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Autorin: Anna Miller
Bilder: Claudia Link
Freitag, 30. September 2016

Als Bürgermeister Arne Zwick an einem Vormittag im Mai 2010 dieses elende Dokument auf dem Schreibtisch hatte, dachte er: Nicht schon wieder so ein Spinner. Täglich bekam er solche Nachrichten. Ideen von Leuten, die Phantasie hatten, aber keinen Sinn für Realität. Und jetzt lag da dieses Dokument, fünf A4-Seiten Text und Skizzen, ein Abbild des St. Galler Klosterplans aus dem 9. Jahrhundert. Gebaut werden sollte das Dorf mit nichts als Menschenkraft und ein paar Ochsen. Mit Mitarbeitern, die allesamt in Leinenkutten rumlaufen und aus Tonkrügen trinken würden. Die Zahl vierzig hatten die Initianten in den Zeitplan reingeschrieben. Vierzig Jahre, bis alles stehen sollte. Achtundzwanzig Hektare Land, die sie brauchten. Und natürlich fragten sie auch nach Geld. Denn Bert Geurten und Verena Scondo hatten bis dahin nur eine Idee. Und viel Zeit.

Der weltbekannte St. Galler Klosterplan wurde vor über 1200 Jahren auf der Insel Reichenau im Bodensee gezeichnet, aber nie in die Tat umgesetzt. Er liegt bis heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen, wo die beiden Initianten ihn fanden und beschlossen, dass die Vision nun endlich Realität werden sollte.

Danach hörten die Schweizerin Scondo und der Deutsche Geurten neunundvierzig Mal das Wort Nein – über Jahre stiessen sie auf taube Ohren, versuchten überall im Land Fläche für ihren Campus Galli zu finden, jemanden, der zahlt. Scondos eigene Kinder dachten, ihre Mutter spinne. Bis die zwei alten Freunde in Messkirch endlich Erfolg hatten, einer Kleinstadt in Baden-Württemberg, zwischen Donau und Bodensee. Mittelland, weit genug von den Städten entfernt, damit Besucher an den Waldrändern frische Luft inhalieren können, aber zu weit weg von Ausflugszielen wie der Uferpromenade des Bodensees, um tatsächlich Touristen anzuziehen. Ein Niemandsort, schön, aber nicht schön genug, unbekannt bisher. Ein Ort, der verrückte Pläne gut gebrauchen kann.

Als gäbe es kein Heute

August 2016, Mittagshitze. Die ehemalige Sekretärin Scondo sitzt mit ihren perfekt manikürten French-Gel-Nails und roter Kurzhaarfrisur im Container neben dem Holztor am Eingang der Baustelle und verkauft im Minutentakt Tickets. Geduldig erklärt sie den Familien, Rentnern, Mittelalter-Fetischisten und Wanderern die Idee hinter der Sache, warum es oben auf dem Marktplatz keinen Kaffee zu kaufen gibt, wo der Töpfer gerade töpfert und wo die Toiletten sind. 9 Euro Eintritt regulär, 5 Euro Feierabend-Ticket, Infobroschüre zum Mitnehmen. Seit 2013 ist die Baustelle für die Öffentlichkeit zugänglich, von April bis Oktober. 12 000 Besucher hatte Campus Galli im ersten Jahr, 2016 sollen es bereits 60 000 sein. Das Ziel sind 120 000 pro Jahr; dann würde sich das Unterfangen selbst finanzieren.

Dass dies gelingt, ist sehr wahrscheinlich. Sogar an Montagen, wenn das Tor geschlossen bleibt, stehen immer mal wieder verlorene Besucher vor dem Tor und rütteln daran. An Sonntagen ist der Parkplatz vor der Baustelle rappelvoll, die Führungen sind ausgebucht. Trauben von Besuchern machen sich an Scondos Kassenhäuschen vorbei auf den Weg zur Waldlichtung, vorbei an Blumenwiesen, der Ochsenweide und frei gepflanzter Gerste, hin zum Startpunkt des Rundwegs, der die Baustellengrenze markiert. Alles, was links vom Weg ist, diese Ansammlung aus Gras, Wald, Schotter und bracher Fläche, soll irgendwann verbaut sein. Und zwar so, wie es der St. Galler Klosterplan vorsieht: Eine riesige Steinkirche in der Mitte, mit Platz für bis zu 1000 Personen. Ein Kräutergarten, ein Dormitorium für die Mönche, eine Apotheke, Arbeitsplätze für die Seiler, die Besenmacher, die Färberei, die Weberei. Eben alles, was Klostermönche zu dieser Zeit brauchten, um autark leben und arbeiten zu können. Bis in ein paar Jahrzehnten sollen über vierzig Gebäude und Einheiten stehen, eine Mischung aus Freilichtmuseum und ewiger Baustelle.

Angefangen hatte alles mit einem Anruf von Geurten, «es muss so 2005 gewesen sein», sagt Verena Scondo. Er habe auf Arte eine Dokumentation gesehen, von diesem Burgprojekt Guédelon, einer neuen alten Burg auf französischem Boden, nach einem eigens dafür gezeichneten Plan. Ohne Maschinen und ohne Strom sollte sie gebaut werden, als gäbe es kein Heute mehr, sondern nur das erneute Bauen von Vergangenheit. 300 000 zahlende Besucher jedes Jahr auf dieser Baustelle, sagte Geurten, von Beruf Journalist, in den Hörer hinein. Und Scondo dachte sich: Was für die Rentenzeit haben, nochmals was erleben, mit fast sechzig Jahren. «Natürlich war dieses Projekt verrückt, das ist schon klar», sagt sie und lächelt ein bisschen triumphierend. «Aber je mehr sie sagten, das werde nie funktionieren, desto stärker wollte ich das.»

Sogar ihre eigenen Kinder hielten sie für verrückt. Doch je mehr Gegenwind Verena Scondo spürte, desto mehr setzte sie sich für Campus Galli ein.

Alles wie im 9.Jahrhundert …

Bis in Messkirch tatsächlich eine Klosterstadt steht, werden nun statt der anfangs budgetierten vierzig nun allerdings mehr als sechzig Jahre ins Land ziehen. Auch, weil hier ein Stück Geschichte neu geschrieben wird. Campus Galli ist ein Experimentierfeld für die Forschung. Hier wird Wissen neu aufgearbeitet, stellvertretend für eine ganze Gesellschaft. Der geplante Guss einer Kirchenglocke wurde letztes Jahr abgebrochen, weil die Gussform nicht dicht war. Der Töpfer brennt dieses Wochenende das erste Mal alleine Tongefässe, in einem Ofen aus Lehm, den er selbst zusammengebaut hat. Er weiss noch nicht, ob der Brennvorgang funktionieren wird. Deshalb dauert alles länger. Und kostet mehr. Die Stadt Messkirch hatte mit 600 000 Euro für die ersten fünf Jahre gerechnet, nun sind es nach knapp drei Jahren schon 1,5 Millionen. Die Initianten haben die deutsche Bürokratie unterschätzt, die nötige Infrastruktur, die Bedürfnisse der Gäste.

Das Projekt Campus Galli ist eine Gratwanderung zwischen Plan und Zufall, zwischen Machbarem und Unrealistischem, Mittelalter und 21. Jahrhundert. Ein eigens dafür eingestellter Historiker segnet jedes Gewand ab, jeden Hammer und jede Wurstzutat, und überwacht, dass auch alles genau so im 9. Jahrhundert bereits genutzt wurde. Jeder Besen, jedes Messer, jede Schindel ist von Hand gefertigt, in stundenlanger Arbeit. Es ist ein Bau- und ein Handwerkskreislauf – jeder holt sich beim anderen an der Station das ab, was er für die Arbeit gerade braucht. Und so wie es im 9. Jahrhundert eben war, als Klöster gebaut wurden, werden die meisten Arbeiter die Fertigstellung ihrer Anlage wohl nicht mehr erleben.

… oder doch nicht?

Um die dreissig Leute arbeiten hier auf der Baustelle, viele von ihnen waren früher Langzeitarbeitslose. Sie stiegen bei Campus Galli als 1-Euro-Jobber ein, das verheimlicht hier keiner. Verena Scondo sagt, diese Leute hätten es ausserhalb von Campus Galli sehr schwer gehabt, ins normale Arbeitsleben zurückzukehren. Für viele war das Projekt die Rettung, ein Neuanfang. So wie für Mario Angelo Marani. In aller Seelenruhe spult er wie ein Kassettengerät die immer gleichen Sätze herunter, wie er die Weiden ins Wasser legen muss, damit er sie biegen und damit Körbe fertigen kann. Dass er sich das Korbflechten selber beigebracht hat. Dass er mal arbeitslos war und nun dank den Besuchern eine feste Stelle hat. Die Leute nicken und lachen, sie sagen immerzu «nein, wirklich», «wie toll», «ach, das ist ja spannend».

Der Fünfzigjährige hat in seinem Leben achtundvierzig Menschen zusammengehauen, das sagt die Polizeiakte, er sass fast zwei Jahre im Gefängnis, die Menschen aus Messkirch hatten Angst vor ihm. Jetzt sitzt er den ganzen Tag im 9. Jahrhundert und schlägt niemanden mehr zusammen. «Campus Galli hat mein Leben verändert», sagt Marani; hier gebe es keinen Druck, nur die Gemeinschaft, man helfe sich gegenseitig, man produziere Sinnvolles. Er ist seit einem Jahr fest angestellt, 1202 Euro netto erhält er jeden Monat, weniger als Hartz IV. Doch das macht ihm nichts aus. «Diese Dinge, die ich hier täglich fertige, die kosten ja nichts, sie kosten nur Zeit. Aber die hat ja heute keiner mehr.»

Bevor die Steinkirche gebaut wird, muss zuerst eine aus Holz her. Das wäre auch im 9. Jahrhundert so gemacht worden – damit die Mönche von Beginn weg einen Platz zum Beten gehabt hätten.

Auf der offiziellen Baustelle darf nicht geraucht werden, die Mitarbeiter tragen ihr stilles Wasser in Tonkrügen durch die Gegend. Im Mitarbeiterbereich trinken sie dann aus Pet-Flaschen, drücken auf ihren Handys herum und streuen Maggi-Würze in ihr Essen. «Keiner von uns würde im Mittelalter leben wollen», sagen die Arbeiter einstimmig, nachdem sie ihr Geschirr fürs Mittagessen in die Spülmaschine gestellt haben. Natürlich müsse man ein Faible haben für diese Zeit, man müsse das Handwerk lieben und gerne in der Natur sein. Aber hier leben? «Nur, wenn es eine Satellitenschüssel auf dem Dach gibt.» Die Leute hier sähen vielleicht aus wie Aussteiger, in ihren Kutten und mit den zerzausten Haaren. Aber schliesslich lebe man nur von 10 bis 18 Uhr im Mittelalter. Da ist die Baustelle geöffnet, dann wird hier gearbeitet, und dann wollen die Besucher auch Authentizität sehen. Man muss fähig sein, über 800 Besucher am Tag zu bespassen. «Da bleibt fast gar keine Zeit mehr für die eigentliche Arbeit», sagt der Töpfer Martin Rogier.

Mario Angelo Marani sass fast zwei Jahre im Gefängnis. Heute sitzt er den ganzen Tag im 9.Jahrhundert und zeigt den Besuchern, wie man Körbe flicht.

Ein Stück weit Kommerz

Der Job der Arbeiter erfordert Fingerspitzengefühl, soziale Kompetenz, handwerkliches Geschick, Geduld, Durchhaltewillen. Wie sie an ihren Stationen des Rundwegs stehen, den ganzen Tag, und den Besuchern erklären, was und wie sie hier eigentlich werken. Denn Campus Galli ist nicht nur Handwerks-Schmiede und Freilichtmuseum, sondern auch ein Stück weit Kommerz: Es gibt bereits Jugend-Beschäftigungstage und professionelle Führungen mit Historikern. Man kann sich hinter dem Eingang Kaffee in sechs verschiedenen Ausführungen aus dem Automaten holen, Magnum-Glace aus der Tiefkühltruhe. Der Linseneintopf mit Wurst kostet 5.50 Euro, Kristalle und Trockenfrüchte werden bereits von externen Anbietern feilgeboten, die Standmiete zahlen.

Neben den Holzhütten stehen rote Feuerlöscher in der Ecke, schwarze Netze hängen an den Gerüsten. Das Spanferkel, das hier ursprünglich am Spiess drehen sollte, wurde von den Behörden untersagt. Die Wege wollten sie schmaler bauen, «ging aber nicht, sonst kommt die Feuerwehr nicht mehr durch», sagt Scondo. Das ruft auch Kritiker auf den Plan. Einige sagen, die Baustelle sei ihnen nicht authentisch genug. «Die Leute fragen zu Recht, warum da Netze an den Holzgerüsten hängen.» Doch das sei eben Vorschrift, bauen wie früher, das gehe nicht ohne Kompromisse, da komme die Behörde und mache einen Strich durch die Rechnung. Und das Eis und den Kaffee, das hätten sich die Besucher gewünscht. Die Leute wollen was erleben, und sie wollen konsumieren. Die Betreiber brauchen das Geld. Auch, weil die Bürger von Messkirch das Projekt nicht ewig unterstützen wollen.

Kritik an der Finanzierung

Von den acht Anwesenden am Stammtisch des Gasthofs zum Adler waren nur drei jemals auf dem Bauareal, der Rest weigert sich dezidiert. Man habe nicht wirklich was gegen das Projekt, heisst es hier, sondern eher etwas gegen die Finanzierung, «achzehn Hanse und sechzehn Blinde haben das entschieden», sagt der eine; Demokratie, das Recht des Volkes auf einen Entscheid, das sei etwas anderes. Vernünftige Sportanlagen gäbe es hier seit Jahren nicht, Löcher in den Strassen dafür umso mehr, man habe keine Rennbahn und jedem Verein werde das Geld gekürzt, aber das Klosterdorf, das erhalte Hunderttausende Euro. «In die eigenen Leute wird nicht investiert, in die Fremden aber schon», sagt eine Dame hinter ihrem Glas, «es gäbe genug Sachen vor der eigenen Haustüre.» Dann schwenkt die Debatte zum Islam über, zum Bau einer Moschee in Messkirch, privat finanziert zwar, aber auch das ein Gebaue, das keiner brauche.

Ein wenig verloren zwischen den Gegnern aus dem Dorf sitzt Thomas Schlude auf der Eckbank, auch er einer von hier, Messkirchner, aber auf der anderen Seite der Geschichte. Seit ein paar Monaten ist er Finanzberater des Projekts und sitzt auch im Gemeinderat. Er ist einer derjenigen, die das Projekt durchgewinkt haben, «weil Messkirch Tourismus braucht» und er die Vision verstanden habe. Natürlich sei man in der Startphase defizitär, und ja, das Projekt habe von Anfang an viel mehr Geld verschlungen als ursprünglich vorgesehen, «aber vor uns hat ja auch keiner je sowas gemacht». Eckwerte gebe es keine, nur Versuch und Irrtum, bisher nun mal auf Kosten der Fördergelder.

Selbsttragend sein, das sei das Ziel, bis 2018 wolle man es erreichen, «aber nageln Sie mich jetzt bitte nicht darauf fest, sonst gibt es nur wieder Ärger», sagt Schlude. Klar sei: Campus Galli sei eine grosse Chance für diese Gegend. «Das bringt Kaufraft nach Messkirch. Wenn Saison ist, sind hier alle Ferienwohnungen ausgebucht.» Darauf zu hoffen, dass sich in der Kleinstadt Grossbetriebe niederlassen und neue Arbeitsplätze schaffen würden, während die Jungen immer mehr abwanderten, das sei utopisch. «Früher war Messkirch niemandem ein Begriff. Heute sagen die Leute: Das ist doch dort, bei Campus Galli.» Man habe Anfragen vom Spiegel gehabt, von der FAZ, vom Deutschen Fernsehen. Sogar eine Langzeitdokumentation soll in diesem Waldstück gedreht werden. Campus Galli könnte zum Jahrhundertprojekt werden.

Freiwillige schuften gratis

Neben den dreissig Angestellten kommen jedes Jahr Hunderte Freiwillige auf die Baustelle. Sie werden dringend benötigt, ohne sie würde es nicht gehen. Die Friedhofsmauer auf dem Gelände ist nur knapp fünfzig Zentimeter hoch, weil die Gruppe, die sie aufgebaut hat, bald wieder wegfuhr und seither keiner mehr da war, der was vom Mauerbauen verstand. Doch hier wartet man einfach, bis wieder wer kommt, der weitermacht. Auch wenn das Monate dauert.

Die Freiwilligen arbeiten gratis hier, müssen für die Unterkunft sogar noch draufzahlen. Ihnen mache das aber nichts, sagen sie. «Natürlich gibt das alles keinen Sinn, in einer Welt, in der es nur um Optimierung von Nutzen geht», sagt Stefan Mercamp, Projektleiter IT in einem grossen Unternehmen. Er ist mit seiner Frau und seinen drei Kindern hier, eine Woche Schuften auf dem Bau. Einige seiner Kollegen fragten ihn, warum er das überhaupt mache, wenn er nicht mal was für seine Arbeit kriege, sagt Mercamp. Aber er sehe das anders. Man sei im Job immer online, kontinuierlich verfügbar, da steige auch mal die Frage hoch: Was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag? Auf der Baustelle von Campus Galli stelle sich diese Frage nicht, «hier schabe ich Rinde ab, von oben nach unten, linear, mit einer klaren Aufgabe. Und ich mache das nur, wenn ich weiss, dass diese Rinde gebraucht wird. Und wofür.» Man könne auch ins Kloster gehen, für eine Auszeit. «Aber da baue ich lieber eins.» Diese Idee vom Wert des Menschen, vom Wert der Arbeit, das habe auch etwas Religiöses, sagt Verena Scondo, und schliesslich werde hier ja auch ein Kloster nachgebaut. Zwar würde sie sich nicht anmassen, diesen Ort und dieses Projekt unter einen bestimmten Glauben zu stellen, «aber jeder, der hier arbeitet, ist irgendwie gottverbunden», sagt sie. Bürgermeister Zwick hingegen relativiert: Es stehe klar im Pachtvertrag, dass religiöse Handlungen auf diesem Grundstück nicht erlaubt seien. «Welche Kirche würden Sie denn überhaupt darstellen wollen? Es müsste ja eine aus dem 9. Jahrhundert sein, vor der Kirchenspaltung durch Luther.» Dennoch räumt auch er ein: Dieser Ort entwickle automatisch eine gewisse Spiritualität. «Er hat diese Ruhe. Vielleicht, weil hier mit der Zeit, mit der Natur gegangen wird.» Das gebe dem Ort eine ganz eigene Kraft.

Am Ende ist Campus Galli ein bisschen Erlebniswelt, Kulturbewahrung, Burnout-Therapie. Auf dem brachen Feld wird experimentelle Architektur betrieben, Gruppentherapie für Manager, Beschäftigungstherapie für Jugendliche. Man müsse hier bei Regen arbeiten, bei Kälte, sagt Finanzberater Schlude nicht ohne Stolz. Man müsse sich als Professor neben den Langzeitarbeitslosen auf die Bank setzen und mit ihm mittagessen. Man arbeite den ganzen Tag in der Natur, in einem Wald, mit einfachen Mitteln. «Natürlich wollen wir Ziele erreichen. Aber uns fehlen noch viele Erfahrungswerte. Diese Unsicherheit müssen wir akzeptieren.» Dafür würden die Leute viel Anerkennung erfahren für ihre Arbeit auf der Mittelalterbaustelle, für ihr handwerkliches Geschick. «Wo sonst im Berufsleben kriegen Sie das noch?»

Verena Scondo sagt, sie merke, dass die Leute immer langsamer aus dem Wald liefen, als sie hineingingen, «sie wirken irgendwie entspannter». Dieser Ort tue den Leuten gut, er beruhige sie, er gebe ihnen einen Sinn. Er gebe den Menschen Würde zurück und lasse sie auf getane Arbeit blicken, etwas Konkretes, einen Ziegel, eine Schindel, ein Stück gesponnene Wolle. «Wir leben in einer so technologisierten Zeit. Die Menschen sind ein wenig verloren in diesen ganzen Prozessen. Sie wollen einfach mal runterkommen, die Natur spüren, etwas mit den Händen machen.» Und so wird man hier weiter bauen, nach Versuch und Irrtum. Zeit ist ja genug.

Anna Miller ist freie Journalistin und Autorin. Ihr Hauptarbeitsort ist Zürich.
Die Fotografin Claudia Link arbeitet in Basel.