Wir sind die Unsichtbaren. Die Frauen in den beigen Anoraks», sagt die Frau mir gegenüber. An ihr ist nichts unsichtbar. Funkelnde Augen, scharf geschliffene Sätze. Um uns eine Menschenansammlung, wie es nach kirchlichen Veranstaltungen üblich ist. Unter dem Titel dieses Treffens stand «ökumenisch». Eine Selbstverständlichkeit. Die Frau, die mich ganz und gar unfein erst am Ärmel und dann ins Gespräch zieht, kommt gleich zur Sache. «Was wissen Sie von Maria 2.0? Ich kenne Sie nämlich als Kirchenpublizistin.» Puh, das ist ziemlich direkt.
Mein Kopf klaubt Material zusammen. Maria 2.0, die Bewegung von Frauen in der katholischen Kirche, die sich nicht länger zufriedengeben wollen mit der Rolle, die das kirchliche Lehramt, die Priester, Bischöfe und Kirchenrechtler für sie vorgesehen haben. Einem Platz jenseits der klerikalen Einflusszone.

Da mag man noch so viel Frauen in Führungspositionen vorzeigen, in der Vatikanbank oder in der Diözese. Keine Weihe, kein Diakonat. So steht es in Stein gemeisselt. Deshalb streiken sie. Legen ihre Ämter nieder, die Lektorinneneinsätze im Gottesdienst und das Kuchenbacken, lassen die Besuchskreise ausfallen und den öffentlichen Kirchentalk, die Putzaktion im Gemeindehaus und den Kinderchor. Ihren Anfang nahm die Bewegung in einem Lesekreis in Münster, dem katholischen Hotspot meiner Kindheit und Jugend. Mittlerweile hat der Protest ganz Deutschland erfasst.
Ich antworte wie ein Schulkind, das merkt, dass es sich Mühe geben muss. Was weiss ich schon? Das, was ich irgendwo aufgeschnappt habe, in den Social Media, in Beiträgen im Radio, im Gespräch mit katholischen Freundinnen. Mein Gegenüber wird unwirsch. «Wo bleibt die Solidarität der Evangelischen? Ich höre nichts, ich lese nichts. Sind wir euch egal?» Zorn bebt in der Stimme. «Wir sind die Karyatiden der Kirche. Das ist bei euch doch auch so.» Karyatiden? Ich krame in meinem Kirchengeschichtswissen. «Das sind Frauengestalten, die als Säulen Prunkfassaden tragen. Man sieht nur die Säulen, nicht die Frauen.»

Kurz blitzt die ehemalige Studienrätin in dem Gesicht auf. Eine zornige Lehrerin. «Wir sind so viele, aber wir schaffen es nicht mal, als Gruppe wahrgenommen zu werden. Die einzige Gruppe, die keine sein darf. Weisse alte Männer haben das längst erreicht. Die sind wenigstens ein Feindbild. Wir sind nur eine Ansammlung von traurigen oder fehlgeleiteten Frauen mittleren Alters. Da ist es ganz egal, dass viele 20jährige uns unterstützen und inspirieren.»
Es wird der Abend sein, an dem ich begreife, dass ich keine Ahnung hatte. Nicht von der Wut und der Trauer, nicht von der Fähigkeit weniger Frauen, innerhalb kürzester Zeit sehr viele zu sein, die einander in der Kirche halten, einer Kirche, die sie lieben und in der sie doch keinen Ort mehr finden mit ihrer Sehnsucht nach Gleichheit. In meiner evangelischen Welt sind diese Frauen weit weg, die Schwestern im Glauben kämpfen und weinen im toten Winkel.
Manchmal kommen sie kurz vor. In einem Gespräch, in einer Predigt über Maria Magdalena, für eine Pointe reicht es. Dann und wann blitzt unter dem Blazer einer Kollegin ein Motto-T-Shirt auf. Eine blaue Marienstatue. «Die Zukunft ist weiblich.» Neulich trug es sogar ein junger Kollege. Der hat offensichtlich verstanden, dass die Rolle von Frauen immer auch Männersache ist. Doch insgesamt ist das reichlich wenig. Kann sein, dass es an anderen Orten engere Bündnisse gibt, dass sich die katholischen Schwestern weniger allein gelassen fühlen als meine Gesprächspartnerin. Warum ist diese Solidarität so schwer?
«Werde doch evangelisch»
Vielleicht, weil der Ton so leicht zu verfehlen ist. Überheblichkeit nach dem Motto: «Tja, wir haben die Ordination von Frauen, ihr nicht» wäre fehl am Platz. Denn das hiesse, die schwierige Geschichte der Durchsetzung der Frauenordination zu verschweigen, die vor gerade einmal 50 Jahren erkämpft wurde. Die hochbetagten Vorkämpferinnen können noch erzählen, mit welchen Argumenten ihnen die Ordination vorenthalten wurde, gut ausgebildeten Theologinnen mit Doktortitel und viel praktischer Erfahrung.
Frauen, die die Talare ihrer Männer anzogen, um die Lücken zu füllen, die der Krieg gerissen hatte, mussten das Notamt in den fünfziger Jahren wieder an den Nagel hängen. «Jesus hat nun mal nur Männer berufen.» «Gott liebt Frauen und Männer. Doch Frauen sollen anders dienen.» Das sind Argumente, die die katholischen Frauen immer noch hören.
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