Henri Cartier-Bresson, der berühmte französische Fotograf und Mitgründer der Fotoagentur Magnum, prägte in den 1950er-Jahren den Begriff «moment décisif». Er beschreibt den flüchtigen Augenblick, in dem das Erkennen der Bedeutung eines Geschehens und die exakte Anordnung der visuell wahrgenommenen Formen in Bruchteilen von Sekunden harmonisch aufeinandertreffen. Viele Fotografinnen und Fotografen eifern Cartier-Bresson nach.
Ganz anders Andrea Good. Die Zürcher Fotokünstlerin arbeitet lieber mit der Lochkamera, jener Technik, mit der Joseph Nicéphore Niépce vor 200 Jahren das erste Foto der Welt aufgenommen hatte: nach einer Belichtungszeit von mindestens acht Stunden. In ihren meist grossformatigen Aufnahmen hält Good nicht einen Moment fest, sondern viele. So viele, dass sich bewegte Objekte und Personen darin auflösen, bis sie ganz verschwinden oder nur noch Fragmente übrig bleiben.
In ihren Bildern steckt die Zeit selbst: Tage auf einem Parkplatz, Stunden an einem Berghang, die Dauer eines Gottesdienstes.

Dieses Bild zeigt den Garten vor der Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur. Für die Aufnahme hatte Andrea Good die Kirche in eine Camera obscura verwandelt. Die Belichtung auf vier sechseinhalb Meter langen Bahnen Fotopapier im abgedunkelten Kirchenraum dauerte so lange wie der gleichzeitig stattfindende Gottesdienst, rund eineinhalb Stunden (Kirche St. Arbogast, Oberwinterthur, 2005. Camera-obscura-Aufnahme, Unikat auf Fotopapier, 4× 676 × 183 cm. © andrea good).
Besuch in ihrem Atelier in Zürich-Wollishofen, im Parterre der Werkbundsiedlung Neubühl. Andrea Good setzt sich vor die breite Fensterfront mit Sicht auf den Garten des Quartiers. Sie deutet auf eines der Fenster und sagt: «Da kleben noch Rückstände einer Blende.»
Um den Ausblick von ihrem Arbeitsplatz zu fotografieren, hatte Good ihr ganzes Atelier in eine Lochkamera verwandelt. Die Camera obscura, die dunkle Kammer, wie die Lochkamera ebenfalls bezeichnet wird, baute sie vereinfacht beschrieben in vier Arbeitsschritten auf:
- Sechs Rasierklingen werden in Form eines Sechsecks ans Fenster geklebt. Der Raum zwischen den sechs Klingen bildet das Loch respektive die Blende der Kamera. Würden Klebstreifen oder Stoff statt Rasierklingen verwendet, könnten Faserteile oder andere Unebenheiten eine Lichtstreuung erzeugen, das Foto würde unscharf.
- Die Fenster werden mit blickdichtem Material abgedeckt, um das Atelier komplett abzudunkeln.
- Im Dunkeln wird Fotopapier aufgehängt.
- Das Loch wird geöffnet, ein Lichtstrahl fällt in den Raum und aufs Fotopapier. Die Belichtung beginnt: Die Ansicht des Gartens wird auf dem Kopf stehend und seitenverkehrt auf das lichtempfindliche Papier projiziert. Je kleiner das Loch, desto schärfer das Bild.
Position des Lochs und des Fotopapiers bemisst Andrea Good mit blossem Auge. Um zu demonstrieren, wie sie vorgeht, steht sie auf und schreitet, den Blick zur Blende gerichtet, das Atelier ab und geht immer wieder in die Knie. «So kann ich den Ausschnitt abschätzen», sagt sie. «Wie das Bild aussehen wird, kann ich recht gut erahnen, aber genau weiss ich es nicht. Das ist das Spannende an dieser Technik.»
Gefallen an der Arbeit mit der Lochkamera fand Andrea Good bereits in ihrer Fotoausbildung, die sie nach einem abgebrochenen Medizinstudium begonnen hatte. Für Industrieaufnahmen benutzte die Fotoklasse einen zu einer Lochkamera umfunktionierten Schiffscontainer. «Nach Abschluss des Projekts fragte ich mich, was aus dem Container wird», sagt Good. Sie kaufte ihn und fand einen Lastwagenchauffeur, der die tonnenschwere Kamera zu den Locations ihrer nächsten Projekte transportierte.

Dieses Foto vom Parkplatz des Skilifts Oberiberg SZ entstand während einer Belichtungszeit von vierzehn Tagen (Oberiberg, 2002. Camera-obscura-Aufnahme, Unikat auf Fotopapier, 127 × 416 cm. © andrea good).
2002 liess sie den Container auf dem Parkplatz des Skigebiets Oberiberg SZ platzieren. Vierzehn Tage stand er dort für ein einziges Bild. Es zeigt Schneehang, Skilift, ineinanderlaufende Umrisse parkierter Autos. Nur Menschen fehlen. Die lange Belichtungszeit hat sie verschwinden lassen.
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