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Text und Bilder: Patrick Cernoch
Donnerstag, 08. Oktober 2026

Das rote Licht über der Türe beginnt zu leuchten. Das Scheinwerferlicht im Raum wird etwas greller. Barbara Bucher macht einen Schritt nach vorne und stellt sich vor den grossen Bildschirm. «Ich begrüsse Sie zur Tagesschau», sagt Michael Rauchenstein aus dem Off. Barbara Bucher hebt ihre Hände, formt damit Gesten und mit den Fingern Figuren. Es ist neunzehn Uhr dreissig in der Schweiz.

Zwei Stunden vorher sitzt Bucher beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) am Leutschenbach in Zürich am Bürotisch und geht das aktuelle Skript der bevorstehenden «Tagesschau» durch. «Bis zur letzten Minute wird daran gefeilt», sagt sie, manchmal zu ihrem Leidwesen.

Die 55-jährige Gebärdensprachdolmetscherin muss sich akribisch auf die Sendung vorbereiten. Sie muss nicht nur wissen, was gesagt werden wird. Sie muss auch wissen, wie es gemeint ist.

Akribische Vorbereitung: Barbara Bucher studiert das aktuelle Skript zur Sendung.

«Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik und besondere Syntax, was das Simultanübersetzen schwierig machen kann», erklärt sie. So sei ein Satz im Deutschen in der Regel so aufgebaut, dass erst am Schluss erkennbar ist, ob er positiv oder negativ gemeint ist – die Negationspartikel «nicht» ist oft das letzte Wort im Satz und kehrt dessen Bedeutung im letzten Moment in sein Gegenteil. In der Gebärdensprache ist es umgekehrt.

Zudem hat sie eine andere Logik: Zu Beginn wird das grössere Thema kommuniziert, es wird sogenannt topikalisiert, dann folgen schrittweise immer kleinere Details. Vom Baum geht es zum Blatt, vom Blatt zum Blattgrün, vom Blattgrün zur Fotosynthese. In der Lautsprache hingegen kann man direkt mit der Fotosynthese beginnen.

Weil sowohl der andere Satzaufbau wie auch die andere Logik beim Simultanübersetzen berücksichtigt werden müssen, studiert Barbara Bucher zum einen die Themenauswahl, Kontexte und einzelne Sätze der Sendung, zum anderen verinnerlicht sie heikle, weil komplizierte oder seltene Handzeichen, sogenannte Gebärden.

Anschliessend macht sie sich erst in die Garderobe auf und dann in die Maske, bevor sie im Studio 21 beim Aufleuchten des roten Lichts vor den grossen Bildschirm tritt.

Als Gebärdensprache verboten war

Dass Nachrichtensendungen mit einer Simultanübersetzung in Gebärdensprache ausgestrahlt werden, ist für Barbara Bucher alles andere als selbstverständlich. Als sie in den 1970er-Jahren in Zürich aufwuchs, war an Schweizer Gehörlosenschulen das Gebärden verboten.

Seit dem Zweiten Internationalen Kongress für Gehörlosenpädagogik in Mailand 1880 waren die Fachleute der Meinung, dass gehörlose Kinder sprechen und das Lippenlesen lernen sollten, um sich bestmöglich in die hörende Welt integrieren zu können. Die Gebärdensprache galt als Hindernis auf diesem Weg. So konnte es durchaus vorkommen, dass den Kindern während des Unterrichts die Hände auf dem Rücken zusammengebunden wurden, um sie vom Gebärden abzuhalten.

Trotzdem hat die Gebärdensprache die Repression überlebt, wurde sie doch heimlich, buchstäblich unter der Hand, weitergegeben. Barbara Buchers Eltern haben diese Zeiten miterlebt, sie sind beide gehörlos.

Ihre Mutter, die über Hörreste verfügt, habe im Appenzellischen, wo sie auf einem Bauernhof aufgewachsen war, als eigensinnig gegolten, was dazu führte, dass ihre Schwierigkeiten lange unentdeckt blieben. Erst auf Primarstufe sei sie in die Taubstummenanstalt, heute Sprachheilschule, in St. Gallen gekommen.

Was ihre Eltern erlebt haben, ist für Barbara Bucher Teil ihrer Familiengeschichte. «Meine Eltern konnten mich als Kind zwar nicht hören, dafür war ihre Aufmerksamkeit umso grösser», berichtet sie. «Als Kind wusste ich, dass meine Eltern von meinen Lippen lesen können.»

Blickkontakt sei deshalb essenziell gewesen. Wenn ihre Eltern sie nicht anschauten, wusste sie, dass sie mit ihnen gerade nicht kommunizieren konnte. Sie und ihr Bruder haben sich stets gut aufgehoben und umsorgt gefühlt. Gleichzeitig sei ihnen viel zugetraut, vielleicht auch zugemutet worden.

bref+

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