Dies ist die Geschichte von einem, der sich auszog, das Büssen zu lernen. Es ist meine Geschichte. Lange roch Busse für mich nach Unterwerfung. Ich wollte mich nicht im Staub wälzen, um mein bisschen Seelenheil zu retten. Ich redete mir stattdessen ein: Wenn es einen Gott gibt, der mich erschaffen hat, soll er auch mit mir klarkommen – so, wie ich bin. Mit dieser Haltung kam ich bisher ganz passabel durch die Welt. Doch nun stehe ich im Herbst meines Lebens. Und ganz unvermutet wächst in mir das Gefühl, mit Gott und der Welt ins Reine kommen zu wollen. Ich bin bereit, meinen gepanzerten Harnisch abzulegen. Das Problem dabei: Unter den gängigen Konfektionsgrössen will sich kein Büsserhemd für mich finden, das zu mir passt. Immer noch meldet sich der Zweifler in mir, der mir einredet: «Büssen, das ist doch Sklavensprache! Bevor du dich dranmachst, deine Schuld abzutragen, soll der Begriff erst einmal selbst seine Unschuld wiedergewinnen!»
Aber etwas ist stärker in mir, etwas, das selbst den Zweifler in Zweifel zieht. Inzwischen habe ich begriffen: Es braucht eine Menge Standfestigkeit, bevor man vor seinem Schöpfer niederknien kann. Als Kinder der rebellischen 1960er und 70er Jahre predigten wir uns ständig gegenseitig den «aufrechten Gang». Niemals würden wir in Sack und Asche gehen oder ebenso zu Kreuze kriechen, wie es unsere Altvordern, verängstigt von der Aussicht auf ewige Verdammnis, taten. Stattdessen verneigten sich viele von uns lieber vor den Worten des «grossen Vorsitzenden» Mao Zedong, der in seiner «Mao-Bibel» forderte, «einen angefangenen Weg siegreich zu Ende zu gehen». Umkehr war in einem solch fortschrittsgläubigen wie menschenfeindlichen Weltbild nicht vorgesehen. Busse erst recht nicht! Selbstkritik allerdings schon!
Wir schrieben uns damals Rosa Luxemburgs Worte auf die Fahnen: «Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung.» Uns sollte bald klar werden, dass die Luft stickig wurde und sich das Licht verfinsterte. Was für ein ideologischer Wirrwarr das war!
Was ich aus dieser Zeit mitnahm, ist eine grosse politische Ernüchterung, der ein eklatanter Mangel an Utopien folgte. Welch metaphysische Tankstelle ich auch immer ansteuerte, immer war dort gerade kurz davor das Benzin ausgegangen. Noch immer glaube ich allerdings, dass die Welt verbesserbar ist, weil der Mensch veränderbar ist. Ich habe längst davon abgelassen, ein Himmelreich auf Erden für die geknechteten Massen errichten zu wollen, und gleichzeitig versucht, nicht in apokalyptisches Denken zu verfallen. Entschlossen, nicht wieder neuen kruden Heilslehren oder falschen Propheten auf den Leim zu gehen, rettete ich mich in die Eigenbrötelei, pflegte meinen persönlichen Hedonismus.
Damit passe ich eigentlich ganz gut in das Berliner Stadtviertel, in dem meine Frau und ich eine Wohnung ergattert haben. Wir hausen in der grün-esoterischen Republik Veganistan im Prenzlauer Berg. Dort spriessen Yoga-Center und Ayurveda-Studios wie Drogenpilze aus dem Boden. Hinzu kommen immer mehr City-Kirchen, die in grossen Kinos ihren Gottesdienst abhalten, wenn gerade kein Filmprogramm läuft. Vorneweg eine evangelikale Missionsbewegung, die nicht so bieder daherkommt wie die Zeugen Jehovas, die an etlichen U-Bahnhöfen mit ihren «Erwachet!»-Heften den verächtlichen Blicken trotzen.
Büsser mit Verspätung
Das alles lässt mich nicht kalt, obwohl das sicher nicht der Weg ist, der mich zur Busse führen wird. An dieser Art kollektiver Erlösung bin ich nicht interessiert, dazu bin ich noch zu viel mit dem Leben vor dem Tod beschäftigt.
Aber an Jesus Christus habe ich immer Gefallen gefunden. Er verkörperte für mich einen radikalen, revolutionären Altruismus, sein Leben zu opfern, dass die Menschen gerettet werden. Nur, wofür? Schon als Konfirmand stellte ich mir die Frage, was für ein Bund das sei, der die Erbsünde zur Voraussetzung der Gott-Mensch-Beziehung machte. Was für eine Schieflage! Diesen Standortnachteil wollte ich so nicht weiter akzeptieren im Dialog mit Gott. Aber die Bergpredigt seines Sohnes und dessen Eintreten für die Armen und Schwachen habe ich mir unterbewusst zum Vorbild genommen. Hätte ich sonst sechs Jahre lang während meines Studiums nebenher in der häuslichen Altenbetreuung gearbeitet?
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