Der ehrliche Klappentext

«Mein Haus soll deine Heimat sein» von Peter Sutter

Was ist Heimat, und wie heissen wir Fremde willkommen? Peter Sutter befasst sich mit diesen Fragen, als er Zuhause eine afghanische Flüchtlingsfamilie aufnimmt. Sein Buch berührt.
Die Seite wurde Ihrer Lesezeichenseite hinzugefügt. Klicken Sie auf das Menüsymbol, um alle Ihre Lesezeichen anzuzeigen. Die Seite wurde von Ihrer Lesezeichenseite entfernt.
Donnerstag, 03. September 2026

Der Mittwoch, 13. März 2024, verändert das Leben von Peter Sutter. Sutter, ehemaliger Oberstufenlehrer in der Ostschweiz, unterrichtet Asylsuchende in Deutsch. An besagtem Tag lernt er Abbas kennen, einen damals 27-jährigen Afghanen. Zwischen den beiden Männern entsteht eine Freundschaft, und weil Sutters Haus seit dem Tod seiner Frau für ihn allein zu gross ist, ziehen im Sommer Abbas, seine Frau Ela und ihre beiden Söhne Rezwan und Yasin in die Einliegerwohnung.

Die Küche, das Wohnzimmer und der Garten werden zu einer afghanisch-schweizerischen Wohngemeinschaft. Über diese Anfangszeiten schreibt Sutter, er erzählt die Geschichte ungefiltert im Tagebuchstil. «Erst wenige Tage leben Abbas, Ela und die Kinder bei mir, und doch hat sich mein Leben bereits komplett verändert …», notiert er am 10. Juni.

Sutter hält in den beinahe hundert kurzen Einträgen Alltägliches fest. Seine Beobachtung, wie die Kinder mit Lego einen Turm bauen, erinnert ihn an die Zeit, als seine eigenen Kinder klein waren. Er schreibt, was ihm seine Mitbewohner berichten.

«Abbas erzählt: Etwas vom Schlimmsten war, dass man niemandem trauen konnte. Alle hatten Angst vor allen, Tag und Nacht, wie in einem permanenten Schockzustand. Kam einem auf der Strasse jemand entgegen, fürchtete man, dass er im nächsten Augenblick eine Waffe zückt.»

In die Tagebucheinträge verwoben sind Fakten aus der medialen Berichterstattung. Demnach leben 97 Prozent der Afghaninnen und Afghanen in Armut, 17 Millionen Menschen leiden Hunger. Das Land bräuchte drei Milliarden Franken, um die schlimmste Not zu lindern, aber nur 20 Prozent dieser Gelder sind gesichert.

Die Fakten bereichern das Buch, weil sie Abwechslung in die subjektiven Alltagserzählungen bringen. Sie ordnen ein und verändern die Tonalität hin zu mehr Sachlichkeit. Stellenweise sind die Einträge stark subjektiv geprägt, politisch und teilweise aktivistisch.

Das zeigt sich, als mit Nazanin eine weitere junge Afghanin in Sutters Leben tritt. Sie ist Elas jüngere Schwester und kommt über Griechenland und Schweden in die Schweiz. Auch sie würde gern bleiben, doch so einfach ist das nicht. «Dublin-Abkommen, zischt es mir wie ein erbarmungsloser, greller, tödlicher Blitz durch den Kopf.»

Die Begegnung verändert das Buch, es wird überladen mit Adjektiven und Emotionen. Sutter schreibt: «Letzte Nacht fand ich höchstens eine Stunde Schlaf. Unentwegt sah ich Nazanin vor mir, wie sie in Athen ankommt, ohne Geld, ohne einen einzigen Menschen, der ihr hilft. Ich sah sie in einer dunklen Strassenecke liegen, todmüde, hungrig, frierend. Ich sah einen bulligen Mann auf sie zukommen, der sie packt, in sein Auto zerrt, diese wunderschöne junge Frau, diese Blume zerreissen, und in kurzer Zeit zu einem Wrack machen. Mich überfiel der Gedanke, lieber zu sterben, als dieses Bild ertragen zu müssen.»

Das ist zu viel. Besser wäre gewesen, zum Beispiel Expertinnenstimmen einzuholen, auch um Distanz zu schaffen.

Dennoch ist das Buch sehr empfehlenswert. Es regt dazu an, über unbequeme Fragen nachzudenken. «Ich frage mich, ob das ständige Herbeireden kultureller Unterschiede nicht eine Erfindung jener ist, die Interesse haben, ihre Macht zu erhalten und Menschen gegeneinander auszuspielen – statt sie erleben zu lassen, dass sie viel mehr verbindet als trennt.»

Sutters Buch gewährt anschauliche Einblicke in das Schweizer Asylsystem, das er hart kritisiert. «Nicht einmal mit Haustieren geht man so um. Die werden, wenn man in die Ferien verreist, dem lieben Nachbarn übergeben und verhätschelt, damit sie sich auch nicht eine Sekunde lang einsam fühlen müssen.»

Das Buch hat kein Happy End, es ist kein geschönter Hollywood-Streifen, sondern die Realität. Sutter schreibt, ohne die Begegnung mit der afghanischen Familie hätte er keinen neuen Grossvater-Namen bekommen («Abuda») und er hätte nicht gelernt, dass die persische Sprache aus einem Grundwortschatz von 40 000 Wörtern besteht.

Das Kompliment, ein «Engel» zu sein, weist er zurück. Was er getan habe, sei selbstverständlich. «Ich habe E-Mails geschrieben, Winterkleider organisiert, einen Fussballverein vermittelt. Es wäre so einfach. Man muss kein Engel sein. Es genügt, ein Mensch zu sein.»

Das Buch appelliert an unser aller Gewissen: «Wir auf der Sonnenseite des Lebens haben es in der Hand, die Welt jeden Tag ein klein wenig entweder zu einem schlechteren oder zu einem besseren Ort zu machen», schreibt Sutter.

Peter Sutter: «Mein Haus soll deine Heimat sein». Elfundzehn, Zürich 2026; 200 Seiten; 32.90 Franken.

  • bref Magazin - Nach dem Bergsturz

    N° 8/2026

    CHF14.00 inkl. 2.6% MwSt.
    In den Warenkorb