Sie wollen darüber reden. Auch wenn es schwerfällt. Sie wollen erzählen, was sie erlebt haben, sagen Bischof Christian Kopp und Pfarrerin Julia Rittner-Kopp. Weil es nicht nur sie betrifft. Weil es um Corona geht. Und weil ihr Sohn Nicolas wohl an einer akuten, letztlich tödlichen Depression litt.
Frau Rittner-Kopp, Herr Kopp, Ihr Sohn Nicolas starb mit 26 Jahren. Was für ein Mensch war er?
Christian Kopp: Ihm ist in seinem Leben alles zugefallen, das kann man nicht anders sagen. Er hat sehr schnell gedacht, lernte leicht und hatte viele Freunde, vor allem bei den Pfadfindern, wo er sich viele Jahre total wohlgefühlt hat und in Leitungspositionen war. Wir haben viel gelacht mit ihm, er war aber auch zurückhaltend und eher still, und darin ein typischer Junge: Über seine Gefühle hat er eigentlich nie gesprochen.
Julia Rittner-Kopp: In der dritten Klasse stand auf dem Zeugnis: ‹Sein atemberaubendes Arbeitstempo beeindruckte Lehrer wie Schüler.› Er war als Kind ein ganz Zarter, hat irre viel gelesen, ist dann schlafwandlerisch durch alles durchgekommen. Hat ein tolles Abitur gemacht, war auf eigene Faust neun Monate in Neuseeland, hat Jura studiert und auch den Abschluss mit Leichtigkeit geschafft. Er hatte seit mehr als sechs Jahren eine ganz tolle Freundin, mit der er auf Weltreise gegangen ist. Dann kam Corona.
Was hat die Pandemie mit ihm gemacht?
Kopp: Sie hat die Fortsetzung der Weltreise unmöglich gemacht und damit die grosse Freiheit zerstört. Nicolas war mit seiner Freundin aufgebrochen, Sommer 2019, von Berlin nach Moskau, dann in die Transsibirische Eisenbahn, durch Asien gereist bis nach Neuseeland, immer in der Natur, ganz reduziert und einfach gelebt, als Pfadfinder konnten und wollten sie das. Dann kam der Lockdown. Eigentlich wollten sie noch nach Lateinamerika, den ganzen Kontinent hoch bis nach Kanada und über Island zurück nach Deutschland. Aber sie mussten die Reise abbrechen und kamen nach Hause, im wahrsten Sinne des Wortes: Sie zogen bei uns ein.
Rittner-Kopp: Sie hatten sich geeinigt, die Reise zu unterbrechen. Heute haben wir das Gefühl, dass Nics Seele dem nie zugestimmt hat. Sie kamen nach München und sagten sich: Okay, dann arbeiten wir jetzt erst mal und ziehen später noch mal los. Beide bewarben sich, beide bekamen Jobs. Dachten wir zumindest.
Kopp: Nic erzählte uns, er könne beim Amtsgericht München sein Referendariat machen. Wir haben uns irre für ihn gefreut. Ich konnte es kaum glauben, weil ledige Männer zum Referendariat eigentlich gerne an die tschechische Grenze geschickt werden, aber es passte alles so sehr, dass ich das nicht hinterfragte. Die beiden haben sich auf ihre erste gemeinsame Wohnung gefreut, sie fingen ihre neuen Jobs am 1. April an.
Rittner-Kopp: Alles atmete Zukunft.
«Wir sagen: Er ist an Suizid gestorben, wie andere an Krebs sterben. Es war kein ‹Freitod›, der Begriff passt nicht. Er wurde in den Tod getrieben.» Julia Rittner-Kopp
Dann kam der Tag, an dem beide zur Arbeit gingen.
Rittner-Kopp: Nics Freundin kam glücklich nach Hause, sie sprudelte und erzählte von ihren Erlebnissen. Irgendwann wurde ich unruhig, weil ich dachte: Der Nic müsste doch auch längst zurück sein, wo bleibt er denn? Ich sagte zu seiner Freundin: ‹Jetzt siehst du, wie das aussieht, wenn eine Mutter sich Sorgen macht.› Dabei kam ich mir fast albern vor. Um halb acht kam Christian nach Hause, es war Gründonnerstag, er war im Gottesdienst gewesen und sofort richtig besorgt.
Kopp: Ich habe Julia leise gefragt: Hat er sich was angetan?
Rittner-Kopp: Ich war mir sofort sicher, dass er das nicht gemacht hat. Wegen seiner Freundin würde er das nie tun, dachte ich.
Kopp: Um 20.20 Uhr klingelte es.
Rittner-Kopp: Wir hatten uns gerade einen Plan gemacht. Ich wollte die Krankenhäuser durchrufen. Christian und Nics Freundin hatten den absurden Gedanken, zum Amtsgericht zu fahren, um zu schauen, ob da noch Licht brennt. Als ich die Klingel hörte, dachte ich für einen kurzen Moment: Das ist er. Dann schaute ich das Treppenhaus runter und sah eine Polizistenschulter. Sie kamen hoch, und es war wie bei jeder Notfallbegleitung, die mein Mann und ich in den vergangenen Jahrzehnten als Pfarrer gemacht haben. «Dürfen wir reinkommen? Bitte setzen Sie sich.» Sie sagten, er habe sich das Leben genommen, es gebe keine Zweifel.
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