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Autorin: Christina Rietz
Freitag, 12. August 2022

Es wird jetzt geklagt. Es wird geweint. Während die Sologeige die ersten paar seufzenden Takte spielt, schlies­sen viele Besucher der Leipziger Thomaskirche die Augen. Sie wissen, was kommt. Das emotionale Zentrum, das schlagende Herz der Matthäuspassion. Es ist die wichtigste Bitte in einem Menschenleben: Erbarme dich um meiner Zähren willen. So heisst es bei Bach. Wir würden vielleicht sagen: Hilf mir, wenn ich weine. Wenn es nicht mehr weitergeht, wenn die Verzweiflung erdrückend ist, wenn ich mit dem Rücken zur Wand stehe, wenn ich schuldig geworden bin. Diese erlösungssehnsüchtige Lage vertont Bach in der Erbarme-dich-Arie. Der Konzertmeister des Orchesters hat sich erhoben, seine Geige muss die Zähren, die Tränen, vergiessen, von denen der Text spricht.

Die Solistin an diesem Abend ist Elvira Bill. Sie erscheint in einem schwarzen Kleid an der Brüstung der Empore, hinter sich das Orchester, den Thomanerchor und die gewaltige Sauerorgel. Sie beginnt zu singen und schaut nicht in die Noten, obwohl sie sie in der linken Hand hält. Sie fixiert mit den Augen irgendwas und gar nichts, sie wiegt sich hin und her im sanft schaukelnden Rhythmus des Stücks. Ihre rechte Hand ist leicht geöffnet, schwebt über den Noten, als wollte sie etwas oder jemanden beschwören. Bills Stimme ist dunkel, aber sehr insistierend. Es heisst ja auch nicht: «Würdest du dich bitte erbarmen?» Es heisst: «Erbarme dich!» Es ist ein Befehl.

Jedes Mal, wenn sie das Wort «Zähren» singt, öffnet der Dirigent, Thomaskantor Andreas Reize, die Arme weit, als wollte er das menschliche Drama, das in dem Begriff steckt, aufziehen, noch grösser machen. «Schaue hier, Herz und Auge / Weint vor dir bitterlich / Erbarme dich, erbarme dich.»

Und alle lächeln

Die Hirne des Publikums sind nun voll beschäftigt. Sensorische Reize rasen durch die Nerven, Hormone fluten an. Die Gefühle kommen. Neurologen könnten die Veränderungen im EEG und im MRT zeigen. Hat sie einen Zweck in der Geschichte der Menschheit? Die Musik?

So ist Bach. Er knallt einem den existenziellsten Schmerz hin, und danach geht es einem sogar besser.

Acht Halbtöne sind es zwischen er- und -barme, ein schmerzhafter Sprung, andauernd wiederholt von Geige oder Stimme. Beide umarmen einander mit fast identischen Melo­dien. Dann kommt das «bitterlich», ein Dis darin, das auch noch, ein ­spitzer Schrei. Die Klage baut sich auf, bricht zusammen, baut sich auf – und verklingt in den erhobenen Armen des Thomaskantors.

Durchatmen. Husten. Räuspern. Schaut man in die Gesichter der Hörer, die unten im Kirchenschiff sitzen, so sieht man: Sie lächeln alle. Und der Sinn dieser Musik, er ist ganz leicht zu erkennen: Sie tröstet uns. So ist Bach. Er knallt einem den existenziellsten Schmerz hin, und danach geht es einem sogar besser. Niemand kann trösten wie er.

Um diesen existenziellen Zuspruch durch Musik zu spüren, sind im Sommer, zum Bachfest, Menschen aus über 50 Nationen nach Leipzig gekommen. Das entspricht rund einem Viertel aller Staaten, die die Vereinten Nationen zählen. Die Besucher kamen auch aus Indien, Island oder Saudiarabien, aus Regionen also, die man eher nicht mit dem sächsischen Luthertum assoziiert, doch Bach wird überall geschätzt. Sie kamen in eine Stadt, in der die grosse Frage nach dem Sinn von Musik nicht nur in Konzerten erforscht wird.

Ein unübertrefflicher Hirnchemiker

Wenn unser Gehirn getröstet wird, schüttet es eine Menge Zeug aus. Oxytocin vor allem, ein Hormon, das den Blutdruck senkt, das leicht sedierend wirkt und mit Liebe und Vertrauen zu anderen Menschen in Verbindung gebracht wird. «Wenn wir eine tröstende Arie von Bach hören, ist das für unser Gehirn teilweise so, als würde uns jemand liebevoll umarmen», sagt Tom Fritz. Er ist Kognitionswissenschaftler, Professor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und leitet dort die Forschungsgruppe «musikevozierte Hirnplastizität»

An einem lähmend heissen Freitagnachmittag im Frühsommer sitzt er auf einer Couch, die ihn fast verschluckt. Sie steht im Schatten, auf der Terrasse seines Instituts. Tom Fritz schlürft geeisten Kaffee durch einen Strohhalm, spricht zart und wirkt tiefenentspannt. Er möchte wissen, was die Musik mit dem Gehirn macht. Zu diesem Interesse brachte ihn der Techno.

bref+

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