Es brummt, es wackelt, ein kurzer Funkspruch des Piloten. «Anschnallen, bitte.» Die Propeller setzen sich in Gang, dann hebt das kleine Flugzeug ruckelnd ab, steigt in die Höhe, bis über die Wolken. Ab und zu gibt eine Lücke in der Wolkendecke den Blick auf die Landschaft frei, die sich wie ein Flickenteppich ausbreitet. Zwischen hellen Flächen und geraden Schneisen tauchen überall weisse Punkte auf: Rinderherden.
Plötzlich sehe ich einen Schnitt in der Landschaft. Eine schnurgerade Schneise markiert eine Grenze. Auf der einen Seite: Ackerland. Auf der anderen: Das tiefe Grün des Amazonas-Regenwaldes, das sich bis zum Horizont erstreckt. Nur hin und wieder zieht die geschwungene Linie eines schlammbraunen Flusses durch die Landschaft. Es ist das Land der Kayapó, eines der stolzesten indigenen Völker Brasiliens. Die Heimat von Bekuwa Kayapó.
Er sitzt neben mir am Fenster der Maschine. Mit einer Perlenkette um den Hals, schwarzen Linien im Gesicht und auf dem nackten Oberkörper. Bekuwa Kayapó ist der Sohn des Kaziken eines Dorfes. So werden die Oberhäupter indigener Gemeinden genannt.
Das Dorf liegt im nördlichen Bundesstaat Pará, mitten im brasilianischen Regenwald. Bekuwa war einige Wochen in der Stadt, nun ist er auf dem Weg nach Hause. Wie die meisten Indigenen trägt er keinen «kolonialen» Nachnamen, sondern den Namen seines Volkes.
Unter uns taucht nun ein riesiges Gelände auf, das einer Mondlandschaft gleicht. Teiche mit türkis-grünlichem Wasser, Schutthügel überall. Eine Goldmine. Bekuwa schüttelt den Kopf. «Das macht mich sehr traurig», murmelt er. «Das Gold zerstört unsere Lebensgrundlage.»

Die Luftaufnahme zeigt eine illegale Goldmine in der Region Tucumã im Bundesstaat Pará.
Mein Blick fällt auf Hütten mit Strohdächern, es sind indigene Dörfer. Einige Verwandte, erzählt Bekuwa, seien am Goldabbau beteiligt. Sie hätten sich vom schnellen Geld verführen lassen. Die Regierung habe schon eingegriffen, Minen gestoppt, Ausrüstung zerstört. Millionenverluste.
Doch die Goldgräber geben nicht auf, sie ziehen einfach weiter oder kehren zurück. Auch ins Land der Kayapó. Obwohl hier niemand arbeiten sollte, fährt ein Bagger über das Gelände.
Gefragtes Edelmetall
Das Geschäft ist lukrativ: Der Goldpreis ist in diesem Jahr von einem Rekord zum nächsten geklettert, auch wenn er zuletzt wieder etwas gefallen ist. Das Edelmetall ist gerade in Krisenzeiten gefragt. Als Inflationsschutz, als Anlage, als Symbol für Sicherheit. Ein Teil des Goldes stammt aus dem Amazonas-Regenwald, auch aus indigenen Territorien – obwohl der Abbau illegal ist.
Das meiste Gold bleibt nicht im Land, sondern wird exportiert. Die Schweiz ist die wichtigste internationale Drehscheibe. Könnte es sein, dass Bekuwa Kayapós Heimat für unsere Eheringe geopfert wird?
Er nippt an einer Cola, spielt mit dem Handy, im Flieger gibt es WLAN. Er erzählt mir, dass er für Schule und Arbeit eine Weile im Städtchen Tucumã gelebt habe. Dort hat er auch Portugiesisch gelernt. Die «Kolonialsprache» sprächen aber nur wenige in seinem Dorf. Es heisst Kubēkrãkênh. Übersetzt bedeutet das «kahler weisser Mann». Das Dorf soll nach einem Missionar benannt worden sein, der einst herkam, um die Kayapó zu bekehren. Ohne Erfolg.

In Kubēkrãkênh leben indigene Gemeinschaften in enger Beziehung zum Wald, zum Land und zu den Flüssen.
Bekuwas Gemeinde liegt malerisch zwischen Regenwald und einer Savannenlandschaft. Eine kleine Piste dient als Landebahn für den Flieger. Bekuwas Vater Beprere Kayapó, Federschmuck auf dem Kopf, empfängt uns am Flugplatz. Der Kazike ist ein fröhlicher Mann, der nur gebrochen Portugiesisch spricht. Am liebsten über Fussball. Er ist Fan von Flamengo aus Rio de Janeiro. Seit sie hier WLAN haben, schaut er alle Spiele seines Lieblingsteams.
Das Dorf besteht aus einem grossen Platz, Hütten säumen ihn. Dicke Schweine und Hühner laufen umher, Kinder spielen, es riecht nach dampfendem Essen. Rund 140 Personen leben in der Gemeinde. Beprere wohnt in einem Holzhaus direkt am Platz, drinnen ist es dunkel.
Wie viele Kayapó hat er einen Hauspapagei. Seine Frau spricht kein Portugiesisch, sie knackt Pequi-Früchte auf, sie schmecken süsslich und leicht nussig. Im Fernseher läuft das Video einer indigenen Zeremonie. Tradition und Moderne.
Während der Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985 rückte Amazonien in den wirtschaftspolitischen Fokus des Staates. Als «Land ohne Männer für Männer ohne Land» wurde die Region damals angepriesen. Die angeblich unendlichen Weiten schienen ideale Voraussetzungen zu bieten für eine rasante wirtschaftliche Entwicklung.
Die Militärführung setzte auf gigantische Infrastrukturprojekte, baute Staudämme, Strassen, neue Städte. Bald kamen auch die ersten Goldgräber, die vom Versprechen eines besseren Lebens angelockt wurden. Die benötigte Arbeitskraft fand man im hungergeplagten Nordosten.
Das Problem: Die Region war alles andere als ein «Land ohne Männer». Hunderttausende Indigene lebten in Amazonien, Völker wie die Kayapó. Diese standen nun dem vermeintlichen «Fortschritt» im Weg. Wieder einmal.
Während des Kolonialismus waren sie erstmals mit Weissen in Kontakt gekommen. Die Folgen waren für die Indigenen verheerend: Versklavung, eingeschleppte Krankheiten, beinahe völlige Auslöschung. Ihre Resilienz und die Weite des Waldes ermöglichten ihr Überleben.
Quecksilber im Wasser
Die Kayapó gelten als besonders stolz und unabhängig. Viele ihrer kulturellen Traditionen haben sie bewahrt. Berühmt sind sie für ihren Federschmuck.
Zu ihren bekanntesten Persönlichkeiten zählt der Kazike Raoni. Mit seiner Tellerlippe und seinem Einsatz für die Rechte indigener Völker wurde er weltweit bekannt. Er bereiste zahlreiche Länder und traf dabei unter anderen zwei Päpste, den damaligen Prinzen Charles und viele weitere Prominente.
Andere Unterstützer wie der Musiker Sting oder der Schauspieler Leonardo DiCaprio machten das Anliegen der Kayapó international sichtbar. Doch trotz dieser starken Lobby bleiben die Kayapó Angriffen ausgesetzt.
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