaufen und drei Monate unterwegs sei. Ohne Handy, ohne Kontakt zur Aussenwelt.» Einfach weg sein, ein Timeout nehmen, den Kopf lüften, sagt Bauke. Vielleicht kommt er dort oben wieder auf neue Gedanken, hat eine Idee, was er beruflich noch machen könnte. «Vielleicht Bergbauer. Wer weiss», sagt Bauke. Sein Bauch wird ihm dann schon die richtige Richtung weisen.

Andreas Bättig ist Redaktor bei bref.
Der Fotograf Ruben Hollinger lebt in Bern.