Kuratiert von Jürg Goll

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Text: Jürg Goll
Donnerstag, 03. September 2026

Schlichte Handarbeit: Auf jedes Loch, das in ihrer Schürze über die Jahre entstand, nähte Sr. Albertina einen Flicken. (Bild: Rätisches Museum in Chur)

Ich habe noch ihren Südtiroler Dialekt im Ohr, als ich Schwester Albertina im Kloster St. Johann in Müstair beim Gemüserüsten sagen hörte: «Kemmen Sie, Schwester, bete mer no e Gsatzle.»

Und ich sehe sie noch heute vor mir, wie sie zwischen den Gemüsebeeten auf den Knien die Raupen von den Kohlköpfen klaubte. Als wie jeden Freitag um 15 Uhr die Kirchenglocken zur Todesstunde Christi schlugen, richtete sie sich mühsam auf zum Gebet und sagte zu mir: «Der Herr ischt schon ein harter Bräutigam.»

Bei dieser Begegnung fiel mir erneut die aussergewöhnliche Schürze ins Auge, welche die kleine, gebückte Nonne umgebunden hatte: ein Patchwork, erschaffen aus Sparsamkeit, getragen in Demut und gepflegt mit Respekt vor Verschwendung. Sr. Albertina trug ihre Schürze zur Arbeit mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie den schwarzen Habit zum Stundengebet.

Die Schürze wollte weder gefallen noch Aufmerksamkeit erheischen. Sie ist schlichte Handarbeit – und zeugt von nützlicher Resteverwertung. Auf jedes Loch, das im Lauf der Jahre im Tuch entstand, nähte Sr. Albertina einen Flicken.

So wurde die Schürze in ausdrucksstarke Textilkunst verwandelt, weil sie gezeichnet ist von der Härte des Lebens, die noch Not kannte und der Sr. Albertina mit Pragmatismus und Kreativität begegnete.

Jeder Flick bringt zum Ausdruck, wie sie Prüfungen angenommen und mit lebensbejahenden Stichen in ihr Lebens- und Gottesbild integriert hatte. Die urchige Frömmigkeit und Lebensweisheit bilden die Essenz, welche die ärmliche Schutzkleidung weit über das funktionale Patchwork hinaushebt.

Schwester Albertina. (Bild: Klosterarchiv Müstair)

Die kunstsinnige Priorin Pia Willi erfasste sofort mein Ansinnen, als ich sie darum bat, die Schürze von Sr. Albertina dereinst erben zu dürfen.

Eines Tages brachte sie mir, als Sr. Albertina, vom Alter gekrümmt und geschwächt, nicht mehr arbeiten konnte, die Schürze in unser Forschungsbüro, wo sie als Kunstwerk noch lange das Arvenholztäfer aus dem 17. Jahrhundert zierte. Sie zog jede Besucherin und jeden Besucher in ihren Bann und erzählte vom Leben einer kleinen, bescheidenen und liebenswürdigen Frau.

Mich mahnte sie an die gewohnt fröhliche Antwort von Sr. Albertina, wenn ich sie nach ihrem Befinden fragte: «Man muss zufrieden sein. Der Herrgott hat mir alleweil ein gutes Leben gschenkt.»

Schwester Albertina (1914–2003) ist in Laatsch, unweit des Klosters Müstair, in grosser Armut aufgewachsen und hat nach Arbeitsjahren in verschiedenen Haushalten den Weg ins Kloster gefunden.

Die Schürze wird heute als Kulturgut im Rätischen Museum in Chur aufbewahrt, zusammen mit einer aus Stoffresten zusammengenähten und mit Harzen verstärkten Fliegenklatsche.

  • bref Magazin - Nach dem Bergsturz

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