Leichte Sprache*

«Der grässliche Riese torkelte und stürzte besoffen zu Boden»

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Donnerstag, 03. September 2026

Sprache kann mit Floskeln und Phrasen verschleiern, was tatsächlich gemeint ist. Die Leichte Sprache holt die Botschaft hervor — und auch das, was manchmal zwischen den Zeilen steht.

Diesmal: Übersetzung von Auszügen aus dem neunten Gesang der «Odyssee», in dem Homer schildert, wie Odysseus und seine Gefährten dem Kyklopen Polyphem begegnen.*

Und am Abende kam er mit seiner gemästeten Herde

Und trieb schnell in die weite Kluft die Ziegen und Schafe,

Mütter und Böcke zugleich, und liess nichts draussen im Vorhof,

Weil er etwas besorgt’ oder Gott es also geordnet.

Hochauf schwenkt’ er und setzte das grosse Spund vor den Eingang.

Und nun sass er und melkte die Schaf’ und meckernden Ziegen

Nach der Ordnung und legte den Müttern die Säugling’ ans Euter.

Abends kam Polyphem zurück.

Er führte die fette Herde heim.

Er trieb die Ziegen und Schafe rasch in die Höhle.

Auch die männlichen Tiere liess er diesmal hinein.

Vielleicht war er misstrauisch geworden.

Oder die Götter wollten es so.

Dann schob er einen riesigen Stein vor die Höhle.

Drinnen molk er die Ziegen und Schafe.

So wie er es immer tat.

Die jungen Tiere liess er bei ihren Müttern trinken.

Und nachdem er seine Geschäft’ in Eile verrichtet,

Packt’ er abermal zween und tischte die Stücke zum Schmaus auf.

Jetzo trat ich näher und sagte zu dem Kyklopen,

Einen hölzernen Becher voll schwarzen Weines in Händen:

Nimm, Kyklop, und trink eins, auf Menschenfleisch ist der Wein gut!

Dass du doch lernst, welch ein Trunk in unserem Schiffe ruhte!

Diesen rettet’ ich dir zum Opfer, damit du erbarmend

Heim mich sendetest. Aber du wütest ja ganz unerträglich!

Böser Mann, wer wird dich hinfort von den Erdebewohnern

Wieder besuchen wollen? Du hast nicht billig gehandelt!

Polyphem war schnell fertig damit.

Dann packte er zwei von meinen Männern.

Wie schon einmal.

Und Polyphem frass beide auf.

Nun nahm ich meinen ganzen Mut zusammen.

Ich trat auf Polyphem zu.

Ich hatte einen Becher Rotwein in der Hand.

Ich sagte zu dem Riesen:

«Trink davon. Der Wein passt gut zum Menschenfleisch.

Ich habe den Wein extra für dich aufgehoben.

Damit du Mitleid mit mir hast.

Und mich nach Hause lässt.

Aber du rastest völlig aus.

Und frisst meine Männer.

Das ist nicht recht von dir.

So bekommst du nie mehr Besuch von Menschen.»

Also sprach ich. Er nahm und trank und schmeckte gewaltig

Nach dem süssen Getränk und bat, noch einmal zu füllen:

Lieber, schenk mir noch eins, und sage mir gleich, wie du heissest,

Dass ich dich wieder bewirt’ und deine Seele sich labe!

Wiss’, auch uns Kyklopen gebiert die fruchtbare Erde

Wein in geschwollenen Trauben, und Gottes Regen ernährt ihn,

Aber der ist ein Saft von Ambrosia oder von Nektar!

Das sagte ich zu ihm.

Polyphem nahm den Becher.

Und trank den süssen Wein.

Der Wein schmeckte ihm sehr.

Er wollte mehr davon.

Polyphem sagte:

«Gib mir mehr von dem Wein.

Und sag mir deinen Namen.

Dann gebe ich dir zu essen und zu trinken.

Es soll dir gut gehen.

Auch wir Kyklopen haben Wein.

Aber dein Wein ist einfach köstlich.

Also sprach er; ich bracht’ ihm von neuem des funkelnden Weines.

Dreimal schenkt’ ich ihm voll’ und dreimal leerte der Dumme.

Aber da jetzo der geistige Trank in das Hirn des Kyklopen

Stieg, da schmeichelt’ ich ihm mit glatten Worten und sagte:

Meinen berühmten Namen, Kyklop? Du sollst ihn erfahren.

Aber vergiss mir auch nicht die Bewirtung, die du verhiessest!

Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle,

Meine Mutter, mein Vater und alle meine Gesellen.

Das sagte Polyphem.

Ich schenkte dreimal vom Wein nach.

Drei Becher trank Polyphem.

Er merkte nicht, was ich vorhatte.

Der Wein machte ihn betrunken.

Da sprach ich freundlich zu ihm:

«Ich bin ein berühmter Mann.

Ich sage dir meinen Namen.

Aber du musst dein Versprechen halten.

Und mir zu essen und zu trinken geben.

Ich heisse Niemand.

Alle nennen mich so: Meine Mutter, mein Vater, meine Männer.»

Also sprach ich; und drauf versetzte der grausame Wütrich:

Niemand will ich zuletzt nach seinen Gesellen verzehren;

Alle die andern zuvor! Dies sei die verheissne Bewirtung!

Sprach’s und streckte sich hin, fiel rücklings und lag mit gesenktem,

Feistem Nacken im Staub; und der allgewaltige Schlummer

Überwältiget’ ihn; dem Rachen entstürzten mit Weine

Stücke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold ausbrach.

So redete ich.

Und der grässliche Riese sagte:

«Niemand, dich fresse ich zuletzt.

Zuerst fresse ich deine Männer.

Das ist mein Geschenk für dich.»

Dann torkelte er.

Und stürzte besoffen zu Boden.

Sogleich schlief er ein.

Im Schlaf schnarchte er laut.

Und erbrach Wein und Stücke von Menschenfleisch.

* In der Szene sind Odysseus und seine Gefährten in der Höhle des Kyklopen gefangen und warten auf seine Rückkehr. Polyphem hat zuvor bereits vier der Gefährten verspeist und die Höhle mit einem Stein versperrt. Doch Odysseus hat einen Plan, um den Riesen zu überlisten: Er nennt sich gegenüber Polyphem «Niemand». Das ist eine List: Als Polyphem nach seiner Blendung die anderen Kyklopen um Hilfe bittet und sagt, «Niemand» greife ihn an, verstehen sie seine Worte wörtlich. Sie glauben, dass niemand ihn angreift, und helfen ihm nicht.

Als Grundlage wurde die Übersetzung von Johann Heinrich Voss genommen.

  • bref Magazin - Nach dem Bergsturz

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